Dokumente : Serbische Orthodoxe Kirche


Erklärung der Diözese von Raska und Prizren zu Frieden und Toleranz auf dem Kosovo

Zur friedlichen Lösung der schwierigen Situation auf dem Kosovo und im Metohije :

1. Wir bringen unsere tiefe Sorge über die allgemeine negative Entwicklung der Situation auf dem Kosovo und im Metohije besonders auf Grund der ständigen bewaffneten Konflikte, unter denen vor allem die unschuldige Zivilbevölkerung zu leiden hat, zum Ausdruck. Daher appelieren wir in aller Dringlichkeit an die Vertreter des serbischen wie des albanischen Volkes, alles ihnen Mögliche zu tun, um jede Art von Gewalt zu beenden und dafür zu sorgen, dass alle Konflikte und Probleme friedlich durch einen bedingungslosen Dialog gelöst werden.

2. Wir empfinden großes Mitleid und Sympathie für all die zahlreichen Flüchtlinge, die entführten und verhafteten Personen und alle, die ihr Heim und ihren persönlichen Besitz verloren haben. Der Wert des menschlichen Lebens wie auch die Achtung vor den grundlegenden Menschenrechten und dem Privatbesitz sollten eine Verpflichtung für alle sein, die in der heutigen zivilisierten Welt leben.

3. Wir rufen alle autorisierten Vertreter dazu auf, bei der Lösung der äußerst schwierigen humanitären Lage mitzuhelfen, damit ein normales Reisen und die Versorgung mit Lebensmitteln, mit Medizin und anderen notwendigen Dingen wieder nomal möglich sind. Wir denken, dass die Rückkehr aller Flüchtlinge wie auch die Wiederherstellung ihrer zerstörten Häuser und ihres Besitzes so schnell als möglich durchgeführt und angegangen werden sollten. Wie rufen weiter dazu auf, dass internationalen humanitären Organisationen die Möglichkeit gegeben wird, alle Leidenden frei aufzusuchen, besonders die Verhafteten und Entführten, und dass sie ihnen humanitäre Hilfe leisten können.

4. Wir verdammen entschieden alle Plünderungen von privatem und staatlichem Besitz, besonders die Zerstörung der Heimstätten von Familien, die entweder niedergebrannt wurden, weil man so die Rückkehr der Flüchtlinge verhindern will oder auch aus Rache und Barbarei. Der Schatz des Kosovo und des Metohije spiegelt sich in dem reichen Mosaik seiner kulturellen und ethnischen Verschiedenheit und von daher ist heute, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, jede Gewaltanwendung, besonders gegen die unbewaffnete Zivilbevölkerung, völlig unannehmbar.

5. Wir bringen unser ganz ernstes Bedauern über die Zerstörung religiöser Bauwerke zum Ausdruck. Wir rufen dazu auf, dass alle religiösen Bauwerke, seien sie nun Kirchen, Moscheen, Friedhöfe oder auch andere Bauten von historischem oder kulturellem Wert, in angemessener Weise geschützt und vor Zerstörung bewahrt werden. Das reiche kulturelle und historische Erbe, das diesen Teil des Balkans so einzigartig macht und weltberühmt ist, zu zerstören, ist absolut unzulässig und verdient die ausgesprochene Verurteilung der ganzen zivilisierten Welt. Wir rufen weiter dazu auf, dass den Gläubigen aller drei Konfessionen erlaubt wird, frei ihre heiligen Stätten zu besuchen und ihre religiösen Riten zu vollziehen. Wir appellieren an alle autorisierten Vertreter, Priestern, Imamen und Mönchen und Nonnen zu erlauben, ihre religiösen und humanitären Pflichten ungehindert zu erfüllen.

6. Religiöse Einrichtungen und Institutionen müssen Oasen des Friedens und der Toleranz sein; daher muss jede Form von Gewalt gegen sie verhindert werden. Diese Einrichtungen und Institutionen dürfen nicht für nicht-religiöse und nicht-humanitäre Zwecke genutzt werden. Wir appellieren an die Mitglieder aller drei Konfessionen, besonders an den Klerus, aktiv bei den humanitären Aktionen zu Gunsten der vom Krieg betroffenen Bevölkerung mitzuwirken, und zwar ohne Ansehen dessen, zu welcher nationalen Gruppe und zu welcher Religion sie gehört. Allen Flüchtlingen und Zivilisten, die in religiösen Einrichtungen Zuflucht finden, besonders den Frauen, Kindern und alten Menschen, muss volle Sicherheit garantiert werden.

