Dokumente: Panorthodoxe Gremien

Botschaft der Vorsteher der Heiligen Orthodoxen Kirchen

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

1. Zusammengekommen im Heiligen Geist zur Beratung im Phanar, heute, am 15. März 1992, dem Sonntag der Orthodoxie, auf Initiative und Einladung des Ersten unter uns, des Ökumenischen Patriarchen, Herrn Bartholomaios, auf ausdrücklichen Wunsch auch anderer Brüder-Vorsteher, und unter seinem Vorsitz, wir, die durch Gottes Barmherzigkeit und Gnaden Vorsteher der Heiligen Patriarchate, der lokalen Autokephalen und Autonomen Orthodoxen Kirchen:

Nachdem wir in brüderlicher Liebe über die die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Orthodoxe Kirche betreffenden Themen beratschlagt und an diesem seit Jahrhunderten der Orthodoxie geweihten Sonntag in der Patriarchatskirche des Ökumenischen Patriarchates gemeinsam die göttliche Eucharistie gefeiert haben, erklären wir folgendes:

Indem wir dem Dreieinigen Gott, der uns gewürdigt hat, einander von Angesicht zu Angesicht zu sehen, den Kuß der Liebe und des Friedens zu tauschen, teilzuhaben am Kelche des Lebens und die göttliche Gabe der panorthodoxen Einheit zu verkosten, aus tiefstem Herzen den Lobpreis emporsenden, aber auch im Bewußtsein der Verantwortung, die die Vorsehung des Herrn uns als Hirten der Kirche und geistlichen Führern auferlegt hat, entbieten wir in Demut und Liebe jedem Menschen guten Willens, insbesondere aber unseren Brüdern, Mitbischöfen und dem ganzen frommen Pleroma der Orthodoxen Kirche den Segen Gottes, den Kuß des Friedens und das Wort der Tröstung (Hbr 13,22).

Freuet Euch, unsere Brüder im Herrn, allezeit! (Phil 3,1)

Werdet stark im Herrn und in der Kraft seiner Stärke (Eph 6,10).

2. Die über die ganze Welt verbreitete Heilige Orthodoxe Kirche, die in der Welt weilt und dem Einfluß ihrer geschichtlichen Wandlungen unentrinnbar ausgesetzt ist, befmdet sich heute vor schwerwiegenden und dringenden Problemen, denen sie, folgend dem Wort des heiligen Paulus: »Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit« (1 Kor 12,26), als ein Leib begegnen will. Darüber hinaus möchte sie, angesichts unseres Eintritts in das dritte nachchristliche Jahrtausend der Geschichte die Zukunft der Menschheit und der ganzen Schöpfung Gottes ins Auge fassend, in einer Zeit stürmischer geistiger und gesellschaftlicher Umschichtungen und Wandlungen ihre heilige Pflicht erfüllen und ihr Zeugnis geben, indem sie in Demut, Liebe und Zuversicht Rechenschaft ablegt »über die Hoffnung, die in uns ist« (1 Petr 3,15).

Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert der großen Errungenschaften auf dem Felde der Erforschung des Weltalls und in dem Versuch des Menschen, die Natur seinem Willen zu unterwerfen. In diesem Jahrhundert wurde die Macht des Menschen offenbar, aber auch seine Ohnmacht. Trotz so vieler Errungenschaften bezweifelt niemand mehr, daß die Herrschaft des Menschen über die Umwelt nicht zum Glück und zur Fülle des Lebens führt. Angesichts dessen muß der Mensch einsehen, daß der wissenschaftliche und technologische Fortschritt ohne Gott zu einem Mittel der Zerstörung der Natur ebenso wie des gesellschaftlichen Lebens wird. Das ist nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems deutlich geworden.

