"Nicht Mission, sondern Begegnung " - im Gespräch mit Erzbischof Longin von Klin

OA: Ew. Eminenz, Sie feierten im Oktober das 20jährige Jubiläum ihres bischöflichen Dienstes, den Sie zur Gänze in Deutschland verbracht haben, etwa zur Hälfte als Erzbischof von Düsseldorf und in den letzten 10 Jahren als ständiger Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland. Welche Veränderungen haben sich für die Orthodoxie in diesen 20 Jahren in diesem Lande ergeben?

EL: Ich bin seit 1979 in Deutschland. Ich kam in einer Zeit, als die Zahl der Orthodoxen nicht so groß war; die meisten Orthodoxen waren Griechen und Serben. In diesen zwanzig Jahren, besonders nach dem Fall der Berliner Mauer und der Zerstörung des ganzen Ostblocks, ist die Zahl der orthodoxen Christen auch anderer Jurisdiktionen gewachsen. So ist die Zahl der rumänischen orthodoxen Christen sehr groß geworden, auch die Zahl der russischen orthodoxen Christen sowie der bulgarischen; wir dürfen auch die Gruppe der arabischen orthodoxen Christen nicht vergessen. Alle Orthodoxen haben sich vor nunmehr schon fast acht Jahren zusammengeschlossen in einer Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland, wo alle kanonischen orthodoxen Kirchen vertreten sind, und sie bilden diese Kommission, damit die Orthodoxie gemeinsam vor dem Staat stehen kann und gemeinsam über die Nöte, Änderungen und Anliegen, die die Orthodoxen betreffen, mit einer Stimme sprechen.

Wenn ich im Besonderen über die Russische Orthodoxe Kirche sprechen darf, so war die Zahl der Christen in der Düsseldorfer Diözese sehr klein wie auch die der anderen russischen orthodoxen Christen in der Bundesrepublik. Heutzutage können wir mit einer Zahl von wenigstens 150.000 rechnen, wenn nicht mehr. Wir haben in Deutschland fast 50 Gemeinden und brauchen eigentlich wenigstens 20-30 Gemeinden zusätzlich. 

OA: Sie sprechen die Lage der Russischen Orthodoxen Kirche an. Nun ist in Deutschland ja - vielleicht mehr als in anderen Ländern des Westens - die Russische Orthodoxe Kirche gespalten in die Kirche des Moskauer Patriarchats und die sogenannte Auslandskirche. Wir haben gehört, dass es in letzter Zeit neue Initiativen zu einer Annäherung gegeben hat. Wie beurteilen Sie die Chancen einer baldigen Aussöhnung?

EL: Immer hat die Mutterkirche ihre verlorenen Söhne und Töchter gerufen, zur Einheit zurückzukehren; wir haben auch mehrere Male im Laufe der Geschichte über eine mögliche Vereinigung gesprochen. Es geht nicht, dass eine kleine Gruppierung, die außerhalb Russlands lebt, sich als die Russische Orthodoxe Kirche darstellt und Bedingungen für eine Wiedervereinigung diktiert. Wir könne sagen, dass es in der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland eine große Menge Gläubige gibt, die sehr schnell eine Wiedervereinigung mit der Mutterkirche haben wollen, und dorthin kommen sehr viele Christen, nicht weil sie lieber in der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland sein wollen, sondern weil die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland in vielen Orten Europas die alten Kirchengebäude benutzt, die die Russische Orthodoxe Kirche und die Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche in den vergangenen Jahrhunderten gebaut haben. Wir begrüßen die Initiative des Patriarchen Aleksij und beten, dass diese Spaltung, welche zwischen unseren Kirchen existiert, geheilt wird, aber wir sind sicher, dass wir Zeit brauchen, bevor diese Wunden, die von beiden Seiten einander zugefügt wurden, geheilt werden können. Es gibt eine Menge Gläubige, die sich an die Äußerungen erinnern, die die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland und deren Gläubige und Geistliche in Richtung Moskauer Patriarchat gemacht haben, wie es auch umgekehrt eine Menge Gläubige und Geistliche auf Seiten des Moskauer Patriarchats gibt, die auch nicht immer objektiv und positiv geurteilt haben.

OA: Sie sind seit einigen Jahren auch Leiter der Ständigen Delegation der Russischen Orthodoxen Kirche bei der Europäischen Union, also auch in Brüssel tätig. Wie beurteilen Sie die Zukunft der Orthodoxen Kirchen in einem immer mehr zusammenwachsenden Europa? Welche Rolle sehen Sie in einem solchen überwiegend von nichtorthodoxen Christen dominierten Europa für die Orthodoxie?

