Dokumente: Orthodoxie in Deutschland

Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe Deutschlands im Jahr 2005

Liebe Väter, Brüder und Schwestern in Christus,

Für uns orthodoxe Bischöfe, die wir Mitglieder der KOKiD sind, ist es eine große Freude, Euch, unseren geistlichen Kindern, an diesem Sonntag der Orthodoxie diesen Hirtenbrief zu senden, in dem wir versuchen, eure Aufmerksamkeit auf einige bedeutende Aspekte unseres orthodoxen Glaubens zu lenken.

Als Orthodoxe hören wir nicht auf, immer wieder zu erklären, dass die Orthodoxie die Kirche Christi ist, die „eine heilige katholische und apostolische“ Kirche, die sich mit Christus identifiziert, insofern sie sein Leib ist und er ihr Haupt (Eph 1, 23). Als Kirche der Apostel und der Väter bewahrt die Orthodoxie treu den Glauben, den diese formuliert und weitergegeben und für den im Laufe der Jahrhunderte unzählige Martyrer ihr Leben hingegeben haben.

An diesem „Sonntag der Orthodoxie“ gedenken wir ganz besonders unserer Brüder und Schwestern, die im Laufe des 8. und zu Beginn des 9. Jahrhunderts unter Einsatz ihres Lebens für die Verteidigung der heiligen Ikonen gekämpft haben. Das war jene Zeit, da die bilderstürmerischen Kaiser die Ikonen zerstörten und der Kirche einen Gott ohne Angesicht, einen fernen Gott, einen in seiner Transzendenz verschlossenen Gott aufzwingen wollten, was in der letzten Konsequenz eine Begegnung mit dem Menschen, in Wirklichkeit konkreten und oft unglücklichen Abbild unmöglich gemacht hätte. Dies bedeutete den Glauben selbst zu zerstören, denn im Herzen der christlichen Botschaft steht zu Recht die Inkarnation: Gott überwindet seine eigene Transzendenz und wird Mensch; in Christus, seinem geliebten Sohn, nimmt er menschliche Gestalt an, um von allen als ein naher Gott erkannt zu werden, als ein barmherziger Gott, der „jede Träne von jedem Gesicht abwischt“ (Paraklesis zur Gottesmutter).

Die Ikone Christi – und mit ihr verbunden die Ikone der Gottesmutter und jedes Heiligen – bezeugt wahrhaft diese unendliche Liebe Gottes, „der seinen Sohn hingegeben hat, damit ein jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“ (Eucharistisches Hochgebet). Mehr als ein bloßes sichtbares Zeichen, das an die Nähe Gottes erinnert, ist die Ikone auch ein Ort der Gnade, eine Gegenwart im Mysterion. Wenn wir sie mit Glauben im Gebet verehren, versetzt uns die Ikone in die Gemeinschaft mit Gott oder mit den dargestellten Heiligen und überträgt auf uns die göttlichen Energien, mit denen sie gefüllt ist. Das ist der Grund, warum unsere Kirchen voll sind von Ikonen und Fresken, die Christus, die Gottesmutter, die Engel, die Heiligen und auch die biblischen Geschehnisse und jene der heiligen Geschichte darstellen.

Immer wenn wir wieder in eine Kirche kommen, haben wir das Gefühl, auf mystische Weise von den Myriaden der Engel und Heiligen umgeben zu sein, die hier gegenwärtig sind, um mit uns zu beten und um uns zu unterstützen in unseren Bedürfnissen und unseren Leiden. Wirklich, die Kirche ist die „Gemeinschaft der Heiligen“, „Gott ist gelobt in seinen Heiligen“, wie es der Psalmist David sagt. Und wir, auch wir, sind zur Heiligkeit berufen. Mehr noch, von unserer Taufe an sind wir heilig. Zwar muss diese Heiligkeit der Taufe immer wieder durch eine persönliche Anstrengung aktualisiert werden, eine Anstrengung, die oft sehr schwer zu erreichen ist. Denn es ist nicht immer leicht zu beten, zu fasten, regelmäßig an der Göttlichen Liturgie teilzuhaben oder seine schlechten Gewohnheiten zu überwinden, um dahin zu kommen, dass wir Gott lieben aus ganzem Herzen und den Nächsten wie uns selbst. Das christliche Leben ist ein alltäglicher asketischer Kampf, ein Kampf gegen die dämonischen Mächte, die versuchen, uns fernzuhalten von Gott, uns dazu zu bringen, die Liebe Gottes für uns zu ignorieren und zu leben, ohne auf sie zu achten.

