Dokumente : Ökumenische Dialoge


KOMMUNIQUE der 2. Begegnung im bilateralen Theologischen Dialog
zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und derEvangelischen Kirche in Deutschland nach dem Neubeginn in Bad Urach (Bad Urach II)

I.

Die Russische Orthodoxe Kirche hatte für den 23. bis 27. Mai 1998 zum 2. Gespräch in der neuen Reihe des bilateralen Theologischen Dialogs zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland (Bad Urach II) nach Minsk eingeladen. Gastgeber des Dialogs war Seine Eminenz Metropolit Filaret von Minsk und Slutsk, Exarch des Moskauer Patriarchen für ganz Weißrußland. Die Gespräche fanden in der Theologischen Fakultät der Europäischen Humanistischen Universität in Minsk statt. An dem Gespräch nahmen teil :

Die Sitzungen der Dialogberatungen wurden abwechselnd von Metropolit Filaret und Bischof Dr. Koppe moderiert.

II.

Das Thema des bilateralen Theologischen Dialogs hieß: "Die Kirche, das Volk und der Staat in Europa". Es wurde in folgenden Referaten entfaltet:

Bischof Dr. Rolf Koppe: "Kirche, Volk, Nation und Staat im gesellschaftlichen Kontext Europas”
Europa konstituiert sich aus der Symbiose der Völker germanischer, romanischer und slawischer Sprache, die alle vom Christentum geprägt sind. Der Status von Kirchen und religiösen Gemeinschaften muß in den einzelnen Ländern entsprechend ihrer kulturellen Tradition und ihrer Rechtsvorschriften geachtet werden. Gottes Gebote haben ihre Geltung nicht nur für Einzelne, sondem auch für Völker, Nationen und Staaten. Die Konferenz Europäischer Kirchen kann eine gewichtige Brückenfunktion bilden, damit es nicht zum Bruch zwischen Ost und West kommt.

Professorin Larissa V. Glebova: "Kirche und Staat in Weißrußland"
Die jetzige Lage und die Probleme der orthodoxen Kirche in Weißrußland unterscheiden sich wesentlich von der Situation in westeuropäischen Kirchen. Während dort eine Abkühlung gegenüber der Religion, einer uralten und vertrauten Institution, zu beobachten ist, wächst in Weißrußland dagegen wegen der jahrzehntelangen Trennung des Volkes von der Kirche das Interesse an ihr als integrierender Kraft. Gegenwärtig werden durch Bemühungen der Geistlichkeit und der orthodoxen Intelligenz, die sich um das weißrussische Exarchat gruppiert, Maßnahrnen zum Aufbau und zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat getroffen. Unter Beteiligung der religiösen Organisationen wird an der Überarbeitung der Gesetzgebung der Republik Belarus, die diese Beziehung regelt, gearbeitet. - Die Beziehungen zwischen dem Ministerium fiir Bildung und Wissenschaft der Republik Belarus und dem weißrussischen Exarchat werden auf einer neuen Ebene gestaltet. Das Exarchat hat die Aufnahme der religionskundlichen und theologischen Disziplinen in das staatliche Ausbildungssystem initiert mit dem Ziel, in der Gesellschaft eine positive Einstellung gegenüber der für Weißrußland traditionellen Glaubenslehre im Bereich der Volksbildung als ersten Schritt zur Erziehung der Bürger in ihrem Vaterland zu erreichen.

Erzpriester Vladimir Mustafin: "Kirche und Gesellschaft"
Die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft werden durch Ideen der Christianisierung und Verkirchlichung charakterisiert. Dabei sollen nicht nur Menschen christianisiert werden, sondern auch öffentliche Institutionen und die gesamte Struktur der Gesellschaft. Das wichtigste Mittel, das von der Kirche zur Christianisierung der Menschen verwendet werden soll, ist die Anwendung verschiedener Formen der Aufklärung im Geiste der christlichen Glaubenslehre; zur Christianisierung der öffentlichen Institutionen und des gesamten öfFentlichen Lebens ist die Vervollkommnung des Rechts im Geiste der christlichen Moral notwendig.

