Dokumente : Russische Orthodoxe Kirche


Botschaft des Bischofskonzils der Russischen Orthodoxen Kirche vom 23. Februar 1997

Im Herrn geliebte allehrwürdige Hirten, gottgeliebte Mönche und Nonnen,
und all ihr gläubigen Kinder unserer Heiligen Kirche!

Das Geheiligte Bischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche, das im Moskauer Hl.-Daniil-Kloster vom 18.-23. Februar

stattgefunden hat, wendet sich an das ganze Pleroma unserer Kirche mit den Worten des apostolischen Grußes: "Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich für unsere Sünden dahingegeben hat, daß er uns errette von dieser gegenwärtigen bösen Welt! " (Gal, 1,3.4) Indem wir Gott dafür danken, daß die Arbeiten des Konzils erfolgreich beendet werden konnten, erinnern wir, seine Teilnehmer, die Hirten und die Herde unserer Heiligen Kirche an die Worte des Hiermartyrers Irenaios von Lyon: "Man soll nicht bei anderen die Wahrheit suchen, die man leicht bei der Kirche bekommen kann; denn die Apostel haben - wie ein reicher Stifter in eine Schatzkammer - in sie all dies eingebracht, was zur Wahrheit gehört, so daß jeder, der dies wünscht, aus ihr den Trank des Lebens schöpfen kann" (Gegen die Häresien 3,4,1).

Der Glaube an Christus ist das lebenstragende Erbe, das wir von unseren Vorfahren empfangen haben, das weitergegeben wurde von Geschlecht zu Geschlecht, das erlitten wurde durch den Einsatz von Tausenden und Millionen Menschen im Laufe der ganzen Geschichte des Christentums - angefangen von den Aposteln und endend mit den Martyrern unserer Tage, die ihr Leben für Christus und seine Heilige Kirche hingegen haben.

In der Schar der rußländischen Neumartyrer und Bekenner, die von unserer Kirche verherrlicht worden sind, strahlen jetzt drei neue Sterne: der Patriarchalstellvertreter Metropolit Petr (Poljanskij, 1862-1937), Metropolit Serafim (Æiæagov, 1856-1937) und Erzbischof Faddej (Uspenskij, 1872-1937). In den schlimmen Jahren der Verfolgungen haben sie eine beispiellose Tapferkeit gezeigt und bis in die letzte Minute der Heiligen Russischen Orthodoxen Kirche die Treue bewahrt, der sie ihr ganzes Leben gewidmet haben und deretwegen sie in den Tod gegangen sind. Die Gebetsfürsprache der neukanonisierten Heiligen möge uns alle stärken, das Kreuz unseres Lebens zu tragen, und möge uns auch helfen, der Mutterkirche treu zu bleiben, die der Welt so viele große Bekenner des Glaubens geschenkt hat. In den Stürmen der Welt, umgeben von der Feindschaft und dem wilden Haß der "Söhne dieses Äons" (Lk 16, 8), steht - wie eine unerschütterliche Festung - die "Kirche des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit" (1 Tim 3,15).

Nachdem sie die jahrzehntelange Verfolgung durchlaufen hat, erhebt sich die Kirche heute aus dem Staub, steht vor unseren Augen wieder auf und wird wieder zur Stimme des Volksgewissens, zur wichtigen Motivationskraft der geistlichen Wiedergeburt in unseren Ländern. Tausende von Kirchen und Klöstern werden wieder errichtet, geistliche Schulen neu geboren, neu geboren wird auch die Mission der Kirche, ihre karitative und ihre Bildungstätigkeit.

Aber wir dürfen uns durch dieses Aufblühen nicht täuschen lassen; wir dürfen nicht vergessen, daß in dieser Welt die Kirche immer verfolgt worden ist und auch in Zukunft verfolgt werden wird. Heute stehen sehr verschiedenartige Kräfte gegen sie auf, die versuchen, sie zu spalten und zu schwächen, ihre Geschlossenheit zu zerstören, Feindschaft und Unglauben unter ihren Gliedern zu sähen, ihre Autorität in den Augen der Menschen herabzusetzen. Auf all diese Versuche antworten wir dadurch, daß Episkopat, Klerus und alle gläubigen Kinder der Kirche einig zu dem Hochheiligen Patriarchen als dem einzigen kanonischen Haupt der Russischen Orthodoxen Kirche stehen.

