Dokumente : Orthodoxie in Deutschland


Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe Deutschlands 2000

"Wir aber verkünden Christus als den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, den Berufenen aber, Juden sowohl als auch Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit!" (1 Kor 1,13 f.)

Zwei Jahrtausende sind seit der Geburt des Erlösers vergangen - zwei Jahrtausende, in denen sich das Evangelium und der christliche Glaube in fast alle Länder der Welt verbreitet haben - aber auch zwei Jahrtausende, in denen sich vielfacher Widerstand gegen die Botschaft der Liebe erhoben hat und die Jünger Christi zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt waren, nicht zuletzt im letzten Jahrhundert.

So gedenken wir zuerst aller Martyrer der vergangenen zwei Jahrtausende, die ihr Leben für die Treue zur Botschaft des Herrn eingesetzt haben und die - wie er - durch ihr Leiden und ihren Tod bezeugten, dass es in dieser Welt höhere Werte gibt als Macht und Gewalt.

Wir sind stolz auf ihr Vorbild - und wissen uns als Christen zugleich ihrem Zeugnis verpflichtet, denn wie für sie gelten auch für uns die Worte des Herrn, die er zu seinen Jüngern aller Zeiten am Vorabend seines Leidens sprach: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht tragt. ... Wenn die Welt euch hasst, wisst, dass sie mich eher als euch gehasst hat. ... Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen" (Jo 15,16.18.20).

So erstreben wir nicht das Lob der Mächtigen dieser Welt, sondern wissen, dass wir - wie es der Apostel der Völker gesagt hat - "das Wort verkündigen" müssen, "sei es gelegen oder ungelegen" (2 Tim 4,2). Gerade in unserer Zeit, einer Zeit gewaltiger technologischer Veränderungen und Umbrüche, die diese Jahrtausendwende prägen und den Weg in die Zukunft des nächsten Milleniums so unsicher machen, ist es notwendig, die Stimme zu erheben: Nicht um den Fortschritt in Technik und Wissenschaft generell zu verdammen und uns auf eine vermeintlich sichere Basis des Althergebrachten zurückzuziehen, sondern um der Welt den Weg zu weisen in eine menschenwürdige Zukunft.

Dieses gewaltige Werk aus eigener Kraft angehen zu wollen, wäre vermessen, wenn wir nicht darauf vertrauen könnten, dass Christus bei uns sein wird "alle Tage bis ans Ende der Zeiten" (Mt 28,20). So dürfen wir darauf vertrauen, dass uns der Herr beisteht, wenn wir seine Botschaft verkünden, jene Botschaft, die er im Gebot der Liebe zusammengefasst hat. Aus diesem Bewußtsein heraus mahnen wir immer wieder die Ehrfurcht vor der Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Würde der Person und des menschlichen Lebens an, die auch dort nicht aufgegeben werden darf, wo die Aussicht auf einen vermeintlichen Nutzen des Menschen versprochen wird. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat der Mensch dank seiner wissenschaftlichen Fortschritte eine solch gewaltige Macht besessen, in die natürlichen Abläufe steuernd einzugreifen und die Welt, deren Mitgeschöpf er ist, radikal zu verändern - bis hin zu ihrer physischen Vernichtung.

Die uneingeschränkte Liebe Gottes, der allein wir verpflichtet sind, gilt aber auch dem "Kleinen und Schwachen" - und ihm sogar in besonderer Weise. Pflicht der Kirche - und das heisst unser aller Pflicht - ist es, gerade für das Lebensrecht, aber auch die Lebensqualität all derjenigen einzutreten, die in unserer Gesellschaft zunehmend in Gefahr stehen, an den Rand gedrückt zu werden -  die ungeborenen Kinder, die Behinderten, die Alten und die unheilbar Kranken, die Menschen in den Entwicklungsländern, die sozial Schwachen, die kinderreichen Familien, die Vereinsamten und die am Leben Verzweifelnden, ja vielfach auch die Kinder und Frauen.

