Dokumente: Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel

Neue Pressionen gegen
das Ökumenische Patriarchat –
Oder: Wie steht es um die Religionsfreiheit in der Türkei?

von Nikolaj Thon

Auf dem Weg nach Europa?
Zweifel an der Europafähigkeit der Türkei zu äußern, erscheint vielen angesichts des Vo-tums des Europäischen Parlaments, des Deutschen Bundes wie am 17. Dezember auch des „Gipfeltreffens“ der europäischen Staatschefs, die sich alle mehrheitlich – und teils mit großer Majorität - für die Aufnahme von konkreten Verhandlungen mit der Türkei über ihren Eintritt in die Europäische Union aussprachen, vielleicht nicht opportun. Doch es ist eine Frage, ob die Türkei politisch zu Europa gehören sollte, und eine andere, welche Türkei in die Union Aufnahme finden kann – eine Türkei, die ihren ethnischen wie religiösen Minder-heiten die elementarsten Rechte zumindest in der Praxis, aber weitgehend auch in der ge-setzlichen Ordnung versagt – oder eine Türkei, die bereit ist, das Überleben der Reste einer zweitausendjährigen christlichen Kultur zu ermöglichen, vielleicht sogar zu fördern.
Jüngste Ereignisse, die im Folgenden teilweise zu schildern sind, lassen in der Tat diese Frage immer wieder aufkommen und geben ihr eine brennende Aktualität.

Die Rechtslage – Theorie und Praxis
Zwar erklärte vor 75 Jahren, am 8. April 1928, die Grosse Nationalversammlung der Türkei (TBMM) unter Kemal Paşa (Atatürk) die strikte Trennung von Staat und Religion zum Ver-fassungsgrundsatz. Doch die Realität sieht bis heute anders aus. Immer wieder greift der Staat in die Verwaltung der christlichen Religionsgemeinschaften ein – fast immer zu deren Nachteil. Denn trotz des immer wieder beschworenen Laizismus der Türkei scheint dieser etwa für die Muslime in der Regel nicht zu gelten. Sie haben vielmehr eine rechtliche Struk-tur, das Direktorat für religiöse Angelegenheiten (DITIP). Das ist eine Art zentrale Planwirt-schaft des Staats in religiösen Angelegenheiten, und beraubt zwar im Grunde auch die Mus-lime ihrer Religionsfreiheit - denn da ist die sunnitisch-hanifitische Lesart des Islam Pflicht, übrigens auch in den Schulen, sogar wenn die Schüler etwa christliche Armenier sind. Doch andererseits genießen die Muslime damit auch eine staatliche Förderung und finanzielle Un-terstützung – nicht nur im In-, sondern auch im Ausland, wie die Unterstützung zahlreicher Moscheen in Deutschland durch DITIP zeigt.
Eine Lösung für die Probleme der christlichen Minderheitenkirchen in dem inzwischen zu 98 % islamischen Land Türkei wird es somit wohl erst geben, wenn der Staat sie als Kirchen juristisch anerkennt. Das ist bislang nicht in Sicht – im Gegenteil: Es sieht in letzter Zeit eher so aus, als verhärte die Türkei ihre Religionspolitik: Die christlichen Kirchen erhalten nun doch keinen öffentlich-rechtlichen Status, können nicht frei über ihre Kirchen, Gebäude und Liegenschaften verfügen und dürfen auch keine theologischen Lehranstalten führen. Und das alles vor dem für die Türkei so wichtigen EU-Gipfel am 17. Dezember, bei dem es um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit dem Land am Bosporus geht.
Eigentlich sollte man erwarten, dass die Türkei in dieser politischen Konstellation zu einer Angleichung ihrer Religionspolitik an gesamteuropäische Standards bereit wäre, doch scheint eher das Gegenteil zu befürchten sein. Zum Sprecher dieser Besorgnis machte sich der Ökumenische Patriarch jüngst auch beim Besuch des Europaparlaments-Präsidenten Josep Borrel in Istanbul. Er versammelte im Patriarchat Vertreter aller Kirchen und des Ju-dentums. Borrel versicherte, dass das Parlament von voller und angewandter Religionsfrei-heit als Vorbedingung einer türkischen EU-Mitgliedschaft nicht abrücken werde.
