Dokumente : Ökumenische Dialoge


Gemeinsame Überlegungen der Orthodox-Altkatholischen Konsultation zur Stellung der Frau in der Kirche und zur Frauenordination als ökumenischem Problem
von Levadia (Griechenland) und Konstancin (Polen) 1996

Vorbemerkung

Die in Konstancin (Polen) verabschiedeten « Gemeinsamen Überlegungen » stellen das Ergebnis der Beratungen dar, welche die an der Konsultation teilnehmenden Personen geführt haben. Die Diskussionen sind jeweils durch die vorgetragenen Referate angestossen worden. Sie konzentrierten sich zunächst auf bestimmte Aussagen oder Thesen der Referate und führten bisweilen zu deren Präzisierung. Sie gingen dann aber in der Regel darüber hinaus und bewegten sich im weiteren Bereich der vorgegebenen und durch das Programm strukturierten Thematik.

Was in der Diskussion im Anschluss an ein Referat jeweils an sachlichen Ergänzungen, an Zustimmung oder Widerspruch zur Sprache gekommen ist, kann hier nicht wiedergegeben werden. Die Herausgeber haben die ursprüngliche Idee, die laufend gemachten Notizen als Gesprächsprotokolle, und zwar mit eingeholtem «Imprimatur» der daran Beteiligten, zu publizieren, bald wieder fallengelassen - dies zugunsten einer Zusammenfassung von Wahrnehmungen mehr genereller Natur, die den auf der Konsultation erreichten Konsens wiedergeben.

Es zeigte sich einmal eine bemerkenswert übereinstimmende Sicht hinsichtlich der Stellung der Frau in der Kirche, wie sie im Verlauf ihrer frühen Geschichte erkennbar ist. Tendenzen, hinsichtlich der vielfältigen ekklesialen Dienste - bis hin zu dem, was wir heute Leitungsaufgaben nennen würden - zwischen Männern und Frauen als Glieder des Leibes Christi aufgrund ihres Geschlechts keinen Unterschied zu machen, sind aus verschiedenen Gründen einer anderen Einschätzung der Frau gewichen. Dabei haben im Zusammenhang mit dem zunehmend sich akzentuierenden öffentlichen Status der Kirche in der Gesellschaft auch deren Einstellungen und Wertvorstellungen hinsichtlich der Geschlechterdifferenz ihre Wirkungen entfaltet und die Möglichkeiten der Frauen, wie die Männer kirchliche Dienste zu übernehmen, eingeschränkt - wenn auch nur teilweise, aber massiv im priesterlichen Dienst. Dieser zunächst soziokulturell bedingte Zustand ist im Lauf des jahrhundertelangen Weges der Kirche auf ihre Vollendung in der Doxa Gottes mit der Aura der Tradition schlechthin umgeben worden. Die Konfrontation mit einer ebenfalls soziokulturell bedingten, heute im europäisch-nordamerikanischen Kontext mächtig aufgebrochenen - Sicht, die auf eine egalitäre Stellung der Frauen drängt, und die Wahrnehmung, dass viele traditionale Kulturen durch die sog. Phänomene des Patriarchalismus und des Androzentrismus geprägt sind, werfen die Frage auf, ob es für den Ausschluss der Frau vom priesterlichen Amt unaufgebbare dogmatische Gründe gibt.

Die Antwort kann nicht einfach aus der Geschichte der Kirche, insofern sie kurzschlüssig mit der hl. Tradition identifiziert wird, abgerufen werden. Anders gesagt, es macht keinen Sinn, Aussagen der Kirchenväter, die in einem bestimmten geschichtlichen und kulturellen Kontext gemacht worden sind, zu verabsolutieren und als direkte Antworten auf Fragen, die sich heutigen geistigen Konstellationen eines kulturellen Kontextes verdanken, auszugeben. Vielmehr ist eine hermeneutische Besinnung gefordert. Auch in diesem Punkt zeigte sich, mit Nuancen im Einzelnen, ein weitgehender Konsens unter den Teilnehmern der Konsultation. Er schloss ein, dass zu einer solchen Besinnung über das fundamentale Phänomen der Geschlechtsdifferenzierung des Menschen auch Überlegungen gehören, die sich Einsichten der Humanwissenschaften oder überhaupt einer modernen Berufspraxis verdanken; die Teilnahme und die Beiträge einer Psychologin und einer Juristin (mit Erfahrungen in der Politik) weiteten in diesem Sinne die Diskussion auf glückliche Weise.

