Dokumente: Panorthodoxe Gremien

Internationales Symposium: "Orthodoxe Theologie und Ökumenischer Dialog: Probleme und Perspektiven"*

LDie Theologische Fakultät der Aristoteles-Universität in Thessaloniki führte vom 1. bis zum 3. Juni 2003 ein Internationales Akademisches Symposium durch zum Thema: "Orthodoxe Theologie und Ökumenischer Dialog: Probleme und Perspektiven".
Das Treffen stand unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Athen und Ganz Griechenland Christodoulos und wurde daher auch offiziell mit einer Ansprache des Erzbischofs eröffnet. Darin stellte er nachdrücklich fest: "Die Orthodoxe Kirche lehnt den Dialog nicht ab; im Gegenteil, sie sucht den Dialog ... Die heiligen Kirchenväter haben sich nie gescheut, in einen Dialog einzutreten, sogar mit der Welt des Irrtums, der Sünde und der Häresie. Ganz im Gegenteil, sie glaubten sogar - ganz auf der Linie des hl. Markus Eugenikos von Ephesus, einem Eckpfeiler des Orthodoxen Glaubens -, dass, wenn zwei Teile auseinander fallen und sie nicht miteinander einen Dialog beginnen, die Unterschiede zwischen ihnen größer erscheinen. Wenn sie aber miteinander in Dialog treten und jeder sorgfältig auf das hört, was der andere zu sagen hat, werden sie feststellen, dass die Unterschiede sehr viel geringer sind". Weiterhin betonte der Athener Erzbischof, es sei "unnötig zu erwähnen, dass die Orthodoxe Kirche immer wieder für 'die Einheit aller' betet und den Skandal der Trennung erfährt sowie die Sünde, dem Bittgebet unseres Heilands Jesus Christus nicht Folge zu leisten, der im Gebet zu seinem Vater und Gott darum bat, 'dass alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen sie alle eins sein in uns' (Jo 17 ,21 )", denn "Wir sind uns unserer Verantwortung für das Zerbrechen der Einheit der Kirche zutiefst bewusst, und wir wünschen uns - und dafür arbeiten wir - eine Wiederherstellung dieser Einheit".
Der Erzbischof beschrieb dann die Art der orthodoxen Teilnahme am Dialog: "Wir beginnen diesen Dialog mit der Liebe in Christus für unsere Brüder und Schwestern und mit Respekt für sie. Aber Liebe ist weder Kompromiss noch Synkretismus, sondern demütiges Eingeständnis unserer Teilhabe an der Wahrheit in Christus".
Er unterstrich auch die jüngsten Entwicklungen im ÖRK hinsichtlich einer orthodoxen Mitarbeit. Die Arbeit der Sonderkommission für Orthodoxe Beteiligung im ÖRK, so bemerkte der Erzbischof, "war eine gute Entwicklung", und seine Annahme durch das Zentralkomitee im letzten Jahr "lässt die Hoffnung aufkommen, dass wir als Orthodoxe die gleiche Stimme wie die Protestanten haben, und dass unsere Ansichten, die auf der Bibel und der Heiligen Tradition beruhen, bei ekklesiologischen Themen respektiert werden. ...Wir hoffen, dass die Orthodoxie zukünftig einen effektiveren Beitrag bei den Entscheidungen und Aktivitäten des ÖRK leisten kann".
Der Erzbischof äußerte sich allerdings auch selbstkritisch gegenüber manchen Tendenzen in der Orthodoxie: "Ich muss leider öffentlich eingestehen, dass wir nicht nur mit unseren nicht-orthodoxen Geschwistern, sondern auch untereinander Schwierigkelten haben; wir erleben nur selten Initiativen für die Einheit und die missionarische Präsenz der Orthodoxen Kirche. ... Wenn wir Orthodoxen gleichgültig sind und uns freiwillig ausgrenzen, oder wenn wir geteilt werden aufgrund des geringen Interesses unserer Lokalkirche, dann dürfen wir uns nicht über die Situation im ÖRK beklagen. Der Fehler liegt nicht immer nur bei den Anderen".
Im Hinblick auf bilaterale Dialoge stellte Erzbischof Christodoulos klar fest: "Es gibt viele Schwierigkeiten, aber wir sind dagegen, die Dialoge zu verlassen; weil wir Glaubensleute und daher für die Hoffnung sind. Diese Dialoge bewahren die Hoffnung auf die 'Einheit aller'. Unser Herr weiß, wie und wann diese Einheit erreicht sein wird, aber es ist uns nicht gestattet, den Dialog zu stoppen und die Brücken der Verständigung zwischen den Christen zu zerstören".
