Kirchliches Leben : Diakonia


Botschaft zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit
von Erzbischof Christodoulos

Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen seit den Arbeiterstreiks in Chicago, wo es um die berechtigten Forderungen der Arbeiter und die Einrichtung des 8-Stunden-Tages ging, um Rechte für alle in den Belegschaften, um medizinische Versorgung, hygienische Bedin-gungen am Arbeitsplatz und um die sozialen Rechte aller Arbeiter, sowohl der Männer als auch der Frauen.

christo.jpg (7256 Byte)Ich glaube, dass wir heute die Grundvorstellungen, auf denen die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts gegründet sein sollen, noch einmal  überdenken müssen - wenn man sieht, wie die Menschen in fast jedem Staat unserer Erde darum kämpfen, dass ihr Arbeitsplatz bewahrt wird angesichts der umwälzenden Veränderungen, die die so genannte "wirtschaftliche Globalisierung" mit sich bringt, angesichts des dramatischen Zusammen-bruchs der sozialen Einrichtungen des Staates, angesichts der Basisideologie der so ge-nannten "Zwei-Drittel-Gesellschaft", angesichts der andauernden ungleichen Verteilung der Ressourcen in den modernen Gesellschaften, angesichts einer Marginalisierung der menschlichen Existenz generell und der Notwendigkeit der Menschenwürde.

Arbeit bezieht sich direkt auf die Vision, die Vorstellung, die wir von der Gesellschaft haben, wie wir aus Beispielen der Geschichte wissen. Diese Tatsache muss uns unser Be-wusstsein dafür wecken, dass eine kleingeistige Vorstellung die Person in eine Welt, in der Korruption und Tod vorherrschen, einschließt. In wesentlichen Punkten scheint das Streben der Menschen heute überhaupt keine Perspektive zu entwickeln, da sie nur den Wunsch hegen, dass ihre Einkünfte steigen, während sie die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht kümmern, sogar wenn diese Schaden für das menschliche Leben schlechthin bedeuten. Dass die Arbeiter von dieser Art einer "Perspektive" anhängig sind, lässt aber keine Hoffnung auf eine Verbesserung unserer Lebensqualität zu.

Ich glaube, dass der kontinuierliche Hinweis darauf, dass die Machthaber zugleich auch die Reichen sind, nicht zufällig ist. Ein solcher Reichtum steht in keinerlei Beziehung zu Frieden, Gleichheit, Solidarität zwischen Menschen, zeigt keinen Respekt vor den Men-schenleben und ihrer Bewahrung. Ganz im Gegenteil, dieser Reichtum ist nur ein Termi-nus technicus der Ökonomie, der auf einige wenige Menschen zutrifft, nicht jedoch auf alle. Aus diesem Grund dominiert weiterhin die Angst: die Angst der Schwachen vor weiterem Machtverlust, die Angst vor dem Reichtum der Wenigen, die Angst vor einem Traum, der dem Traum des unklugen reichen Mannes aus dem Evangelium entspricht.

Die Kirche bleibt angesichts dieser Realität nicht gleichgültig. Sie steht den Menschen bei, kämpft dafür, diesen nebelhaften Prototypen des Lebens für Wenige zu ändern, in-dem sie den auferstandenen Christus als Prototypen für Gerechtigkeit und Frieden auf-zeigt.

Die Kirche ist auf Hoffnung gegründet und auf die Vorstellung, dass der andere kein Fremder ist, den wir meiden sollten, sondern ein Bruder, ein Bild Gottes, für den Christus sein Leben opferte. Die Kirche träumt von einer Welt, die nicht von Materialismus und Gelderwerb gepackt ist, sondern die ihren Mitmenschen brüderlich dient. Wir leben die-ses Bild einer idealen Gesellschaft in der Göttlichen Liturgie. Dort werden Brot und Wein, die reinen Früchte menschlicher Arbeit, Gott durch die Gemeinschaft der Kirche darge-bracht. In ihnen wird die Frucht menschlicher Arbeit gesegnet und verwandelt in den Leib und das Blut Christi, welches durch eines jeden Adern rinnt. Wenn wir an der Eucharistie teilgenommen haben, dann werden wir echte Brüder und wahre Gefährten.

Also ist Arbeit nicht einfach ein ökonomischer Austausch, sondern eine persönliche Beziehung, die den Menschen mit Gott verbindet und Gott mit seiner Schöpfung, und Er lehrt den Menschen, mit seinen Mitmenschen zusammenzuwirken. Das ist unsere entschlossene Antwort auf den modernen Wirbelsturm der Umwandlung des Menschen in eine bloß ökonomischen Einheit und des Lebens in eine Kosten- und Nutzen-Rechnung.

Heute gedenken wir des Wertes des Opfers so vieler Menschen, welches genau darin liegt, dass sie Widerstand leisteten gegen die Nivellierung und die Vereinnahmung ihrer Existenz verweigerten. Ihr Schweiß und ihr Blut wurden vergossen, weil sie sich eine Welt wünschten, in der das menschliche Lächeln und die Unschuld der Kinder nicht ver-schwunden sind und wo Konfrontationen nicht durch Krieg oder das Diktat der Mächtigen über die Schwachen gelöst werden.

Die Forderung nach sozialer Solidarität und Gleichheit bleibt durch die Zeiten bestehen - eine Tatsache, die die Notwendigkeit der christlichen Botschaft in unseren Tagen zeigt. Die Kirche steht nicht einfach nur den Menschen bei ihrem Streben und Kämpfen bei, sondern bietet ihr Leben als Ausweg an.

Manchmal konnten sozialpolitische Systeme trotz ehrenhafter Versuche nicht für alle Forderungen der Arbeiter Lösungen anbieten. Die Kirche aber mit ihrem Lebensmodell heilt den Menschen und seine Probleme an dem sozialen Ort, wo er lebt, arbeitet und schafft.

Der heutige 1. Mai ist als Tag der Arbeit also nicht nur eine Feier historische Ereignisse. Er schließt die Wiedergewinnung der Wertschätzung der Arbeit ein, so wie sie uns von Gott gegeben war. Er schließt eine Bestätigung der Rechte und der Forderungen der Arbeiter ein. Er schließt ein den Erweis intensiver Auseinandersetzung und unser Zeugnis in Bezug auf die Methoden der Führer unseres Planeten, die versuchen, die so genannte "Neue Weltordnung" mit humanitären Mitteln globaler Unvernunft zu erzwingen.

Ich rufe heute jeden dazu auf, unseren Kampf für eine Gesellschaft der Liebe, des Frie-dens, der Solidarität, Gleichheit und Einheit zu unterstützen, die nicht auf den Fundamenten der korrupten Welt gegründet ist, sondern auf den ewigen Fundamenten, die uns durch die Kreuzigung Christi gegeben wurden. Wir sollten nicht nur von Widerstand reden, sondern auch vom Bruch mit dieser Macht, die die Umwandlung der Welt verhindert. Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, unsere Forderungen zu stellen, was das von Gott gegebene Lebensrecht eines jeden Individuums ist, sondern wir müssen unsere per-sönlichen Beziehung zum auferstandenen Christus weitertragen.

Lange mögen die leben, die Widerstand leisten! Lange mögen die leben, die weiter kämpfen ! Lange mögen die leben, die weiter eine Vision für eine bessere Zukunft haben!

Möge Gott die Arbeiter unserer Nation und deren Familien segnen.

Athen, 30. April 1999.

( Übersetzung aus dem Englischen von Kerstin Keller )


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