Dokumente: Orthodoxie in Deutschland

Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe Deutschlands im Jahr 2006

„Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt …,

dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

Und er wird sagen:

Wahrlich, ich sage euch,

was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt,

das habt ihr auch mir nicht getan.“

(Mt. 25, 31.40)

 

In Christo geliebte Brüder und Schwestern,

gemeinsam treten wir jetzt in die große vierzigtägige Zeit der besonderen Buße und Enthaltsamkeit ein. Schon mehrfach erklangen in der Vorbereitungszeit die Worte des Hymnus: „Der Buße Pforten öffne mir, Lebensspender“, dieses Gesanges, der uns daran erinnert, dass zur Buße die Erkenntnis unserer Sünden notwendig ist.

Besonders in der gegenwärtigen Zeit, da die Welt ihre Ideale und religiösen Werte verliert, ist es unsere unerlässliche Verpflichtung als orthodoxe Christen, unsere Selbsterkenntnis zu vertiefen und aufmerksam unser Leben, das wir führen, zu prüfen. Besonders sollen wir unsere Aufmerksamkeit ernsthaft unserem moralischen Leben zuwenden, das mit der Liebe zu unserem Nächsten verbunden ist und mit der Beachtung der Gebote Gottes, die uns Ihm nahe bringt, denn die Menschen „sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern“ (Apg. 17,27).

Von verschiedenartigsten Beschäftigungen abgelenkt, finden wir oft nicht genügend Zeit zum Gebet und zum Nachdenken über unser weiteres Leben. Und wir vergessen nur zu oft, dass neben uns ein Mensch lebt, der – wie wir – nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist. Wir vergessen, was der hl. Psalmensänger David meinte, wenn er sagte: „Wohl dem, der sich des Schwachen annimmt; zur bösen Zeit wird der Herr ihn erretten!“ (Ps. 41,1)

Denken wir immer daran, besonders aber jetzt in der Zeit der Vierzig Tage, dass wir demnächst über das von uns gelebte Leben vor dem Himmlischen Vater werden Rede und Antwort stehen müssen. Doch als ein uns liebender Vater kommt er uns entgegen, wenn er sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt. 25, 40).

Dies besagt doch: Gott ist in uns gegenwärtig; wenn dies aber so ist, dann müssen wir auch unsere Nächsten lieben wir uns selbst, ja wie Gott selbst, und für sie Sorge tragen.

In der letzten Zeit hat die Welt verschiedene Katastrophen erlebt, und wir wurden Zeugen, wie diese viele Tausende Opfer kosteten. Die Massenmedien haben uns in großem Maße über diese Geschehen informiert; aber leider sind wir nicht selten schon abgestumpft, und es scheint, als würden uns selbst außergewöhnliche Unglücksfälle nicht mehr interessieren und solche schrecklichen Nachrichten kaum mehr unsere Aufmerksamkeit erregen. Doch sind auch diese Menschen, die hier zu leiden hatten, auch wenn sie anderen Nationen und Religionen angehören mögen, nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen und gehören zu diesen „geringsten Brüdern“, von denen der Erlöser spricht. Und sie sollten daher auf unsere Solidarität und Hilfe rechnen können!

Die Fastenzeit ist eine besondere Zeit, eine Zeit, in der wir uns Gedanken machen sollten über das Leben, das wir geführt haben, und gewissermaßen eine Bilanz ziehen – mit der aufrichtigen Bereitschaft und Entschlossenheit, unsere Sünden zu bereuen, unsere Fehler nach Möglichkeit wieder gut zu machen und in Zukunft zu vermeiden, einen neuen Ansatz zu finden, unser weiteres Leben nach den Geboten Gottes auszurichten, „damit wir die übrige Zeit unseres Lebens in Frieden und Buße vollenden … und ein christliches Ende unseres Leben … und eine gute Verantwortung vor dem schrecklichen Richterstuhl Christi“ erfahren.

In diesem Zusammenhang beunruhigt uns besonders, dass in der so genannten christlichen Welt viele Werte vergessen scheinen, dass einige sich über religiöse Werte sowohl unserer wie auch anderer Religionen lustig machen. Wir sind kategorisch gegen jedwede Art einer Beleidigung und Verächtlichmachung religiöser Werte, die immer nur von einer Gottesferne zeugt. Wir rufen unsere Kinder dazu auf, die religiösen Werte aller Menschen zu achten, auch wenn sie anderen Glaubensbekenntnissen und Religionen angehören, denn, was wir einem dieser „Geringsten“ antun, das tun wir Gott an.

Brüder und Schwestern,

vergesst also nicht die Bedürftigen, vergesst nicht all jene, die unserer Hilfe bedürfen, vergesst nicht jene, die sich um das Wohl des menschlichen Lebens auf dieser Erde mühen: Helft ihnen – und Gott wird euch helfen!


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