Dokumente : Ökumenische Dialoge


Die orthodoxen Kirchen und ihre Bedeutung für die Westkirchen
Ein Papier des Kölner Ökumenischen Studienkreises

Der Kölner Ökumenische Studienkreis befasste sich im Winterhalbjahr 1999/2000 mit den Orthodoxen Kirchen des Ostens und mit deren Bedeutung für die Westkirchen. Dieses sehr umfassende Thema brauchte natürlich Akzente. Sie wurden zusammen mit kompetenten Vertretern der Orthodoxie, mit Herrn Erzpriester Radu Constantin Miron und Herrn Dipl.-Ing. Alexander Timoschenko, im Studienkreis erarbeitet und festgelegt.

Vielfalt und Differenziertheit der Orthodoxie

Zunächst galt es, die Vielfalt und die Differenziertheit der orthodoxen Kirchen in der Gegenwart wahrzunehmen: Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das Patriarchat von Alexandrien, das Patriarchat von Antiochien, das Patriarchat von Jerusalem, die Russisch-orthodoxe Kirche, die Russisch-orthodoxe Kirche im Ausland, die Serbisch-orthodoxe Kirche, die Rumänisch-orthodoxe Kirche, die Bulgarisch-orthodoxe Kirche, die Georgisch-orthodoxe Kirche, die Orthodoxe Kirche von Zypern, die Orthodoxe Kirche von Griechenland, die Polnische Orthodoxe Kirche, die Japanisch-orthodoxe Kirche, die Orthodoxe autokephale Kirche von Albanien, die Orthodoxe Kirche in der Tschechischen Republik und in der Slowakei, die Finnische Orthodoxe Kirche, das Erzbistum Sinai, die Orthodoxe Kirche in den USA sowie die unkanonischen Orthodoxen Kirchen (z.B. Ukrainische Orthodoxe Kirche Patriarchat Kiew, die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche, Mazedonische Orthodoxe Kirche u.a.). Neben diesen Orthodoxen Kirchen gibt es die Altorientalischen Orthodoxen Kirche, die das Konzil von Chalkedon 451 nicht mehr anerkennen und sich mit der Anerkennung der ersten drei altkirchlichen Konzilien begnügen: die Syrisch-orthodoxe Kirche, die Indische Orthodoxe Syrische Kirche, die Koptische Orthodoxe Kirche, die Armenische Apostolische Kirche, die Äthiopisch-orthodoxe Kirche, die Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens. Das Problem der mit Rom Unierten Orthodoxen Kirchen gehört zu den schwierigen Problemen der Beziehungen der gesamten Orthodoxie mit der Römisch-katholischen Kirche.

Leidvolle Geschichtserfahrung

Von allen christlichen Kirchen hatten die orthodoxen Kirchen des Ostens am meisten unter den jeweiligen politischen Entwicklungen zu leiden. Dazu zählen - nur die wichtigsten seien genannt - vor allem l. die Eroberungszüge der islamisch-arabischen Welt (vom 7. bis in das 16. Jahrhundert) in den klassischen christlichen Ländern des östlichen Mittelmeerraumes, auf dem Balkan und im Donau-Karpatenraum. Das Trauma der Eroberung Konstantinopels (1453) und seiner Hagia Sophia wirkt bis heute fort. Dazu zählen 2. die Unterdrückungen während der lateinischen Herrschaft, die mit der verheerenden Vandalisierung Konstantinopels im 4. Kreuzzug 1204 ihren blutigen Anfang nahm, und schließlich zählt dazu 3. die politische Unterdrückung der Orthodoxie während der Herrschaft des Kommunismus in den osteuropäischen Ländern in unserem Jahrhundert.

Fragestellungen

Die Differenziertheit der Orthodoxie und die leidvolle Geschichte führte zu folgenden Fragestellungen: Wie wird Geschichte erfahren? Was sind die tragenden Elemente orthodoxen Selbstverständnisses? Welche Probleme hat die Orthodoxie mit der Ökumene und warum? Was kann der Westen vom Osten lernen?

Wie wird Geschichte erfahren?

