Die Serbisch-Orthodoxe Kirche in Deutschland

In der Bundesrepublik Deutschland leben heute weit über 250.000 gläubige Serben, die in verschiedenen Gemeinden organisiert sind. Doch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen vereinzelt serbische Familien nach Deutschland, um hier Arbeit und Heimat zu  finden. Einige von ihnen lebten um 1910 in der Nähe von Bremen. Interessant ist, dass die Serben bis zum 2. Weltkrieg keine eigenen Kirchen und Gemeinden in Deutschland hatten, sondern an griechischen und russischen Gottesdiensten teilnahmen. Mit der Verschleppung erster serbischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter in deutsche Konzentrationslager kamen auch die ersten Geistlichen nach Deutschland. So hielt am 6. Mai 1941 Priester Milan Jovanoviç unter offenem Himmel die erste Heilige Liturgie im Osnabrücker Offizierskonzentrationslager, dem es während eines Gebetes gelang, einige seelsorgerische Worte zu überbringen. Einige von diesen Offizieren wurden dann am 6. Dezember 1944 bei einem Luftangriff der Alliierten getötet. Heute befindet sich dort eine Gedächtniskirche zur Erinnerung an die Opfer des 2. Weltkrieges.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand dann die erste serbische Kirchengemeinde in Deutschland; und zwar in München. Am 24. April 1946 wurde sie ins Leben gerufen und ein Jahr später schließlich offiziell gegründet. Erster serbischer Priester war damals Sergije Selivanovski. Es folgten bis 1969 noch drei Gemeinden: in Hannover, Düsseldorf und in Osnabrück.

Den Entscheid zur Gründung der Serbisch-Orthodoxen Diözese fasste am 12. März 1969 der Heilige Synod der Serbisch-Orthodoxen Kirche unter Führung des nunmehr verstorbenen Patriarchen German (Djoriç). Auf der außerordentlichen Tagung des Heiligen Synods in Belgrad wurde beschlossen, dass Bischof Lavrentije (Trifunoviç) die geistliche Betreuung der in der Diaspora lebenden Serben innerhalb der in der Folge neu gegründeten Serbisch-Orthodoxen Diözese für Westeuropa und Australien, die auch Deutschland umfasste, unternehmen soll.

Sitz der neuen Diözese wurde zuerst London; doch nur für kurze Zeit. Denn im Frühjahr 1972 begann eine viel intensivere missionarische Arbeit der Seelsorge unter den in Deutschland lebenden Serben als zuvor. Aus diesem Grund wurde Düsseldorf der administrative Sitz der Diözese für Deutschland. Dieses geistliche Zentrum blieb mit seiner Druckerei bis zum 1. Januar 1979 bestehen. Heute befindet sich der Sitz des Bischofs für Mitteleuropa in einem Kloster im Stadtteil Himmelsthür in Hildesheim bei Hannover. Oberhaupt der Diözese ist Bischof Konstantin (Djokiç), der 1991 die Verantwortung von Bischof Lavrentije übernahm.

Die serbische orthodoxe Kirche in Deutschland ist der orthodoxen Theologie und dem orthodoxen Kirchenrecht entsprechend bischöflich verfasst. Es ist eine Diözese mit dem Bischof an der Spitze, mit 29 Großgemeinden und 36 Gottesdienststätten in Deutschland. Bis zum heutigen Tag sind 16 Kirchen Eigentum der serbisch-orthodoxen Kirche, unter anderem in Düsseldorf, Osnabrück, München, Hannover, Berlin, Dortmund, Stuttgart, Ulm. 33 Gemeindepriester und drei Diakone, die geistlich und administrativ Bischof Konstantin unterstehen, sind in Deutschland tätig. Kanonisch und rechtlich untersteht die Diözese dem Patriarchat von Serbien, doch administrativ sowie verwaltungsrechtlich führt sie ihre sämtlichen Aufgaben - organisatorische, seelsorgerische, administrative und finanzielle - selbständig aus.