Unter den Bedingungen der Freiheit wachsen die Möglichkeiten der Kirche für ihre Mission in der Welt unendlich an, aber ebenso wächst auch die Aktivität ihrer Gegner, das heißt, es mehren sich auch die Gefahren, denen jedes einzelne ihrer gläubigen Kinder begegnen muß. Heutzutage sind auch die Hände jener von allen Banden frei, die versuchen, die Gläubigen auf den Pfad des Schismas zu locken, und ebenso jener, die aus dem Ausland kommen mit "mancherlei und fremden Lehren" (Hebr 13,9), wie auch jener, die ein Lebensbild predigen, das mit den ethischen Normen des Christentums nicht vereinbar ist. Einige von ihnen sind zum offenen Kampf mit der Kirche angetreten; andere wiederum versuchen sich unter dem geheiligten Namen einer Kirche zu verstecken und geben das für Christentum aus, was keinerlei Bezug dazu hat.

Von uns wird daher jetzt eine besondere Aufmerksamkeit gefordert, die Verständigkeit, den Geist Gottes von dem Geist der Verführung zu unterscheiden - gemäß dem Wort des Apostels: "Glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind, denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt" (1 Jo 4,1). Unterpfand des Heils möge für uns die Treue zur Kircheneinheit werden, denn nur innerhalb der Schutzmauern der Kirche kann man sich von den Versuchungen dieses Äons bewahren: "So flieht als Kinder des Lichtes der Wahrheit die Spaltung und die schlimmen Lehren! Wo aber der Hirte ist, da folgt als Schafe. Denn viele Wölfe ... nehmen die Läufer Gottes gefangen; in eurer Einheit werden sie keinen Platz haben" (Hl. Ignatios der Theophore, Brief an die Gemeinde zu Philadelphia, 2).

Heute möchten wir allen laut kundtun, daß die Kirche nicht durch menschliche Macht stark ist, sondern durch die Kraft Gottes, welche "sich vollendet in der Schwachheit" (2 Kor 12,9), daß die Kirche auch weiterhin unbeirrt ihre heilige Mission erfüllen wird, das Volk Gottes zu versorgen, indem sie die Menschen erleuchtet mit dem Licht der Wahrheit Christi und auf Erden offenbar macht die Gegenwart des lebendigen Gottes, indem sie lehrt, das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, das Gute vom Bösen, das Licht von der Finsternis. Und keinerlei äußere Mächte können sie daran hindern, denn nach der untrüglichen Verheißung des Erlösers "werden sie die Pforten des Hades nicht überwinden" (Mt 16,18).

Für jene aber, die die Treue zur Mutterkirche zerstört und den Weg des Schismas betreten haben, erweist sich das Wort des Apostels als wahr: "Sie sind von uns gegangen, aber sie waren nicht von uns" (1 Jo 2,19).

Die Kirche steht allen, die gesündigt haben, mit Liebe und Geduld gegenüber und ruft sie zur Buße; wenn aber jemand, der schon in der Sünde verwurzelt ist, diesen Ruf nicht hört und die kirchliche Einheit zerstört, wenn er Verleumdungen gegen die Kirche verbreitet, wenn ein seines priesterlichen Standes entkleideter früherer Geistlicher lästerlicherweise fortfährt, Gottesdienste zu halten, wenn er die Kanones verletzt, dann kann die Kirche nur mit großem Schmerz und Kummer davon Zeugnis ablegen, daß dieser Mensch sich selbst ausgeschlossen hat.

Der Erlöser sagte: "Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein: Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er aber auch auf diese nicht, so sage es der Kirche; hört er auch auf die Kirche nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner" (Mt 18, 15-17).

Von diesem Wort geleitet hat das jetzige Bischofskonzil - in Übereinstimmung mit dem Bischofskonzil von 1994 - den Mönch Filaret (Denisenko), der sich ungesetzlich selbst "Patriarch von Kiev und der ganzen Rus'-Ukraine" nennt, anathematisiert, d.h. aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. Dem gleichen Verdikt wurde auch der frühere Priester Gleb Jakunin unterworfen, der schon vom vorigen Bischofskonzil seines priesterlichen Ranges entkleidet worden war, aber sich dem Aufruf zur Buße verweigerte und lästerlicherweise fortfuhr, Mysterienhandlungen zu vollziehen und die geistlichen Gewänder zu tragen.

Nach Prüfung der antikirchlichen Handlungen der von der Zelebration suspendierten Kleriker Archimandrit Valentin (Rusancev), Archimandrit Adrian (Starina) und Igumen Ioasaf (Õibaev) hat das Geheiligte Bischofskonzil beschlossen, sie aus ihrem Stand auszuschließen und sie zur Buße aufgerufen mit der Ankündigung, daß auch sie aus der Kirche ausgeschlossen werden, wenn sie keine Umkehr zeigen.