7. Wir respektieren das Recht jeder Person, ihre eigenen politischen, nationalen oder religiösen Überzeugungen zu haben; gleichzeitig aber rufen wir alle Bürger des Kosovo und des Metohije dazu auf, ihre Positionen in einer friedlichen und zivilisierten Weise auszudrücken und wenigsten ein Minimum an Toleranz auch denen zu erweisen, die mit ihren Auffassungen nicht übereinstimmen.

8. Wir verdammen gleichermaßen jede Gewaltanwendung zu politischen Zwecken. Wir denken, dass alle in dieser Region existierenden Konflikte auf einem friedlichen und demokratischen Weg unter vollständiger Respektierung der Menschenrechte aller Gruppen und Individuen gelöst werden können und müssen.

9. Die endgültige politische Lösung muss durch den Dialog zwischen den bevollmächtigten Vertretern der Völker, die in diesem Gebiet leben, erreicht werden. Um zu einem solchen erfolgreichen Dialog zu kommen, ist es unbedingt notwendig, dass Gewalt und Unterdrückung zuvor beendet werden. Wie auch immer die abschließende Lösung dieser Verhandlungen aussehen mag, muss allen friedlichen Bürgern des Kosovo und des Metohije die kollektive und persönliche Sicherheit und das unveräußerliche Recht zugesichert werden, bei voller Achtung ihrer Menschenrechte in ihren seit Jahrhunderten bewohnten Heimstätten zu bleiben.

10. Wir rufen alle Bürger des Kosovo und des Metohije dazu auf, von jeglicher Gewaltanwendung gegen ihre Nachbarn Abstand zu nehmen und an vertrauensbildenden Maßnahmen zwischen den Mitgliedern aller nationalen Gemeinschaften und Konfessionen mitzuwirken. Trotz aller im Hinblick auf Sprache, Geschichte, Kultur und Religion existierenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen auf dem Kosovo und im Metohije liegt ein friedliches und würdiges Leben wie auch ihr Recht auf persönliche Sicherheit und den Schutz ihres Eigentums im gemeinsamen Interesse aller Bürger.

11. Besonders rufen wir dazu auf, dass das bestehende Erziehungsproblem so schnell wie möglich gelöst wird. Gerade den Jüngsten müssen alle Bedingungen für eine moderne Erziehung eingeräumt werden, die das unveräußerliche Recht jedes menschlichen Wesens ist. Wir rufen dazu auf, dass die Schulen ein Leben in Toleranz und Frieden unterstützen und es inspirieren, und verdammen den Gebrauch der Erziehung zu politischen Zwecken, die interethnischen Hass und Gewalt verbreiten wollen.

12. Ganz entschieden wenden wir uns gegen jede Art religiöser und ethnischer Diskriminierung wie auch gegen Menschenrechtsverletzungen und Repressionen. Wir unterstützen die Idee eines friedvollen gemeinsamen Lebens aller Bürger in gegenseitigem Respekt und in Toleranz. Hier liegt ja die Zukunft, nicht allein dieser Region, sondern des gesamten Balkans und der zivilisierten Welt.

13. Als höchste Repräsentanten der Serbischen Orthodoxen Kirche auf dem Kosovo und im Metohije empfinden wir es als unsere Aufgabe und Verpflichtung, alle möglichen persönlichen Anstrengungen zu unternehmen und unsere Autorität in unserer Gemeinschaft zu nutzen, damit die oben genannten Prinzipien getreulich beachtet und so schnell als möglich angewandt werden. Wir glauben fest daran, dass wir auf diese Art und Weise einen bedeutenden Beitrag dazu leisten können, dass zukünftige Gewalt verhindert und eine friedvolle, demokratische Lösung für das Kosovo-und-Metohije-Problem gefunden wird.

Bischof Artemije von Raõka und Prizren

( Übersetzung aus dem Englischen von Kerstin Keller )


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