EL: Die Rolle der Orthodoxie in Europa ist sehr schwer. Zum Ersten, weil wir Orthodoxen verschiedenen orthodoxen Lokalkirchen angehören, die auch teilweise verschiedene Interessen haben. Von allen orthodoxen Kirche ist nur ein orthodoxes Land, eine orthodoxe Kirche wirklich Mitglied der Europäischen Union, und das ist die Kirche von Hellas. Griechenland ist Mitglied der Europäischen Union, und darum ist deren Kirche voller Vertreter der griechischen Orthodoxie bei der Europäischen Union, und mit dieser Kirche müssen wir in Fragen, die die Orthodoxie in Europa betreffen, eng zusammenarbeiten. Wir sollten aber auch bedenken, dass es derzeit eine Reihe von Ländern gibt, die Mitglieder in der Europäischen Union werden wollen, z.B. Rumänien, die Türkei, Zypern, Bulgarien, Estland und auch andere Länder, in denen überwiegend oder doch in erheblicher Zahl Orthodoxe leben. Darum wäre es wichtig, dass wir gemeinsam einen Plan machen, wie wir Orthodoxen für die Orthodoxie in Europa etwas Gutes in der Europäischen Union wirken können. Wir schätzen die Gedanken sehr, welche der Vertreter der Kirche Griechenlands bei der Europäischen Union, Bischof Athanasios, geäußert hat und äußert, und wir unterstützen seine Tätigkeit dort voll. Wir können sagen, dass auch das Patriarchat von Konstantinopel in Brüssel vertreten ist, und dessen Vertreter, Bischof Emmanuel, versucht vieles für die Orthodoxie zu machen, aber wir wollen betonen, dass die Kirche von Griechenland die einzige orthodoxe Lokalkirche ist, die in einem Land wirkt, das Mitglied der Europäischen Union ist.

OA: Sie haben die Notwendigkeit der Zusammenarbeit aller Orthodoxen angesprochen. Nun hat es in den letzten Jahren, das ist kein Geheimnis, auch zwischen orthodoxen autokephalen Kirchen gelegentlich Spannungen gegeben, nennen wir nur die Stichworte Estland und Ukraine. Wie beurteilen Sie dies und wirkt sich dies auf die Arbeit in Deutschland aus?

EL: Wir bedauern sehr, dass die Situation in Estland so geworden ist wie sie sich heute darstellt. Wir können nicht verstehen, wie eine Kirche, die in eucharistischer Gemeinschaft mit anderen orthodoxen Schwesterkirchen steht, einfach nicht die Tatsache akzeptieren kann, dass die Estnische Orthodoxe Kirche zuerst die Autonomie von Patriarchen Tichon seligen Angedenkens bekommen hat; darüber wird nirgendwo gesprochen, diese Tatsache soll vertuscht werden. Man versucht auch die Tatsache zu vertuschen, dass die Orthodoxen in Estland Jahrhunderte lange unter dem Omophorion eines russischen orthodoxen Bischofs gestanden haben. Dies war eine Tatsache, und diese Tatsache bleibt, und mit dieser muss man leben. Natürlich kann es in jedem souveränen Staat eine Tendenz zur Selbstständigkeit geben, und so war es vor dem Krieg, dass die Estnische Orthodoxe Kirche unter dem Patriarchat von Konstantinopel autonom wurde, aber wir müssen bedenken, was die Gründe dafür waren. Die Gründe waren die Gleichen wie sie es in Finnland waren: Es konnten keine Kontakte mit Moskau mehr aufrecht erhalten werden, weil Patriarch Tichon im Gefängnis saß, und es gab keine Postverbindung, es gab überhaupt keine Verbindung. Jede kleine Kirche will aber auch eine Unterstützung und Schutz von einer größeren Kirche, darum hat man sich damals an das Patriarchat von Konstantinopel gewandt.