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hält die Wünsche der Christen für "staatsgefähr-dend". Er will sich "weder aus Brüssel noch von einzelnen EU-Mitgliedern" Vorschriften ma-chen lassen. Sonst könnte geschehen, dass "wir Türken es sind, die Nein zur Europäischen Union sagen". Um die Verhärtung nicht nur gegenüber der EU, sondern auch an die Adres-se der USA zu unterstreichen, die als Hauptbefürworter einer "Europäisierung" Ankaras gel-ten, wurde Regierungsbeamten jetzt die Teilnahme an einem Empfang des amerikanischen Generalkonsulats mit dem Ehrengast Bartholomaios I., in dessen Funktion als Ökumeni-scher Patriarch der Weltorthodoxie, untersagt: Er werde jetzt nur mehr als "Baspapaz", als "Oberpfaffe" der Orthodoxen in der Türkei anerkannt.
Harte Worte, bei denen man sich vor Augen halten muss, dass sich Patriarch Bartholomaios bislang als ausgesprochener Befürworter sowohl der Regierung von Ministerpräsident Erdo-ğan als auch eines türkischen EU-Beitritts erwiesen hat. Noch in jüngsten Interviews betonte er, er glaube nicht, dass die Regierung schuld sei an der Verschlechterung der Lage. Eher seien es mächtige Kreise innerhalb des Staatsapparates, die sowohl die EU-Orientierung als auch die islamischen Wurzeln der jetzigen Regierung ablehnen und sie zum Scheitern brin-gen wollen. "Es sind mächtige Kreise außerhalb der Regierung", meinte Patriarch Bartholo-maios. "Aber wir erwarten, dass ein Rechtsstaat uns vor solchen Provokationen schützt."
Davon kann im Moment aber noch keineswegs generell die Rede sein – weder für die Insti-tution Kirche noch für die einzelnen Gläubigen. Wenn die Christen auch im Straßenbild nicht besonders auffallen, ist doch schließlich unter Berufung auf den laizistischen Charakter der Türkei sogar allen Geistlichen (mit Ausnahme des jeweiligen Kirchenleiters, also z.B. des Ökumenischen oder des Armenischen Patriarchen) das Tragen des Talars in der Öffentlich-keit untersagt, so sind sie doch bei den Behörden registriert. An der Ziffernfolge im Perso-nalausweis (Code 31) kann jeder Polizist sofort erkennen, ob er gerade einen Christen kon-trolliert oder nicht. Hohe politische oder gesellschaftliche Ämter sind Christen in der Regel verwehrt; im Parlament gibt es keinen einzigen. Und im türkischen Militär haben Christen erst recht nichts zu sagen, denn die höheren Ränge sind ihnen verschlossen.
Zwar fordern von Zeit zu Zeit Vertreter der religiösen Minderheiten mehr Bürgerrechte, auch Fernseh- und Radiosendungen in ihrer Sprache und die Anerkennung des Genozids an der christlichen Bevölkerung der Türkei. Doch: Der Begriff der "Minderheit" ist in der Verfassung gar nicht vorgesehen. Zwar gesteht der Vertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923 allen "nicht-muslimischen Minderheiten" einen Schutz zu. Nach herkömmlicher staatlicher Inter-pretation zählen dazu jedoch nur die heute noch schätzungsweise 2.000 Griechen, 65.000 Armenier und 25.000 Juden in der Türkei. Doch auch deren Rechte sind Auslegungssache – und man kann sicher sein, dass die große Mehrzahl der türkischen Autoritäten sie sehr re-striktiv auslegt. Denn auch keine der im Lausanner Vertrag erwähnten Gruppen hat in der Republik Türkei trotz dieser Anerkennung und des de facto Bestandes als Kirchen bzw. Re-ligionsgemeinschaften eine eigene Rechtspersönlichkeit. Dies ergibt immer wieder rechtliche Probleme in Bezug auf die Besetzung der Ämter und das Funktionieren der entsprechenden Institutionen. Noch prekärer ist die Lage der nicht im Sinne von Lausanne als Minderheit anerkannten Kirchen.
