Kirchliches Leben : Diakonia


Die moralischen Dilemmata der Globalisierung

von Patriarch Bartholomaios

Das Voranschreiten der Menschheit auf die Globalisierung zu ist eine Wirklichkeit, die in erster Linie aus dem privaten Sektor kommt, es ist besonders das Verlangen multinationaler Wirtschaftsriesen. Diese Wirklichkeit findet Unterstützung in der unglaublichen Entwicklung der Kommunikation. Die Rolle der Staaten wird mit wenigen Ausnahmen beständig herabgestuft, wohingegen die Rolle der wirtschaftlich Starken in starkem Ausmaß wächst, sogar in größeren Staaten.

Als der Primas des Ökumenischen Patriarchats und der erste Bischof der Orthodoxen Kirche in der ganzen Welt versichern wir ihnen, dass die Orthodoxe Kirche die Idee geistlicher Ökumenizität erfahren und kultiviert hat, eine Form der Globalisierung, die bezeugt, dass alle Menschen jeder Rasse und Sprache und jeder Kultur vereint sind durch Bande der Liebe, Brüderlichkeit und Zusammenarbeit. Es ist wahr, dass die Kirche alle zu einem Glauben einlädt, aber sie macht Brüderlichkeit und Liebe und ihre Sorge für die Menschen nicht abhängig davon, ob sie diesen Glauben teilen. Weil die Kirche jeden liebt, erfährt sie die Vereinigung der Menschheit in ihrer Fülle.

In diesem Hinblick unterscheidet sich christliche Ökumenizität substanziell von Globalisierung. Die Erste basiert auf der Liebe für eines Bruder und Schwester und respektiert die menschliche Person, der man ebenso zu dienen sucht. Die Zweite ist hauptsächlich motiviert von dem Verlangen, den Markt zu vergrößern und verschiedene Kulturen in eine neue zu verschmelzen in Übereinstimmung mit den Vorstellungen jener, die in der Position sind, die weltweite Öffentlichkeit zu beeinflussen.

Unglücklicherweise tendiert die Globalisierung dazu, sich von einem Mittel, die Völker der Welt als Brüder und Schwestern zusammenzubringen, zu einem Mittel zu entwickeln, wirtschaftliche Dominanz von Finanzriesen auszudehnen, sogar über Völker, denen aufgrund nationaler Grenzen und kultureller Barrieren der Zugang verweigert wurde.

Es ist nicht unsere Intention oder Verantwortung, Wege und Mittel vorzuschlagen, durch die diese Gefahr begrenzt oder ausgeschaltet werden kann. Wir haben aber die Verpflichtung herauszustellen und zu verkünden, dass das höchste Streben der Menschheit nicht wirtschaftliche Bereicherung oder wirtschaftliche Expansion ist.

Die Mahnung des Evangeliums "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" (Mt 4,4) sollte breiter verstanden werden: Wir können nicht von wirtschaftlicher Entwicklung allein leben, sondern wir müssen nach dem "Wort, das aus dem Munde Gottes kommt" (Mt 4,4) trachten, d.h. nach den Werten und Prinzipien, die wirtschaftliche Sorgen übersteigen. Wenn wir dies ein- für allemal akzeptiert haben, wird die Ökonomie ein Diener der Menschheit, nicht ihr Herr.

Wir glauben, dass - unabhängig von religiöser Überzeugung - von allen verstanden werden kann, dass wirtschaftliche Entwicklung an sich und die Globalisierung, die ihr dient, ihren Wert verlieren, wenn sie Mangel bei den Vielen und eine übermäßige Konzentration von Reichtum in den Händen Weniger verursachen. Überdies ist die Entwicklung in diese Richtung nicht grenzenlos, denn ab einer gewissen Grenze erhält die Person, die mit finanziellen Angelegenheiten zu tun hat, eine Antwort, die seit alten Zeiten gut bekannt ist: "Man kann nicht von einem nehmen, der nichts hat".

Der Gesetzgeber Solon stellte fest, dass die athenische Gesellschaft wegen der übermäßigen Verschuldung der Mehrheit ihrer Bürger an einige wenige nicht richtig funktionierte und verfügte, was als eine "seisachtheia" bekannt ist, d.h. einen Erlass aller Schulden. Obwohl dies zunächst ein Nachteil für die Reichen zu sein schien, profitierte am Ende die gesamte athenische Gesellschaft, weil dies ihren Gliedern erlaubte, als freie, kreative und selbstmotivierte Bürger zu handeln und nicht als die Sklaven der anderen. Ebenso wohlbekannt ist die Entscheidung des wegweisenden amerikanischen Industriellen, des Erfinders des Fließbandes, der die Löhne seiner Arbeiter erhöhte, um sie in die Lage zu versetzen, seine Produkte zu kaufen (wir beziehen uns hier auf den Automobilhersteller Henry Ford, der seine Ideen auf Taylors Anschauungen zur Rationalisierung der Arbeit gründete). Diese Beispiele und viele andere zeigen, dass wirtschaftlicher Fortschritt nur dann moralisch vertretbar und erfolreich ist, wenn alle Glieder der globalen Gemeinschaft daran teilhaben.