Anders als im Westen, aber vergleichbar mit der jüdischen Geschichtserfahrung, wird Geschichte als Gegenwart erfahren. Vergangene leidvolle Erfahrungen prägen daher auch gegenwärtiges Empfinden. Das ist mit einer der Gründe, warum z.B. die Auseinandersetzungen zwischen Serbien und Kroatien sowie diejenigen zwischen Serben und den Kosovo-Albanern so außerordentlich heftig waren und sind. Charakteristisch ist, dass die Orthodoxie mit ihren Kirchen ihren jeweiligen Völkern, genauer ihren jeweiligen Seelsorgsbereichen, sich besonders verbunden weiß und deshalb sich der Sorgen und Nöte der in ihnen lebenden Menschen in herausragender Weise annimmt. Die Nähe zum "Genos" (Volk) ist jedoch nicht identisch mit der Nähe zum "Ethnos" (Nation). Der in der Orthodoxie im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem aufkommenden Nationalismus in Europa beobachtbare Wechsel vom "Genos" zum "Ethnos" ist daher als Häresie verurteilt worden.

Was sind die tragenden Elemente orthodoxen Selbstverständnisses?

Zunächst sind hier - unter Rückgriff auf altkirchliche Verhältnisse - die lebendig gebliebenen Themen von Autokephalie und Koinonia hervorzuheben. Diese unterstreichen die Eigenständigkeit sowie die nicht ethnisch definierte Gemeinschaft jeder Ortskirche. Eigenständigkeit ermöglicht jeweils eine besondere Nähe zu den anvertrauten Menschen; jede Kirche kennt und teilt Freud und Leid dieser Menschen und konfrontiert sie so mit dem Evangelium. Auf diese Weise entsteht innige Verbundenheit, Anhänglichkeit und Einsatz der Glieder der Kirche für ihre Ortskirche. Eucharistische Koinonia ist die Grundlage konkreter gelebter Kirchlichkeit in den selbständigen Kirchen sowie zwischen ihnen. Synodale Elemente stärken die dialogische Struktur in den einzelnen Kirchen, die die fatale westliche Zwei-Stände-Lehre vom höheren geistlichen Stand, dem der niedere weltliche Stand zu gehorchen habe, erst gar nicht hat entstehen lassen können. Autokephalie der Kirchen und deren Verbundenheit in der Koinonia gibt auch dem Gedanken des Konzils das Gewicht, welches ihm gebührt. Wenngleich aufgrund der Kirchenspaltung von 1054/1204 kein universales Konzil in der Christenheit mehr stattgefunden hat, so ist in der Orthodoxie der Gedanke lebendig geblieben, daß zwischenkirchliche Vereinbarungen und für alle Christen bedeutsame Entscheidungen nur auf Konzilien getroffen werden können. Konzilien sind aber nur denkbar unter der Voraussetzung der Selbständigkeit der Kirchen und deren eucharistisch fundierter Koinonia.

Die Feier der Göttlichen Liturgie, die Eucharistie, ist Herz und Seele der Orthodoxie. Sie wird an Sonntagen und an Hohen Feiertagen in einer Stadt, in einem Ort etc. nur einmal gefeiert. Sie ist für Jung und Alt dieselbe. Spezielle Liturgien für Kinder, Jugendliche etc. sind unbekannt. Gefeiert wird die himmlische Liturgie; sie ist ein Vorgeschmack der künftigen Herrlichkeit, die die Zukunft des Reiches Gottes in jeder noch so armseligen Gegenwart österlich vergegenwärtigt. Diese Erfahrung und dieses Verständnis des eucharistischen Gottesdienstes haben zur Leidensfähigkeit und zum Ausharren in schlimmsten Verhältnissen beigetragen. Die mystische Dimension von Gottesdienst, Kirche, Theologie und Frömmigkeit bleibt weltbezogen, weil diese Welt als grundlegend gottbezogen verstanden und gedeutet wird.

Bedeutsam für die orthodoxe Frömmigkeit ist die Ikonostase. Ikonen werden verehrt, nicht jedoch angebetet. Die Ikonen sind inmitten dieser Welt wie ein Fenster in eine andere als die irdische Wirklichkeit.