Oberkirchenrat Claus-Jürgen Roepke: "Die Zerrissenheit der Völker und die Berufung zur Einheit des Volkes Gottes. Bibelarbeit über Genesis 1 1 und Apostelgeschichte 2"
Die Hybris der Menschen, sich "einen Namen machen" zu wollen, fördert auch in der Gegenwart in verschiedenen Völkern nationalistisches und chauvinistisches Gedankengut. Die Gemeinschaft, die der Heilige Geist immer wieder neu unter Christen und Kirchen stiftet, ist intensiver als jede Volksgemeinschaft. Im Zusammenwachsen des neuen Europa ist es die Aufgabe der Kirche, neue Formen der Verständigung und Kommunikation exemplarisch vorzuleben. Durch Zitate orthodoxer und lutherischer Theologen wurde belegt, daß beide Kirchen die Vielfalt nationaler Identitäten bejahen, aber jede Form von Nationalismus und Rassismus ablehnen.

Professor Dr. Christof Gestrich: "Kirche und Staat im Prozeß der Säkularisierung. Europäische Erfahrungen"
Länder wie Deutschland und Rußland gelten heute als säkularisiert, obwohl viele neue Religionen eindringen und ausprobiert werden. Säkularisierung bedeutet Verweltlichung von etwas, das ursprünglich geistlich war. Sie hat viele Erscheinungsformen. Zu den negativen gehört, daß die Säkularisierung nur an den Wirkungen oder Zielen des Glaubens interessiert ist, nicht aber an den christlichen Grundlagen. Weil aber die Wurzeln nicht mehr gepflegt werden, drohen die Früchte zu verkümmern Eine weitere negative Erscheinung ist, daß die Säkularisierung, statt das Weltliche vom Geistlichen zu unterscheiden, das Weltliche vom Geistlichen völlig abtrennt. Oft wird hinterher aber der verweltlichte Bereich wieder religiös oder pseudo-religiös überhöht. Dagegen sollte sich die Kirche in ihrer Glaubenslehre und in ihrer Praxis selbst um die rechte Unterscheidung des Geistlichen und des Weltlichen bemühen. Sie sollte eine eigene Theologie und Anerkennung des Weltlichen entfalten, um so dem schlechten Säkularismus die Spitze abzubrechen.

Priester Vsevolod Tschaplin: "Kirche in Europa und die europäische Integration"
Es geht um zwei Fragen: a) Welches historische Gepäck begleitet die russisch-orthodoxen Christen auf ihrer Reise in das neue Europa und b) wie bewertet man in der heutigen Russischen Orthodoxen Kirche die europäischen Integrationsprozesse sowie die Tätigkeit der europäischen internationalen Organisationen? Die Grenzen Rußlands und Zentraleuropas fielen in der Vergangenheit über weite Strecken mit der Trennungslinie zwischen dem westlichen katholisch-protestantischen und dem östlichen orthodoxen Christentum zusammen. Sie sind auch jetzt erhalten geblieben und werden bis zum Ende des Jahrhunderts erhalten bleiben. Die Russische Orthodoxe Kirche ist bestrebt, am europäischen Integrationsprozeß teilzunehmen und Frieden und Einheit zu schaffen. Dabei muß sie sowohl die von Gott gebotene Mission zur Schaffung von Frieden und Einheit als auch den Willen ihrer Gläubigen in Bezug auf diese Prozesse berücksichtigen. Dabei trägt man auch Sorge um die Erhaltung der nationalen Eigenart jedes Volkes. Ein Hindernis zur Vereinigung Europas ist der eingeschränkte Zugang einiger europäischer Länder und Völker zu den Strukturen der internationalen Entscheidungsprozesse, die von der Europäischen Union und der NATO kontrolliert werden.

