Dokumente: Panorthodoxe Gremien

Abschlußdokument des Interorthodoxen Treffens "Bewertung neuer Fakten in den Beziehungen zwischen der Orthodoxie und der ökumenischen Bewegung"

  1. Wir, die Delegierten aller kanonischen Orthodoxen Kirchen sind in der Kraft des auferstandenen Christus in der historischen Stadt Thessaloniki in Griechenland in der Zeit vom 29. April bis 2. Mai 1998 auf Einladung Seiner Allheiligkeit des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios zusammengetreten und zwar auf Initiative der Russischen und der Serbischen Kirche und im Zusammenhang mit dem Austritt der Georgischen Kirche aus dem Weltrat der Kirchen. Seine Eminenz, der Metropolit von Thessaloniki Panteleimon, hat dem Treffen, das von der Organisation "Thessaloniki - Kulturhauptstadt Europas 1997" aufgenommen wurde, seine liebenswürdige Gastfreundschaft erwiesen.

  2. Den Vorsitz bei dem Treffen hatte der Metropolit Chrysostomos von Ephesos inne. Die Beratungen verliefen im Geiste christlicher Liebe, der brüderlichen Freundschaft miteinander und des gegenseitigen Verstehens. Die Delegierten erbaten die Gebete und den Segen Seiner Allheiligkeit des Patriarchen Bartholomaios und der anderen hochverehrten Vorsteher der Orthodoxen Kirchen. Die Teilnehmer erhielten Glückwunschtelegramme von allen Vorstehern. Sie sprachen Seiner Seligkeit Christodoulos, dem neuen Erzbischof von Athen und Ganz Griechenland, im Zusammenhang mit seiner Wahl ihre allerbesten Wünsche aus.

  3. Der Metropolit von Ephesos Chrysostomos hielt einen Einführungsvortrag zum Thema der Beratung, sodann sprachen alle Delegierten, die von ihren Beziehungen zur ökumenischen Bewegung und insbesondere zum Weltkirchenrat berichteten, zugleich aber auch die kritischen Probleme bewerteten, mit denen sie konfrontiert sind. Während der Diskussion wurde die Teilnahme der Orthodoxen Kirchen an den beschlußfassenden Organen des Weltkirchenrates analysiert.

  4. Die Delegierten verurteilten einstimmig jene Gruppen von Schismatikern, aber auch bestimmte extremistische Gruppen innerhalb der autokephalen Orthodoxen Kirchen, die das Thema des Ökumenismus zur Kritik an der Kirchenführung und zur Herabsetzung ihrer Autorität benutzen und damit zugleich bemüht sind, Unstimmigkeiten und Spaltungen in der Kirche auszulösen. Zur Stützung ihrer ungerechtfertigten Kritik gebrauchen sie gefälschte Materialien und Desinfomation.

  5. Die Delegierten unterstrichen ebenso, daß die orthodoxe Teilnahme an der ökumenischen Bewegung immer auf der orthodoxen Überlieferung, auf den Entscheidungen der Heiligen Synoden der autokephalen Orthodoxen Kirchen und auf panorthodoxen Treffen gegründet war und gegründet ist - wie der III. Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz 1986 und dem Treffen der Vorsteher der Autokephalen Orthodoxen Kirchen 1992.

  6. Die Teilnehmer stimmen darin überein, daß eine Notwendigkeit besteht, in den verschiedenen Foren der zwischenchristlichen Aktivitäten weiter teilzunehmen.

  7. Wir haben nicht das Recht, auf jene Mission zu verzichten, die uns unser Herr Jesus Christus auferlegt hat, nämlich die Mission des Zeugnisses für die Wahrheit vor der nichtorthodoxen Welt. Wir dürfen daher die Beziehungen zu den Christen anderer Konfessionen nicht abbrechen, die bereit sind, mit uns zusammenzuarbeiten.

  8. Wirklich stellte und stellt der Weltkirchenrat ein Forum dar, auf dem der Glaube der Orthodoxen Kirche, ihre Mission und ihr Dienst in einer Reihe von Fragen wie dem Frieden, der Gerechtigkeit, der Entwicklung und Ökologie der nichtorthodoxen Welt weithin bekannt wurden. Eine fruchtbare Zusammenarbeit konnte mit anderen Mitgliedern des Rates bei der Beantwortung der Bedürfnisse der gegenwärtigen Zivilisation erreicht werden. Der Proselytismus wurde verurteilt und den Orthodoxen Kirchen Hilfe in schwierigen Situationen zuteil, was ihnen die Möglichkeit gab, auch weiterhin ihre Mission zu erfüllen. Oft wurden die orthodoxen Interessen verteidigt, besonders dort, wo die Orthodoxen als Minderheit Diskriminierungen ausgesetzt waren. So kam die Meinung der Orthodoxen beim Prozeß der politischen, ökonomischen und kulturellen Integration zum Ausdruck, und der orthodoxe Beitrag zu den Beziehungen mit anderen Glaubenslehren konnte eingebracht werden. Auf Bitten der Orthodoxen wurden schismatische Gruppen und protestantische wie sogenannte Erneuergruppen nicht unter die Ratsmitglieder aufgenommen.

