Hingegen stieg nach dem Oktoberputsch in Rußland und der Machtergreifung der Bolschewisten bzw. durch den nachfolgenden Bürgerkrieg die Zahl der Emigranten aus dem ehemaligen Russischen Reich in kürzester Zeit rapide an. Ein erheblicher Teil von ihnen wählte Deutschland als Zufluchtsort. So verzeichnete der Völkerbund 1923 rund 600.000 Emigranten aus dem ehemaligen Russischen Reich in Deutschland, wobei diese allerdings meist an Orten bzw. in Gegenden lebten, die mit orthodoxen Kirchen unterversorgt waren: Nicht die feudalen Badeorte der Vorkriegszeit vermochten die verarmten Emigranten zu beherbergen, sondern die Elendsviertel der Großstädte. Zwar verringerte sich bald schon wieder die Zahl der russischen Flüchtlinge im Deutschen Reich infolge der instabilen Wirtschaftslage dort, und zogen bereits Mitte der Zwanziger Jahre viele der russischen Emigranten weiter nach Frankreich, in die Vereinigten Staaten oder die Tschechoslowakische Republik, ja nach Südamerika. Doch blieb ein nicht unerheblicher Rest, so daß durchaus an etlichen Orten ein Bedarf zur Errichtung neuer orthodoxer Gemeinden bestand. Doch waren die meisten Emigranten viel zu arm, um sich neue eigene Kirchbauten leisten oder auch nur den Unterhalt von angemieteten Räumen in repräsentativen Gebäuden und die Bezahlung der dafür benötigten Geistlichen garantieren zu können. So existierten vor dem Zweiten Weltkrieg im wesentlichen noch die gleichen Kirchbauten wie vor dem Ersten. Lediglich in München, Augsburg, Breslau, Hannover-Linden und Danzig wurden russische orthodoxe Gemeinde, aber ohne eigene Kirchengebäude, errichtet.
In der ganzen Zeit von 1914 bis in den Zweiten Weltkrieg wurde nur ein einziges orthodoxes Gotteshaus neu errichtet, und zwar die russische Kathedrale zu Berlin, die zuerst seit November 1928 in der dritten Etage eines von der dortigen Gemeinde erworbenen Mietshauses eingerichtet worden war. Doch schon ein Jahr später mußte die Gemeinde ihr Haus zwangsversteigern und die benötigten Räumlichkeiten, auch den Gottesdienstraum, selbst anmieten.
Archimandrit Tichon (Ljaschenko), der seit 1921 die Berliner Gemeinde leitete und 1924 von Metropolit Evlogij (Georgievskij) zum Vikarbischof ordiniert worden war, war im November 1926 von der Synode der russischen Auslandsbischöfe zum Bischof von Berlin und Deutschland ernannt worden. Allerdings unterstellten sich ihm nicht alle in Deutschland befindlichen russischen Gemeinden, denn der Streit in der russischen Emigration begann sich auch auf Deutschland auszuwirken.
Der
Hintergrund dazu war, daß es in dieser Zeit zum Bruch zwischen dem Vikarbischof
und seinem in Paris residierenden Metropoliten Evlogij kam, dem Patriarch Tichon
und der Petrograder Metropolit Veniamin die Verwaltung aller russischen Kirchen
in Westeuropa übertragen hatte. Zu dieser Zeit handelte Metropolit Evlogij noch
in Übereinstimmung sowohl mit der Heimatkirche des Moskauer Patriarchates wie
auch der Synode der Auslandsbischöfe. Als sich nun in Rußland der antireligiöse
Terror der kommunistischen Regierung steigerte und immer mehr Geistliche in
Bedrängnis gerieten, vor allem aber Patriarch Tichon Loyalitätserklärungen gegenüber
dem Sowjetstaat abgeben mußte, argumentierte die inzwischen unter Leitung von
Metropolit Antonij (Chrapovickij) gebildete Synode der Auslandsbischöfe, die
auf Einladung der Serbischen Orthodoxen Kirche in Sremski Karlovci [Karlowatz
in Syrmien] in Nordserbien eine Heimat gefunden hatte, daß eine reguläre kirchliche
Gewalt in Rußland nicht existiere, die so frei handeln könne, daß man ihr Gehorsam
schulde. Ihrerseits legten sich die Auslandsbischöfe in politischen Fragen eindeutig
auf die monarchistische Linie fest und forderten auf einem Konzil in Sremski
Karlovci 1922 die Wiederherstellung des russischen Kaisertums unter dem Großfürsten
Kirill Vladimirovic als Zar Kirill I. Daraufhin erklärte Patriarch Tichon am
18.3./1.4.1922:
1. Ich erkläre das Konzil des Auslandsklerus und der Laien in Karlovci für bar kanonischer Bedeutung; seine Botschaft über die Wiederherstellung der Dynastie Romanov und sein Sendschreiben an die Konferenz zu Genua drücken nicht die offizielle Stimme der Russischen Kirche aus.