Mit diesem Zusammenbruch zugleich müssen wir auch das Scheitern aller anthropo-zentrischen Ideologien zugeben, die den Menschen unseres Jahrhunderts in ein geistiges Vakuum und existenzielle Unsicherheit versetzt und zahllose Menschen unserer Zeit dazu verführt haben, ihr Heil in neuen religiösen und parareligiösen Bewegungen und in einer fast abgöttischen Hingabe an die materiellen Werte dieser Welt zu suchen. Alle Arten von Proselytismus, wie er heute geübt wird, offenbaren eher die tiefe Krise der gegenwärtigen Welt als deren Lösung. Die jungen Menschen unserer Zeit haben das Recht zu erfahren, daß das Evangelium Christi und der orthodoxe Glaube statt des Hasses die Liebe, statt des Konflikts die Zusammenarbeit, statt des Zerwürfnisses zwischen Menschen und Völkern die Gemeinschaft bieten.

3. All das fordert die Orthodoxen zu einer tieferen geistlichen, aber auch kanonischen Einheit. Unglücklicherweise wird diese Einheit häufig von schismatischen Gruppen bedroht, die neben der kanonischen Struktur der Orthodoxen Kirche bestehen. Indem wir auch diese bedachten, haben wir uns von der Notwendigkeit überzeugt, daß alle Heiligen Orthodoxen Ortskirchen in vollkommener Solidarität solche schismatischen Gruppen verurteilen und sich jeder Gemeinschaft mit ihnen, wo immer sie sich auch befinden mögen, enthalten, »bis sie zurückkehren«, damit der Leib der Orthodoxen Kirche in dieser Hinsicht nicht als geteilt erscheint, denn »nicht einmal Märtyrerblut kann die Sünde der Spaltung tilgen«, und »die Kirchen zu spalten ist kein geringeres Übel als der Irrlehre zu verfallen« (Hl. Johannes Chrysostomos).

4. Mit demselben Geiste des Interesses für die Einheit aller, die an Christus glauben, haben wir auch an der Ökumenischen Bewegung unserer Tage teilgenommen. Diese Beteiligung stützte sich auf die Überzeugung, daß die Orthodoxen nach Kräften zur Wiedererlangung der Einheit beitragen sollen, indem sie das Zeugnis der einen, ungeteilten Kirche der Apostel, der Väter und der Ökumenischen Konzilien geben. In der Zeit der großen Schwierigkeiten hegten wir die Erwartung, daß die Orthodoxe Kirche auf die Solidarität seitens aller an Christus Glaubenden rechnen könne, zumal sie immer als das maßgebliche Ideal dieser Bewegung propagiert worden war.

Mit großem Kummer und tiefer Besorgnis stellten wir fest, daß einige Kreise im Schoße der Römisch-Katholischen Kirche Aktionen unternehmen, die dem Geist des Dialogs der Liebe und der Wahrheit diametral entgegengesetzt sind. Bei den ökumenischen Begegnungen und den bilateralen theologischen Dialogen hatten wir von Anfang an stets mit allen aufrichtige Beziehungen und erwarteten nach dem Zusammenbruch der atheistischen kommunistischen Regime, von denen viele Orthodoxe Kirchen so grausam gequält und verfolgt worden waren, brüderlichen Beistand oder wenigstens Verständnis für die nach 50 oder sogar 70 Jahren harter Verfolgungen schwierige, in ökumenischer und pastoraler Hinsicht oft auch tragische Situation dieser Orthodoxen Kirchen.

Stattdessen wurden die traditionell orthodoxen Länder als »Missionsgebiete« angesehen, und so wird in ihnen eine missionarische Organisation aufgebaut und ein Proselytismus geübt, der sich - zum Schaden des ersehnten Weges zur christlichen Einheit - all jener Methoden bedient, die seit Jahrzehnten in der gesamten Christenheit verurteilt und verworfen wurden. Insbesondere erwähnen und verurteilen wir das zu Lasten unserer Kirchen erfolgende Wirken der zur Kirche Roms gehörenden Unierten in der Ukraine, in Rumänien, in der Ostslowakei, im Mittleren Osten und anderswo. Dadurch ist eine Situation entstanden, die mit dem Geist des Dialogs der Liebe und der Wahrheit, den die Führer der Christenheit ewigen Angedenkens, Papst Johannes XXIII. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras I., begonnen und vorangetrieben haben, gänzlich unvereinbar ist und ihm eine sehr ernste und schwer zu heilende Wunde zugefügt hat. In der Praxis hat sich dieser Dialog schon auf die Diskussion über das Thema des Uniatentums beschränkt, bis ein Einvernehmen in dieser Frage erreicht wird.

