Die Russische Orthodoxe Kirche in Deutschland - ein geschichtlicher Überblick von Nikolaus Thon

4. Teil: Die heutige Lage

Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und der Öffnung der Grenzen allerdings änderte sich diese Zahl in kürzester Zeit rapide: Binnen weniger Jahre kamen schätzungsweise über 100.000 getaufte orthodoxe Christen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. So waren nach der Statistik des Jahres 1997, als dies erstmals eigens erfaßt wurde, gut 10 % der deutschstämmigen Übersiedler und ihrer Familienangehörigen orthodox: insgesamt mehr als 14.000 Menschen allein in einem Jahr. Allerdings haben viele der neu nach Deeutschland gekommenen orthodoxen aus der ehemaligen UdSSR noch keine engere Bindung an die Kirche entwickelt. Etliche jedoch prägen schon jetzt das Leben der russischen Gemeinden und haben dort zu einer echten Wiederbelebung des pfarrlichen Lebens geführt, denn zum einen handelt es sich überwiegend um jüngere Menschen, darunter nicht wenige Jugendliche und Kinder, zum anderen ist ihre Bindung an das Heimatland viel enger als bei den alten Gemeindemitgliedern aus der Emigration. So sind an etlichen Orten inzwischen neue lebendige Pfarreien mit Sonntagsschulen und Sozialeinrichtungen entstanden.

Der neuen politischen Entwicklung in Deutschland hat das Moskauer Patriarchat Rechnung getragen, indem es die drei Diözesen, die bis dahin im vereinigten Deutschland existierten im Dezember 1992 zu einer einzigen Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche zusammengefaßt hat, der vom Senator für kulturelle Angelegenheiten in Berlin 1992 auch die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen worden sind. Erster Vorsteher der vereinten deutschen Diözese wurde Bischof Feofan (Galinskij). Die bisherige Diözese von Düsseldorf wurde zur Ständigen Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in Deutschland erhoben, der die Wahrnehmung aller Angelegenheiten übertragen worden sind, die sich auf die Kontakte zu kirchlichen, staatlichen, sozialen und anderen vergleichbaren Institutionen in Deutschland beziehen. Als Ständiger Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland, der für die Kontakte zu staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Stellen sowie die Koordinierung der humanitären Arbeit zuständig ist, amtiert der vormalige Bischof von Düsseldorf, Erzbischof Longin (Talypin) von Klin.

In einigen Gemeinden des Moskauer Patriarchates werden trotz der markanten Zunahme der russischsprachigen Gläubigen in den letzten Jahren weiterhin nicht nur russische, sondern auch deutsche Gottesdienste gefeiert, denn viele Gemeinde sind multinational zusammengesetzt. Neben Russen, Weißrussen, Ukrainern, Letten, Esten, Moldauern und anderen Nationalitäten aus den Ländern der ehemaligen UdSSR, die zum Moskauer Patriarchat gehören, finden sich auch einzelne Georgier, Rumänen, Bulgaren, und zwar an den Orten, wo sie keine eigenen Kirchen haben. Hinzu kommen auch einige Deutsche. Auch ein guter Teil der Geistlichen besteht aus Deutschen. Die Zeitschrift der Berliner Diözese "Stimme der Orthodoxie" wird vollständig in deutscher Sprache publiziert, der Kurier der Düsseldorfer Vertretung "Pokrov" hingegen überwiegend in russisch.

Trotz aller Versuche, die Spaltung zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchates und der russischen Auslandskirche zu heilen, ist dies bis heute nicht gelungen. Zwar finden seit einigen Jahren regelmäßige Kontaktgespräche statt und konnte im Dezember 1997 eine gemeinsame Erklärung der Geistlichen der Russischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat und Auslandskirche) in Deutschland unterzeichnet werden, aber es ist es offenbar noch ein weiter Weg bis zu einer wirklichen Einigung und Vereinigung. Daher existieren bislang auch in Deutschland zwei russische Bistümer, die hier beide den Titel "von Berlin und Deutschland" tragen.gifhorn.jpg (13379 Byte)

Beide haben in den letzten Jahren auch neue Gottesdienststätten eröffnet, zumeist in angemieteten Räumen oder Kapellen, die von der Römisch-Katholischen oder Evangelischen Kirche zur Verfügung gestellt worden sind. Aber es gibt auch russische Kirchneubauten, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Einen besonderen Platz darunter nimmt wegen ihrer architektonischen Schönheit und ihrer Einzigartigkeit in Westeuropa die Kirche des hl. Nikolaus in Gifhorn ein, die als Nachbau einer russischen Holzkirche des 18. Jahrhunderts errichtet worden ist.

Bildlegende (in der Reihenfolge des Auftretens):


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