Kirchliches Leben : Diakonia


Umweltschutz - ein Thema für die orthodoxe Kirche ?
von Archidiakon Dr. Dr. Wassilios Klein

Wir haben uns heute zu Ehren des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. versammelt, und so habe ich ein Thema für den Festvortrag gewählt, für das er sich besonders engagiert, den Umweltschutz. In den vier Bereichen Bibel, Ethik, Liturgie und Askese möchte ich die orthodoxe Grundsatzposition zum Umweltschutz skizzieren und dabei zeigen, daß er genuiner Bestandteil orthodoxer Theologie und, anders als das anthropozentrisch geprägte Wort, in der Sache keine Neuentdeckung der letzten Jahre ist.

Gottes Befehl im biblischen Schöpfungsbericht endet nicht mit dem Auftrag, sich die Erde zu unterwerfen und sie zu beherrschen, wie oft zur Rechtfertigung egoistischer Machtausübung zitiert wird. Gott erlaubt den Menschen keineswegs, alles zu tun, denn nur die Pflanzen gibt er zur Nahrung (Gen 1,29f). Der Mensch soll also in verantwortlicher Weise herrschen, die seine Mitgeschöpfe möglichst wenig ausbeutet. Die Herrschaft ist kein Freibrief, sondern Aufgabe. Nach dem ersten Sündenfall trifft die selbstverschuldete Paradiesesstrafe keineswegs nur den Menschen. Vielmehr werden auch die Schlange und der Ackerboden verflucht (Gen 3,14f). Ein Teil von Fauna und Flora sind sowohl beim Sündenfall wie auch bei seinen Folgen in das Schicksal des Menschen involviert. Der Mensch steht zwar im Zentrum der Betrachtung, aber nicht isoliert von der Natur. Und es zeigt sich, daß die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen nicht erst mit höheren Zivilisationsstufen oder der Industrialisierung beginnt, sondern schon mit einer Sünde, die gar nicht primär in der Umweltzerstörung liegt. Jede Sünde stört die Harmonie des Menschen mit seiner Umwelt. Die ökologische Krise ist somit Ergebnis des Ungehorsams des Menschen gegen Gott. Die Sintfluterzählung zeigt mit Noah, der vor Gott Wohlgefallen gefunden hat und der Tiere vor der Sintflut retten soll, daß durch die Heiligkeit des Menschen die Natur gerettet werden kann. Heiligkeit stellt also die Harmonie des Menschen mit der Natur wenigstens teilweise wieder her. Die völlige Wiederherstellung bleibt der Neuschöpfung durch Gott in der Endzeit
vorbehalten, wie sie die Johannesapokalypse in den letzten beiden Kapiteln der Bibel beschreibt.

Die Heiligen, unsere Vorbilder, haben aus dem von Christus verheißenen und der Apokalypse beschriebenen Untergang dieser Welt vor der Neuschöpfung keinen Fatalismus gefolgert. Vielmehr betrachten sie die gegenwärtigen Menschen, ihre Nachkommen und die Tiere als Mitgeschöpfe und Partner desselben Bundes, den Gott nach der Sintflut geschlossen hat, weshalb sie geachtet werden müssen. Der Gottesbund hat zum Ziel, das Leben auf der Erde zu garantieren, was der Mensch nicht ignorieren darf. Orthodoxe Moraltheologen haben auf dieser Basis eine Ethik des ökologisch verantwortlichen Handelns formuliert. Jedoch ist menschliche Autonomie im Handeln, und sei es auch im Gehorsam göttlichen Geboten gegenüber, in
orthodoxer Sicht gefährlich. Der Mensch ist nicht imstande, allein die Umweltkrise zu lösen, wie zahlreiche Beispiele zeigen, bei denen trotz guter Absicht schädliche "Nebenwirkungen"  (z. B. "saubere" Atomkraft) entstehen. Er kann nur Symptome mildern, das kleinere Übel wählen. Die Ethik, selbst die biblisch begründete, macht somit nur einen Teil dessen aus, was im Sinne der orthodoxen Theologie als Antwort auf die ökologische Krise möglich ist. Es muß etwas hinzukommen.