2. Angesichts dessen, daß sich die russische Kirchenleitung im Ausland auf das Gebiet der politischen Aktionen begibt, ... halte ich dafür, die Oberste Kirchenleitung im Ausland aufzulösen.
3. Der Heilige Synod sollte über die kirchliche Verantwortlichkeit einiger geistlicher Personen im Ausland bezüglich ihrer im Namen der Kirche vorgebrachten politischen Stellungnahmen zu Gericht sitzen".
Während Metropolit Evlogij dem Patriarchen weiter die Treue hielt und ihm Gehorsam leistete, erklärte die Synode in Karlovci die Auflösungsverfügung Patriarch Tichons für ungültig, da sie von den sowjetischen Machthabern erzwungen worden sei, und begann mit der Organisation einer eigenständigen "Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland". Diese Entwicklung führte 1926 auch zu dem erwähnten Bruch in der russischen Emigration in Deutschland und zur Spaltung der Gemeinden.
Nachdem 1933 der Nationalsozialismus in Deutschland zur bestimmenden politischen Kraft geworden war und sein diktatorisches Regime errichtet hatte, begann auch die "Gleichschaltung" der orthodoxen Gemeinden, nämlich durch die Verleihung der Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts an die "Russisch-Orthodoxe Diözese des Orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland", wie sich das Bistum in der Synode der Auslandsbischöfe nannte, durch das Preußische Staatsministerium am 14.3.1936 und wenig später, am 25. Februar 1938, durch ein vom "Führer und Reichskanzler" Adolf Hitler unterzeichnetes "Gesetz über den Grundbesitz der russisch-orthodoxen Kirche", durch das ermöglicht wurde, den gesamten alten russischen Kirchenbesitz, vor allem die Gottesdiensträume, der Exilsynode zu übergeben, was die bislang Metropolit Evlogij unterstehenden Geistlichen zwang, entweder zu Bischof Tichon überzuwechseln oder ihre Pfarreien aufzugeben bzw. obdachlos zu machen.
Einen
weiteren deutlich sichtbaren Ausdruck fand die Unterstützung der Synode der
russischen Auslandsbischöfe und ihres Vertreters in Deutschland, Bischof Tichon,
durch die nationalsozialistische Deutsche Reichsregierung schon im Jahre 1935,
als der Kathedralgemeinde durch Unterstützung des Reichskirchenministeriums
und des genannten Versicherungskonzerns ermöglicht wurde, die heute noch existierende
Christi-Auferstehungs-Kathedrale in Berlin-Wilmersdorf zu errichten, welche
1938 geweiht wurde.
Im Verlauf
des II. Weltkrieges kam es zwar zu einer Reihe allerdings nur kurzfristiger
Veränderungen, die die Orthodoxe Kirche in Deutschland betrafen. So wurde beispielsweise
im Rahmen des deutschen Überfalls auf Polen und dann auf die Sowjetunion der
Jurisdiktionsbereich des Vorstehers der Diözese des orthodoxen Bischofs von
Berlin und Deutschland zeitweise weit nach Osten erweitert, denn die deutschen
Besatzungsbehörden vertrauten vielfach lieber ihm die Leitung der dortigen Gemeinden
und Kirchen an als den einheimischen Bischöfen. Dabei mag auch eine Rolle gespielt
haben, daß seit 1931 - zuerst als
Vikar-
und ab 1938 als Diözesanbischof von Berlin und Deutschland - ein geborener Sachse
der russischen Orthodoxie in Deutschland vorstand, nämlich Serafim (Lade) [1883-1950].
Ihm wurde nach der deutschen Okkupation Polens die Kirchenverwaltung im "Generalgouvernement"
übertragen, nachdem das Oberhaupt der Polnischen Autokephalen Orthodoxen Kirche,
Metropolit Dionisij, zum Verzicht gezwungen worden war. 1942 wurde Serafim zum
Metropoliten von Mitteleuropa erhoben und von deutscher Seite mit weiteren Kompetenzen
in den besetzten Gebieten Westrußlands ausgestattet, was ihm allerdings nach
dem Krieg den Vorwurf eintrug, mit den Nationalsozialisten kollaboriert zu haben.
Auch in "Großdeutschland" selbst wurde die Unterstellung aller orthodoxen
Gemeinden unter Metropolit Serafim mit staatlicher Gewalt betrieben. Letztmals
bei der Synode der Auslandskirche in Wien 1943 versammelten sich bei Metropolit
Serafim die ihm unterstehenden Bischöfe Mittelosteuropas wie auch der damalige
Ersthierarch der Auslandskirche, Metropolit Anastasij Gribanovskij.
Die hier angesprochenen kirchenpolitischen Veränderungen hatten allerdings nur so lange Bestand, wie die deutsche Herrschaft im Osten und das nationalsozialistische Regime währten: 1945 mußte der Metropolit selbst nach München fliehen, wo er 1950 verstarb.
Bildlegende (in der Reihenfolge des Auftretens):
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