So kann man vereinfachend sagen: In der Theorie können zwar die etwa 110.000 Christen unterschiedlicher Konfessionen ihren Glauben frei praktizieren. Aber das bleibt in der Praxis eben oft reine Theorie: Ihre Gemeinden haben keinen Rechtsstatus – und das hat fatale Folgen, beispielsweise diese: Im Jahr 1913, noch zu Zeiten des Osmanischen Reichs, be-saß das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel und auf mehreren Inseln 11.500 Immo-bilien. Mit der Gründung der Republik 1923 begann der Streit um die Besitztitel, der sich bis heute hinzieht. Hemmungslos enteignete der Staat, wenn Kirchengemeinden schrumpften, wie es das türkische Recht erlaubt. Als im August 2002 ein neues Stiftungsgesetz Gültigkeit bekam, schöpften die Kirchen Hoffnung. Ausführungsbestimmungen und eine offensichtlich unwillige Bürokratie aber bremsen den Fortschritt erheblich. 1.900 Immobilien wollte das Pat-riarchat eintragen lassen, doch nur 480 wurden bisher genehmigt. Zu den umstrittenen oder vom Staat voll einkassierten Wertobjekten gehören Klöster, Kirchen, Wohngebäude, ja so-gar Friedhöfe. Christliche Gemeinden können nicht ohne weiteres neue Kirchen oder ein Gemeindehaus bauen und selbst das Mieten von Räumen ist ihnen oft verwehrt. Als Eigen-tümer der Liegenschaften der vom türkischen Staat im Sinne des Lausanner Vertrages an-erkannten Minderheiten, erst recht der anderen können in der Regel nicht die Kirchen, son-dern nur Gemeindestiftungen (cemaat vakiflar) auftreten.
Zu allem Überfluss werden christliche Organisationen oft als "Ausländer" benachteiligt, auch wenn deren Mitglieder und Vertreter türkische Staatsbürger sind, aber beim Gottesdienst eine andere als die türkische Sprache benutzen, wie dies bei allen außer den neuen tür-kisch-protestantischen Gruppen der Fall ist.
Ein großes Problem ist so weiterhin die Ausbildung der Geistlichen, die innerhalb des Landes praktisch unmöglich geworden ist – zumindest, wenn man an eine akademische theologi-sche Ausbildung denkt. Seit den 1970er Jahren sind das Seminar der Armenischen Aposto-lischen Kirche und die Hochschule des Ökumenischen Patriarchats in Chalki geschlossen. Trotz anhaltender Diskussionen über die Wiedereinrichtung von Priesterseminaren und an-deren Ausbildungsstätten und der Interventionen verschiedenster kirchlicher und politischer Institutionen des Auslandes ist bis heute keine Lösung für diese Frage gefunden – einfacher gesagt: verweigert die türkische Regierung die Wiedereröffnung. Bisher wurde diese vom Nationalen Sicherheitsrat als "Bedrohung für die nationale Sicherheit" eingestuft. Schon 2002 forderten die Armenisch-Apostolische, die Orthodoxe, die Römisch-Katholische und die Syrisch-Orthodoxe Kirche die Schaffung der gesetzlichen Voraussetzungen, die für eine ge-setzliche und kirchlich akzeptable Ausbildung nötig ist. Es gab zwar darüber etliche Diskus-sionen, aber bis jetzt keine positive Antwort.
Da der türkische Staat offensichtlich nur gewillt ist, Patriarch Bartholomaios als geistliches Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Minorität in der Türkei anzuerkennen, will der Staat bisher nicht gestatten, dass in Chalki wieder nichttürkische Priesteramtskandidaten Theolo-gie studieren und Theologieprofessoren aus dem Ausland lehren können. Dabei wird völlig übersehen bzw. die Kenntnisnahme dessen verweigert, dass dem Ökumenischen Patriar-chen direkt aber auch viele Christen – und keineswegs nur Griechen - in anderen Ländern unterstehen: in Westeuropa, auf Kreta, auf einigen griechischen Inseln, in Nordgriechenland sowie vor allem in Australien und Nordamerika. Insgesamt sind dies rund 3,5 Millionen Gläubige.
Lediglich die Lage der lange Zeit besonders bedrückten syrisch-orthodoxen Kirchen im Tur-Abdin-Gebiet im Südosten des Landes scheint sich seit dem Ende des innertürkischen Krie-ges 1999 mit der PKK merklich gebessert zu haben. Bis Ende der 90er Jahre befand sich bekanntlich die dortige christliche Minderheit unter massivem Druck – sowohl der PKK als auch des türkischen Militärs mit ihren verbündeten Dorfschützern. In den 15 Jahren der Auseinandersetzung zwischen türkischem Militär und PKK schrumpfte die Zahl der Christen durch Flucht und Emigration von mehreren Zehntausend auf wenige Tausend. Viele der nach Europa emigrierten Assyrer besuchen jetzt aber nicht nur wieder ihre einstige Heimat, sondern versuchen sogar, ihre zumeist verfallenen Häuser und Kirchen wieder aufzubauen. Man bemüht sich, die Besitzstände von Haus und Grund nach Besetzung und Änderung der rechtlichen Grundlagen wieder zu klären. Es entstanden Dorfvereine, die durch Spenden Projekte in den verlassenen Dörfern der Assyrer ermöglichen.