Geliebte Väter, Brüder und Schwestern! Inmitten der Prüfungen und Kümmernisse dieser Welt leben wir aus dem Glauben an den endgültigen Sieg des Guten über das Böse und Christi über den Antichristen, an das Kommen jener verheißenen ewigen Seligkeit, da "Gott sein wird alles in allem" (1 Kor 15,18), wenn die Leiden der Menschen zu Ende gehen, da "Gott abwischen wird alle Tränen von ihren Augen, und der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein" (Apk 21,4).

Doch auch in diesem Leben ist der Kirche die Sorge für die Schwachen und Unterdrückten, für die Leidenden und Ausgestoßenen, für die Erniedrigten und Beleidigten aufgetragen. Zur Fürsorge für jene, die in einer erbärmlichen Lage sind, ruft uns Christus selbst, der nach den Worten des ehrwürdigen Simeon des Neuen Theologen "wollte, daß jeder Arme an Seiner Statt angenommen werde, und der sich selbst jedem Armen gleich gemacht hat". Beim Schrecklichen Endgericht wird er uns genau danach fragen, ob wir uns nämlich um die Hungernden, die Dürstenden, um die Obdach- und Kleiderlosen, um die Kranken und Gefangenen gekümmert haben - und in ihrer Person um Christus selbst. Und "dann wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat" (Jak 2,13). Auf jene aber, die die Werke der Barmherzigkeit tun, wird das Wort Christi Anwendung finden: "Kommt, ihr Gesegneten meines Vater, ererbt das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginn der Welt. Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht; ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen" (Mt 25, 34-36).

Wir durchleben eine nicht leichte Zeit grundlegender Umwälzungen in allen Sphären des sozialen, ökonomischen und politischen Lebens unserer Länder. Opfer dieser Umwälzungen werden immer neue Kategorien von Menschen - Rentner und Kinder, die studierende Jugend und die Kriegsdienst Leistenden, Arbeiter und Bauern, Lehrer und Ärzte, Wissenschaftler und die schöpferische Intelligenz. In dieser Situation rufen wir die Kinder der Russischen Orthodoxen Kirche auf, daß "einer die Last des anderen trage" (Gal 6,2), daß alle unermüdlich ein Beispiel des barmherzigen Dienstes an den Nächsten geben und darin unserem Erlöser nacheifern. Wir rufen die Geistlichkeit und die Gläubigen auf, ihre besondere Aufmerksamkeit den Bedürfnissen der Unglücklichen zuzuwenden, alles Mögliche zu tun, um ihre Lage zu erleichtern und ihnen eine wirkliche Hilfe zu leisten in allem, dessen sie bedürfen.

Wir müssen uns auch wieder an die Machthaber wenden, an alle, von denen das Wohlergehen des Volkes abhängt: Kommt denen zu Hilfe, die an der Grenze von Leben und Tod stehen, erleichtert die Leiden der Armen! Menschen, denen über viele Monate hin Pensionen, Löhne und Unterhalt nicht ausbezahlt worden sind, verlieren die Hoffnung auf ein würdiges Leben. Unsere Gesellschaft wird keine Wiedergeburt erfahren, sie wird nicht zu Versöhnung und Einmütigkeit kommen, solange Hungernde ohne einen Bissen Brot bleiben, solange die katastrophale Verarmung von Millionen Menschen weitergeht.

Geliebte Kinder der Heiligen Russischen Orthodoxen Kirche! Wir nähern uns immer mehr dem großen Jubiläum des zweiten Milleniums seit der Ankunft unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus in der Welt. Dieses Datum stellt ein Ereignis von hoher spiritueller Bedeutung für die ganze christliche Welt und für einen jeden einzelnen von uns dar. Wir sind dazu aufgerufen, uns in unserem ganzen Leben darauf vorzubereiten, damit wir dem Herrn eine gute Frucht darbringen können: "Wascht euch, reinigt euch, ... laßt ab vom Bösen; lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, schafft dem Waisen Recht, führet der Witwen Sache" (Jes 1, 16 f.). Hören wir heute auf diese Worte des Propheten, beschreiten wir den Weg der geistlichen Erneuerung, den Weg aktiver Wohltätigkeit.

Indem wir den Segen Gottes auf euch alle herabrufen, Geliebte, legen wir auch noch einmal ans Herz, Christus und seiner Heiligen Kirche die Treue zu halten, vollkommen zu werden in der Erfüllung von Gottes Geboten, damit wir in diesem unserem Leben unserem Herrn Jesus Christus begegnen und im zukünftigen Äon der Seligkeit zusammen mit allen Heiligen gewürdigt werden. "Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen und unerschütterlich machen. Ihm sei die Ehre und die Macht in alle Ewigkeit. Amen!" (1 Petr 5,10-11)


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