In der Gesellschaft, in der wir leben, zerbrechen immer mehr die alten Wertstrukturen, findet eine Zersplitterung der Sozialordnungen statt, die zu einer immer stärkeren Invididualisierung führt; in dieser Gesellschaft, so will es uns erscheinen, zählen in erster Linie Effektivität, Erfolg und Einkommen, die oft nur erreicht werden durch Abschieben, ja Unterdrückung der Schwächeren, die sich nicht wehren können; in dieser Gesellschaft hat sich eine Selbstbezogenheit des Individuums ausgebreitet, die im Mitmenschen nicht mehr den ebenfalls nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffenen Brüder und die Schwester sieht, sondern oft nur den lästigen Konkurrenten, der unser Wohlergehen und unseren Wohlstand bedroht. Hier müssen wir unsere Stimme erheben!

Allerdings dürfen wir uns nicht auf Kritik an anderen, etwa nur an denen, die politische Verantwortung tragen, beschränken, sondern müssen auch uns selbstkritisch fragen, wie weit wir diesen Strömungen selbst erlegen sind. Vor allem aber dürfen wir nicht tatenlos oder allenfalls verbal kritisierend zusehen, sondern wir müssen selbst aktiv werden im Sinne des Evangeliums: Der soziale Einsatz für die Bedürftigen ist nicht eine Nebentätigkeit der Kirche, sondern eine ihrer Kernaufgaben! Wir fordern daher unsere Gemeinden auf, noch mehr als bisher sich einzusetzen für alle, die in Not sind, ihre Last mitzutragen und ihr Los durch unsere Solidarität und tatkräftige Hilfe zu lindern. Der weitere Auf- und Ausbau von diakonischen Einrichtungen ist nicht etwas, dass wir uns leisten können, nachdem wir andere Vorhaben realisiert haben, sondern er gehört zu den Dingen, die in unseren Bistümern Priorität haben müssen.

Die nun anbrechende Fastenzeit des Jubiläumsjahres 2000 sollten wir nutzen, um darüber nachzudenken, wo gerade auch wir Orthodoxen hier in Deutschland in diese Gesellschaft verändernd hineinwirken können, wo wir auch ihr gegenüber eine Verpflichtung haben - und wie wir diese erfüllen können. Noch niemals haben so viele orthodoxe Christen in diesem Lande gelebt wie zu Beginn des Jahres 2000: Unsere Zahl übersteigt deutlich eine Million Menschen, von denen nun viele schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Damit aber sind die meisten von uns nicht mehr Gäste, Besucher, die sich nur eine begrenzte Zeit hier aufhalten, sondern beständige Bewohner, ja zum erheblichen Teil schon Bürger dieses Landes geworden. Seine Freuden und Erfolge, aber auch seine Probleme und Sorgen sind auch die unseren. Wir können, wollen und dürfen uns der Verpflichtung nicht entziehen, auch in dieser Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen - mahnend und warnend, wo es nötig ist, ermutigend und aufbauend, wo immer es geht, vor allem aber versöhnend und friedenstiftend !

Gerade weil wir uns als Orthodoxe in besonderer Treue zum Evangelium Christi und in der direkten Nachfolge der Alten Kirche sehen, müssen auch wir so handeln, dass man auch von uns sagen kann wie einst von den ersten Jüngern Christi: "Seht, wie sie einander lieben !"

Lüdenscheid, 18. März 2000

Metropolit Augoustinos von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa
Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Exarchat von Zentraleuropa

Erzbischof Sergij von Evkarpia
Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa

i.V. Erzpriester Dr. Elias Esber
Patriarchalvikariat der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien für Westeuropa

Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland
Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche  des Moskauer Patriarchats

Erzbischof Longin von Klin
Ständiger Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland und bei der EU

Bischof Konstantin von Mitteleuropa
Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

Metropolit Dr. Serafim von Deutschland und Zentraleuropa
Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland und Zentraleuropa

Metropolit Simeon von West- und Mitteleuropa
Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa


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