Dokumente : Orthodoxie in Deutschland


Wort der orthodoxen Bischöfe Deutschlands zur Fastenzeit 1998

Herr, wie groß sind deine Werke!
Mit Weisheit hast du alle geschaffen,
die Erde ist voll von deinen Geschöpfen (aus Ps 103).

Mit diesen Worten spricht der Psalmist nicht nur die Würde der Schöpfung Gottes an, sondern weist ihr zugleich auch die Aufgabe zu, von Gottes Weisheit und Größe zu künden. Dies gilt unter allen Geschöpfen sicher im besonderen für den Menschen, der nach dem Zeugnis des Buches Genesis geschaffen ist nach dem "Bild und Gleichnis" (Gen 1,27) Gottes selbst: Wenn der liebende Gott seine Schöpfung als Ausdruck seiner Weisheit geformt hat, ergibt sich für uns die immer neue Verpflichtung, alles in unserer Macht Stehende zu tun, daß sie in der Tat "nicht nur schlechthin existiere, sondern auch guten Bestand habe" (Hl. Athanasios der Große).

Gott hat dem Menschen in seiner Gnade den Verstand und den dank ihm gewonnenen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt geschenkt, der uns gerade in unserer Gegenwart immer neue Möglichkeiten erschließt. Allerdings sind dies nicht nur die vielen positiven Möglichkeiten, für die wir unserem Schöpfer danken, sondern es sind auch Möglichkeiten, die die Schöpfung neuen Gefahren aussetzen - Gefahren, die zumeist vom Menschen ausgehen, der in Fortsetzung des paradiesischen Sündenfalls sein will wie Gott und meint, selbst wissen zu können, was gut und was böse ist (Gen 3,5). Dieser Hochmut verführt uns Menschen dazu, unseren Verstand nicht als bescheidene Teilhabe an der Weisheit Gottes zu verstehen, sondern zu meinen, wir könnten mit unserer irdischen Weisheit jene Gottes ersetzen und so autonom eine bessere Welt bauen. Das Ergebnis ist aufs ganze gesehen dann aber nicht nur eine Einschränkung der Lebensqualität der Menschheit, sondern die Vernichtung des Lebens einzelner ihrer Teile aufgrund des Egoismus der anderen - und letztlich die Bedrohung des Lebens aller.

Dies muß unseren entschiedenen Protest als Christen auslösen - einen Protest, der zugleich um die Verpflichtungen weiß, die sich für uns ergeben, wenn unser Protest nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt.

"Der Welt Grundfesten sind des Herrn" (1 Sam 2,8) - So protestieren wir gegen die Vernichtung unserer Mitwelt durch hemmungslosen Abbau der Rohstoffe und Vernichtung der Ressourcen dieser Erde - und wissen darum, daß dies von uns eine Einschränkung unserer Lebensweise und den Verzicht nicht nur auf Luxus, sondern auch auf manche uns lieb gewordene Annehmlichkeit bedeuten kann.

"Hat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?" (Hiob 31,15) - Wir protestieren gegen die Tötung des ungeborenen Lebens im Mutterleib - und wissen darum, daß eine Lösung des Problems nicht den schwangeren Frauen allein aufgebürdet werden darf, sondern daß wir alle in Kirche und Gesellschaft eine Atmosphäre schaffen müssen, in der keine Frau mehr Angst haben muß, mit der Last alleingelassen zu werden, in der jedes Kind, auch das behinderte und das aus einer sozialen Notlage kommende, Annahme und Unterstützung findet.

"Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war gut!" (Gen 1,31) - Wir protestieren gegen ein unbeschränktes Experimentieren mit dem Erbgut von Menschen, Tieren und Pflanzen - und wissen darum, daß dies auch den Verzicht darauf bedeutet, die Welt unseren Vorstellungen nach radikal umzugestalten, sondern daß wir sie vielmehr so annehmen, wie sie uns geschenkt wurde, auch wenn wir in unserem menschlichen Sinnen meinen, sie verbessern und "menschenwürdiger" machen zu können.

"Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt?" (Jak 2,5) - Wir protestieren gegen eine Einteilung der Menschheit in Arme und Reiche, in Rassen und Klassen - und wissen darum, daß dieser Protest verlogen ist, wenn wir nicht bereit sind, von unserem Reichtum denen abzugeben, die hungern, die keine soziale Sicherheit kennen, die am Rande des Existenzminimums - oder auch schon darunter - vegetieren, daß wir werden teilen müssen - mit den Völkern der 3. Welt, aber auch mit den sozial Schwachen, den Arbeits- und Obachlosen im eigenen Land.

Es wäre vermessen von uns, für alle diese Fragen konkrete politische Rezepte anbieten zu wollen, die zu erarbeiten Aufgabe der jeweiligen Experten ist; aber dies enthebt uns nicht unserer Verantwortung: Wir müssen uns und allen Menschen guten Willens immer wieder klar machen, daß eine Welt, in der die Ehrfurcht vor dem Leben herrscht, nicht möglich ist, wenn wir darunter nicht auch und sogar in erster Linie das Leben der anderen verstehen; dies aber kann nur dann in die Tat umgesetzt werden, wenn wir zum Teilen, zur Geschwisterlichkeit, zur Askese und zum Verzicht auf unseren Egoismus bereit sind, auch wenn dies vielleicht schmerzliche Opfer und Einschränkungen bedeutet.

Wir begehen heute den ersten Sonntag der heiligen Vierzig Tage, die uns vorbereiten auf die würdige Feier des Ereignisses, das in der Tat eine echte Neuschöpfung und der Anbeginn des neuen Lebens ist, nämlich der Auferstehung unseres Herrn und Erlöers.

Helfe uns Gott, daß die nun begonnene Fastenzeit zum Beginn eines Umdenkens im Hinblick auf unseren Umgang mit unseren Mitgeschöpfen werde, damit wir durch unser Handeln die Weisheit dessen offenbar werden lassen, der diese Welt geschaffen hat, der auch wir angehören dürfen.

Metropolit Augoustinos von Deutschland
Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Exarchat von Zentraleuropa

Erzbischof Sergij von Eukarpia
Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa

Bischof Gabriel von Palmyra
Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien / Exarchat für Westeuropa

Erzbischof Longin von Klin
Ständige Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland

Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland
Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats

Bischof Konstantin für Mitteleuropa
Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

Metropolit Dr. Serafim von Deutschland und Zentraleuropa
Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland und Zentraleuropa

Metropolit Simeon von West- und Mitteleuropa
Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa

München, 8. März 1998 - Am Sonntag der Orthodoxie


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