Dokumente : Panorthodoxe Gremien


Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe in Deutschland zum Sonntag der Orthodoxie 1997

"Nun ist sie da,
begonnen hat der Kämpfe Zeit,
des Fastens Rennbahn.
Lasset uns allesamt bereitwillig
damit beginnen,
die Tugenden als Gaben
tragend vor den Herrn."

Mit diesem Aufruf des bedeutendsten Theologen des Bilderstreites, des heiligen Theodoros Studites, eröffnet, liebe Schwestern und Brüder, die Orthodoxe Kirche die Große Fastenzeit, indem sie zugleich das Fest ihrer Identität feiert, des Sieges der Wahrheit des Heils gegen die Macht der Finsternis.

Sie begeht den "Sonntag der Orthodoxie" in dankbarer Erinnerung an die empfangenen Gaben Gottes, dessen Geist sie in die ganze Wahrheit führt (Jo 16,13). Nicht triumphalistische Siegeseuphorie gibt den Ton an, sondern dankbare Demut, verbunden mit der Aufforderung zum geistigen Kampf: zur Reue, Buße, zum Fasten und tugendhaften Leben. Das ist die Vorbereitung auf das "Fest aller Feste", der Weg zur Auferstehung des Herrn, die das Zentrum des christlichen Glaubens ist.

Die bahnbrechenden Umwälzungen der letzten Jahre, die Gott den Menschen in Ost und West geschenkt hat, verlangen eine selbstkritische und demütige Haltung, damit sie als eine Chance zu einer hoffnungsvollen Zukunft des Menschen und der Schöpfung überhaupt erkannt werden. Mit Betrübnis müssen wir aber erfahren, daß dem Ende des Kalten Krieges, das die Herzen der Menschen mit Frohsinn erfüllt hat, Auseinandersetzungen folgen, die Enttäuschung, Resignation und Feindschaft bringen. Die Konflikte und Auseinandersetzungen, die der totalitären Ordnung folgten, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Massenarbeitslosigkeit, die belastete Perspektive der jungen Menschen, die Benachteiligung der Frau, die Mißachtung der Kinder, die Fremdenfeindlichkeit, die Gewaltanwendung, die sozialen Konflikte selbst in Ländern, in denen Wohlstand und nominell Frieden herrschen, und der Raubbau an den Lebensgrundlagen künftiger Generationen fordern uns auf, innezuhalten und in Reue und Demut das eigene Verhalten selbstkritisch zu überprüfen.

Erst dann ist der Weg zur Versöhnung frei, die Frieden und Gemeinschaft stiften, Wunden heilen, Unrecht gestehen und verzeihen, Feindschaft überwinden und Vertrauen wachsen lassen kann, so daß sich verfeindete Völker versöhnen, Täter und Opfer miteinander sprechen und Menschen unterschiedlicher Kultur, Mentalität, Nation, Konfession und Religion ein friedliches Zusammenleben aufbauen.

Versöhnung ist eine göttliche Gabe, ein Geschenk der Liebe Gottes, "der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute" (2 Kor 5,19). Diese Heilstat der unermeßlichen Liebe Gottes ruft uns zur Umkehr und mahnt die besondere Verantwortung aller Menschen im Versöhnungsprozeß an, der das Kommen des Reiches Gottes bedeutet.

Indem wir unseren Gottesdienst feiern, erbitten und verkünden wir "den Frieden von oben", "nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt" (Jo 14,17), und bekunden, daß jegliche Diskriminierung, Menschenverachtung und Feindseligkeit, die in einer Kirche, Konfession und Religion überhaupt ideologisch begründet ist, einen abergläubischen Götzendienst darstellt, der den alle Menschen verbindenden Glauben leugnet.

Lassen wir uns nicht durch listige Agitatoren verführen! Lassen wir uns das Angebot Gottes zur Versöhnung aufnehmen und tragen wir als einzelne, Familie, Schule, als Gesellschaften und Kirchen dazu bei, daß "der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt" (Phil 4,7), die Herzen, die Gedanken und die Taten der Menschen beflügelt.

Amen.

Metropolit Augoustinos von Deutschland
Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Exarchat von Zentraleuropa

Erzbischof Sergij von Eukarpia
Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa

Bischof Gabriel von Palmyra
Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien / Exarchat für Westeuropa

Erzbischof Longin von Klin
Ständige Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland

Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland
Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats

Bischof Konstantin für Mitteleuropa
Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

Metropolit Dr. Serafim von Deutschland und Zentraleuropa
Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland und Zentraleuropa

Metropolit Simeon von West- und Mitteleuropa
Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa


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