Die demoskopische Entwicklung
Nicht von ungefähr ist die Zahl der Christen in der Türkei im vergangenen Jahrhundert daher dramatisch gesunken und sinkt weiter: Betrug der Anteil christlicher Ethnien innerhalb der Grenzen der heutigen Türkei vor dem Ersten Weltkrieg noch rund ein Viertel der osmani-schen Gesamtbevölkerung, so ist der Anteil auf heute 0,1 Prozent gesunken. In Istanbul zählte 1914 fast jeder zweite Einwohner zu einer christlichen Kirche; heute liegt der Anteil der Christen in der 15-Millionen-Metropole bei weniger als einem Prozent. Die größte Gruppe sind die rund 65.000 armenisch-apostolischen Christen, gefolgt von den 10.000 arabisch-orthodoxen Christen, die zu 95% in den Provinzen Hatay und Mersin leben. Rund 10.000 syrisch-orthodoxe Christen leben in Istanbul, noch etwa 3.000 im alten Stammgebiet des Tur Abdin. Kleine Gruppen sind inzwischen die nur noch gut 2.000 Orthodoxen, die etwa 3.000 armenisch-katholischen und die 1.250 syrisch-katholischen sowie die nur etwa 300 chaldäi-schen Christen geworden. Alle Übrigen, d.h. vor allem Protestanten verschiedenster, zu-meist freikirchlicher Ausrichtung und römische Katholiken, machen zusammen vielleicht noch einmal 15.000 Personen aus. Sie, wie auch die anderen Christen – mit Ausnahme der arabischsprachigen Orthodoxen und der Syrisch-Orthodoxen, leben zu 95 % in Istanbul.

Der Streit um den Titel des Ökumenischen Patriarchen
Anfang Dezember 2004 untersagte das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tay-yip Erdoğan in einem Rundschreiben allen türkischen offiziellen die Teilnahme an einem Empfang, den die US-amerikanische Botschaft aus Anlass des Besuches einer orthodoxen Delegation aus den Vereinigten Staaten in Konstantinopel gab,
Was war geschehen? Der US-Botschafter in Ankara, Eric Edelman, hatte aus Anlass eines Besuches einer Delegation prominenter griechisch-orthodoxer Bürger der Vereinigten Staa-ten mit dem Erzbischof von Amerika Demetrios (Trakatellis) an der Spitze zu diesem Emp-fang geladen, an dem als Ehrengast auch Patriarch Bartholomaios teilnahm, der in der Ein-ladung korrekt mit dem ihm gebührenden Titel als „Ökumenischer Patriarch“ bezeichnet wurde. Der Titel wird von europäischen Staaten und den USA offiziell respektiert, nicht aber von der Türkei. Die türkische Regierung wertete ihn vielmehr als einen Anspruch universeller Art, den der Patriarch als türkischer Staatsbürger nicht haben dürfe. Im Fernsehen sprach Ministerpräsident Erdoğan sogar davon, er werde es nicht zulassen, dass ein ausländischer Diplomat einem türkischen Staatsbürger diesen Titel zubillige, denn das widerspreche den „nationalen Interessen“ der Türkei. Den Status des Vorstehers der Orthodoxen in der Türkei habe – so erklärte Erdoğan – der Vertrag von Lausanne 1923 festgelegt, wonach der Patri-arch von Konstantinopel lediglich als geistlicher Führer allein für die orthodoxen Christen in Istanbul und Umgebung zu betrachten sei; von einer „ökumenischen“, also universalen, Be-deutung könne keine Rede sein.
