Pax americana
- Die Hybris einer Weltmacht
Stellungnahme des Vorsitzenden der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland / Verband der Diözesen zum Krieg gegen den Irak
Millionen
Menschen, die auf die Straßen gegangen sind, um gegen den Irak-Krieg
zu protestieren, schauen entsetzt und ohnmächtig zu, wie die uneinge-schränkt
größte wirtschaftliche und militärische Macht der Welt ihren
"demokra-tischen" Messianismus mit geballter Wucht praktiziert.
In der Hilflosigkeit ist man versucht, sich das Gleichgewicht der Vernichtungswaffen
in der Zeit des Kalten Krieges zurückzuwünschen, als solche Alleingänge
unmöglich waren.
Den Kirchen, die in seltener Einmütigkeit über alle konfessionellen
Trennungen hinweg - vom Papst in Rom über den Erzbischof von Canterbury,
orthodoxe Patriarchen, den Ökumenischen Rat der Kirchen bis zu den amerikanischen
Baptisten - schon vor Anbruch des Krieges für eine friedliche Lösung
des Irak-Konfliktes eingetreten waren, bleibt nun das Gebet als letzte Zuflucht
- in selt-samer Übereinstimmung mit der "Koalition der Willigen"
- für einen schnellen Krieg mit möglichst wenig Opfern. Ihnen und
den "Unwilligen" wird zufallen, die Folgen des Krieges zu lindern
und Aufbauhilfe für Schäden zu leisten, die eine selbstberufene
Ordnungsmacht verursacht.
Es ist rational unfaßbar, daß dieser Aufschrei gegen einen moralisch
und völ-kerrechtlich verwerflichen Krieg George W. Bush unbeeindruckt
läßt. Getrieben offensichtlich von seinem Bekehrungserlebnis empfindet
er als einen morali-schen und nationalen Impetus, das Regime Saddam Husseins
zu beseitigen. Zum Staunen der Welt sagt er: "Wenn irgend jemand mit
so einer Sache seinen Frieden machen kann, dann habe ich meinen Frieden gemacht."
Ebenso para-dox wie dieser Frieden, der im Krieg besteht, ist auch die neuimperiale
Doktrin, die Welt mit Waffengewalt zu ihrem Glück zu zwingen. Überheblich
wird eine Neuordnung propagiert, die eigene Grundwerte zum Prinzip einer neuen
Grundordnung erhebt, die ihr Zentrum nicht in der UNO und in ihrem Sicher-heitsrat
hat, sondern in den USA, deren Präsident nach dem Motto handelt: "Wer
nicht mit uns ist, ist gegen uns". Darin besteht die - amerikanische
- Hyb-ris, die seit Homer als die verwerfliche Haltung von Menschen gilt,
die die Gren-zen der Ordnung übermütig und anmaßend überschreiten.
Die USA zielen auf die Schaffung einer neuen Weltordnung, in der internationale
Abmachungen hinter die amerikanische Hegemonie gestellt werden.
Dem aufmerksamen Beobachter des Weltgeschehens fallen zudem viele Unge-reimtheiten
auf, daß er an der Glaubwürdigkeit der moralischen Begründung
des Krieges zweifeln muß. Ein Blick nach Afrika und Zentralasien, wo
Diktatu-ren das Wohlwollen Amerikas genießen wie früher auch der
Menschenveräch-ter Saddam Hussein, zeigt, daß es den Kampf gegen
Tyrannen selektiv führt. Ist der in der arabischen Welt vorherrschende
Eindruck, daß Präsident Bush im israelisch-palästinensischen
Konflikt mit zweierlei Maß mißt, falsch? Bei einer Supermacht,
die sich über den Internationalen Strafgerichtshof stellt und ein Desinteresse
an einer Biowaffen-Konvention zeigt, drängt sich der Gedanke auf, daß
es im Feldzug gegen den Despoten von Bagdad nicht irrelevant ist, daß
im Irak die zweitgrößten Erdölreserven der Welt liegen.
Die Hydra der El Qaida, die nach dem 11. September 2001 zum Hauptfeind Amerikas
stilisiert worden ist, läßt sich nicht mit Waffengewalt bezwingen.
Kampfhubschrauber, Tanks, Kanonen, Flugzeugträger und Präzisisonsraketen
schlagen Köpfe ab, aus deren Wunden eine Vielzahl neuer nachwächst.
Wie soll es eigentlich weitergehen? Denn die Welt wird nach der Einschätzung
von Bush von der "Achse des Bösen" bedroht. Kommen an die Reihe
Iran, Syrien, Libyen, Nordkorea und wer sonst? Das ist ein gefährlicher
Weg, der ins Verder-ben führt.
Doch am meisten sind die Folgen zu beklagen, die mit militärischem Zynismus
Kollateralschäden genannt werden: Der Tod vieler unschuldiger Menschen,
de-ren Angehörigen unser Mitleid gilt, das Leiden der Gefangenen, denen
unser Gebet gilt, die Zerstörung der Leistung mühsamer Arbeit, die
Unterminierung der Autorität der Vereinten Nationen, der Rückschlag
im Einigungsprozeß Eu-ropas und die Destabilisierung der gesamten Region,
in der die Vorstellung vom "häßlichen Amerikaner" neue
Nahrung erhält.
Dies alles soll dem Willen Gottes entsprechen und dem Wohl der Menschheit
dienen? Doch Gott, den Bush auf seiner Seite wähnt, so daß er nach
seinem Bekunden gut schlafen kann, "ist nicht ein Gott der Unordnung,
sondern ein Gott des Friedens" (1 Kor 12,33). Möge er die Verantwortlichen
erleuchten, da-mit sie den Weg des Friedens finden.
Prof. Dr. Dr. Anastasios Kallis
(Vorsitzender der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland)
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