Für die theologische Auseinandersetzung mit dem Westen ist die Frage des "Filioque" bedeutend. Im dritten Artikel des Ökumenischen Glaubensbekenntnisses von 381 heißt es: "Ich glaube an den Heiligen Geist, .... der aus dem Vater hervorgeht (...qui ex patre procedit)". Die Westkirche hat im Mittelalter nach einer längeren Vorgeschichte amtlich diesen Artikel dahingehend eigenmächtig verändert zu der in fast allen Westkirchen geläufigen Fassung: "Ich glaube an den Heiligen Geist, ... der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht (... qui ex patre filioque procedit)". Im diesem "Filioque" sieht der Osten nicht nur eine eigenmächtige Änderung des Textes des Konzils von Konstantinopel 381, sondern eine Häresie in der Gotteslehre, in der der alleinige Ursprung Gottes des Vaters geleugnet werde. Da für den Osten wie in der Alten Kirche jedes Dogma doxologisch verstanden wird, werde durch die Einfügung des "filioque" der rechte Lobpreis Gottes in Mitleidenschaft gezogen.

Nachdem die Westkirchen 1981 beim festlichen 1600 jährigen Jubiläum des Konzils von Konstantinopel 381 keinerlei Probleme hatten, zusammen mit den Ostkirchen das Glaubensbekenntnis in der ursprünglichen Fassung von 381 (also ohne das "filioque") zu beten, sollten sie dieses auch in Zukunft in ihrem Binnenraum so praktizieren. Orthodoxe Einwände gegen das "filioque" gelten dabei mit Sicherheit nicht den musikalischen Fassungen des "Credo" von Bach, Mozart, Schubert u.a., die ihre Werke deshalb im Himmel nicht umkomponieren müssen.

Welche Probleme hat die Orthodoxie mit der Ökumene und warum?

Die orthodoxen Kirchen haben mit den Westkirchen vor allem das Problem, dass sie den Eindruck haben, dem Westen sei nicht sehr daran gelegen, die Suche nach der Einheit der Kirche durch die Suche nach der Einheit im Glauben wirklich ernst zu nehmen. Sie stellen daher die Frage nach neuen Prioritäten in der Ökumene und im Ökumenischen Rat der Kirchen. Für den Osten sind wichtige ökumenische Fragen, die in den westlichen Kirchen vorwiegend gestellt werden, zwar auch wichtig, aber nicht ausschlaggebend. Dazu zählen für den Osten vor allem sozialethische Fragen, welche in den Kirchen des Westens die Fragen nach der Einheit im Glauben verdrängt zu haben scheinen.

Was kann der Westen vom Osten lernen?

Für die Römisch-katholische Kirche wie für die Kirchen der Reformation wird die Antwort verschieden ausfallen. Denn weit mehr, als im allgemeinen Bewusstsein gegenwärtig ist, stellte die Reformation Fragen an die Westkirche des 16. Jahrhunderts, die mit denjenigen übereinstimmen, die vom Boden der Alten Kirche und von den orthodoxen Kirchen des Ostens, die dieses Erbe bis heute bewahrt haben, an die Römisch-katholische Kirche zu stellen sind.

Die Römisch-katholische Kirche hätte in ihrem Binnenraum und ihren Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen den Wert ortskirchlicher Autokephalie zu entdecken und zu realisieren. Nicht minder bedeutsam wäre die Wiederentdeckung des dialogischen Prinzips für das Leben der Kirche. Das betrifft sowohl den binnenkirchlichen Raum im Verhältnis zwischen Bischof und Gemeinde wie auch die Gestaltung des Verhältnisses zwischen den autokephalen Ortskirchen. Im Binnenraum der Ortskirche könnte deutlich gemacht werden, dass eine episkopale Struktur sehr wohl mit einer synodalen Struktur zusammengehen kann. In der Gestaltung des Verhältnisses zwischen den autokephalen Ortskirchen gilt es, Unabhängigkeit und universale Gemeinschaft der Kirchen zusammen sichtbar zum Ausdruck zu bringen. Dies geschieht am besten auf einem universalen und ökumenischen Konzil, auf welchem Belange, die alle betreffen, beraten und einmütig entschieden werden können. Dies wäre auch der Ort für die Lösung des Problems der mit Rom unierten Ostkirchen; ein Problem, das derzeit nicht gelöst werden kann und eine offene Frage bleibt. Zu vermeiden ist aber jetzt schon auf jeden Fall der Eindruck der Proselytenmacherei. Im Bereich von Theologie, Lehre und geistlichem Leben wäre es für die Römisch-katholische Kirche ein Gewinn, wenn sie ein neues Gespür für die indikativische und doxologische Dimension ihres Lehrens entwickeln würde, um in Zukunft die lang eingeübte Fehlentwicklung des imperativischen und juridischen Lehrens vermeiden zu können.