Oberkirchenrat Michael Mildenberger: "Versöhnung in Europa - Aufgabe der Kirchen in der Ukraine, in Belarus, Polen und Deutschland"
Die bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union trifft in der Region PolenBelarus/Ukraine auf eine komplexe Situation ethnischer und konfessioneller Vielfalt, gestaltet und zugleich zerrissen durch das jahrhundertalte Gegenüber von westlicher und östlicher Orientierung in Kirche, Kultur und Politik. Die aktuellen wirtschaftlich-sozialen und geistigen Herausforderungen lassen Befürchtungen einer neuen Konfrontation wach werden. In dieser Situation haben die Kirchen den Auftrag, für Versöhnung und Verständigung einzutreten. Ihr Zeugnis fiir die Versöhnung kann freilich nur glaubwürdig sein und Geltung gewinnen, wenn es auch für sie selbst gilt und Versöhnung in ihrem Verhältnis untereinander sichtbar wird.

Ökumenereferent Karl F. Kruschel: "Ökumene als Chance der Versöhnung zwischen Kirchen und Völkern in Europa - Partnerschafts- und Projektarbeit".
Mehr als 500 Partnerschaften zwischen evangelischen Gemeinden in Deutschland und orthodoxen Gemeinden auf dem Gebiet der GUS sind ein exemplarischer Beitrag zur Versöhnung vor Ort. Sie öffneten allen Beteiligten die Augen für den Glauben der Partner und Partnerinnen aus der anderen Kirche und weiteten den Blick für ganz Europa. Partnerschaftsarbeit, Praktikantenaustausch und Aufbauarbeit sind für die Zukunft eine große Chance im gemeinsamen Haus Europa.

III.

Die Diskussion bezog sich hauptsächlich auf folgende Themen :

1. Kirche und säkularisierte Gesellschaft
Es wurde festgestellt, daß die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft die Kirchen vor besondere Aufgaben stellt. Die Kirchen leben auf der einen Seite in Gesellschaften, die mehrheitlich vom Glauben, von Gott und von kirchlichen Traditionen wenig oder nichts wissen und die ihr Zusammenleben nicht nach christlichen Werten gestalten. Auf der anderen Seite ist dieses "geistliche Vakuum" mit einer Vielzahl von Ideen unterschiedlicher religiöser und pseudo-religiöser Gruppierungen ausgefüllt. In dieser Situation sollten die Kirchen nicht nur eine Gefahr, sondern auch die Möglichkeit sehen, sich am gesamtgesellschaftlichen Dialog zu beteiligen und gemeinsam mit anderen gesellschaftlichen Gruppen die Gesellschaft zu gestalten. Gerade was die Grundwerte einer Gesellschaft, z.B. die Spiritualität, die Sittlichkeit, die Rechtskultur, Bildung und Kultur, die Gestalt des politischen Lebens und die sozialen und moralischen Prozesse angeht, sind die Beiträge und die Mitwirkung der Christen unverzichtbar. Gleichzeitig sollten sie sich aber hüten, in ihrem eigenen kirchlichen Leben durch eine falsch verstandene allgemeine Liberalität biblische Grundlagen und christliche Werte in Frage zu stellen und so dem gemeinsamen Zeugnis der Kirchen zu schaden. Die beste Art der Auseinandersetzung mit den verschiedenen religiösen Gruppierungen ist ein einladendes, überzeugendes Zeugnis der Christen in Lehre und Leben. Die Kirchen sind aufgerufen, durch bessere Predigt auf die Herausforderung durch Sondergemeinschaften und Neue Religiöse Bewegungen zu antworten und die Gläubigen, die Gesellschaft und den Staat über deren Gefahren aufzuklären.Während die orthodoxe Seite stärker die Hoffnung formulierte, daß die Kirche als integrierende Kraft eine bedeutende Rolle bei der geistigen Wiedergeburt des Volkes zu spielen habe, betonte die evangelische Seite mehr den begrenzten, aber unverwechselbaren kirchlichen Beitrag in einer Vielfalt gesellschaftlicher Stimmen und Kräfte. Beide Seiten stimmten darin überein, daß mit diesem Thema verbundene Fragen weiter besprochen werden sollten. Dazu gehören das Verhältnis von Evangelium und Kultur, die Säkularisierung und Spiritualität und die Frage nach der Bedeutung und der Auslegung der Heiligen Schrift.