Davor hatte der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Thessaloniki, Dr. loannis Tarnanidis, bei der Begrüßung der Teilnehmer im Namen des wissenschaftlichen Komitees des Symposiums den akademischen Charakter der Begegnung unterstrichen. Er betonte aber zugleich, "dass wir alle Mitglieder der Orthodoxen Kirche sind und hoffen, dass die Resultate unserer Bemühungen zur Förderung der Dialoge beitragen werden, die offiziell durch die Orthodoxe Kirche geführt werden".
Der praktische Charakter des Symposiums wurde auch vom Delegierten des ÖRK, dessen Stellvertretendem Generalsekretär Georgios Lemopoulos (Ökumenisches Patriarchat) unterstrichen, der in seinem einführenden Bericht feststellte, dass "wir definitiv den Beitrag der theologischen Fakultäten sowie der theologischen Forschung und Lehre brauchen, der sich vor uns um die ökumenische Problematik kümmern kann, der sich mit einem kritischen Wort konstruktiv zu Wort melden kann, der die kommende Generation mit Selbstbewusstsein versorgen kann".
Während der folgenden zwei Tage, also am 2. und 3. Juni, führten Mitglieder der Theologischen Fakultät Dialoge sowohl mit Mitgliedern des ÖRK und kirchenleitenden Persönlichkeiten als auch mit Repräsentanten anderer Kirchen und akademischer Institutionen über die folgenden Themen:
(a) "Neue Perspektiven für die Beteiligung der Orthodoxie im ÖRK", die durch die Arbeit der Sonderkommission entstanden sind. Alle haben verstanden, dass diese Entwicklung dem ÖRK neue Möglichkeiten eröffnen kann, wie die orthodoxen Belange, die durch die Lokalkirchen deutlich genannt wurden, ernst zu nehmen sind und wie damit verantwortungsvoll umgegangen werden kann. Und es waren nicht die Geringsten unter den Lokalkirchen, wie die Orthodoxen Kirchen von Bulgarien und Georgien, die sich gegenwärtig aus dem ÖRK zurückgezogen haben.
(b) "Natur und Zweck der Kirche", ein Studiendokument von Faith and Order (Glaube und Kirchenverfassung), für das die Theologische Fakultät zur Zeit eine kritische Antwort erarbeitet. Teilnehmer des Symposiums begrüßten die Rückkehr zu kritischen ekklesiologischen Studien im ÖRK und bedauerten zugleich den Mangel an Begeisterung und Antworten seitens der orthodoxen Gemeinschaft.
(c) "Die Rolle der Frau in der Orthodoxen Kirche und die ökumenische Herausforderung". Im voll besetzten Amphitheater von Thessaloniki wurde die Notwendigkeit für die orthodoxen Kirchen betont, die Rolle der Frau aufzuwerten. Dabei wurden auch einige der Unzulänglichkeiten theologischer Argumente gegen die Frauenordination benannt.
(d) "Das Thema des gemeinsamen Gebets in der Orthodoxie und in der ökumenischen Tradition". Es wurde festgestellt, dass trotz der Tatsache, "dass einige orthodoxe Kanones Gebete mit Häretikern" verbieten, es heute unter den Orthodoxen verschiedene Interpretationen gibt, wie diese Kanones anzuwenden und auszulegen sind. Zudem ist in dieser Hinsicht die orthodoxe kanonische Tradition, als Ganzes gesehen, voller Mitgefühl und Liebe für den anderen. Das einzige "gemeinsame Gebet" mit nicht-orthodoxen Christen, das durch die Kanones verboten ist, ist die gemeinsame Eucharistie.
(e) "Kirche und Gesellschaft in der orthodoxen und ökumenischen Theologie". Besonders hervorgehoben wurde die Aufforderung an die orthodoxen Kirchen, mit der Gesellschaft auf neue Weise Beziehungen aufzunehmen, um gemeinsam Zeugnis abzulegen in einer Welt, die unter den zerstörerischen Mächten von Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Armut und Tod leidet.
Das Symposium diskutierte auch über die Probleme und Aussichten von zwei besonderen bilateralen Dialogen: Dem theologischen Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und den Orientalischen (nicht-chalzedonensischen) Orthodoxen Kirchen und dem Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche. Mit Einfühlungsvermögen und Sinn für die Realität wurden die Probleme, auf die diese bilateralen Dialoge gegenwärtig den Blick richten, benannt und offen diskutiert. Da der Weg schwierig ist, sind sich alle Teilnehmer darin einig, dass es keine Alternative zum Dialog gibt. Jeder Dialog sollte auf Liebe, Wahrheit und dem Bemühen um gegenseitiges Verständnis basieren. Ein sicherer Führer für ein solches Bemühen könnte die Erfahrung der koinonia In der frühen ungeteilten Kirche sein.
