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Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel


Sendschreiben des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel
"An die Kirchen Christi überall".

Januar 1920

"Habt einander inbrünstig lieb aus reinem Herzen!" (Petr. 1, 22)

Unsere eigene Kirche ist der Meinung, daß die gegenseitige Annäherung und ein Bund der verschiedenen christlichen Kirchen durch die zwischen ihnen bestehenden dogmatischen Unterschiede nicht verhindert wird und daß ein solches Zusammenrücken höchst erwünscht, notwendig und in vieler Beziehung nützlich ist für das recht verstandene Wohl jeder Teilkirche wie des gesamten Leibes Christi und zur Vorbereitung und Erleichterung einer - mit Gottes Hilfe - dereinst vollständigen und gesegneten Einigung. Sie hält den gegenwärtigen Zeitpunkt für sehr geeignet, diese wichtige Frage aufzuwerfen und gemeinsam zu untersuchen.

Wenn es auch geschehen kann, daß aus alten Vorurteilen, Gewohnheiten und Ansprüchen sich die gleichen Schwierigkeiten ergeben, die so oft das Einigungswerk vereitelt haben, so werden u. E. für die bloßen, zunächst in Frage kommenden Kontakte und Annäherungen die Erschwerungen insgesamt weniger ernst sein: Wenn guter Wille und Neigung vorhanden sind, so können und dürfen sie keine unüberwindlichen Hindernisse bilden.

Wir glauben daher, daß dies Werk durchführbar und mehr als je zeitgemäß ist, nachdem der Völkerbund unter einem guten Vorzeichen gegründet wurde. Wir schicken uns voller Hoffnung an, unsere Gedanken und Meinung unten darzulegen, wie wir diese Annäherung und diesen Kontakt sehen und für möglich halten. Wir ersehnen und erbitten das Urteil und die Meinung darüber von den übrigen Brüdern im Osten wie von den verehrungswürdigen christlichen Kirchen im Westen überall in der Welt.

Wir glauben, daß folgende zwei Dinge am meisten dazu beitragen können, eine solche wünschenswerte und nützliche Annäherung zu erreichen, durchzuführen und sichtbar zu machen:

Erstens halten wir es für notwendig und unerläßlich, daß alles gegenseitige Mißtrauen und alle Reibungen zwischen den verschiedenen Kirchen beseitigt werden, die durch die unter einigen von ihnen wahrzunehmende Tendenz hervorgerufen werden, Netze auszuwerfen und Proselyten aus anderen Bekenntnissen zu gewinnen. Denn jedermann kennt die unseligen Vorkommnisse, die auch heute vielfältig den inneren Frieden der Kirchen stören, so auch in den Kirchen des Ostens, über die von Angehörigen derselben Religion gerade jetzt neue Leiden und neuer Kummer gebracht wurden. Man weiß, wie groß im Vergleich zu den geringfügigen Erfolgen Haß und Streit sind, den die Proselytenmacher unter anderen christlichen Bekenntnissen entfachen.

Wenn so Aufrichtigkeit und Vertrauen unter den Kirchen wiederhergestellt sind, halten wir es zweitens für das Wichtigste, daß die Liebe zwischen den Kirchen wieder angefacht und gestärkt wird, so daß einer den anderen nicht mehr als Feind und Fremdling, sondern als Verwandten und Hausgenossen in Christus ansieht, als "Miterben und Mitglied der Menschheitsfamilie und als Teilhaber seiner Verheißung in Christus durch das Evangelium" (Eph 3, 6). Wenn die einzelnen Kirchen von der Liebe getrieben werden und sie allem anderen voranstellen in ihrem Urteil über die anderen und in ihrem Verhalten zu ihnen, dann werden sie die bestehende Verschiedenheit nicht erweitern, sondern vermindern können: durch geregelte brüderliche Anteilnahme, insbesondere an der Lage, dem Bestand und Wohlergehen der anderen Kirchen durch eifrige Beobachtung und Erforschung der Vorgänge in diesen Kirchen und ihrer Eigenart und durch stete gegenseitige Hilfsbereitschaft. So werden sie viele gute Taten tun zu ihrem eigenen Ruhm und Nutzen und dem des ganzen Leibes Christi.

Diese Freundschaft und dieses Wohlwollen füreinander können nach unserer Meinung in folgender Weise im einzelnen bezeugt werden:

Solch ein offener und lebendiger Austausch zwischen den Kirchen würde wertvoll und nützlich für den ganzen Leib der Kirche sein. Denn Gefahren aller Art bedrohen nicht mehr nur diese oder jene Teilkirche, sondern die Kirche in ihrer Gesamtheit, da sie die tiefste Wurzel des christlichen Glaubens und den gesamten Aufbau christlichen Lebens und christlicher Gemeinschaft angreifen.

Der soeben beendete furchtbare Weltkrieg hat viel Ungesundes im Leben der christlichen Völker ans Licht gebracht und in vielen Fällen einen großen Mangel an Ehrfurcht vor den Prinzipien des Rechts und der Humanität enthüllt und so die vorhandenen Übel verstärkt, dazu noch neue Übel von stärkerer praktischer Bedeutung hervortreten lassen, welche große Aufmerksamkeit und Sorgfalt von seiten aller Kirchen erfordern: die tägliche Zunahme des Alkoholismus; das Anwachsen von überflüssigem Luxus unter dem Vorwand, das Leben schöner und genußreicher zu machen; die unter dem Mantel der Freiheit und Emanzipation des Fleisches kaum verborgene Sinnlichkeit und Verzärtelung; Unanständigkeit in Literatur, Malerei, im Theater und in der Musik unter dem ehrbaren Namen der Entwicklung des guten Geschmacks und der Pflege feiner Kunst; Vergötterung des Reichtums und Verachtung höherer Ideale. All dies und ähnliches, was ernste Gefahren für das Leben der christlichen Gemeinschaften enthält, sind Fragen des heutigen Tages, die ein gemeinsames Studium und die Zusammenarbeit der christlichen Kirchen erfordern.

Schließlich dürfen die Kirchen, die den heiligen Namen Christi tragen, nicht in größerem Maße Sein neues und großes Liebesgebot vergessen und vernachlässigen und jammervoll zurückbleiben hinter den politischen Mächten, die in der Tat den Geist des Evangeliums und die Lehre Christi sorgfältig anwendeten und unter günstigen Vorzeichen bereits den Völkerbund gegründet haben zur Verteidigung des Rechts und zur Pflege der Liebe und des Einvernehmens unter den Völkern.

Aus allen diesen Gründen und in dem sehnlichen Wunsch, daß die anderen Kirchen unsere oben angeführten Gedanken und Meinungen über die Notwendigkeit eines solchen Kontakts und solcher Gemeinschaft zwischen den Kirchen - wenigstens als einen Anfang - teilen, bitten wir eine jede Kirche in aller Welt, uns ihr Urteil und Denken hierüber bekanntzugeben, so daß wir, nachdem wir durch gemeinsame Einwilligung und Entscheidung das Werk abgesteckt haben, auch zusammen sicheren Schrittes zu seiner Verwirklichung schreiten können und so "Wahrheit übend in Liebe wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke, wodurch eins dem anderen Handreichungen tut - nach dem Werk eines jeden Gliedes in seinem Maße - und macht, daß der Leib wächst zu seiner Auferbauung in der Liebe" (Eph. 4,1,5 f.).

Im Patriarchat Konstantinopel, im Januar des Jahres des Heils 1920,

unterzeichnet vom Verweser des Patriarchats, Metropolit Dorotheos

(und den weiteren Metropoliten).


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