Aus diesem Grunde vergleicht der hl. Paulus das Leben des Christen mit den Athleten, die sich eine strenge Askese auferlegen, um so eine vergängliche Krone zu erlangen. Eine solche Askese ist von daher noch viel notwendiger, um das ewige Leben zu erlangen. In unserem Kampf gegen die bösen Leidenschaften, die von den Dämonen gefördert werden, nehmen das Gebet und das Fasten einen ganz zentralen Platz ein. Der Herr selbst belehrt uns, dass man sich nicht von der Herrschaft der bösen Geister befreien kann, außer durch das Gebet und das Fasten (vgl. Math 17, 21). Die Orthodoxe Kirche ist in besonderer Weise eine Kirche des Gebetes und der Askese. Unsere Väter im Glauben haben uns ein reiches liturgisches Erbe hinterlassen, eine tiefe mystische und asketische Tradition, die immer aktuell ist, denn sie antwortet auf die Bedürfnisse und die Forderungen jedes Menschen, der Gott sucht.

Besonders die Göttliche Liturgie, die durch ihre Schönheit „der Himmel auf Erden“ ist, muss sich im Zentrum des Lebens eines jeden Christen befinden. An der Göttlichen Liturgie regelmäßig, wenn möglich jeden Sonntag, teilzunehmen, ist schon eine Askese, zumal unsere Gottesdienststätten sich oft weit entfernt von unseren Wohnungen befinden. Jeden Tag so viel wie möglich zu beten und besonders sich auch zu bemühen, die Qualität seines Gebetes zu steigern, d.h. mit voller im Herzen konzentrierter Aufmerksamkeit zu beten, wie uns die Väter lehren, ist ebenfalls eine große Askese, so wie auch das Fasten, sei es nun das eucharistische Fasten oder das Fasten an den Mittwochen und Freitagen oder in den Fastenzeiten des Jahres.

Wir haben jetzt die Große Fastenzeit begonnen, die uns vorbereitet auf das Fest der Auferstehung des Herrn. Es ist eine Zeit der Buße, der Wiederversöhnung mit Gott und unserem Nächsten durch die Beichte unserer Sünden vor dem Priester. Das Fasten, das wir während dieser Zeit ein jeder gemäß seiner eigen Kräfte praktizieren, hilft, in uns den Kampf der Leidenschaften zu besänftigen, den Geist zu reinigen, und uns zu helfen, dass wir uns auf das Herz konzentrieren. So wird das Gebet, das vom Fasten begleitet ist, immer mehr zu einem reinen Gebet werden, ohne andere Gedanken als nur die Gedanken an Gott. Fasten bedeutet auch, dass wir unsere Güter mit unseren Brüdern teilen, die sich in Not befinden.

Somit haben also unser Gebet und all unsere asketischen Anstrengungen zum Ziel, dass wir die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten erlangen. Ein Heiliger wird gerechterweise der genannt, in dem die Liebe alles überwindet, jeden Hass und jede schlechte Leidenschaft. Der Heilige triumphiert sogar durch die Gnade über seine eigene Natur; er ist ein umgestalteter Mensch, ein befriedeter Mensch, ein geeinter Mensch, der in sich die ganze Menschheit und den ganzen Kosmos vereint. Im Heiligen verehren wir zu Recht das heiligende Werk Gottes, denn letztlich ist alles Gnade. Und jede Ikone, der wir begegnen, ist eine Einladung zur Heiligkeit. Wir wünschen Euch allen ein gesegnetes Fasten und rufen den Segen des Herrn auf Euch, auf Eure Kinder und Eure Familien herab.

Berlin, am Sonntag der Orthodoxie 2005

+Metropolit Augoustinos von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa
Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland und Exarchat von Zentraleuropa

+Erzbischof Gabriel von Komana
Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa

+Erzbischof Ioann von Parnassos
Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa

+Metropolit Gabriel von West- und Mitteleuropa
Metropolie der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien für West- und Mitteleuropa

+Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland
Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats

+Erzbischof Longin von Klin
Ständiger Vertreter der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland

+Bischof Konstantin von Mitteleuropa
Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

+Metropolit Dr. Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa
Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

+Metropolit Simeon von West- und Mitteleuropa
Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa

+Metropolit Abraham von Westeuropa
Westeuropäische Diözese der Georgischen Orthodoxen Kirche


[ zum Seitenanfang ] [ Dokumente (Übersicht) ]


© 2005  KOKiD