Aber auch die Kirchen der Reformation könnten von den orthodoxen Kirchen lernen. Sie könnten sich die parallelen Kirchenstrukturen zwischen Protestantismus und Orthodoxie neu vergegenwärtigen, die mit kirchlicher Eigenständigkeit und synodalem Element gegeben sind. Darüber hinaus könnten sie sehen lernen, dass synodale Kirchenstrukturen durchaus mit einem Bischofsamt verträglich sein können. Für den Bereich des Gottesdienstes könnten altkirchliche Perspektiven, die die lutherische Reformation im 16. Jahrhundert wiederentdeckt hat, zu neuer Selbstverständlichkeit gemacht werden. Dazu zählt die regelmäßige Feier der Eucharistie bzw. des Abendmahls an Sonn- und Feiertagen sowie die Hochschätzung von gleichbleibenden, die Zeiten hindurchtragenden Elementen der Gestaltung des Gottesdienstes. Eine unbefangenere Wertung überlieferter kirchlicher Symbolsprache (z.B. der Umgang mit dem Kreuz u.a.) könnte deren unbefangeneren gottesdienstlichen Gebrauch erleichtern helfen. Auf diese Weise kann auch der durchaus vorhandenen Gefahr begegnet werden, aus dem Gottesdienst, der in seinem Kern lebendiger Lobpreis ist, eine belehrende Lehrveranstaltung zu machen.

Beide Kirchen des Westens könnten so auf ihre Weise zum Gelingen der Wiederherstellung der Gemeinschaft der Kirchen beitragen.

Fragen der Kirchen des Westens an die orthodoxen Kirchen

Angesichts einer langen geschichtlichen Entfremdung zwischen Ost und West muss man sich nicht wundern, wenn Fragen entstehen, die der eine an den anderen zu stellen hat, auch dann, wenn man sich für eine Begegnung innerlich schon gerüstet und äußerlich sachkundig zu machen versucht hat. So ist dem Westen nicht deutlich, ob und wie die gottesdienstliche Predigt als Aktualisierung des Evangeliums begriffen und getätigt wird. Während im Westen die Liturgie oft zu moralischen Anklagen und Aufforderungen missbraucht wurde, haben Christen aus dem westkirchlichen Christentum die Frage, wie die ostkirchliche Liturgie sich im alltäglichen Leben auswirkt. Wie gelingt die "Liturgie" nach der Liturgie? Wird über das "Umsetzen" ins alltägliche Leben nachgedacht? Kurz: Gefragt wird nach dem Gottesdienst im Alltag der Welt (vgl. Röm 12,1 f.).

Angesichts der leidvollen Erfahrungen der Verwicklungen der Kirchen und ihrer Leitungen mit dem politischen System in Deutschland während der Diktatur der Nationalsozialisten entsteht die Frage nach der Eigenständigkeit des Evangeliums und der Kirchen sowie ihrer Leitungen zur politischen Macht, besonders zur Zeit der kommunistischen Diktaturen. Gibt es darüber in den davon betroffenen Kirchen und in diesen Ländern eine offene Diskussion? Werden dazu wissenschaftliche Untersuchungen angefertigt?

Ferner haben viele Christen in den Westkirchen die Frage, ob, und, wenn ja, wie in den orthodoxen Kirchen neu über die Stellung und Lage der Frau in Kirche und Gesellschaft nachgedacht wird.

Und schließlich entsteht die Frage, welche spezifischen Anstrengungen die Orthodoxie unternimmt, um ihrerseits zur Wiederherstellung der Gemeinschaft der Kirchen heute beizutragen.

Unsere Fragen seien nicht beendigt ohne unseren Dank an die Kirchen des Ostens dafür, dass vor allem sie diejenigen sind, die das reiche altkirchliche Erbe in der Gegenwart allen Christen vor Augen führen. Dieses Erbe fordert den Westen und den Osten gemeinsam heraus, dessen schwache Seiten (z.B. den Umgang mit Häretikern u.a.) in der Geschichte stehen zu lassen und dessen dargelegte starke Seiten für die Wiedergewinnung kirchlicher Gemeinschaft zu nutzen.

Im Namen des Kölner Ökumenischen Studienkreises
Prof. Dr. Johannes Brosseder
Ökumenepfarrer Dr. Hans-Georg Link


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