Den christlichen Weg weist uns Paulus im Philipperbrief, wo es heißt: "Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus"  (Phil 2,13). Zu unserer Anstrengung muß es also gehören, Gottes Beistand zu suchen, wozu das Gebet und die Teilnahme an den Sakramenten verhelfen. Im 1990 von dem Mönch Gerasimos Mikragiannanitis (gest. 1991) neugedichteten Gottesdienst der orthodoxen Kirche "für unsere Umwelt und den Wohlbestand der ganzen Schöpfung", der panorthodox am 1. September gehalten wird, heißt es: "Der Du alles in Weisheit gut verfertigt hast, und den Menschen hin zur Ähnlichkeit [mit Dir] geschaffen hast, heilige unsere Zeit, Herr, zur Erfüllung Deiner Anordnungen, König, damit wir lobpreisen pausenlos, Dein unendliches Erbarmen, zur Neuschöpfung des ganzen Kosmos". In diesem Gottesdienst äußert sich die Liebe zu den Mitgeschöpfen, er meditiert die Schöpfungstätigkeit Gottes und bittet um Gottes Beistand für das rechte Handeln des Menschen. Ähnliches gilt für die Texte zur Wasserweihe am Fest der Theophanie und manch andere Gebete. Vergessen wir nicht die Ikonographie, die die Natur nicht in ihrer irdischen Form abbildet, sondern ebenso wie die Heiligen in verklärter Gestalt. Darüberhinaus liefert die tägliche Liturgie einen grundlegenden Beitrag für die richtige Haltung gegenüber der Umwelt. Nicht nur, daß hier der ganze Kosmos potentiell durch die Wandlung der irdischen Elemente Wein und Brot zu Leib und Blut Christi geheiligt wird, sondern es wird auch immer wieder das richtige Verständnis ethischen Lebens aktualisiert. So wie die Ethik alleine nicht genügt, so auch nicht die Teilnahme an der Liturgie. Die Heiligen, die in der Praxis gezeigt haben, wie weit die Harmonie mit der Natur in diesem Leben wiederherzustellen ist, haben einen alles andere als selbstzufriedenen und bequemen Weg beschritten: den Weg der Askese, die ihre Basis unverzichtbar im liturgischen Leben hat, aus der nicht ein kasuistisches Regelwerk hervorgeht, sondern ein Ethos, eine ethische Grundhaltung, in der sich der Beter eins weiß mit der Schöpfung. Die Askese als Kampf gegen die Sünde, nicht als Leibfeindlichkeit, ist ein Weg, der durch Einbeziehung von Körper und Geist mittels praktischer Lebensführung und Gebet zum Einklang des Menschen mit Gott und seinem Nächsten führt und damit das dreifache Liebesgebot des Evangeliums zu erfüllen hilft, Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst (Mt 22,37-39). Zahlreich sind die Geschichten über den vertrauten Umgang der Heiligen, vor allem der Einsiedler, mit wilden Tieren. Ihnen gemeinsam ist, daß sie ihn nicht als Zauberei darstellen, sondern als Folge von nach langjähriger Askese erworbenen Tugenden wie Sanftmut und Liebe, eben einer Umformung des Menschen. Diese wirkt sich auf seinen Umgang mit der Natur aus, zeigt also die kosmische Dimension der Heiligkeit, und entgeht nicht der Sensibilität des Tieres.

Die orthodoxe Theologie beschreibt die ökologische Krise wie ihre Lösung in den Zusammenhängen der Schöpfungstheologie, der Eschatologie und einer christlichen Lebensweise, die sich durch Vermeiden der Sünde mittels Askese, verantwortungsbewußtem Handeln und liturgischem Leben einer Harmonie des Menschen mit seiner Umwelt annähert. Für das Streben nach Vollkommenheit darf die mystische Dimension nicht fehlen, die nicht nur das Handeln ändert, sondern den Menschen als Ganzen umformt. Dieser Weg, der alles tut und nichts unterläßt, ist hart und anstrengend und wird wohl deshalb - leider auch in orthodoxen Ländern - von so wenigen beschritten, daß politische Umweltschutzbewegungen entstehen konnten. Der orthodoxe Gläubige kann den Weg von den Heiligen lernen, die ihn erfolgreich vorgelebt haben, und zwar im Kontext der Kirche. Die von Patriarch Bartholomaios I. ins Leben gerufenen jährlichen Umweltseminare zeigen konkrete Wege auf, mit denen aus der Fülle der Tradition der orthodoxen Kirche Antworten auf diesbezügliche Fragen unserer Zeit gegeben werden - im Sinne der Umformung des Menschen. Denn dies ist die Aufgabe der Kirche, nicht Konkurrenz zu staatlichem Handeln. Resignation angesichts der Größe der Probleme ist fehl am Platz. Jeder kann in dem Stand, in dem er berufen wurde (1Kor 7,24), die Herausforderung annehmen. Die Umwelt-, besser: die Mitweltkrise kann manches bewußt machen und zur Neuorientierung im Verhältnis zu den Mitmenschen, zur Natur und vor allem zu Gott führen.

Zusammenfassung des Vortrags anläßlich des Empfangs zu Ehren des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland am 9. Juni 1998


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