Trotz aller Schwierigkeiten gibt es aber auch viele positive Herausforderungen in der gegenwärtigen Situation. Die politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen in Europa schaffen neue und hoffnungsvolle Bedingungen für einen konstruktiven Dialog zwischen den christlichen Kirchen, sowie auch für ihre Zusammenarbeit und ihr gemeinsames Zeugnis. Das Wichtigste ist, dass die Bemühungen zwischen den Orthodoxen Kirchen, diese bilateralen theologischen Dialoge wieder neu zu beleben, zu einem positiven Ergebnis führen, das wieder Hoffnung aufkommen lässt.
Das Symposium endete am Dienstag, dem 3. Juni, mit einem öffentlichen Vortrag des Generalsekretärs des ÖRK, Prof. Dr. Konrad Raiser zum Thema: "Die Bedeutung des orthodoxen Beitrags zum Ökumenischen Rat der Kirchen".
Dr. Raiser begrüßte den theologischen Beitrag der Orthodoxen für das Leben und die Überlegungen des ÖRK, und er unterstrich u. a. den Erfolg des Faith-and-Order-Textes "Taufe, Eucharistie und Amt" von 1982, die Einführung einer eucharistischen Ekklesiologie und besonders einer "eucharistischen Vision": "Christus - das Leben der Welt - vereint Himmel und Erde, Gott und die Welt, Spirituelles und Säkulares". Er fügte hinzu, dass der orthodoxe Beitrag "besonders wichtig für zwei Gebiete von zentraler Bedeutung für die Arbeit des Weltkirchenrates wurde, nämlich für das Verständnis missionarischer Berufung der Kirche und in seinem diakonischen Dienst ... in der inneren Einheit zwischen Liturgie, Mission, Zeugnis und sozialer Diakonie der Kirche".
Dr. Raiser ging auch besonders auf die Arbeit der Sonderkommission ein: "Man sollte es den Orthodoxen Kirchen hoch anrechnen, dass sie immer wieder darauf bestanden haben, dass es von zentraler Bedeutung für den Weltkirchenrat sei, sich mit der ekklesiologischen Frage auseinander zu setzen. Der Bericht der Sonderkommission stellt fest: ,Wenn man dem Weltkirchenrat beitritt, beinhaltet das auch, dass man die Herausforderung akzeptiert, sich untereinander klar zu machen, was es heißt, Kirche zu sein; zum Ausdruck zu bringen, was unter ,der sichtbaren Einheit der Kirche' zu verstehen ist; und wie die Mitgliedskirchen die Art und das Zeugnis verstehen, dass sie nun durch ihre Mitgliedschaft im ÖRK zusammen teilen. Die Frage ist, wie die Kirche mit den Kirchen in Verbindung steht".
Der Generalsekretär des ÖRK beendete seinen Vortrag mit den Worten: "Die Sonderkommission und ihre Empfehlungen haben uns an den Punkt geführt, an dem der Orthodoxe Beitrag zu Leben und Arbeit des ÖRK auf frischen und konstruktiven Wegen weiter entwickelt werden kann".
5. Zum Schluss des Symposiums stimmten die Teilnehmer, gemeinsam mit den Mitgliedern des Steuerungskomitees des ÖRK für Orthodoxe Beteiligung, freundschaftlich darin überein, einen formellen Aufruf an die Leitungen der Orthodoxen Kirchen von Bulgarien und Georgien herauszugeben, in dem diese gebeten werden, wieder in den ÖRK zurückzukehren und sich den übrigen Orthodoxen Kirchen auf ihrem ökumenischen Weg sowohl zu den multilateralen als auch den bilateralen Dialogen anzuschließen. Das Schreiben schließt folgendermaßen: "Alle Teilnehmer, die vollstes Verständnis für die Probleme haben, die Ihre Heiligen Kirchen während der vergangenen Jahre erfahren haben, basierend auf unserer Hoffnung und christlicher Liebe, rufen Sie dazu auf, aufgrund dieser Liebe und mit größten Respekt, dass Ihre Heiligen Kirchen noch einmal ihre aktive Teilnahme an den multilateralen und bilateralen Dialogen und Gesprächen überdenken und auch ihre Rückkehr in die große ökumenische Weltfamilie noch einmal in Erwägung ziehen. ,Die Hoffnung stirbt nie, wenn wir alle den auferstanden Herrn als Christus und Heiland verkünden'".

*Abschlusskommuniqué des Organisationskommitee (Übersetzung aus dem Englischen: Gerda Grebing, Ökumenische Centrale, Frankfurt); redaktionell bearbeitet von N. Thon


[ zum Seitenanfang ] [ zurück zur ‹bersicht ]


© 2003  KOKiD