Dokumente : Ökumenische Dialoge


5. Begegnung zwischen Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz und der Russischen Orthodoxen Kirche (13.-17. Mai 1998)

Auf Einladung von Metropolit Philaret von Minsk und Slutsk, Exarch von Weißrußland, haben vom 13. Bis 17. Mai 1998 in Minsk die fünften theologischen Gespräche zwischen Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche und der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz stattgefunden. Tagungsort war die Theologische Fakultät der Europäischen Universität für Geisteswissenschaften.

Die von Friedrich Kardinal Wetter und Metropolit Philaret geführten Delegationen hatten die Frage nach "Einheit und Vielfalt in der Kirche - Grenzen der Kirche" zum Thema ihrer Gespräche bestimmt.

Die Teilnehmer waren :

Delegation der Russischen Orthodoxen Kirche

Delegation der Deutschen Bischofskonferenz

Das Thema "Einheit und Vielfalt" wurde entfaltet in folgenden Referaten, die der Gesprächsgruppe vorgelegt und eingehend diskutiert wurden:

Werner Löser SJ: "Einheit und Vielfalt in der Kirche"

Der Rektor der Frankfurter Theologischen Hochschule befaßte sich zunächst mit Einheit und Vielfalt im NT: Zwar ist das NT charakterisiert durch eine Pluralität der theologischen Konzepte, die jedoch die Einheit der evangelischen Botschaft nicht aufhebt. Sodann untersucht der Autor die beiden Begriffe nach dem Verständnis des II: Vatikanums und schließlich in der christlichen Ökumene.

Aleksandr Ossipov: "Einheit und Vielfalt im Leben der Kirche"

Professor Ossipov zeichnet zwei Vorstellungen von der Kirche, deren Vermischung seiner Meinung nach zu vielen Mißverständnissen führe: Eine "theozentrische" (Kirche als Einheit des Geistes Gottes) und eine "anthropozentrische" (Kirche als sichtbare Gesellschaft). Zwar deckt sich die zweite Sicht nicht mit der ersten, wird die Kirche zur Karikatur. So können also nur Einheit in der Kirche das Ziel sein, nicht die Einheit der Kirche. "In welchem Grad verhindert die Verschiedenheit der Formen die gegenseitige Verständigung oder stimuliert umgekehrt den Dialog? ", fragt Ossipov abschließend.

Erzpriester Vladislav Tsypin: "Über die Grenzen der Kirche in der orthodoxen Tradition"

Anhand von Zitaten aus den Kirchenvätern (besonders dem Brief des hl. Basilius an Amphilochius) nennt der Autor drei Gruppen von solchen, die sich von der Katholischen Kirche getrennt haben: Häretiker, Schismatiker und "Eigenbrötler" (samoæinniki), deren Rekonziliation auf abgestufte Weise erfolgt, von "Wiedertaufe" über Myronsalbung zur einfachen Buße und Beichte. - Sodann wandte Tsypin sich der Interpretation des 95. Kanons des Trullanums zu, nimmt kritisch Stellung zur Branch-Theorie und skizziert das Selbstverständnis der Russischen Orthodoxen Kirche, besonders auf dem Hintergrund der Altgläubigenfrage.

Albert Rauch: "Einheit in der Vielfalt"

Der Autor macht auf die Einflüsse russischer Theologen und Religionsphilosophen auf die Erneuerung der Ekklesiologie der Römisch-Katholischen Kirche, besonders des II. Vatikanums aufmerksam und nennt dabei unter anderen S. Bulgakov.- Einheit und Vielfalt in der Trinität als Voraussetzung und Urgrund aller Beziehungen, in der Schöpfung als Frucht der Kenosis Gottes im Logos, in der Erlösung als Frucht der Kenosis des Gottmenschen und in der Kirche als Frucht der Ausgießung des Heiligen Geistes, sind die Schritte der theologischen Ausführungen von A. Rauch.

Die Gespräche verliefen in brüderlichem Geiste und freundschaftlicher Atmosphäre. Zu Beginn der gespräche fand eine Pontifikalmesse in der renovierten katholischen Kathedrale von Minsk statt, die von Kardinal Wetter, Kardinal Kazimierz Swiatek sowie dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Dominik Hrusovsky zelebriert wurde. Kardinal Wetter hielt auch die Predigt. Im Anschluß lud der Nuntius zu einem Essen in seinen Amtssitz, an dem auch Metropolit Philaret teilnahm. Die katholische Delegation ihrerseits nahm am Vigilgottesdienst teil, der am Samstagabend von Metropolit Philaret in der orthodoxen Hl.-Geist-Kathedrale gefeiert wurde. Dabei wurde Kardinal Wetter vom Metropoliten zu einer Ansprache an die zahlreich erschienenen Gläubigen eingeladen. Am Sonntagmorgen waren die katholischen Delegierten Gäste bei der Liturgie, die ebenfalls von Metropolit Philaret zelebriert wurde.

Diese Verbundenheit im gemeinsamen christlichen Glauben kam auch im Rahmenprogramm zum Ausdruck, dessen Durchführung von der Theologischen Fakultät unterstützt wurde. Neben orthodoxen Kirchen und Einrichtungen - die St. Peter-und-Paul-Kathedrale, die Aleksandr-Nevskij-Kirche, die Maria-Magdalena-Kirche, die Euphrosinia-Kirche und das Haus der Barmherzigkeit - wurden auch die katholische St. Rochus-Kirche und die katholische Simon-und-Helena-Kirche besucht.

Während der von allen Teilnehmern intensiv erlebten Tage der brüderlichen Begegnung bestand Übereinstimmung in der Überzeugung, daß fortbestehende Trennungen nicht als unüberwindbar anzusehen sind und gute Beziehungen zwischen den Schwesterkirchen der Verkündigung des gemeinsamen christlichen Glaubens nur förderlich sein können.

Philaret , Metropolit von Minsk und Slutsk, Exarch von Weißrußland

Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising


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