Dasselbe gilt auch für bestimmte Fundamentalisten und Protestanten, die bereit sind, in jenen orthodoxen Ländern, die unter kommunistischem Regime gestanden haben, »zu predigen«. Wir halten es für unannehmbar, diese Länder als »Missionsgebiet« zu betrachten, denn das Evangelium ist dort vor vielen Jahrhunderten verkündet worden, und die Gläubigen dieser Länder haben oft sogar ihr Leben für den Glauben an Christus geopfert.

Was dieses Thema anbelangt, so erinnern wir daran, daß wir Orthodoxe jede Form des Proselytismus, der klar von Evangelisation und Mission unterschieden werden muß, uneingeschränkt verurteilen. Der Proselytismus, der sich gegen schon christianisierte und invielen Fällen eben orthodoxe Völker richtet, teils durch materielle Verlockungen, teils durch verschiedene Formen von Gewalt, vergiftet die Beziehungen der Christen und beschädigt den Weg zu ihrer Einheit. Die Mission dagegen, die in nichtchristlichen Ländern und unter nichtchristlichen Völkern ausgeübt wird, stellt eine heilige Pflicht der Kirche dar, die jede Unterstützung verdient. Ein solches Werk orthodoxer Mission geschieht heute in Asien und Afrika und ist jeder Förderung wert, und zwar sowohl auf gesamtorthodoxer wie auch auf gesamtchristlicher Ebene.

5. Bewogen vom Geist der Versöhnung nimmt die Orthodoxe Kirche schon seit vielen Jahren tatkräftigen Anteil an dem Bemühen zur Wiederherstellung der christlichen Einheit, die ein ausdrückliches und unumgängliches Gebot des Herrn darstellt (Jo 17,21). Die Mitgliedschaft der Orthodoxen Kirche in ihrer Gesamtheit am Ökumenischen Rat der Kirchen hat ausschließlich dieses Motiv; darum mißbilligt sie jede Tendenz zur Unterordnung dieses erstrangigen Zieles unter andere Interessen und Bestrebungen. Aus diesem Grund lehnen die Orthodoxen bestimmte gegenwärtige Strömungen im Rahmen des Ökumenismus wie z. B. die Weihe von Frauen zum Priesteramt oder den Gebrauch einer inklusiven Sprache über Gott ab, die ernste Hindernisse für die Wiederherstellung der Einheit verursachen.

In demselben Geiste der Versöhnung beten wir darum, daß der festgestellte Fortschritt in einigen Dialogen, wie der mit den Östlichen Orthodoxen Kirchen (Nichtchalkedonier), nachdem alle noch vorhandenen Hindernisse beseitigt sein werden, zu einem glücklichen Ergebnis führe.

6. Und nun, indem wir unsere Überlegungen angesichts des Endes des zweiten nachchristlichen Jahrtausends und der auch von uns geteilten Hoffnungen und Ängste der ganzen Menschheit insbesondere den allgemeineren Problemen der gegenwärtigen Welt zuwenden, stellen wir folgendes fest:

Der rapide Fortschritt der Technologie und der Wissenschaften, welche die Mittel sind, das Leben der Menschen zu bessern und Leid, Elend und Krankheiten zu lindern, wird leider nicht immer von einer entsprechenden geistigen und moralischen Grundlage begleitet. Infolgedessen ist der erwähnte Fortschritt nicht ohne ernste Gefahren.

So verstärkt im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen die Anhäufung der Privilegien dieses Fortschritts und die daraus sich ergebende Macht nur für einen Teil der Menschheit das Elend der übrigen Menschen und schafft Herde des Aufruhrs oder auch von Kriegen. Die Koexistenz dieses Fortschritts mit der Gerechtigkeit, der Liebe und dem Frieden ist der einzig sichere und zuverlässige Weg, damit dieser Fortschritt nicht von Segen in Fluch für das kommende Jahrtausend umschlägt.

