Die Russische Orthodoxe Kirche in Deutschland - ein geschichtlicher Überblick von Nikolaus Thon

3. Teil: Die russische Emigration nach dem 2. Weltkrieg

Inzwischen hatten die Bevölkerungsumschichtungen am Ende des Krieges es mit sich gebracht, daß erneut eine große Zahl orthodoxer Christen aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland kamen. Es handelte sich zum einen um verschleppte Zwangsarbeiter, ehemalige Kriegsgefangene und Zivilinternierte, Häftlinge von Konzentrationslagern, zum andern aber auch um Hilfswillige und Kollaboranten, die im Krieg auf deutscher Seite gekämpft hatten, sogar um ganze Truppenteile, die geglaubt hatten, in Hitler das geringere Übel gegenüber dem stalinistischen Bolschewismus zu wählen und von daher auf deutscher Seite unter Waffen gestanden hatten wie etwa die aus Kosaken bestehende XV. SS-Kavallerie-Division oder die "Russische Befreiungsarmee" des zu den Deutschen übergetretenen ehemaligen sowjetischen Generals Andrej Vlassov. Zusammen mit all den anderen "Displaced People" aus Osteuropa machten sie eine so große Gruppe orthodoxer Christen aus, daß 1946 auf dem Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen insgesamt rund 150 russische orthodoxe Kirchen gezählt wurden, davon die meisten in den Lagern für die Vertriebenen und Flüchtlinge. Allerdings hatten die meisten nur temporären Charakter: Die Zahl der Gemeinden in Westdeutschland verminderte sich in den folgenden Jahren kontinuierlich, da die Mehrzahl der Flüchtlinge so rasch als möglich eine Übersiedlung nach Übersee anstrebte. So betrug die Rahl der russischen Gemeinden 1949 nur noch 77 mit 135 Geistlichen und rund 50.000 Gläubigen. Seit jener Zeit ist die Zahl konstant gesunken, zumal auch die Ukrainer, Serben und Rumänen, die ursprünglich oft von den russischen Seelsorgern mitversorgt worden sind, eigene Gemeinde und später auch Bistümer errichteten.

In Berlin und auf dem Territorium der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik, waren die dortigen russischen Gemeinden schon 1945 wieder unter das Omophorion des Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus' aufgenommen worden. Für sie wurde die Diözese von Berlin und Mitteleuropa gebildet, die zeitweilig (von 1948 bis 1960 und wieder seit 1992) den Namen "Diözese von Berlin und Deutschland" trug. Da allerdings die weitaus überwiegend aus alten und neuen Emigranten und Flüchtlingen vor der Sowjetmacht bestehenden russischen Gemeinden in den drei westlichen Besatzungszonen, der nachmaligen Bundesrepublik Deutschland, nicht gewillt waren, sich einer Kirchenleitung zu unterstellen, die ihren Sitz im kommunistischen Machtbereich hatte, verweigerten sie sich einer Aussönung mit dem Patriarchen von Moskau und blieben in der Auslandskirche, obwohl diese offiziell von keiner der anderen autokephalen orthodoxen Kirche als kanonisch anerkannt wird.

alexy.jpg (10739 Byte)Erst 1960 wurde in München die erste Gemeinde des Moskauer Patriarchates in der Bundesrepublik Deutschland errichtet und wenig später eine Westdeutsche Diözese mit Residenz in München gegründet, die 1971 in eine Diözese von Baden und Bayern und eine weitere von Düsseldorf für die übrigen Bundesländer geteilt worden ist. Die Mehrzahl der aktiven Gemeindemitglieder der westdeutschen Pfarreien des Moskauer Patriarchates bestand zu dieser Zeit aus Konvertiten aus der römisch-katholischen oder den evangelischen Kirchen. Auch der erste Diözesanbischof von Düsseldorf, Erzbischof Alexy (van der Mensbrugghe) [1899-1980]  war kein Russe, sondern ein gebürtiger Belgier. Lediglich in Westberlin existierte bei der dortigen, jetzt ebenfalls zum Moskauer Patriarchat gehörigen russischen Kathedrale am Hohenzollerndamm eine größere, russischstämmige Gemeinde. Eine weitere zahlenmäßig bedeutendere russische Pfarrei des Patriarchats gab es in Baden-Baden, bis ihr auf gerichtlichem Wege das alte Kirchengebäude entzogen und der Auslandskirche zugesprochen wurde. Insgesamt dürfte die Zahl der Mitglieder des Moskauer Patriarchates in den alten Bundesländern kaum viel mehr als 2.000 betragen haben.

Doch auch die Zahl der Gemeindemitglieder der Auslandskirche, deren Diözesanbischof, der ebenfalls den Titel "von Berlin und Deutschland" trägt und zuerst in München, dann in Hamburg und jetzt wieder in München seinen Sitz hat, sank in den kommenden Jahrzehnten kontinuierlich, vor allem in den 70er und 80er Jahren, als die meisten älteren Emigranten verstarben. Sie betrug um 1990 wohl nur noch etwa 6.000 Menschen.

Bildlegende (in der Reihenfolge des Auftretens):


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