vor vier Jahren haben wir vor und während des NATO-Einsatzes
in Jugoslawien in eindringlichen Worten vor dem Einsatz militärischer
Gewalt gewarnt, die nicht zu einer wirklichen Lösung des Konfliktes beitragen,
sondern diesen im Gegenteil noch verschärfen und für unzählige
unschuldige Menschen Leid, Elend, Verstümmelung und Tod bedeuten würde.
Die Ereignisse haben uns recht gegeben: Um ein - vermeintliches oder wirkliches
Unrecht - zu bekämpfen, wurde neues Unrecht zugelassen, ja durch den Krieg
erst ermöglicht.
Nun scheint es so, als würde ein neuer Krieg unabsehbaren Ausmaßes
unseren Planeten bedrohen, nämlich der Angriff auf den Irak.
Sicher ist nicht zu übersehen, dass das Regime im Irak seinen Teil Schuld
an der Entwicklung trägt. Trotzdem sind wir mit der überwiegenden
Mehrheit der christlichen Kirchen in aller Welt, auch in diesem Land, der Meinung,
dass ein mit modernsten Waffen, wie sie insbesondere den USA zur Verfügung
stehen, gegen den Irak geführter Krieg gerade die treffen wird, die die
Eskalation des Konfliktes nicht zu verantworten haben, vor allem Frauen und
Kinder.
Vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang auch nicht, dass im Irak eine
Zahl orthodoxer und orientalisch-orthodoxer Christen lebt und ihren Glauben
praktizieren kann. Für sie dürfte ein solcher Krieg im wahrsten Sinne
des Wortes existenzbedrohend werden.
Dem schon seit Jahren unter einer humanitären Katastrophe großen
Ausmaßes leidenden irakischen Volk würde im Falle eines Krieges
weiteres unermessliches Leiden und Sterben und eine politisch nicht zu kalkulierende
Zukunft bevorstehen. Die Folgen können nicht nur für den Irak, sondern
die gesamte krisenerschütterte Region des Vorderen Orients verheerend sein;
es steht zu befürchten, dass auch diesmal die Kriegsfolgen gar nicht absehbare
negative Entwicklungen begünstigen, darunter auch eine Eskalation des Terrors,
den man bekämpfen will.
In diesem Sinne hat der Papst und Patriarch von Alexandreia Petros VII. jüngst
dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Georg W. Bush, geschrieben:
"Der Mittlere Osten ist ein sensitives Gebiet, das jetzt schon viel leidet.
Ein solcher Krieg würde als Angriff auf den Islam gesehen. Solch ein Eindruck,
auch wenn er falsch ist, hätte weitreichende und andauernde Konsequenzen
für die Religionen, die Gläubigen und ihren Ruf. Religionen haben
ihrem Wesen nach nichts mit Politik, mit Terrorismus und Krieg zu tun".
Diesen Worten können wir uns nur anschließen: Ein Krieg kann nicht
gerechtfertigt werden, solange es auch nur die geringste Möglichkeit zu
einer anderen Lösung der strittigen Fragen gibt. Dazu gehört auch,
dass die UN-Waffeninspekteure ihre Arbeit vollständig abschließen
können. Jede Form eines Präventivschlages, der erfolgt, bevor jede,
auch die geringste und aussichtslos erscheinende Chance zu einer friedlichen
Lösung vergeblich genutzt worden ist, aber muss verurteilt werden.
In unserer Sicht sind jedoch bei weitem nicht alle Möglichkeiten ausgenutzt
worden. Insbesondere gilt dies für internationale humanitäre Aktionen,
die das Los der irakischen Bevölkerung bessern und - so darf man hoffen
- diplomatischen Versuchen der Verständigung mit der irakischen Regierung
neue Impulse geben würden. Ein Krieg würde aber jeden Ansatz hierzu
zunichte machen.
So schließen wir uns allen an, die zum Frieden mahnen, und fordern jene,
die dies noch nicht getan haben, auf, ein Zeichen des Friedens zu setzen und
alles in ihrer Macht stehende zu tun, dass der Menschheit ein neuer Krieg erspart
bleibt, dessen Folgen für uns alle schrecklich sein können.
Unsere Gläubigen und ihre Hirten rufen wir als Orthodoxe Kirche in Deutschland,
die - wie alle Orthodoxen - in jedem Gottesdienst um den "Frieden von oben"
beten, inständig dazu auf, Gott den Allmächtigen zu bitten, dass Friede
in der ganzen Welt herrsche und Er die Führer aller Nationen und alle
Völker erleuchte, mitzubauen an einer Welt, in der die Menschen keine Gewalt
mehr gegen ihre Brüder und Schwestern anwenden, einer Welt, die das gottgegebene
Leben liebt und in Gerechtigkeit und Solidarität zusammenwächst.
Dortmund, 29. Januar 2003
Für das Ökumenische Patriarchat:
+ Augoustinos, Metropolit von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa
Für die Russische Orthodoxe Kirche:
+ Longin, Erzbischof von Klin, Ständiger Vertreter der Russischen Orthodoxen
Kirche in Deutschland
Für die Serbische Orthodoxe Kirche:
+ Konstantin, Bischof für Mitteleuropa
Für die Rumänische Orthodoxe Kirche:
+ Serafim, Metropolit von Deutschland und Zentraleuropa
Für die Bulgarische Orthodoxe Kirche:
+ Simeon, Metropolit von West- und Mitteleuropa
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