Allerdings stand er mit dieser Meinung allein, wenigstens unter den amerikanischen Diploma-ten; der Istanbuler Generalkonsul David Arnett sprach sodann bei einem vom ihm gegebe-nen Empfang für die Delegation am 1. Dezember der türkischen Führung unmissverständ-lich ins Gewissen: Sie wäre gut beraten, für eine internationale Institution wie das Ökumeni-sche Patriarchat auf ihrem Boden dankbar zu sein. Die Wiedereröffnung der seit 1971 unter-drückten Theologischen Hochschule von Chalki sei schon Präsident Bill Clinton versprochen worden und dürfe nun auf keinen Fall rückgängig gemacht werden. Die USA sähen im Öku-menischen Patriarchen Bartholomaios den Ehrenprimas aller orthodoxen Kirchen und den direkten Oberhirten der griechisch-orthodoxen Diaspora in den Vereinigten Staaten. Von einer Beschränkung seiner Zuständigkeit auf die Türkei könne daher keine Rede sein, mach-te Arnett klar. Überhaupt müssten die christlichen Kirchen, Katholiken, Orthodoxe und Pro-testanten, in der Türkei endlich anerkannt werden und frei über ihre Gotteshäuser und Ein-richtungen verfügen können. Dazu gehöre auch das Recht zum Bau neuer Kirchen. Es dürfe nicht auf einige Touristenzonen beschränkt werden, wie es die neue, angeblich "europage-rechte" Gesetzgebung vorsieht. Zudem trete Patriarch Bartholomaios für Anliegen ein, die auch für die Vereinigten Staaten von größter Wichtigkeit seien.
Doch sprechen alle Anzeichen dafür, dass die Türkei die Vorhaltungen der USA in den Wind schlägt, auch wenn diese ihre Position noch einmal bekräftigt hat. So machte der Sprecher des State Department, Richard Boucher, vor Journalisten in Washington klar, dass die Re-gierung der Vereinigten Staaten Patriarch Bartholomaios als „Ökumenischen Patriarchen“ betrachte, der der geistliche Führer für ungezählte Menschen „innerhalb und außerhalb der Türkei“ sei.
Aus Anlass des „Titel-Streites“ gab Patriarch Bartholomaios seine seit Langem geübte, nur zu verständliche Zurückhaltung auf und kritisierte seinerseits die türkischen offiziellen Stellen, indem er zuerst die historische Bedeutung des Titel verteidigte: „Wir werden ihn nicht aufge-ben. Wir werden unsere Identität nicht verleugnen. Es ist nicht ihre Sache, uns zu sagen, wer wir sind. Wir wissen seit Jahrhunderten, wer wir sind“, sagte er nach einer Meldung der griechischen Fernsehstation ET 3. Er habe die türkischen Autoritäten wenigstens hundert Mal darüber informiert, dass er keinen gleichen Status wie der Vatikan wolle: „Wir wollen die-sem Titel keinen politischen Kontext geben. Ein zweiter Vatikan zu werden, steht nicht in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Orthodoxen Kirche“, meinte der Patriarch und brachte zugleich seine Enttäuschung zum Ausdruck, dass keines der Probleme gelöst wor-den sei, dass die Orthodoxe Kirche in der Türkei habe. Während die Türkei an der Schwelle zu Europa stünde, hätten die orthodoxen Christen immer noch Angriffe zu erdulden.

Der Patriarch klagt an
Auf diesem Hintergrund wird verständlich, wenn nur wenige Tage vor der Entscheidung des EU-Rates über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei der Ökumenische Patriarch erneut auf die zunehmenden Probleme der orthodoxen Christen im Land hinge-wiesen und Rückschritte im Bereich der Religionsfreiheit in der Türkei beklagt hat. Zwar be-kräftigte Patriarch Bartholomaios in einem Interview mit Pressevertretern – u.a. der deut-schen Zeitschrift "Publik-Forum" und der Katholischen Nachrichtenagentur - erneut, das Pat-riarchat befürworte einen EU-Beitritt der Türkei, fügte aber hinzu: Diese Verhandlungen aller-dings müssten an die Erfüllung konkreter Bedingungen geknüpft werden, gerade auch beim Thema Religionsfreiheit. Die orthodoxe Minderheit habe bisher "noch keine positiven Früchte dieses EU-Beitrittsprozesses erfahren. ... Unsere Kirche hat noch keine positiven Reformen und Veränderungen erlebt - im Gegenteil", sagte der Patriarch wörtlich.