Zur serbisch-orthodoxen Kirche gehören heute insgesamt etwa elf Millionen Gläubige, davon 9.5 Millionen im ehemaligen Jugoslawien und etwa 1.5 Millionen im Ausland. Zu ihr gehören derzeit sechs Metropolien und 28 Diözesen. Davon befinden sich zwei Metropolien und dreizehn Diözesen im Ausland. Alle Metropoliten sowie Erzbischöfe und Bischöfe bilden zusammen den Heiligen Synod, dessen Vorsitzender der Patriarch von Serbien ist. Sein genauer Titel lautet: "Erzbischof von Peç, Metropolit von Belgrad und Karlovci und Serbischer Patriarch". Seit 1990 hat diesen Thron Patriarch Pavle (Stojiceviç) inne, der der 44. Patriarch der Serbischen Kirche ist. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche ist Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf seit 1965.

Im Rahmen dieser Gesamtkirche unterliegt die Verwaltung der einzelnen Diözese, somit auch der für Mitteleuropa, dem Bischof und seinem Diözesanrat sowie dem Diözesanausschuss als dem ausführenden Organ des Diözesanrates. Diese tagen im Allgemeinen zweimal im Jahr. Außerdem ist die Diözese hierzulande als eingetragener Verein nach deutschem Recht gemeldet. Die Anerkennung als Körperschaft des öffentliche Rechtes ist ihr durch die politische Lage zur Zeit erschwert. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche ist seit 1994 Gründungsmitglied in der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland / Verband der Diözesen (KOKiD).

Wie auch bei den Schwesterkirchen sind weniger Emigranten aus dem ersten Weltkrieg die meisten Mitglieder der serbisch-orthodoxen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland als vielmehr Gastarbeiter(-innen), darunter etwa 10 - 15 % anerkannte Flüchtlinge und Asylsuchende. Die meisten von ihnen leben seit 25 und mehr Jahren in Deutschland. Vor allem Jugendliche, die zur dritten Generation gehören, haben nicht die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. Nur eine kleine Zahl möchte zurück in ihre Heimat, es gibt aber auch welche, die noch unschlüssig sind, ob sie überhaupt zurück wollen. Eine Vielzahl von Kriegsflüchtlingen allerdings haben das Bundesgebiet Richtung Heimat schon verlassen und tragen zum Wiederaufbau dort bei.

Die Serbisch-Orthodoxe Kirche in der Bundesrepublik Deutschland pflegt Beziehungen zu den Schwesterkirchen - wie schon vermerkt im Rahmen der KOKiD und darüber hinaus -  und auch zu anderen christlichen Kirchen und zur deutschen Bevölkerung. Die Serbisch-Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa und deren Gemeinden sind daher Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf der Landesebene und in regionalen ökumenischen Kreisen aktiv vertreten. Als "...ein untrennbares Glied der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche", bemüht sie sich weiterhin, Dialoge in Wahrheit und Liebe zu führen.

Leider ist das Ansehen der Serbisch-Orthodoxen Kirche durch den Balkankrieg und die andauernde Kosovo-Krise - begleitet durch einseitige Berichterstattung in den Medien - getrübt worden, vor allem wird sie für die politischen und militärischen Entscheidungen im ehemaligen Jugoslawien verantwortlich gemacht. Im Oktober 1991 und im März 1993 erklärte der Bischof für Mitteleuropa Konstantin gemeinsam mit der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) unmissverständlich, dass "beide Kirchen die Opfer brutaler Gewaltanwendungen beklagen, Krieg und jede Form von Gewalt als Mittel zur Durchsetzung nationaler Interessen ablehnen, die Vergewaltigung von Frauen verwerfen und sich verpflichten, nationalen Strömungen entgegenzuwirken, sowie für die Rechte von Minderheiten einzutreten".

Unmittelbar nach der  Eskalation im Kosovo folgte ein gemeinsamer Aufruf des serbisch-orthodoxen Bischofs für Mitteleuropa Konstantin und des römisch-katholischen Bischof von Hildesheim, Dr. Josef Homeyer an ihre Gemeinden, in welcher unter anderem "die gemeinsame Hoffnung zum Ausdruck gebracht worden ist, dass das gute Miteinander, das - trotz der historischen Belastungen - in den vergangenen Jahren zwischen den serbisch-orthodoxen und den katholischen Gemeinden entstanden ist, an diesem Konflikt nicht zerbrechen möge. Ungeachtet der gegenwärtigen Schwierigkeiten rufen wir eindringlich dazu auf, in dem fortdauernden Bemühen um Verständigung zwischen den Völkern nicht nachzulassen".


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