Gewaltig sind aber auch die Probleme, die sich ergeben aus diesem Fortschritt für das Überleben des Menschen als einer freien Person, geschaffen »nach dem Bild und Gleichnis« Gottes. Der Fortschritt der Genetik schafft, obwohl er einen großartigen Beitrag zur Bekämpfung vieler Krankheiten leisten kann, die Möglichkeit, daß der Mensch von denjenigen, die dazu in der Lage sind, aus einer freien Person in ein gelenktes und kontrolliertes Objekt verwandelt wird.

Ähnlich sind auch die Gefahren für das Überleben der natürlichen Umwelt. Die unüberlegte und eudämonistische Ausbeutung der materiellen Schöpfung durch den Menschen mit Hilfe des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts hat schon begonnen, eine irreversible Katastrophe in der natürlichen Umwelt herbeizuführen. Die Orthodoxe Kirche, die angesichts einer solchen Katastrophe nicht indifferent bleiben kann, ruft durch uns alle Orthodoxen dazu auf, den ersten September eines jeden Jahres, den Tag des Anfangs des Kirchenjahres, dem Gebet und dem Flehen für die Rettung der Schöpfung Gottes und der Aneignung jener Haltung zur Natur zu widmen, welche die Göttliche Eucharistie und die asketische Tradition der Kirche gebieten.

7. Inmitten solcher großen Möglichkeiten, aber auch Gefährdungen der heutigen Menschheit begrüßt die Orthodoxe Kirche jeden Fortschritt zur Versöhnung und Einheit.

Insbesondere begrüßt sie den Weg Europas zu seiner Einheit und erinnert daran, daß in-nerhalb Europas eine große Anzahl von Orthodoxen lebt, während sie zugleich erwartet, daß Europa in Zukunft noch mehr Orthodoxe aufnehmen wird. Es darf nicht in Vergessenheit geraten, daß die Länder Südosteuropas mehrheitlich von orthodoxen Völkern bewohnt werden, die entscheidend zur Gestaltung der europäischen Kultur und des europäischen Geistes beitragen. Diese Tatsache macht unsere Kirche zu einem entscheidenden Faktor in der Gestaltung des geeinten Europa und mehrt ihre Verantwortung.

Wir sind zutiefst betrübt über den brudermordenden Konflikt zwischen den Serben und den Kroaten in Jugoslawien und alle seine Opfer. Wir sind der Auffassung, daß er von den Führern der Römisch-Katholischen Kirche und von uns allen besondere Vorsicht, pastorale Verantwortung und gottgegebene Weisheit verlangt, wenn der Mißbrauch der religiösen Empfindungen durch politische und nationale Anliegen verhindert werden soll.

Unsere Herzen begegnen auch mit besonderem Verständnis allen Völkern, die in den anderen Kontinenten für ihre Würde, ihre Freiheit und ihre Entwicklung in Gerechtigkeit kämpfen. Wir beten besonders um den Frieden und die Versöhnung in der Region des Mittleren Ostens, dort, wo der christliche Glaube geboren wurde und Völker verschiedener Religionen zusammenleben.

8. Indem wir dieses in der Liebe des Herrn am heiligen und großen Sonntag der Orthodoxie verlautbaren, rufen wir alle frommen orthodoxen Gläubigen in der ganzen Welt zur Einheit um ihren kanonischen Hirten und diejenigen, die an Christus glauben, zu Versöhnung und Solidarität angesichts der heute die Welt bedrohenden Gefahren auf.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes des Vaters und die Ge-meinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen (2 Kor 13,13). Amen.

Im Phanar, im Patriarchat, am Sonntag der Orthodoxie, dem 15. März 1992.

DIE VORSTEHER DER ORTHODOXEN KIRCHEN

(Übersetzung aus dem Griechischen von Anastasios Kallis)


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