Fastenbrief
der orthodoxen Bischöfe in Deutschland zum Sonntag der Orthodoxie 2004
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
„Begonnen
hat der Kämpfe Zeit“ singen wir zu Beginn der Großen Fastenzeit,
die mit dem Fest unserer Identität, dem Sonntag der Orthodoxie, eingeleitet
wird.
Es ist die Zeit der Einkehr, der Buße, der Selbstbesinnung und der Loslösung
aus den Zwängen des Alltags; der Hinwendung zum menschgewordenen Sohn
Gottes, der sich selbst hingegeben hat, um seine Schöpfung zu retten.
„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einziggeborenen
Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren wird, sondern
das ewige Leben hat“(Jo 3,16).
In dieser Meditation der Besinnlichkeit rückt das Jahr 2004 zwei Gedenktage
in den Mittelpunkt der Erinnerung, die im Hinblick auf den ökumenischen
Dialog und die geistige Orientierung der Europäischen Union nachdenkenswert
sind. Zum einen jährt sich zum 950. Mal das Datum der traurigen Ereignisse
von 1054, die zum Bruch der kirchlichen Gemeinschaft zwischen der katholischen
und der orthodoxen Kirche geführt haben, und zum anderen verweist die
runde Zahl von 800 Jahren auf die Eroberung und Plünderung Konstantinopels
durch das Heer des vierten Kreuzzuges im Jahr 1204, der nicht nur das Verhältnis
zwischen den Kirchen belastete, sondern auch die Gemeinschaft zwischen Ost-
und Westeuropa empfindlich traf.
Im Rahmen der ökumenischen und gesellschaftlich-politischen Perspektive
Europas gewinnt das Gedenken beider Ereignisse eine außerordentliche
Aktualität, denn sie mahnen die Kirchen und die Staaten Europas, nicht
der Versuchung zu unterliegen, das Eigene zu verabsolutieren und die Macht
zur Autorität einer allgemeinen Rechtsordnung zu erklären, die in
der menschlichen Vernunft ihre Verankerung hat.
Als Bischöfe auf dem europäischen Kontinent, dessen Antlitz der
christliche Glaube wesentlich geprägt hat, müssen wir mit großer
Sorge feststellen, dass der Verfassungsentwurf der Europäischen Union
der Geschichte und kulturellen Identität Europas nicht gerecht wird,
indem er einen Humanismus propagiert, dessen Quellen er ausblendet. Im Geist
einer religiösen Neutralität bzw. Laizität des Staates verkennt
der Verfassungskonvent, dass Europa, zu dessen geistiger Identität das
Christentum wesentlich gehört, ohne die christliche Komponente nicht
Europa bleiben kann. Auf der Basis einer gottlosen Interessengemeinschaft
hat Europa keine Zukunft.
Die genannten Gedenkdaten rufen uns auf, in einer selbstkritischen Reflexion
die Wunden der Vergangenheit zu heilen, die kirchlichen, kulturellen und politischen
Verwerfungen zu überwinden, um ein geistiges Fundament zu sichern, daß
der Aufbau der Gemeinschaft der Völker Europas zu einer Körperschaft
wächst, die Krisen und menschlichen Unzulänglichkeiten widerstehen
kann.
Lassen Sie uns als Kirchen in unserem Umgang miteinander mit gutem Beispiel
vorangehen, damit auch die Welt an unsere christliche Versöhnungsbotschaft
glaubt. Denken wir an das Glaubwürdigkeitsprinzip, dass unser Herr in
seinem Abschiedsgebet formuliert hat: „Alle sollen eins sein: Wie du,
Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit
die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Jo 17,21). Amen.
+ Augoustinos, Metropolit von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa (Griechisch-Orthodoxe
Metropolie von Deutschland)
+ Gabriel, Erzbischof von Komana (Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer
Tradition in Westeuropa)
+ Ioan, Erzbischof von Parnassos (Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa)
+ Gabriel, Metropolit von West- und Mitteleuropa (Metropolie der Griechisch-Orthodoxen
Kirche von Antiochien für West- und Mitteleuropa)
+ Feofan, Erzbischof von Berlin und Deutschland (Berliner Diözese der
Russischen Orthodoxen Kirche)
+ Longin, Erzbischof von Klein (Ständige Vertretung der Russischen Orthodoxen
Kirche in Deutschland)
+ Konstantin, Bischof für Mitteleuropa (Serbische Orthodoxe Diözese
für Mitteleuropa)
+ Serafim, Metropolit für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa (Rumänische
Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa)
+ Simeon, Metroplit von West- und Mitteleuropa (Bulgarische Diözese von
West- und Mitteleuropa)
+ Abraham, Metropolit von Westeuropa (Westeuropäische Diözese der
Georgischen Orthodoxen Kirche)
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