Diese Situation stellt eine neue Dimension wirtschaftlicher Moral globalen Ausmaßes vor uns. Aber obwohl wir von neuen Herausforderungen sprechen, haben wir es im Wesentlichen mit einer verschärften Form alter Probleme zu tun. Die alten Athener zeichneten sich "nicht durch das Verleihen von Vorteilen an die Reichen, sondern durch das gleiche Teilen zwischen Armen und Reichen" aus (Euripides, Bittsteller 407). Als Athen in eine anarchische Demokratie verfiel, die von Demagogen kontrolliert wurde, verschwand ihr früherer Ruhm, geradeso wie es in jenen Gesellschaften war und ist, die Aristoteles "Oligarchien" nannte, deren Voraussetzung der Besitz von Reichtum ist (Politeia IV, 8, 1294a).

Es ist eine Tatsache, dass, sobald der Respekt für die menschliche Person als eine unantastbare Voraussetzung unseres Ethos preisgegeben wird, das Prinzip der Ökonomie, der Macht und der Fähigkeit zur Beeinflussung der Massen zu Idolen gemacht werden und als solche verehrt werden. Hier entsteht eine unersättliche Begierde, die die "Besitzenden" unausweichlich zur Vermehrung dessen, was sie besitzen, führt, seien es Reichtum oder politische bzw. militärische Macht oder die Macht, Meinungen zu formen, oder allgemein die Macht, die ganze Welt zu beeinflussen.

Wir sollten aber alle verbliebenen kulturellen Werte bewahren, die zur Menschheit gehören, natürlich ohne unnötige Hindernisse für eine nützliche wirtschaftliche Entwicklung aufzurichten. Wir sollten uns aber ebenso bewusst sein, dass die Globalisierung von Fähigkeiten nur dann moralisch gerechtfertigt ist, wenn sie von einer globalen Verteilung der Gewinne, die ihr entspringen, begleitet wird.

Globalisierung erweist sich so als eine neue Vision für die einen und als eine neue Bedrohung für die anderen; eine Vision, die viel für wenige verspricht und sehr wenig für viele; eine Vision, die in einem gewissen Maß in ihrer Konzeption und in ihrer Realisierung beeindruckt. Gleichzeitig aber ist sie in dem Grade beängstigend, in dem die Dynamik der Globalsierung über die Grenzen hinausgeht, die für das moralische Gewissen akzeptabel und für unsere regulierenden Gesetze und Mechanismen zugänglich sind. Beeindruckend ist beispielsweise die beinahe automatische Globalisierung der Informationen, aber gleichzeitig ist die Möglichkeit der absichtlichen Missinformation alarmierend. Beeindruckend ist die Globalisierung von Wissen und die Teilhabe vieler an den weitesten Weiten des Makrokosmos und den tiefsten Tiefen des Mikrokosmos. Beängstigend ist aber auch die Bedrohung, die der mögliche Missbrauch dieses angesammelten Wissens darstellt.

Die Visionen, die Gefahren, die Bedrohungen, die Dilemmata stehen vor uns. Die Leistungen internationaler Kooperation in den Bereichen Wirtschaft, Warenhandel, Telekommunikation und Handel allgemein, denen das Phenomen der Globalisierung hauptsächlich zugeordnet ist, sind wunderbar. Was aber ist der Nutzen für die Menschheit als ganze, wenn die Wirtschaft - wenn sie der Elefantiasis erliegt - die anderen Bereiche der Kultur vernichtet, nämlich das Denken, den künstlerischen Willen und die kontemplative Seite des menschlichen Lebens? Was ist der wahre Nutzen für die Menschheit, wenn sie die kreativen Kräfte dahin bringt und die grundlegenden Prinzipien des Zusammenlebens und Überlebens wie Gerechtigkeit, Gegenseitigkeit, Solidarität zwischen Einzelnen und Völkern, Respekt vor der menschlichen Person, diese unerschütterliche Grundlage unserer Existenz und Koexistenz, schwächt?

Als ein Vertreter der Orthodoxen Kirche sind wir nicht gegen den wirtschaftlichen Fortschritt, der der Menschheit dient, auch sind wir nicht engstirnig oder furchsam in der Gegenwart anderer Glauben oder Ideologien. Unser Wunsch aber ist es, die Möglichkeit für die Glieder aller religiösen oder kulturellen Minderheit zu sichern, ihre Besonderheit und die Eigenheit ihrer Kulturen zu bewahren. Wir sind in völliger Übereinstimmung und bereit voranzuschreiten, wenn die Globalisierung Türen für die Kooperation von Völkern öffnet. Das Ökumenische Patriarchat und wir persönlich haben bereits oft Anhänger getrennter Glauben und Ideologien und Interessen eingeladen, ihre Schwierigkeiten beiseite zu legen und sich zu versöhnen und auf einer praktischen Ebene zusammenzuarbeiten. Wenn Globalisierung aber die Gleichmachung der Menschheit, die Beeinflussung der Massen, das Hervorbringen einer einzigen und gleichartigen Denkweise bedeutet, stehen wir ihr ablehnend gegenüber. Ebenso betrachten wir den Gebrauch der Globalisierung alleine zur Bereicherung weniger und zum Nachteil vieler als etwas unzulässiges und muss vermieden werden. Und wir laden alle ein, Reiche und Arme, für die Besserung des Lebensstandarts aller Menschen zusammenzuarbeiten, denn dies ist auch im Interesse der "Besitzenden" - mehr als es der einseitige Zuwachs an wirtschaftlichen Werten zu sein vermöchte.

Möge Gott uns alle erleuchten, diese Wahrheit zu verstehen.

( Übersetzung aus dem Englischen von Kerstin Keller )


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