2. Kirche und Staat
Es entspricht dem Evangelium, wenn die Kirchen sich an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beteiligen. In der gegenwärtigen pluralistischen Situation ist der Rechtsstaat religiös und weltanschaulich neutral. Dennoch steht es ihm frei, entsprechend der ihn prägenden Traditionen mit den Kirchen besondere Verträge im Bereich der Diakonie, der Seelsorge, der Schule, der Universität abzuschließen oder ihnen andere besondere Aufgaben im Staat zu übertragen. Die Kirchen streben bei ihren Beziehungen zum Staat nicht nach Macht, sondern leisten der gesamten Gesellschaft einen Dienst. Unter den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften sind gerade die Kirchen berufen, in der ersten Reihe der Verteidiger der Menschenrechte zu stehen. "Wir verurteilen jeden nationalistischen Fanatismus, der ... zur Verfälschung oder zur Vernichtung der kulturellen und religiösen Besonderheiten anderer Völker der Erde und zur Verletzung des heiligen Rechts auf Freiheit und Würde der menschlichen Person und der überall existierenden Minderheiten führt" (Erklärung der orthodoxen Patriarchen vom
26.9.1995 auf der Insel Patmos).

3. Die Kirchen und Europa
Die Teilnehmenden besprachen die gegenwärtige Situation und die Perspektive der gesamteuropäischen Prozesse. Sie erkannten an, daß die Annäherung der Länder und Völker Europas dann positiv ist, wenn die Prozesse der europäischen Integration nicht zur Zerstörung der ethnokulturellen und geistigen Identität der Völker, sondern zu ihrer bestmöglichen Entwicklung und Entfaltung führen. Es ist notwendig, die gerechte Einrichtung des Hauses Europa zu gewährleisten, so daß in diesem Haus jedes Volk zuversichtlich sein kann, daß die es betreffenden bedeutsamen Entscheidungen nicht ohne seine adäquate Beteiligung getroffen werden. Die Gesprächsteilnehmenden sind überzeugt, daß Kirchen und Christen Europas dazu berufen sind, gemeinsam an den gesamteuropäischen Prozessen teilzunehmen, sie geistig zu beleben und sittlich zu verändern. Sie erkennen als positiven Wert das Vorhandensein von verschiedenen Modellen der Beziehungen von Kirche und Staat und Volk in Europa und in der Welt an. Sie sind überzeugt, daß diese im europäischen Integrationsprozeß nicht verlorengehen dürfen, sondern entsprechend dem jeweiligen Willen der Völker und Staaten geachtet werden müssen. Die Gesprächsteilnehmenden haben ihre Sorge geäußert, daß die derzeitigen Verhandlungen und Entscheidungen über die weitere europäische Integration nicht nur zu einem Zusammenwachsen, sondern auch zu neuen Trennungen zwischen Westen und Osten führen könnten. Deshalb ist es notwendig, frühere Feindschaften und Auseinandersetzungen durch Buße zu überwinden und gegenseitige Verständigung und Versöhnung zu praktizieren. Dazu sollten die Möglichkeiten der Konferenz Europäischer Kirchen genutzt werden. Beide Seiten äußerten ihre Befürchtung, daß die Institutionen der Europäischen Union bestrebt sind, unter Ausnutzung ihrer ökonomischen Stä.rke ihre politischen Regeln anderen Ländern, die noch nicht einmal deren Mitglieder sind, aufzudrängen; dabei wird nicht berücksichtigt, daß in Europa und insbesondere in Rußland eine Vielfalt von gesellschaftlichen Lebensweisen existieren, einschließlich islamischer Republiken, die sich nicht nach westeuropäischen Vorbildern vereinheitlichen lassen.