Besonders beklagte der Patriarch, dass - trotz gegenteiliger Signale der Regierung im Jahr 2003 - die Wiedereröffnung der 1971 von den Behörden geschlossenen Theologischen A-kademie auf der Prinzeninsel Chalki bisher nicht gestattet wurde. „Am 30. Januar hat der Erziehungsminister gesagt, es gebe keine Gründe, das Seminar von Heybeli (türkischer Name für Chalki) nicht wieder zu aktivieren; jetzt aber sagt man uns, es sei eine Bedrohung für die Staatssicherheit“, berichtete Patriarch Bartholomaios. Die Folge der andauernden Schließung der Hochschule sei, dass die Priesterzahl weiter schrumpfe. "Ich protestiere da-gegen, dass die Behörden diesen Prozess laufen lassen, der unsere Not immer schlimmer macht", so der Patriarch. "Wir sind in Bedrängnis. Wir fühlen uns nicht gerecht behandelt. Die Lage entwickelt sich vom Schlechten zum Schlechteren", fasste er die Entwicklung zu-sammen – hielt aber an der Position fest, dass ein EU-Beitritt der Türkei sinnvoll sei, denn nur die Aussicht auf einen solchen Beitritt könne einen Prozess in Gang setzen, in dem die massiven Schwierigkeiten der christlichen Minderheiten "ernst genommen und gelöst wer-den", betonte der Patriarch. Von einem EU-Beitritt der Türkei erwartet er sich deutliche Ver-besserungen für die Kirche. Der EU lägen die Probleme hinsichtlich der Religionsfreiheit im Detail vor: "Wir hoffen und wünschen, dass es einen fairen Beitrittsprozess für die Türkische Republik gibt, inklusive eines öffentlich erklärten, möglichen EU-Beitrittstermins. Der EU-Beitrittsprozess soll für Regierung und Volk ein Ansporn für tiefe, verifizierbare Reformen werden", betonte der Ökumenische Patriarch.
Als weitere Probleme nannte Patriarch Bartholomaios insbesondere die schon erwähnte fortdauernde Enteignung christlicher Gebäude sowie andere Repressalien durch die türki-schen Behörden. Außerdem würden Versprechungen gemacht, aber nie eingehalten - etwa die Zusage der Wiedereröffnung von Chalki. Darüber hinaus berichtete der Patriarch von zunehmenden Drohungen und sogar Anschlägen. Bedrohlich zugenommen haben in der Tat in den vergangenen Wochen Angriffe von Islamisten und EU-Gegnern jeder Art auf das Kirchenzentrum und Patriarch Bartholomaios selbst. Als der neue Patriarch von Alexandria, Theodoros II., jetzt dem Amtsbruder am Bosporus seine Aufwartung machte, nannte er den Ökumenischen Patriarchen einen "Märtyrer unserer Tage".
Unangenehme Vorfälle häufen sich in der letzten Zeit: So sorgte jüngst für Verärgerung un-ter den orthodoxen Christen in der Türkei auch, dass der Gouverneur der Provinz Antalya den traditionellen Gottesdienst in der Nikolaos-Basilika in Myra zum Festtag des Heiligen am 6. Dezember nicht erlaubte. Es sei das erste Mal seit 22 Jahren, dass die liturgische Feier in der Bischofsstadt des heiligen Nikolaos, dem heutigen Kocademre bei Kale, verwehrt wurde, zitierte die Nachrichtenagentur AFP einen Sprecher des Ökumenischen Patriarchats. Der negative Bescheid sei ohne Begründung erfolgt. Von Seiten des Patriarchats wurden "politi-sche Motive" vermutet.
Ein weiterer Vorfall: Ein gemeinnütziges Krankenhaus, das die Orthodoxe Kirche seit 250 Jahren betreibt, soll plötzlich Steuern zahlen - rückwirkend für mehrere Jahre. Dem Hospital droht der Bankrott. Auf der Insel Imros, wo noch zahlreiche Griechen leben, wollen die Be-hörden nach Auskunft des Patriarchen offenbar ein neues Naturschutzgesetz dazu nutzen, alle Grundeigentümer zu enteignen. In zahlreichen neuen Prozessen betreibt der Staat, trotz aller Reformen, die Enteignung von Eigentum orthodoxer Stiftungen,
Die neue restriktive türkische Politik zeigte sich auch erst vor wenigen Wochen in aller Deut-lichkeit, als die Behörden dem Patriarchen bei der Übertragung der Reliquien der hll. Johan-nes Chrysostomos und Gregorios des Theologen Ende November im Flughafen von Istan-bul untersagten, das Epitrachilion zu tragen: Liturgische Gewänder seien nur in der Kirche erlaubt. Beim anschließenden Gottesdienst in der Hl.-Georgios-Kathedrale im Phanar war von staatlicher Seite nur der Stellvertretende Gouverneur von Istanbul anwesen, der – wie ein Korrespondent vermerkte – „sichtlich gelangweilt dem liturgischen Geschehen beiwohn-te“.

Kritik ausländischer Kirchenführer
Allerdings kann man als eine positive Folge der ökumenischen Beziehungen konstatieren, dass sich führende Vertreter anderer christlicher Kirchen zu Gunsten des Patriarchats enga-giert haben.