Von den Gründen, die im Westen und im Osten gegen die Ordination von Christinnen zum priesterlichen Amt mit dem Anspruch angeführt worden sind, dass sie sozusagen kultur- oder zeitunabhängig sind, wurden im besonderen jene eingehender geprüft, die einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen der Christusrepräsentation bzw. der «Christusikonizität» des Priesters und seinem männlichen Geschlecht festlegen. Sie erwiesen sich letztlich als unhaltbar. Dasselbe gilt auch für die Argumentation mit den Christus-Adam- und Eva-Maria-Typologien, insofern auch sie in geschlechtsspezifischer Auslegung die Unmöglichkeit einer Ordination von Frauen begründen wollen. Beide Argumentationsmuster reproduzieren zwar formal patristisches Denken, doch sie entsprechen gegen den Anschein nicht der Tradition, insofern sie zulasten der universalen, Männer und Frauen einschliessenden Heilsbedeutung der Menschwerdung des Logos Gottes wie auch zulasten der einzigartigen Würde der Theotokos gehen.

Die Frage der Gleichheit und der geschlechtlichen - nach «sex and gender» unterschiedenen-Differenz von Mann und Frau in all ihren kulturellen und individuellen Streuungen, wie sie von den Humanwissenschaften heute zum Gegenstand von Forschung und (politisch instrumentalisierbarer) Theoriebildung gemacht wird, ist ein komplexes und unübersehbares Thema. Die Tradition der Alten Kirche, der Kirchenväter, die sich in anderen soziokulturellen Horizonten als heute artikuliert hat, kann dazu weder jeweils einheitliche noch in jedem Einzelfall entscheidende Beiträge leisten. Sie bezeugt aber so etwas wie theologische Grunddaten, in deren Zentrum, wie schon erwähnt, steht, dass in der Inkarnation des Logos Gottes in Jesus Christus dieser die Mann und Frau gemeinsame Natur angenommen hat und so umgekehrt Mann und Frau in ihm je ihre volle Gottebenbildlichkeit (vgl. Gen 1,27) wieder geschenkt erhalten.

Wie sich dies im Leben der Kirche konkret auswirkt, ist immer auch von der geschichtlich und kulturell bedingten Fassungskraft der getauften Menschen in der Kirche Gottes abhängig. Die jahrhundertelange Nichtordination von Frauen zum priesterlichen Dienst bzw. die Kritik angelegentlich vorgekommenen priesterlichen Funktionen von Frauen ist gewiss ein geschichtliches Faktum, aber es ist nach der Einsicht der Teilnehmer der Konsultation in die damit zusammenhängenden Begründungsmuster das Ergebnis bestimmter kultureller Faktoren. Wo diese weiterhin dominant sind, wird die Kirche die bisherige Praxis wohl fortführen müssen. Wo diese aber sich verändert haben, stellt sich die Frage eben auf neue Weise.

Wenn die Teilnehmer der Konsultation keine «zwingenden dogmatisch-theologischen Gründe» gegen die Weihe von Frauen zum priesterlichen Dienst erkennen können, heisst das, dass die Ordination von Frauen die Gemeinschaft und Einheit der Kirche oder die Wiederherstellung der zerbrochenen Einheit und Gemeinschaft nicht fundamental zerstören oder in Frage stellen sollte, obschon Einschränkungen in der Praxis durch die nicht voll gewährleistete Austauschbarkeit von Geistlichen gegeben sind.

Die Teilnehmer der Konsultation haben ihre Arbeit ohne Vorgaben nach bestem Wissen und Gewissen und in Treue zu ihren Kirchen geleistet und verstehen sie als einen Beitrag zu einem Meinungsbildungsprozess, der in die Verantwortung der Kirchenleitungen gelegt ist. Sie können und wollen deren Verantwortung nicht abnehmen. Die «Gemeinsamen Überlegungen» befreien selbstverständlich die Kirchen nicht von der eigenen Verantwortung für die Konsequenzen der Einführung der Ordination von Frauen zum priesterlichen Amt. Sie als eine Art von «Freipass» zu verstehen, wäre nicht im Sinne der Konsultation. Auf all die ekklesiologischen Aspekte einzugehen, die bei einem Beschluss zur Einführung der Frauenordination im orthodox-altkatholischen Verhältnis impliziert sind, war aber nicht die Aufgabe der Konsultation.

