Die Jugend und die Kirche in Russland - Interview mit Erzbischof Aleksandr von Kostroma und Galic*
Exzellenz, der dramatische Rückgang der Bevölkerung Russlands seit der Wende zeugt davon, dass die junge Generation mit den neuen Verhältnissen noch schwer zurechtkommt. Wie geht es der Jugend Russlands heute?
ERZBISCHOF
ALEKSANDR: Staat und Gesellschaft bezeichnen die heutige Jugend
als "verlorene Generation". Es gibt ein Meer von Problemen. Eines
der größten sind die Straßenkinder, aber auch der Drogenkonsum,
der Alkoholismus, die teilweise amoralische Lebensführung. Dafür
ist in der Tat die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft verantwortlich,
das Fehlen klarer Ziele.
Es gibt aber auch die andere Seite. Jugendliche, die durchaus Ideale haben,
die sich ein Ziel setzen, die dieser Welt mit aufrichtiger Hoffnung begegnen.
Es gibt auch die Jugend, die nach dem Evangelium lebt. Die Kirche lehnt
es deshalb ab, sie als "verlorene Generation" zu stigmatisieren.
Wir sehen in ihr eine "wiedergefundene Generation", die eine Chance
hat, die Wurzeln der russischen Kultur wieder zu entdecken.
Findet die Russische Orthodoxe Kirche Zugang zur Jugend Russlands?
ERZBISCHOF
ALEKSANDR: Unsere Kirche befasst sich noch nicht lange mit Jugendfragen.
Das liegt an der jüngsten Geschichte, die für das russische Volk
und die russisch-orthodoxe Kirche tragisch war. Achtzig Jahre lang hat man
die Kirche aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Sie hat ein
Ghetto-Dasein geführt. Jede Tätigkeit außerhalb der Kirchenmauern
war verboten. Der sowjetische Staat wollte langsam aber sicher das ganze
religiöse Leben des Volkes vernichten. Vor allem war es nicht erlaubt,
mit Jugendlichen zu arbeiten.
Erstmals hat der Staat jetzt eine wirklich schreckliche Statistik veröffentlicht.
Zwischen 1917 und 1940 sind 120.000 Priester, Diakone, Mönche, Nonnen
und andere Kirchenleute verhaftet worden und 96.000 wurden erschossen. Die
Elite der Kirche, die schöpferische Kraft der Kirche, wurde physisch
vernichtet. Dass die Kirche überhaupt überlebt hat, ist ein Wunder
des Zwanzigsten Jahrhunderts. Heute muss die Kirche leider vielfach wieder
bei Null anfangen. Die traditionelle Weitergabe des Glaubens durch Großeltern
und Eltern ist zerstört, jahrhundertealte Traditionen sind einfach
ausradiert worden. Heute muss man mutig nach neuen Wegen der Begegnung mit
der Jugend suchen, damit die ewigen Wahrheiten des Evangeliums auch die
Herzen der säkularisierten Jugend erreichen.
Wie gehen Sie dabei vor?
ERZBISCHOF ALEKSANDR: Auf dem Jubiläumskonzil der russisch-orthodoxen Kirche im Jahr 2000 in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau haben wir etwas geschaffen, was es nie vorher gegeben hat: eine Abteilung der russisch-orthodoxen Synode für Jugendfragen. Mir wurde deren Vorsitz übertragen. Das war der Versuch, die Anstrengung aller zu konzentrieren, die mit Jugend zusammenarbeiten. Wir haben Programme ausgearbeitet, wie wir die Jugend wieder an die Kirche heranführen können.
Welche Initiativen haben Sie ergriffen?
ERZBISCHOF
ALEKSANDR: In den letzten zwölf Jahren war die Jugend einfach
sich selbst überlassen. Lehrer und Erzieher konnten in dieser Phase
des Erwachsenwerdens kaum noch Einfluss nehmen. Hier setzen wir an, zum
Beispiel im Sport. Die Jugend liebt den Sport. In der Sowjetzeit waren zwei
Sportarten sehr populär: Fußball und Hockey - man nannte das
"Lederball" und "Goldene Scheibe". Die Jugendabteilung
unserer Synode ist heute in engem Kontakt mit den Sportorganisationen. Zehntausende
von Jugendlichen sind dort aktiv, treffen dort auch Priester und lernen
die Grundlagen der Orthodoxie kennen.
Auch im Pfadfinderwesen sind wir aktiv. Es gibt jetzt Sommerlager mit Teilnahme
der Kirche. Wir arbeiten an der Christianisierung des Internets. Wir geben
ein Magazin für die Jugend heraus. Wir aktivieren die Jugendarbeit
auf allen kirchlichen Ebenen, vom Bistum bis zur Pfarrei. Wir bilden Fachleute
aus, die hochprofessionell mit Jugendlichen arbeiten können.
Ein interessantes Phänomen ist die Rockmusik. Man muss sehr ruhig und
weise an diese Frage herangehen. Die Jugend begeistert sich für diese
Musik und vielleicht kann man schöpferisch eine Verbindung herstellen
zwischen den Empfindungen der Jugend, die sich in diesen musikalischen Tendenzen
ausdrücken, und der Kirche.
Arbeiten hier Kirche und Staat zusammen?
ERZBISCHOF ALEKSANDR: Wir setzen uns dafür ein, dass es ein staatliches Programm für die Jugend gibt. Um ein Zeichen zu setzen, haben wir einen Preis für die aktive Arbeit mit der Jugend ausgesetzt. Der Preis hat einen hohen Stellenwert und wird durch den Patriarchen und durch den Bürgermeister von Moskau verliehen. Wir wollen erreichen, dass sich die Jugend alles Gute aus der eigenen Kultur zu eigen macht. Das schließt nicht aus, auch das Beste aus der Jugendkultur des Westens zu übernehmen.
Welchen Erfolg haben diese Maßnahmen bis jetzt?
ERZBISCHOF
ALEKSANDR: Die Situation ist in Stadt und Land unterschiedlich.
Es gibt junge Priester, die leidenschaftlich an diese Aufgabe herangehen.
Viele Priester sind aber noch aus der sowjetischen Zeit beeinflusst und
nicht sehr lebhaft in der Jugendarbeit. Im Moment gibt es in ganz Russland
ein Absterben der Dörfer, des ländlichen Lebens. Auf dem Land
ist die Aktivität der Kirche sehr schwach. Anders ist es in den großen
Städten. Dort ist das Interesse am geistlichen Leben der Kirche sehr
groß. Uns liegen Umfragen vor, wonach sehr viele junge Menschen keine
kulturellen Analphabeten sein wollen, die nichts über ihre Wurzeln
wissen. Sie wollen ihre kulturelle Identität kennen lernen, zu der
natürlich die Orthodoxie gehört; und sechzig Prozent der Menschen,
darunter auch viele Jugendliche, sagen, dass sie der Kirche vertrauen.
Aber die Kirche muss versuchen, dieses Interesse weiter wachsen zu lassen,
damit es nicht verkümmert. Es ist wichtig, dass ein junger Mensch seinen
Platz in der Kirche auch finden kann; dass er sich nicht als Fremder in
der Kirche fühlt, sondern sich dort wiederfinden kann. Die Kirche darf
keine Zeit verlieren. Sie muss die Sprache der Jugend sprechen. Man darf
keine Abstriche an den ewigen Wahrheiten des Evangeliums machen, aber man
muss sie in die Sprache der Jugend übersetzen.
*Das Interview führte Michael Ragg vom römisch-katholischen Hilfswerk „Kirche in Not /Ostpriesterhilfe“
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