So haben gegenüber den neuerlichen türkischen Pressionen in einer gemeinsamen, von den jeweiligen Generalsekretären Dr. Samuel Kobia und Dr. Keith Clements unterzeichneten Erklärung vom 10. Dezember 2004 der Weltrat der Kirchen und die Konferenz Europäischer Kirchen angesichts „neuer Bedrängnisse und Schwierigkeiten für das Ökumenische Patriar-chat“ Patriarch Bartholomaios ihre Solidarität ausgedrückt, denn sie hätten „eine tiefe Sorge ob der Berichte, die wir … erhielten. Es schmerzt uns, von der öffentlichen Kritik und den Angriffen zu lesen, die auf Sie selbst und auf die christliche Gemeinschaft in der Türkei er-folgten. Solche eine Feindschaft muss sehr schwer zu ertragen sein, besonders, da sie noch das Gefühl der Isolation mit sich bringt“. Man wolle daher den Patriarchen und alle Mitchris-ten unter seiner Führung überall in der Welt „von unserer Solidarität in Gedanken und Gebe-ten in dieser schwierigen Zeit“ wissen lassen. Angesichts der von der Türkei angestrebten Mitgliedschaft in der Europäischen Union sei deren Haltung umso unverständlicher, zumal der Ökumenische Patriarch diese stets unterstützt habe: „Dies nur ein weiteres Beispiel für die Integrität, die Sie als ein Führer der weltweiten Orthodoxen Kirche wie auch in der öku-menischen Bewegung gezeigt haben, wo sie unermüdlich die Sache des Dialogs, der Ver-söhnung und des Friedens in der Welt vertreten haben“, rühmen die Generalsekretäre das Wirken des Patriarchen und versprechen, dass sowohl der Weltkirchenrat wie auch die Kon-ferenz Europäischer Kirchen „darum bemüht sein werden, das Ökumenische Patriarchat bei seinem Nachdenken über unsere gemeinsame christliche Verantwortung für die Zukunft Europas zu begleiten“.
Selbst Stellen, die im Allgemeinen nicht unbedingt zu den größten Freunden der Orthodoxie zählen wie die Römisch-Katholische Kirche in Griechenland haben sich angesichts der neu-en türkischen Pressionen mit dem Ökumenischen Patriarchen solidarisiert. So forderte die Römisch-Katholische Kirche in Griechenland die Anerkennung "der Rechte des Ökumeni-schen Patriarchats" durch die türkische Regierung. Der Vorsitzende der griechischen katho-lischen Bischofskonferenz, Bischof Frangiskos Papamanolis (Syros), betonte laut einer "Kathpress"-Meldung in einem Brief an Patriarch Bartholomaios, den Katholiken gehe es darum, das Ökumenische Patriarchat in der derzeitigen schwierigen Situation zu unterstüt-zen. "Wir verlangen die volle Anerkennung der historischen und international bestätigten Rechte des Ökumenischen Patriarchats", heißt es in dem Brief. Insbesondere müsse die Theologische Hochschule auf der Prinzeninsel Chalki wiedereröffnet werden. Zugleich for-dert Bischof Papamanolis die Anerkennung der christlichen Kirchen in der Türkei als Rechtspersonen.
Auch deutsche Kirchenvertreter beklagten im Vorfeld der Diskussion um die Aufnahme der Verhandlungen vehement die Menschenrechtslage in der Türkei und kritisierten besonders, dass in der Türkei nach wie vor große Defizite in Sachen Religionsfreiheit herrschen.
Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, der Mainzer Bischof Kardinal Leh-mann, kritisierte, trotz der Trennung von Staat und Religion könne nicht von wirklicher Glau-bensfreiheit in der Türkei die Rede sein. "Der sunnitische Islam ist quasi Staatsreligion. Alle anderen Bekenntnisse, gerade auch die christlichen, haben wenig Bewegungsfreiheit", so der Kardinal. Er beklagte "eine respektlose und sogar aggressive Haltung" mancher Kreise in der Türkei gegenüber Christen. Daher ist für Kardinal Lehmann die mangelnde Religions-freiheit in der Türkei "einer der ganz kritischen Punkte" bei Verhandlungen über einen türki-schen EU-Beitritt. Er forderte die türkische Regierung auf, den Kirchen einen sicheren Rechtsstatus zu gewähren. Sie müssten das Recht auf Eigentum und zur Errichtung von Gotteshäusern erhalten, "und das nicht nur in Ausnahmefällen". Die Aussage des türkischen Ministerpräsidenten, dass die EU kein "Christen-Club" sei, ist für den Mainzer Kardinal schlicht "unverfroren". Gerade die Kirchen träten für uneingeschränkten Respekt gegenüber den Muslimen ein, betonte der Kardinal.
