Dokumente : Russische Orthodoxe Kirche


Brüderliches Sendschreiben
des Patriarchen von Moskau und der Ganzen Rus’ Aleksij
und des Heiligen Synods der Russischen Orthodoxen Kirche
an die Mitglieder des Bischofskonzils der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland

Vater und dem Herrn Jesus Christus" (Eph 1, 2) !

Im Vorfeld des Bischofskonzils der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland senden der Heilige Synod, der Episkopat, der Klerus und das ganze Pleroma der Russischen Orthodoxen Kirche mit besonderer Inständigkeit Gebete zu unserem Herrn und Heiland um die Beendigung der leidvollen Trennung der Kinder der Mutterkirche, die sich in der Diaspora befinden, von den Brüdern gleichen Glaubens in Russland.

Das tragische 20. Jahrhundert, in dem Russland und seine heilige Kirche lange Jahre schwerer Prüfungen unterworfen waren, ist zuende gegangen. Das Herz des Volkes wurde durch die große Sünde des Abfalls von Gott befleckt. In geistlicher Verdunklung wurden Kirchen zerstört, Heiligtümer geschändet und die den Menschen von Gott gegebene Freiheit grob verletzt. Der Leibrock der Kirche von inneren und äußeren Feinden zerschnitten. Die Russische Kirche hat ihr Golgotha bestiegen, und es erfüllte sich die Prophezeiung des Heilands im Evangelium, als in der Gott bekämpfenden Schändlichkeit "Bruder den Bruder dem Tod preisgab, und der Vater den Sohn, und die Kinder sich gegen ihre Eltern empörten und sie töteten" (Mt 10, 21).

Jedoch ist Gott treu in seinen Verheißungen, und da es aufs Kreuz stieg, hat das orthodoxe Russland an seine Auferstehung geglaubt. Kann doch nach den Worten des Apostels "weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserem Herrn, ist" (Rö 8, 38 f.). Durch das Blut von Hunderttausender Martyrer und Bekenner wurde das Antlitz der russischen Erde abgewaschen, und unser Land erfuhr seine Heilung von schwerer Krankheit. Durch die heiligen Gebete der neuverherrlichten Gottesstreiter ist schließlich auch das Joch des gottlosen Atheismus gefallen.

Heute, da wir in ein neues Millennium eintreten, können wir mit Freude bezeugen, dass die "Pforten des Hades" (Mt 16, 18) die Kirche in Russland nicht überwältigt haben. Liebe Brüder in Christo, die Geschehnisse, die sich in den letzten Jahren im Leben unserer heiligen Kirche, im Leben der russländischen Gesellschaft und des Staates ereignet haben, zeigen klar, dass jetzt all jene historischen Gründe verschwunden sind, durch die unsere Trennung bedingt war. Die Kirche im Vaterland verrichtet jetzt frei ihren Heilsdienst. Unbeschadet der schrecklichen Jahre der Verfolgungen hat sie das Wort Christi ohne Schaden bewahrt und wieder die Möglichkeit gefunden, mit lauter Stimme die Wahrheit der heiligen Orthodoxie zu predigen. Das im August des vergangenen Jahres durchgeführte Jubiläumsbischofskonzil wurde zu einer weiteren deutlichen Bekundung der kirchlichen Wiedergeburt. Die auf ihm angenommenen Prinzipien der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche haben die notwendige Klarheit für die Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Staat erbracht. Unter den Bedingungen der Freiheit wurde ein schon früherer Wunsch unserer Kirche und des ganzen vielleidenden orthodoxen Volkes erfüllt: Es erfolgte die Kanonisation der großen Schar der Neumartyrer und Bekenner Russlands in den Chor der Heiligen, darunter auch der kaiserlichen Leidendulder. Durch Gottes Segen wurde der Ritus der Kanonisation unter Mitwirkung der Vertreter aller autokephalen orthodoxen Kirchen in der wiedergeborenen Christus-Erlöser-Kirche zu einem wahrhaft panorthodoxen Fest.

Aber unsere Freude wird erst dann vollständig sein, wenn auch die Wunde des bedauernswerten Schismas im Leibe der Russischen Kirche Heilung erfährt. Unsere Herzen sind mit Kummer erfüllt, weil mit Euch, den Brüdern, die auf orthodoxe Weise den einen Glauben bekennen, wir nicht aus dem einen Kelch kommunizieren können und uns weiterhin in der Gefangenschaft einer historisch überlebten Trennung befinden. Viele feinfühlige Seelen, besonders aus der Zahl der russischen Menschen, die jenseits der Grenzen des Vaterlandes leben, leiden an einer solchen Situation, und suchen nach Wegen zu ihrer Überwindung. In den Reihen der Auslandskirche selbst stärkt sich das Streben zur Überwindung der teilenden Trennmauer. Eine Freude für viele Mitglieder der Kirche in Russland stellte die Entscheidung des Bischofskonzils der Russischen Auslandskirche im vergangenen Jahr über die Schaffung einer Kommission zu Fragen der Einheit der Russischen Kirche dar. Wir bekräftigen unsere Bereitschaft, eine solche Kommission auch von unserer Seite zu schaffen, damit im brüderlichen Dialog jene Missverständnisse gelöst werden, welche uns noch auf dem Wege der Einheit entgegenstehen.

Die heiligen Neumartyrer haben unzählige Leiden für die Russische Kirche erduldet, und wünschten sie einig und frei zu sehen. Im neuen Jahrtausend, dessen Anfang durch bewegende Ereignisse bestimmt worden ist, legt auf  uns wie auf Euch die vom Herrn auferlegte Verantwortung für die Zukunft der Russischen Kirche. Brüder, es ist die Zeit gekommen, alle Streitigkeiten über die menschliche Wahrheit beiseite zu lassen, welche der göttlichen Wahrheit Platz machen muss. Indem wir gegenseitig Buße leisten, sind wir gerufen, einander zur Begegnung entgegen zu gehen und das veraltete Misstrauen und die Feindschaft zu überwinden. Es ist Zeit, dass wir alle verstehen, dass unsere Trennung nur  von der Schwäche und Sündhaftigkeit des Menschen zeugt.

Folgen wir dem Vermächtnis des heiligen Hierarchen Tichon, des Patriarchen von ganz Russland, der vor 80 Jahren in einer seiner Botschaften geschrieben hat: "Gerade in der Einheit, in einem einmütigen Handeln und in der brüderlichen Liebe besteht die Stärke". Hören wir auch als Unterweisung den heiligen Bischof Gregorios den Theologen: "Werden wir wieder klein, damit wir dafür etwas wichtigeres empfangen, nämlich die Einmütigkeit". Mögen uns bei unserer Annäherung die Worte des hohenpriesterlichen Gebetes unseres Herrn und Heilands stärken: "Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast" (Jo 17, 21).

Der Patriarch von Moskau und der ganzen Rus’ Aleksij,
und die Mitglieder des Heiligen Synods

23. September / 6. Oktober 2001,
am Tage der Verherrlichung des hl. Hierarchen Innokentij,
des Metropoliten von Moskau

(Übersetzung aus dem Russischen von Nikolaus Thon)


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