Vater und dem Herrn Jesus Christus" (Eph 1, 2) !
Im
Vorfeld des Bischofskonzils der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland senden
der Heilige Synod, der Episkopat, der Klerus und das ganze Pleroma der
Russischen Orthodoxen Kirche mit besonderer Inständigkeit Gebete zu unserem
Herrn und Heiland um die Beendigung der leidvollen Trennung der Kinder der
Mutterkirche, die sich in der Diaspora befinden, von den Brüdern gleichen
Glaubens in Russland.
Das
tragische 20. Jahrhundert, in dem Russland und seine heilige Kirche lange Jahre
schwerer Prüfungen unterworfen waren, ist zuende gegangen. Das Herz des Volkes
wurde durch die große Sünde des Abfalls von Gott befleckt. In geistlicher
Verdunklung wurden Kirchen zerstört, Heiligtümer geschändet und die den
Menschen von Gott gegebene Freiheit grob verletzt. Der Leibrock der Kirche von
inneren und äußeren Feinden zerschnitten. Die Russische Kirche hat ihr
Golgotha bestiegen, und es erfüllte sich die Prophezeiung des Heilands im
Evangelium, als in der Gott bekämpfenden Schändlichkeit "Bruder den
Bruder dem Tod preisgab, und der Vater den Sohn, und die Kinder sich gegen ihre
Eltern empörten und sie töteten" (Mt 10, 21).
Jedoch
ist Gott treu in seinen Verheißungen, und da es aufs Kreuz stieg, hat das
orthodoxe Russland an seine Auferstehung geglaubt. Kann doch nach den Worten des
Apostels "weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere
Kreatur uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserem Herrn,
ist" (Rö 8, 38 f.). Durch das Blut von Hunderttausender Martyrer und
Bekenner wurde das Antlitz der russischen Erde abgewaschen, und unser Land
erfuhr seine Heilung von schwerer Krankheit. Durch die heiligen Gebete der
neuverherrlichten Gottesstreiter ist schließlich auch das Joch des gottlosen
Atheismus gefallen.
Heute,
da wir in ein neues Millennium eintreten, können wir mit Freude bezeugen, dass
die "Pforten des Hades" (Mt 16, 18) die Kirche in Russland nicht überwältigt
haben. Liebe Brüder in Christo, die Geschehnisse, die sich in den letzten
Jahren im Leben unserer heiligen Kirche, im Leben der russländischen
Gesellschaft und des Staates ereignet haben, zeigen klar, dass jetzt all jene
historischen Gründe verschwunden sind, durch die unsere Trennung bedingt war.
Die Kirche im Vaterland verrichtet jetzt frei ihren Heilsdienst. Unbeschadet der
schrecklichen Jahre der Verfolgungen hat sie das Wort Christi ohne Schaden
bewahrt und wieder die Möglichkeit gefunden, mit lauter Stimme die Wahrheit der
heiligen Orthodoxie zu predigen. Das im August des vergangenen Jahres durchgeführte
Jubiläumsbischofskonzil wurde zu einer weiteren deutlichen Bekundung der
kirchlichen Wiedergeburt. Die auf ihm angenommenen Prinzipien der
Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche haben die notwendige Klarheit
für die Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Staat erbracht. Unter den
Bedingungen der Freiheit wurde ein schon früherer Wunsch unserer Kirche und des
ganzen vielleidenden orthodoxen Volkes erfüllt: Es erfolgte die Kanonisation
der großen Schar der Neumartyrer und Bekenner Russlands in den Chor der
Heiligen, darunter auch der kaiserlichen Leidendulder. Durch Gottes Segen wurde
der Ritus der Kanonisation unter Mitwirkung der Vertreter aller autokephalen
orthodoxen Kirchen in der wiedergeborenen Christus-Erlöser-Kirche zu einem
wahrhaft panorthodoxen Fest.
Aber
unsere Freude wird erst dann vollständig sein, wenn auch die Wunde des
bedauernswerten Schismas im Leibe der Russischen Kirche Heilung erfährt. Unsere
Herzen sind mit Kummer erfüllt, weil mit Euch, den Brüdern, die auf orthodoxe
Weise den einen Glauben bekennen, wir nicht aus dem einen Kelch kommunizieren können
und uns weiterhin in der Gefangenschaft einer historisch überlebten Trennung
befinden. Viele feinfühlige Seelen, besonders aus der Zahl der russischen
Menschen, die jenseits der Grenzen des Vaterlandes leben, leiden an einer
solchen Situation, und suchen nach Wegen zu ihrer Überwindung. In den Reihen
der Auslandskirche selbst stärkt sich das Streben zur Überwindung der
teilenden Trennmauer. Eine Freude für viele Mitglieder der Kirche in Russland
stellte die Entscheidung des Bischofskonzils der Russischen Auslandskirche im
vergangenen Jahr über die Schaffung einer Kommission zu Fragen der Einheit der
Russischen Kirche dar. Wir bekräftigen unsere Bereitschaft, eine solche
Kommission auch von unserer Seite zu schaffen, damit im brüderlichen Dialog
jene Missverständnisse gelöst werden, welche uns noch auf dem Wege der Einheit
entgegenstehen.
Die
heiligen Neumartyrer haben unzählige Leiden für die Russische Kirche erduldet,
und wünschten sie einig und frei zu sehen. Im neuen Jahrtausend, dessen Anfang
durch bewegende Ereignisse bestimmt worden ist, legt auf
uns wie auf Euch die vom Herrn auferlegte Verantwortung für die Zukunft
der Russischen Kirche. Brüder, es ist die Zeit gekommen, alle Streitigkeiten über
die menschliche Wahrheit beiseite zu lassen, welche der göttlichen Wahrheit
Platz machen muss. Indem wir gegenseitig Buße leisten, sind wir gerufen,
einander zur Begegnung entgegen zu gehen und das veraltete Misstrauen und die
Feindschaft zu überwinden. Es ist Zeit, dass wir alle verstehen, dass unsere
Trennung nur von der Schwäche und
Sündhaftigkeit des Menschen zeugt.
Folgen
wir dem Vermächtnis des heiligen Hierarchen Tichon, des Patriarchen von ganz
Russland, der vor 80 Jahren in einer seiner Botschaften geschrieben hat:
"Gerade in der Einheit, in einem einmütigen Handeln und in der brüderlichen
Liebe besteht die Stärke". Hören wir auch als Unterweisung den heiligen
Bischof Gregorios den Theologen: "Werden wir wieder klein, damit wir dafür
etwas wichtigeres empfangen, nämlich die Einmütigkeit". Mögen uns bei
unserer Annäherung die Worte des hohenpriesterlichen Gebetes unseres Herrn und
Heilands stärken: "Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen
auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast" (Jo
17, 21).
Der
Patriarch von Moskau und der ganzen Rus’ Aleksij,
und die Mitglieder des Heiligen Synods
23.
September / 6. Oktober 2001,
am Tage der Verherrlichung des hl. Hierarchen Innokentij,
des Metropoliten von Moskau
(Übersetzung
aus dem Russischen von Nikolaus Thon)
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