IV

Am Vorabend des Sonntags des Blindgeborenen (Apostelgeschichte 16) besuchten die Teilnehmenden des Minsker Dialog-Treffens die Kathedralkirche zum Heiligen Geist, wo zahlreiche Gläubige die Vesper und den Morgengottesdienst feierten. Auf Bitten von Metropolit Filaret richtete Bischof Dr. Rolf Koppe nach dem Gottesdienst ein Grußwort an die anwesenden Gläubigen. Er erinnerte an die tiefen Leiden der Menschen und die schwere Zerstörung der Stadt während des Zweiten Weltkrieges und dankte Gott für die vielfältigen Zeichen der Versöhnung in den letzten Jahren. Am darauffolgenden Sonntag feierte die Russische Orthodoxe Kirche das Gedenken an die apostelgleichen Heiligen Methodius und Kyrill. Die Mitglieder der EKD-Delegation nahmen an der Göttlichen Liturgie in der Kathedralkirche und an der anschließenden Prozession zum Platz, wo sich einst die älteste Kirche der Stadt erhob, teil. Bischof Dr. Koppe wies in seinem Grußwort auf die hohe Bedeutung der beiden Slawenapostel für die Entwicklung des Christentums in Europa hin. Ihr erfolgreiches Bemühen, den verschiedenen Völkern das Evangelium verständlich zu machen, bleibe ein verpflichtendes Erbe für die ganze Christenheit.

Im Anschluß an die öffentliche Gedenkveranstaltung im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt nahmen die russischen und deutschen Mitglieder des Dialog-Treffens an der Eröffnung des IV. Methodius und Kyrill-Seminars teil, das die Theologische Fakultät der Europäischen Humanistischen Universität von Minsk in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Universität vom 24. bis 26. Mai durchführte. Nach der feierlichen Eröffnung durch Metropolit Filaret und den Grußworten staatlicher Vertreter überbrachte Professor Dr. Karl Christian Felmy in russischer Sprache die Grüße und Glückwünsche der EKD-Delegation. Im Rahmen des Dialog-Treffens kamen die Teilnehmenden auch zu einem Gedankenaustausch mit dem Rektor der Europäischen Humanistischen Universität in Minsk, Anatoly A. Mikhailov, zusammen. Rektor Mikhailov informierte über die Arbeit dieser freien Universität, an der etwa 500 Studenten und Studentinnen studieren. Dabei betonte er die Verpflichtung, die geistigen Werte des christlichen Hmnanismus derjungen Generation zu vermitteln. Im Gespräch wurden Möglichkeiten einer intensiveren Zusammenarbeit mit deutschen Hochschulen und Bildungseinrichtungen erörtert.

Zur Nachmittagssitzung am 25., Mai konnten Metropolit Filaret und Bischof Dr. Koppe auch Metropolit Kyrill, den Leiter des Kirchlichen Außenamtes der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, begrüßen. Metropolit Kyrill nahm am Gespräch der Dialog-Kommissionen teil und nahm die Gelegenheit zu einer Diskussion über aktuelle Fragen der ökumenischen Zusammenarbeit wahr. Er informierte über die Ergebnisse eines Treffens von Vertretem orthodoxer Kirchen Anfang des Monats in Thessaloniki. Zahlreiche Gläubige und Gruppen auch innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche würden die inhaltliche Arbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und die dort praktizierte Form der gottesdienstlichen Gemeinschaft kritisieren. Die Russische Orthodoxe Kirche müsse daher auf eine Strukturreform des ÖRK und eine neue Aufgabenbeschreibung dringen. Vorrangig müsse geklärt werden, ob die allgemeinen westlich-liberalen Standards ethischen Verhaltens für die Christen und Kirchen Priorität hätten oder die aus dem Evangelium gewonnenen christlichen Normen.