Die andere Sache ist: Wir müssen bedenken, dass es kanonisch verurteilte Geistliche waren, die sich Anfang der 90er Jahre an Konstantinopel wandten mit der Bitte, sie unter das Omophorion des Patriarchats von Konstantinopel zu nehmen; und das Patriarchat von Konstantinopel hat dies gemacht, leider ohne auf die Tatsache zu achten, dass über diese Leute ein kirchliches Urteil ausgesprochen war und sie unter Zelebrationsverbot standen. Wir können nicht verstehen, wie eine orthodoxe Kirche solche Verstöße gegen die Kanones und die Beschlüsse der anderen machen kann. Wir können auch nicht verstehen, wieso das Patriarchat von Konstantinopel versucht, Kontakte mit Schismatikern in der Ukraine, dem laisierten ehemaligen Bischof der Russischen Orthodoxen Kirche Metropolit Filaret von Kiev, aufzunehmen.  Nach dem Beschluss des Bischofskonzils ist er laisiert worden, und das bedeutet, dass er ein Laie und kein Geistlicher ist. Und wenn eine Kirche, die sagt, dass sie an allen Kanones, der Tradition der Alten Kirche hängt und sie hält, dann solche Kontakte aufnimmt, dann fragen wir uns, was denkt sich die Leitung dieser Kirche - und wo ist da Gerechtigkeit.

OA: Oft ist in der letzten Zeit zu hören, dass, während andere autokephale orthodoxe Kirchen als ökumenisch gelten, das Moskauer Patriarchat als antiökumenisch, unökumenisch oder zumindest hier sehr zurückhaltend gilt. Wie ist die Stellung der Russischen Orthodoxen Kirche zur derzeitigen ökumenischen Entwicklung, besonders auch im Hinblick auf die von Rom immer wieder propagierte Reise des Papstes nach Moskau?

EL: Was die Ökumene betrifft: Die Ökumene hatte ihre Blütezeit während des Kalten Krieges. Da war wichtig und nötig, dass ökumenische Kontakte mit der Russischen Orthodoxen  Kirche und anderen Kirchen in Osteuropa existierten wie auch umgekehrt diese Kirchen durch die Kirchen im Westen die Möglichkeit hatten, ihre Stimmen im Westen zu Gehör zu bringen. Nach dem Zerfall des Ostblocks ist dies nicht mehr nötig, denn die Menschen können frei reisen und selbst sprechen. Aber was Orthodoxe - nicht nur in Russland, sondern auch in anderen Ländern! - gestört hat und stört, ist, dass jetzt nach dem Fall des Kommunismus verschiedene westliche Sekten als Missionare nach Osteuropa fahren und beginnen, dort zu missionieren, als wäre Osteuropa ein freies Feld, wo man solche missionarische Arbeit tun kann. Wir müssen bedenken, dass viele Einwohner dieser Staaten im Geheimen Christen waren und Sympathie zum Christentum, zur Orthodoxie, zum Protestantismus, zum Katholizismus hatten und dass der Samen des Glaubens schon gelegt war. Und da kommen diese Leute dorthin und beginnen zu missionieren; wir finden, das ist nicht richtig.

Was den Papstbesuch in Russland betrifft: Einerseits können wir seinen großen Wunsch, Russland zu besuchen, gut verstehen, andererseits müssen wir klipp und klar sagen, dass, solange nicht die Probleme mit den Unierten in der Westukraine geregelt werden, wir nicht über einen Besuch des Papstes in Russland sprechen können. Wir müssen auch darauf aufmerksam machen, dass die katholische Kirche versucht, in Russland in sehr vielen Orten katholische Gottesdienste in russischer Sprache zu halten, ohne dass dort irgendwelche Katholiken in größerer Zahl wären. Ich kann nur sagen, wenn ich hier begonnen hätte, orthodoxe Gottesdienste in verschiedenen Orten Deutschlands in deutscher Sprache zu halten, dann hätte ich das erlebt, was Kardinal Höffner ewigen Gedenkens mir gesagt hat: "Wenn wir sehen, dass Sie hier versuchen Proselytismus zu machen, werden wir alles unternehmen, dass sie Deutschland verlassen". Dieses hat mir Kardinal Höffner beim Amtsantrittsbesuch 1981 gesagt. Es muss Glaubensfreiheit geben, jeder muss selbst wählen, aber man darf nicht versuchen zu missionieren. Trotz dieser kritischen Bemerkungen in Bezug auf die Tätigkeit der Katholischen Kirche in Russland will ich ein aufrichtiges Dankeschön an das katholische Erzbistum Köln sagen für seine große Unterstützung, welche es uns im Laufe von drei Jahrzehnten gegeben hat, dass wir hier in Düsseldorf das ehemalige katholische Nonnenkloster Marienstift benutzen können und dass man uns angeboten hat, eine neue Kirche in Düsseldorf zu bekommen. Die St. Vinzent-Kirche wäre von der Größe für uns passend gewesen und insofern hätten wir auch das Angebot, sie zu nutzen, dankbar entgegengenommen. Leider nur gibt es zu wenig Nebenräume, welche wir für unsere Tätigkeit hier aber dringend brauchen. Darum mussten wir uns anders entscheiden und konnten dieses freundliche Angebot der Römisch-Katholischen Kirche letztlich doch nicht annehmen.