In gleichem Sinne äußerte sich der evangelische Auslandsbischof Rolf Koppe gegenüber der Zeitung "Bild am Sonntag", wegen der Verletzung von Menschenrechten sei "die heutige Türkei nicht reif für die EU". In der Türkei gebe es "für Christen keine Religionsfreiheit, weil es dafür keine Rechtsgrundlage gibt", sagte Koppe weiter.

Die Sichtweise des Ministerpräsidenten
Erwartungsgemäß sieht die türkische Regierung die Dinge anders. So hat der türkische Mi-nisterpräsident Erdoğan alle Vorwürfe zurückgewiesen, Christen könnten in seinem Land ihren Glauben nicht frei leben. "Selbstverständlich können Menschen, die nicht dem Islam angehören, in der Türkei ihre Religion frei ausüben", sagte Erdoğan der deutschen Zeitung "Bild am Sonntag". Die türkische Regierung habe den rechtlichen Status aller religiösen Ge-meinden, auch der christlichen, in den vergangenen Jahren verbessert. "Auf diesem Weg gehen wir weiter", so Erdoğan. Der türkische Regierungschef bekräftigte auch hier wieder seine bereits früher geäußerte Ansicht, der Beitritt Ankaras sei nur dann ein Problem, "wenn sich Europa als Christen-Club begreift". Die Türkei sei eine "Brücke zwischen Europa und Asien". In dieser Schlüsselposition könne sie zur Verständigung der Kulturen beitragen.
Gewiss: Erdoğans islamisch orientierte Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat trotz oft hitziger interner Diskussionen ein – zumindest formal - demokratisch orientiertes Reformpaket vorgelegt, das die EU-Kommission die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen empfehlen ließ. Aber: Rechtsstaatliche Garantien für Minderheiten, Meinungsfreiheit, Gleich-berechtigung von Frauen und viele weitere Problemfeldern müssen mit Leben erfüllt werden, sonst bleiben sie ebenso ein toter Buchstabe wie die angebliche Trennung von Staat und Religion und die Religionsfreiheit in der Türkei der Gegenwart.
Dies brachten am 23. September 2003 das Ökumenische und das Armenisch-Apostolische Patriarchat sowie die Syrisch-Orthodoxe und die Römisch-Katholische Kirche in einem ge-meinsamen Offenen Brief „Zur Frage der religiösen Bedürfnisse von christlichen und nicht-islamischen Minderheiten in der Türkei“ zur Sprache, der an das Büro des Ministerpräsiden-ten, das Außen- und das Innenministerium, das Ministerium für besondere Aufgaben mit Zuständigkeit für Religionsfragen und die Stiftungsgeneraldirektion gesandt wurde. Darin stellen die Kirchen fest, dass es unerlässlich sei, die Rechtspersönlichkeit aller christlichen Kirchen anzuerkennen und sämtliche juristischen Hürden zu beseitigen, die dies verhindern, ferner die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen, die zur Unterrichtung und Ausbildung der Geistlichen nötig sind, und allen Kirchenleuten die türkische Staatsangehörigkeit zuzuer-kennen, die aus dem Ausland eingeladen werden oder sich bereits im Lande befinden, um den religiösen Bedürfnissen der Gemeinden zu dienen. Gefordert wird in dem Brief u.a. wei-ter, dafür zu sorgen, dass öffentliche und nicht-staatliche Einrichtungen es unterlassen, Christen und Nicht-Muslime als eine für die Sicherheit des Landes gefährliche Gruppe zu betrachten, hingegen allen bereits bestehenden oder noch zu gründenden christlichen Ein-richtungen das Recht zuzuerkennen, Immobilien zu erwerben und die Gebetsstätten und Gebäude, die den christlichen Gemeinden aus verschiedenen Gründen entzogen worden sind, wieder an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, wobei es in jeder türkischen Stadt, in der Christen leben, wenigstens eine Kirche geben sollte.
Getan hat sich bisher praktisch nichts: Es dürfte noch ein weiter Weg für die Türkei nach Europa sein … Und man kann nur hoffen, dass all jene, die ihr diesen Weg ebnen wollen, das nicht um den Preis einer Unterdrückung der Christen in der Türkei und besonders der altehrwürdigen „Großen Kirche Christi“ tun.


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