Dokumente : Orthodoxie in Deutschland


Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe Deutschlands 1999

"Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?" (Mt 5, 13)

Die Fastenzeit dient der angestrengten Hinwendung zu Christus, der Besinnung auf das, was Er uns vorgelebt und gepredigt hat. Was Er uns zuruft, betrifft uns alle, die wir Christen, d. h. Jünger Christi sind. Die Umsetzung des christlichen Glaubens in praktischen Lebensvollzug ist nicht etwa Sache nur der Mönche, unserer Priester oder unserer Nachbarn. Jeder einzelne von uns ist aufgerufen, in dem Stand, in dem er berufen wurde (1 Kor 7,24), "Salz der Erde" zu sein. Es wäre beschämend, als Christen die Lösung der Probleme dieser Welt von Nichtchristen zu erwarten! Jeder von uns soll sein "Licht vor den Menschen leuchten" lassen (Mt 5,16). Den Weg zeigt uns Christus in der Bergpredigt, deren Seligpreisungen Richtschnur für unser ganzes Leben, besonders aber für die Fastenzeit zu sein haben.

"Selig die Armen im Geist, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3). Mit der "Mutter der Tugenden", der Demut, beginnt und endet unser geistliches Streben. Arm im Geist heißt demütig sein und Gott gehorchen (Chrys. hom. in Mt 15,1). Alle Tugenden nützen uns nichts, wenn wir sie durch Hochmut zunichte machen. Sind wir arm im Geist, füllen wir unseren Geist nicht mit zahllosen Wün-schen, mit Sorgen, Leidenschaften und unserem Ego. Wenn wir uns durch das Gebet von all dem befreien, schaffen wir Armut im Geist, die uns empfänglich für

Gottes Willen macht.

Demselben Zweck dient die Trauer um die Sünden der zweiten Seligpreisung (Mt 5,4). "Die Traurigkeit im Sinne Gottes bewirkt nämlich Sinnesänderung zum Heil" (2 Kor 7,10). Die Sanftmut (Mt 5,5) macht uns gleichfalls sensibel, Gottes Stimme zu hören. Darum geht es auch in der vierten Seligpreisung. "Selig die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden" (Mt 5,6). Die biblische Gerechtigkeit ist keine mechanische und lieblose Anwendung von Gesetzen, sondern hat die Gemeinschaft im Blick, gemeinschaftsorientiertes Verhalten, Rücksichtnahme auf den Schwächeren. Wer nach dieser Gerechtigkeit, d. h. Tugendfülle (Chrys. hom. in Mt. 15,3), verlangt, wird sie erhalten.

Die ersten vier Seligpreisungen haben die innere Haltung beschrieben, mit der wir uns für ein christliches Leben vorbereiten. Die Erfahrung lehrt, daß wir als Menschen, wenn wir uns egozentrisch die Lösung der Probleme ohne Gott zu trauen, nichts wirklich gut machen, selbst wenn wir das Gute wollen. Deshalb ruft uns Christus auf, unseren Geist so vorzubereiten, daß Gott darin Wohnung nehmen kann, wie der Apostel Paulus sagt: "Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?" (1 Kor 3,16) Wenn wir dies verinnerlicht haben, können wir unser Handeln gottgemäß und nicht mehr nur nach unserem eigenen Gutdünken gestalten.

"Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden" (Mt. 5,7). Der Barmherzige darf sich auf ein unvergleichlich größeres Erbarmen freuen als das, das er selbst geübt hat. "Denn die Barmherzigen üben als Menschen Barmherzigkeit, aber sie finden Erbarmen vor dem Gott des Alls. Menschliches und göttliches Erbarmen sind jedoch nicht gleich" (Chrys. hom. in Mt. 15,4). Die Aussicht auf Gottes Erbarmen darf uns bei jeder Tat der Barmherzigkeit jubeln lassen! Und weiter: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden" (Mt 5,9). Wir sollen nicht nur selbst Frieden halten, sondern Streit anderer schlichten. Dabei dürfen wir nicht neue Streit- oder Kriegspartei werden, sondern müssen uns um Gottes Frieden, "den Frieden von oben" bemühen. Wenn wir dies tun, sind wir Nachahmer Christi, dann sind wir Ihm, der Sohn Gottes ist, ähnlich. Nichts soll uns hindern, all dies umzusetzen.

"Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet" (Mt 5,11). Im 1. Petrusbrief (2,19f) finden wir die Erklärung dazu: "Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet?"

All diese Seligpreisungen widersprechen auf den ersten Blick der alltäglichen Erfahrung, und alle sind radikal, verlangen viel. Jeden jedoch, der danach handelt, preist Christus selig, verheißt ihm das Heil. Die Wochen der Fastenzeit geben uns Gelegenheit, unser Denken und Handeln an den Seligpreisungen zu überprüfen und zu ändern. Messen wir unsere Ansichten und Aktionen im Privatleben, im Beruf und in unserem politischen Handeln an der Predigt Christi. Gott zwingt uns nicht dazu. Wir sind frei, auch "Nein" zu sagen. Aber wenn wir nicht alle bereit sind, uns für Gott zu öffnen, dann dürfen wir uns nicht über die vielen Übel in der Welt wundern.

Seien wir das "Salz der Erde", dann gilt auch für uns :
"Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein". (Mt 5,12)


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