OA: Damit kommen wir wieder zurück zum Anfang unseres Gesprächs: Ihre Tätigkeit in Düsseldorf und Ihre diesbezüglichen Vorhaben in der nächsten Zeit. Hier haben Sie etwas Großes vor.

EL: Wir planen in der Tat ein solches Zentrum, bei dem wir an bedeutende internationale Vorbilder wie etwa die berühmte Orthodoxe Akademie von Kreta denken. Aber es geht nicht darum, unbedingt etwas "Großes" zu machen, sondern wir haben dringenden Bedarf nach neuen Räumlichkeiten: In Düsseldorf selbst leben nach inoffiziellen Angaben der Stadt ungefähr 15.000 Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion, unter denen rund 3.500 orthodoxe Russen sein dürften. Zudem lebt in den umliegenden Städten eine große Anzahl von orthodoxen Übersiedlern aus der früheren UdSSR. Natürlich ist die Mehrzahl von ihnen Deutsche aus Russland, d.h. Protestanten oder Katholiken, aber rund 10 % sind Orthodoxe. In dem jetzigen Zentrum, in welchem sich in der zweiten Etage auch unsere Kirche befindet, kann man ohne Gefahr maximal 50 Menschen unterbringen. Es gibt dort zwei kleine Säle, einen kleinen Speisesaal und ein Empfangszimmer, zwei kleine Büros, eine 3-Zimmer-Wohnung für den Vertreter sowie 11 Gästezimmer ohne besondere Annehmlichkeiten, von welchen 5 von zwei Familien von Mitarbeitern bewohnt werden. Hier versammeln sich orthodoxe Russen nicht alleine aus dem Ruhrtal, sondern auch von weiter her, von Bielefeld, Münster, Mönchengladbach, Saarbrücken und Trier, da es in all diesen Städten keine unserer Gemeinden gibt. Hinzu kommt etwas Wichtiges: Unsere Gemeinde und Kirche erfüllen nicht allein eine geistliche Funktion, sondern stellen auch eine Begegnungsstätte für russischsprachige Menschen dar, die ihre eigene Kultur und ihre Sprache bewahren wollen. Von daher ist die Bedeutung eines solchen Zentrums sehr wichtig. Wenn Russland seinen Kontakt mit seinen früheren Bürgern aufrecht erhalten möchte, die Kultur im Westen bewahren und eine starke Kolonie dort haben möchte, so ist es umso unerlässlicher, wenn nicht sogar fast schon zu spät, ein solches Zentrum zu bauen.

OA: Es geht also auch um ein Zentrum für die russische Kultur in Deutschland?

EL: In der Tat! Wie wichtig dies auch für die Verständigung der Menschen und für das Zusammenwachsen Europas ist, dafür kann die nachrevolutionäre russische Emigration ein gutes Beispiel darstellen, welche den Westen mit der russischen Kultur, der russischen Philosophie und wichtiger noch mit der russischen Orthodoxie vertraut gemacht hat. In der Nachkriegszeit sind aus verschiedenen Gründen viele Tausende von Russen nach Westeuropa umgesiedelt, aber ihre Bedeutung blieb wenig bekannt auf Grund der schweren ökonomischen Lage, die zu jener Zeit in ganz Europa herrschte. Außerdem hat die Furcht vor dem Kommunismus und seinen Vertretern nicht allein die Russen selbst gelähmt, mit Ausnahme der Dissidenten, sondern auch auf die Umgebung eingewirkt. Heute wie auch damals nach der Revolution sind Tausende von talentierten Menschen hierher gekommen: Vertreter der Kultur, der Kunst, der Wissenschaft - und sie alle werden früher oder später entweder sich in einem Getto isolieren oder aber in das sie umgebende Milieu assimilieren und ihre russische Identität, mit Ausnahme der russischen Juden, verlieren. Ein Grund dafür ist sicher das Fehlen russischer Kirchen sowie auch eines geistlichen Bildungslebens. Die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland hat diesen Mangel hier in Deutschland erkannt und in München eine Kirche und die früheren Kasernen der NATO-Garnison erworben, dank derer sie nicht allein ihr Zentrum errichten konnte, ein Kloster, eine Druckerei und neue umfangreichere Gebäude, sondern auch ein Zentrum für die geistliche Kulturarbeit. In Köln hat sie ebenfalls ein vergleichbares Zentrum erworben, was ihr erlaubt, aktiv verschiedene Tagungen und Veranstaltungen durchzuführen, zu denen Menschen nicht allein aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, sondern aus ganz Europa kommen. Wir aber konnten aus uns allen bekannten Gründen bis jetzt nicht einmal von einer solchen Möglichkeit träumen. Dabei ist gerade Düsseldorf eine Stadt, die nicht weit entfernt auch vom europäischen Zentrum Brüssel liegt, die gute Verkehrsverbindungen sowohl mit ganz Deutschland wie auch mit ganz Europa besitzt. In Anbetracht der Bedeutung der Stadt Düsseldorf in den Beziehungen mit Russland und insbesondere mit Moskau ist gerade diese Stadt sehr geeignet für ein solches Zentrum.