Urs von Arx (Bern)
Anastasios Kallis (Münster/Bern)


« Gemeinsame Überlegungen »

Die Orthodoxe und die Altkatholische Kirche haben seit der Zeit der Konstituierung der altkatholischen Kirchen in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Gespräche geführt. Sie mündeten in einen offiziellen theologischen Dialog (1975-1987), als dessen Ergebnisse gemeinsame Texte verabschiedet wurden. Diese bekunden die Übereinstimmung der beiden Kirchen in den wesentlichen Fragen des Glaubens auf der Grundlage der gemeinsamen altkirchlichen Überlieferung. Dabei wurde eine Frage, die seither in Folge der gesellschaftlichen Entwicklung zunehmende Aktualität und Bedeutung gewonnen hat, nur kurz berührt, die Frage der Ordination von Frauen zum Priestertum: «Die ungeteilte Kirche hat, abgesehen von der nicht geklärten Einrichtung der Diakoninnen, die Ordination von Frauen nicht zugelassen» (Gemeinsame Texte, V/7).

Diese Situation führte zu einer Konsultation von altkatholischen und orthodoxen Theologinnen und Theologen, die mit dem Segen S. H. des Ökumenischen Patriarchen und des H. H. Erzbischofs von Utrecht die Frage der Stellung der Frau in der Kirche und der Frauenordination als ökumenisches Problem studieren sollten.

Die Thematik wurde in exegetischen, patristischen, kirchengeschichtlichen, systematischen, ekklesiologischen wie auch kulturgeschichtlichen, soziologischen und psychologischen Referaten dargestellt und von der Gruppe diskutiert.

Die Gespräche verliefen in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, der Offenheit und der Ehrlichkeit zu sich selbst und den anderen. Es war eine beglückende Erfahrung, dass sich dabei eine weithin übereinstimmende Einschätzung der gesamten Problematik zeigte.

Die Gruppe kam zu folgenden Überlegungen :

In Treue zum Schatz der Überlieferung verstehen wir diese als einen vom Geist Gottes gewirkten Prozess dynamischer Aktualisierung des Glaubens für das Leben und das Zeugnis der Kirche in ihrer jeweiligen Gegenwart. Das wirft Fragen eines angemessenen Umgangs mit der Überlieferung auf (hermeneutische Frage).

So stellen wir fest, dass die Kirchen heute zu Recht die Würde der Laien und insbesondere der Frauen betonen und es für wichtig halten, dass sie einen angemessenen Platz im Leben und in der Sendung der Kirche einnehmen. Das entspricht dem Umstand, dass die verschiedenen Aufgaben in der Kirche ihre Verankerung in der Zuordnung der Glieder im Leib Christi haben (1 Kor 12).

Im Sinn des obengenannten Verständnisses der Überlieferung haben wir auch die historischen Gegebenheiten, die als Begründungen für den «männlichen Charakter» des Priestertums vorgebracht werden, untersucht: Das männliche Geschlecht des menschgewordenen Sohnes Gottes, Jesu Christi Wahl von Männern in den Kreis der Zwölf, die ausschliessliche Einsetzung von Männern in den priesterlichen Dienst der Kirche, wie auch die damit zusammenhängenden Argumentationen mit Typologien (z.B. Adam-Christus, Eva-Maria) und mit Bild- bzw. Repräsentationsdenken.

Wir sind dabei zur gemeinsamen Überzeugung gekommen, dass keine zwingenden dogmatisch-theologischen Gründe vorliegen, dass Frauen nicht zum priesterlichen Dienst geweiht werden. Bestimmend für unsere Überlegungen war dabei die soteriologische Dimension der Kirche und ihrer Sendung: Das Heil der Menschen und der ganzen Schöpfung in Jesus Christus, in dem sich die neue Schöpfung vollzieht. Im besonderen war die in der Alten Kirche herrschende Überzeugung wegweisend: Nur was angenommen und mit Gott geeint wurde, ist gerettet. Es ist die ganze, Mann und Frau gemeinsame menschliche Natur, die unser Herr angenommen hat.

Im Hinblick auf die Wahrung der Gemeinschaft in der jeweiligen Kirche und auf die angestrebte Einheit der Kirchen sind bei der Beurteilung dieser Frage nicht nur dogmatisch-theologische Gründe von Bedeutung, sondern auch sogenannte nicht-theologische Faktoren, die das pastorale Handeln der Kirche je an ihrem Ort mitbestimmen. Dies und die Verantwortung jeder Ortskirche für die Gemeinschaft der Kirche muss bei Entscheidungen, die Ortskirchen treffen, mitbedacht werden.

Konstancin (Polen), den 13. Dezember 1996


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