In der anschließenden freimütigen Diskussion wurde deutlich, daß dieEKD-Delegation für die Probleme, die gegenwärtig in den  orthodoxen Kirchen zu bewältigen sind, Verständnis hat. Sie befürwortet auch das gemeinsame Bemühen aller im ÖRK zusammengeschlossenen Kirchen um eine Verbesserung der Programmarbeit und eine Weiterentwicklung der Strukturen. Bischof Dr. Koppe unterstrich freilich, daß die Ankündigung der orthodoxen Kirchen, auf der bevorstehenden Vollversammlung des ÖRK mit den nicht-orthodoxen Vertretem und Vertreterinnen nicht mehr im Gebet gemeinsam vor Gott zu treten, aus der Sicht der EKD einen Rückschritt bedeuten würde. Über diese Frage und die kritischen Anfragen an Arbeit und Struktur des ÖRK sollte in den nächsten Monaten gemeinsam mit Vertretem anderer Kirchen intensiv gesprochen werden. Das Verständnis und Vertrauen, das in den bilateralen Dialogen zwischen der ROK und der EKD beziehungsweise dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR seit 1959 gewachsen sei, könne und müsse sich in der Bewältigung der aktuellen Probleme ökumenischer Zusammenarbeit bewähren.

Im Rahmen des Dialog-Treffens wurden die Teilnehmenden auch zu Besuchen in verschiedene Kirchen und Gemeinden in Minsk eingeladen. In der Kirche des heiligen Alexander Nevsky ließen sie sich über die Sonntagsschularbeit, die Gefängnisseelsorge und die diakonische Tätigkeit der Gemeinde informieren. Besonders beeindruckt zeigte sich die EKD-Delegation von der umfassenden kirchlichen und sozialen Arbeit in der neuerrichteten Kirche der "Gottesmutter aller Betrübten Freude" am Stadtrand von Minsk. Dieses weiträumige Kirchenzentrum wurde mit Unterstützung der Evangelischen Kirche von Westfalen und staatlicher Stellen in Nordrhein-Westfalen errichtet. Es umfaßt Räume für die Arbeit der Schwestemschaft, für die diakonische Arbeit und eine Bibliothek. Geplant sind eine Einrichtung fiir Behinderte, eine Arrnenküche und eine große Kirche im Gedenken an die Opfer der Nuklearkatastrophe von Tschemobyl.

Auf dem Begegnungsprogramm der EKD-Delegation stand auch ein Besuch im Intemationalen Bildungs- und Begegnungszentrum, das mit Unterstützung staatlicher, wirtschaftlicher und kirchlicher Stellen in Nordrhein-Westfalen errichtet wurde. Träger des Hauses am Stadtrand von Minsk ist heute ein deutsch-weißrussisches Gemeinschaftsuntemehmen. Am Abend des 26. Mai besuchte die EKD-Delegation das im Bau befindliche "Haus der Barmherzigkeit" der Diözese in Minsk. Sie überzeugte sich von dem hohen Standard dieser im Werden befindlichen diakonischen Einrichtung im Rahmen einer Gemeinde.

V.

Die Gesprächsteilnehmer haben ihre herzliche Dankbarkeit dem Metropoliten Filaret von Minsk und Slutsk und den Mitarbeitern des weißrussischen Exarchats für die erwiesene Gastfeundschaft und Herzlichkeit zum Ausdruck gebracht. Beide Delegationen haben der Christlichen Bildungsstiftung St. Methodius und Kyrill für die technische und organisatorische Mitwirkung bei der Durchführung der Gespräche gedankt, die in den Räumen der Theologischen Fakultät der Europäischen Humanistischen Universität durchgeführt wurden.

Filaret Metropolit von Minsk und Slutsk, Exarch des Patriarchen für ganz Weißrußland

Bischof Dr. Rolf Koppe, Leiter der Hauptabteilung für Ökumene und Auslandsarbeit im Kirchenamt der EKD


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