OA: Wie soll das geplante Zentrum denn aussehen?

EL: Der Gesamtkomplex soll aus folgenden Gebäuden bestehen: einer Kirche mit den notwendigen Gemeinderäumlichkeiten; der eigentlichen Vertretung mit dem dazugehörigen Büro und anderen Räumlichkeiten sowohl als Wohnung für den Vertreter wie auch einige Wohnungen für Mitarbeiter; dem eigentlichen Zentrum mit den notwendigen Räumlichkeiten für die Abhaltung von Seminaren, 20-25 Einzel- und 10-15 Doppelzimmer und anderen Räumlichkeiten; sodann Unterkunftsmöglichkeiten in Form von 2 Schlafsälen zu 4 Personen und 3 Sälen zu 10 Personen für Gemeindemitglieder und Jugend, und den entsprechenden sanitären Einrichtungen, denn zu uns kommen nicht wenige Gemeindemitglieder, die nach dem Abendgottesdienst bleiben möchten, um nicht den weiten Weg zurückzufahren oder auch weil es am Morgen überhaupt keine Verkehrsmöglichkeiten gibt. Dieses Gebäude könnte man auch gebrauchen sowohl für Diözesan- wie andere Tagungen, es auch nach außen für verschiedene Veranstaltungen vermieten wie auch als Pension zur Zeit von Messen und Ausstellungen in Düsseldorf und der Umgebung. Ferner ist gedacht an ein Wohngebäude mit 20-30 Wohnungen, welche nach außen vermietet würden. Die Einkünfte, die aus einem solchen Zentrum und einem solchen Haus kommen, würden zur Selbstfinanzierung der Vertretungs- und Gemeindeaktivitäten dienen. Ein solches Zentrum könnte auch zu einem Punkt des Sozialdienstes unserer Kirche werden, d.h. einer Stelle, wo russische Orthodoxe sich hinwenden können, um Rat in Lebensproblemen wie Visafragen, Sozialfragen, Pensionsfragen zu erhalten. Doch ich betone noch einmal: Ein solches Zentrum ist unerlässlich nicht alleine für die Gemeindearbeit, sondern auch für die Bewahrung der russischen Kultur und der russischen Sprache in Deutschland. Es  soll zu einem Ort werden, wo die russische Kultur, die Musik, die Kunst und andere Züge des russischen Lebens gezeigt werden können, d.h. es soll dem gegenseitigen Verständnis zwischen unseren Ländern und Völkern dienen. Wenn man von der Integration in Europa spricht, so muss man auf jeden Fall ganz Europa im Blick haben einschließlich auch des jetzigen Russlands und der Länder der GUS. Hier aber stoßen wir auf ein großes Problem. Es ist nicht alleine so, dass bei westlichen Politikern nicht der Wunsch besteht, darüber nachzudenken, dass Europa aus zwei Lungen besteht mit gewaltigen slawischen orthodoxen geistlichen Werten und Traditionen, welche den Westen bereichern könnten, der in seinem eigenen Saft schmort und alle Werte verliert, welche jedes Volk, jeder Staat haben muss; sondern es geht auch darum, die Tatsache zu sehen, dass man hier sehr wenig weiß von der Orthodoxie, von Russland, von den slawischen Völkern. Und diese "Politik des Nichtwissens und des Nicht-Nachdenken-Wollens" breitet sich leider aus, da man nicht dazu gezwungen wird, sich mit neuen Ideen auseinander zu setzen und auf eine andere, universellere, offenere Weise zu denken. Gerade hier vermöchte ein solches Zentrum seine Hilfe erweisen und könnte zu einer Arena der Verbreitung von Kenntnissen über Russland und die Orthodoxie werden

OA: Wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg in den nächsten 20 Jahren Ihres Bischofsdienstes.

(Das Gespräch führte der Redakteur von "Orthodoxie aktuell" Nikolaus Thon)


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