  9. Gleichzeitig jedoch existieren bei einigen protestantischen Mitgliedern des Rates bestimmte Tendenzen, die auch in den Debatten des Weltkirchenrates ihren Ausdruck finden, die aber für Orthodoxe unannehmbar sind. Bei vielen Sitzungen des Weltkirchenrates waren die Orthodoxen gezwungen, an Diskussionen zu Fragen teilzunehmen, die ihrer Tradition vollkommen fremd sind. Bei der Siebenten Versammlung in Canberra 1991 wie bei den Sitzungen des Zentralkomitees nach 1992 haben die orthodoxen Delegierten entschieden gegen die Interkommunion mit Heterodoxen, gegen die inklusive Sprache, die Weihe von Frauen, die Rechte sexueller Minderheiten und bestimmte Tendenzen zu einem kirchlichen Synkretismus Stellung bezogen. Ihr Erklärungen zu diesen Fragen wurden aber als Erklärungen von Minderheiten betrachtet und konnten als solche nicht auf das Prozedere und den moralischen Charakter des Weltkirchenrates einwirken.

  10. Nach hundert Jahren orthodoxer Beteiligung an der orthodoxen Bewegung und fünfzigjähriger Mitgliedschaft im Weltkirchenrat sehen wir noch keinen ausreichenden Fortschritt bei den multilateralen theologischen Diskussionen unter den Christen. Im Gegenteil: Der Graben zwischen Orthodoxen und Protestanten wird in dem Maße breiter wie sich in bestimmten protestantischen Denominationen die oben genannten Tendenzen verstärken.

  11. In den vielen Jahren der orthodoxen Teilnahme an der ökumenischen Bewegung hat kein einziger Vertreter dieser oder jener autokephalen Orthodoxen Kirche je die Orthodoxie verraten. Im Gegenteil haben diese Vertreter immer die volle Treue bewahrt und ebenso den Gehorsam gegenüber ihren Kirchenleitungen; sie haben in voller Übereinstimmung mit den kirchlichen Kanones, mit der Lehre der Ökumenischen Konzilien und der Kirchenväter und mit der Heiligen Überlieferung der Orthodoxen Kirche gehandelt.

  12. Wir haben beschlossen, einen Vorschlag bezüglich der radikalen Umstrukturierung des Weltkirchenrates zu unterbreiten, der darauf hinausläuft, daß eine Möglichkeit für eine aktivere Teilnahme der Orthodoxen geschaffen wird. Viele Orthodoxe Kirchen werfen die Frage nach den Entscheidungskriterien für den Eintritt der Kirche in eine weitergehende Organisation, wie sie der Weltkirchenrat darstellt, auf. Die gleichen Fragen erheben sich im Hinblick auf die Beziehungen beim Eintritt der Orthodoxen Kirche in den Rat. Trotzdem ist und bleibt das Thema der Aufnahmekriterien eines der grundlegenden Anliegen der Orthodoxie.

  13. Jetzt ergeht die Bitte an alle Orthodoxen Kirchen, offizielle Delegierte zur Achten Versammlung des Weltkirchenrates zu entsenden, um zugleich unserer Beunruhigung auf folgende Art und Weise Ausdruck zu verleihen

  14. a. die orthodoxen Delegierten, die an der Versammlung in Harare teilnehmen, werden gemeinsam die Erklärung des Interorthodoxen Treffens in Thessaloniki vertreten.

    b. die orthodoxen Delegierten werden nicht an ökumenischen Gottesdiensten, gemeinsamen Gebeten, Gottesdiensten und anderen religiösen Zeremonien bei der Versammlung teilnehmen.

    c. die orthodoxen Delegierten werden nicht an Abstimmungen teilnehmen, außer in einigen bestimmten Fällen, die Orthodoxe betreffen, und nur mit gegenseitiger Übereinstimmung. Wenn unerläßlich, werden sie bei den Diskussionen auf den Plenarsitzungen und in Gruppen die orthodoxen Meinungen und Positionen vorstellen.

    d. diese Vollmachten sollen solange bestehen, wie nicht eine radikale Umgestaltung des Weltkirchenrates abgeschlossen ist, die eine echte orthodoxe Beteiligung möglich macht.

  15. In diesem Sinne erklären wir, daß die derzeitigen Formen der orthodoxen Mitgliedschaft im Weltkirchenrat uns weiterhin nicht mehr genügen. Wenn die Strukturen des Weltkirchenrates nicht radikal geändert werden, werden andere Orthodoxe Kirchen auch aus dem Weltkirchenrat austreten, wie dies die Georgische Orthodoxe Kirche getan hat. Außerdem werden die orthodoxen Delegierten auf der Achten Vollversammlung in Harare, die im Dezember 1998 stattfindet, gezwungen sein zu protestieren, wenn Vertreter sexueller Minderheiten zu einer strukturellen Teilnahme an der Versammlung zugelassen werden.

  16. Schließlich unterstrichen die Delegierten, daß wichtige Entscheidungen in Bezug auf die Teilnahme der Orthodoxen Kirchen an der ökumenischen Bewegung in Übereinstimmung mit den panorthodoxen Beschlüssen getroffen und von jeder autokephalen Orthodoxen Kirche nach Konsultation mit allen anderen autokephalen Orthodoxen Kirchen gefaßt werden müssen.

  17. In aller Entschiedenheit schlugen die Delegierten die Schaffung einer Gemischten Theologischen Kommission vor, zu der orthodoxe Mitglieder gehören sollen, die von ihren Kirchen benannt werden, wie auch Personen, die vom Weltkirchenrat ernannt werden. Die Gemischte Kommission soll ihre Arbeit nach der Versammlung von Harare beginnen und wird annehmbare Formen der Teilnahme von Orthodoxen an der ökumenischen Bewegung und eine radikale Umgestaltung des Weltkirchenrates prüfen.

  18. Möge der Auferstandene Herr unsere Schritte lenken zur Erfüllung seines Willens und zum Ruhme Seines Göttlichen Namens.

Thessaloniki , 1. Mai 1998

(Übersetzung aus dem Russischen)


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