Dokumente : Orthodoxie in Deutschland


Aufruf der Kommission der Orthodoxen Kirchen in Deutschland zum Dialog und zur Gemeinschaft

"Löscht den Geist nicht aus" ( 1 Thess 5,19 )

In ihrer Botschaft vom Sonntag der Orthodoxie 1992 haben die Vorsteher der Heiligen Orthodoxen Kirchen alle "Orthodoxen zu einer tieferen, aber auch kanonischen Einheit" aufgerufen, "damit der Leib der Orthodoxen Kirche in dieser Hinsicht nicht als geteilt erscheint" (Absatz 3).

Auf diesem Hintergrund haben wir mit Freude und Zustimmung von den Gesprächen zwischen den Geistlichen der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchates und der Auslandskirche auf dem Territorium Deutschlands und insbesondere von der gemeinsamen Erklärung vom 14. - 16. Dezember 1997 in Naila erfahren und die darin zum Ausdruck gebrachte Hoffnung geteilt, "daß eine weitere fruchtbringende Ausweitung des begonnenen Weges möglich sein wird".

Umso mehr enttäuscht und erschüttert uns die Botschaft des Bischofskonzils der Auslandskirche vom 13. Mai 1998, in der es heißt: "Das Bischofskonzil hält es für notwendig klarzustellen, daß unsere Kirche niemals irgendwelche Verhandlungen über eine Vereinigung mit dem Moskauer Patriarchat geführt hat, was ja die Selbstauflösung der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland bedeuten würde, und es sollte deutlich werden, daß es nicht vorschlägt, gegenwärtig solche Gespräche zu unternehmen".

Wir bedauern diese undialogische Haltung, aus der heraus das Bischofskonzil erneut auch das ökumenische Engagement der Orthodoxen Kirchen angreift und den in vielen Veröffentlichungen der Auslandskirche erhobenen Vorwurf der "Pan-Häresie des 20. Jahrhunderts", des Ökumenismus, bestätigt, der eine Diffamierung aller orthodoxen Kirchen bedeutet, die in Erfüllung des ihnen von Christus auferlegten Auftrages, Gemeinschaft und Einheit zu stiften, sich um eine verantwortliche Mitarbeit in den ökumenischen Gremien bemühen. Daher sah sich das Interorthodoxe Treffen in Thessaloniki am 1. Mai 1998 veranlaßt, in seinem Abschlußdokument einstimmig jene Gruppen zu verurteilen, "die unter dem Vorwand des Themas des Ökumenismus Kritik an der Kirchenführung üben und ihre Autorität unterhöhlen, indem sie auf diese Weise Spaltungen und Schismen innerhalb der orthodoxen Kirche auszulösen versuchen" (Absatz 4).

Daher kann nicht kritiklos hingenommen werden, daß die russische Auslandskirche seit einigen Jahren in eucharistischer Gemeinschaft mit griechischen, bulgarischen und rumänischen schismatischen altkalendarischen Gruppierungen steht und mit ihnen eine Art fundamentalistischer "Gegenorthodoxie" aufbaut.

Wenn wir zudem erfahren, daß derzeit die russische Auslandskirche in Deutschland die Gemeinde des Moskauer Patriarchates in Dresden gerichtlich aus dem von ihr über 50 Jahre genutzten Gotteshaus ausweist, so bestärkt dies unseren Kummer darüber, daß hier nicht der Weg des Ausgleichs und der Verständigung im Geiste der Liebe Christi gesucht wird, sondern der der Spaltung, Abgrenzung und Zwietracht.

Es darf nicht sein, daß dies alles um der Wahrheit willen geschieht, derentwegen auch die Orthodoxen Kirchen als Häretiker verleumdet werden. Für die Identität einer johanneischen Kirche, wie man die orthodoxe bezeichnet, besitzt besondere Priorität die Mahnung des Apostels der Völker: "Wenn ich allen Glauben habe, so daß ich Berge versetzen könnte, habe aber die Liebe nicht, so bin ich nichts!" (1 Kor 13,2).

Wir rufen daher in Übereinstimmung mit der gemeinsamen Botschaft der Vorsteher unserer Kirchen die russische Auslandskirche und die mit ihr verbundenen Gruppen in Griechenland, Rumänien und Bulgarien wie in der Diaspora auf, den Weg in die Gemeinschaft der Orthodoxie zu gehen und von allem abzulassen, mit dem sie die bestehende Spaltung vertiefen und neue Spaltungen hervorrufen, denn - wie der hl. Johannes Chrysostomos meint - "die Kirchen zu spalten ist kein geringeres Übel als der Irrlehre zu verfallen".

"Seht zu, daß keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt,
sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun.
Freut euch zu jeder Zeit!
Betet ohne Unterlaß!
Dankt für alles; denn das will Gott von euch,
die ihr Christus Jesus gehört.
Löscht den Geist nicht aus!
Verachtet prophetisches Reden nicht!
Prüft alles, und behaltet das Gute!
Meidet das Böse in jeder Gestalt!"
( 1 Thess 5,15-22 )

Münster, 9. September 1998

Für den Vorstand der Kommission der Orthodoxen Kirchen in Deutschland
Prof.Dr.Dr. Anastasios Kallis, Vorsitzender


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