Kirchliches Leben : Diakonia


Die Haltung der Kirche zum Sozialstaat

- Ein orthodoxer Ansatz -

von Erzbischof Longin von Klin

„Der Begriff Sozialstaat bezeichnet ein Gemeinwesen, das bestrebt ist, soziale Unterschiede – etwa materieller Natur – zwischen seinen Mitgliedern bis zu einem gewissen Grad auszugleichen, um die Teilhabe aller an den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu gewährleisten. … Der Staat sollte die Lebensbedingungen der Bevölkerung in prinzipiell allen Bereichen unter Gesichtspunkten von sozialer Gerechtigkeit und Gemeinwohl gestalten“, so definiert die populäre Internet-Enzyklopädie Wikipedia den Sozialstaat.

Wenn nach der Haltung der Kirchen zum Sozialstaat gefragt werden soll, so kann dies in meiner Sicht nur auf dem Hintergrund der allgemeinen Auffassung vom Verhältnis von Kirche und Staat geschehen. Und da ich kein Professor für christliche Sozialethik oder ähnliches bin, sondern Bischof der Russischen Orthodoxen Kirche, halte ich mich auch nicht für hinreichend qualifiziert, eine umfassende Antwort auf die Frage nach der Haltung der Kirchen (im Plural) zu geben, sondern darf mich auf die Sichtweise meiner eigenen Kirche beschränken.

Da diese allerdings – leider – im Westen auf diesem Feld nicht die ihr meines Erachtens gebührende Achtung findet, mag vielleicht trotz dieser Einschränkung das eine oder andere Neue anzumerken sein.

Unsere Kirche hat auf ihrer Bischofssynode im Milleniumsjahr Mitte August 2000 ein Dokument verabschiedet, das wohl als die umfangreichste offizielle Stellungnahme gelten kann, die je eine orthodoxe Kirche zu sozialen Fragen veröffentlicht hat, nämlich die „Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche“. Inzwischen in etliche Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt, stellt dieser Text die Basis für eine Reflexion zum Verhalten russischer orthodoxer Christen in den wesentlichen Fragen unserer Zeit dar.

Der dritte Teil der Sozialkonzeption ist dem Verhältnis von Kirche und Staat gewidmet und betont unter Berufung auf Röm 13, 3-4, dass die „Heilige Schrift die Machthabenden aufruft, die staatliche Gewalt zur Abwehr des Bösen und zur Unterstützung des Guten zu gebrauchen, worin der moralische Sinn der Existenz des Staates gesehen wird“ (III.2). In diesem Sinne ist die staatliche Gewalt auch von den Gläubigen zu achten und zu ehren, allerdings „dürfen die Christen die Staatsgewalt nicht verabsolutieren und die Grenzen ihres rein irdischen, zeitlichen und vergänglichen Sinns ignorieren“ (ebd.). Dies gilt sicher umso mehr, als „in der heutigen Welt der Staat gewöhnlich einen säkularen Charakter trägt und an keinerlei religiöse Verpflichtungen gebunden ist. Sein Zusammenwirken mit der Kirche ist auf eine bestimmte Anzahl von Bereichen beschränkt und gründet sich auf die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen (III.3)“.

Dabei ist zu bedenken, dass sich in der orthodoxen Tradition eine bestimmte Vorstellung von der Idealbeziehung zwischen Kirche und Staat entwickelt hat, die seit byzantinischen Zeiten mit dem Namen der „Symphonia“ bezeichnet wird. Die klassische byzantinische Formel der Beziehung von staatlicher und kirchlicher Gewalt ist einem Text aus der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts, der so genannten „Epanagoge“, folgendermaßen beschrieben: „Die weltliche Macht und die Geistlichkeit verhalten sich zueinander wie Leib und Seele und sind für die staatliche Ordnung ebenso unentbehrlich wie Leib und Seele im lebendigen Menschen. In der Verbindung sowie dem Einvernehmen zwischen ihnen liegt das Staatswohl begründet.“

Nun sprechen wir hier von einem Ideal, das sicher auch in byzantinischer Zeit nie in reiner Form bestanden hat, aber trotz aller Verstöße bleibt für die Orthodoxe Kirche die Idee eines Zusammenwirkens staatlicher und geistlicher Organe zum Wohle des Menschen gültig und nicht jene der Trennung von Kirche und Staat, zumal sich diese auf dem europäischen Kontinent im wesentlichen aus dem antiklerikalen und antikirchlichen Gedankengut eines bestimmten Teils der Aufklärung entwickelt und in Folge der Französischen Revolution realisiert hat. Sicher, auch in Ländern, in denen eine mehr oder minder radikale und mehr oder minder kirchenfeindliche Trennung zwischen beiden Gewalten besteht, hat die Kirche ihre Mission zu verwirklichen, denn - wie es wiederum in der Sozialkonzeption der Russischen Kirche heißt – „ist es ihr nicht erlaubt, die Wahrheit zu verschweigen und deren Verkündigung Abbruch zu tun, welche anderen Lehren auch immer von den staatlichen Institutionen vorgeschrieben und verbreitet werden mögen. … Die Kirche wahrt Loyalität gegenüber dem Staat, jedoch steht über dieser Loyalitätspflicht das Göttliche Gebot von der unbedingten Erfüllung des Heilsauftrags unter allen Bedingungen und unter allen Umständen“ (III.5).

Die Option für die Armen gehört unbestreitbar schon zum Kernbestand des biblischen Ethos. Als ein Beispiel sei nur auf den Propheten Amos verwiesen, der unmissverständlich die Praxis der Ausbeutung und Unterdrückung anprangert: „Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: ...Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen" (Amos 8,4.6). Im Neuen Testament setzt sich diese Parteinahme für die Armen und Schwachen fort. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37) ist dafür genauso ein Beispiel wie die Aufforderung zur Solidarität in der christlichen Gemeinde, wie sie besonders deutlich im Jakobusbrief zum Ausdruck kommt.

Ausgehend von der biblischen Sozialkritik, wie wir sie – wie gezeigt – schon aus der biblischen Offenbarung bereits des Alten Testaments kennen, besonders aber inspiriert von den zahlreichen Aufrufen ihres Hauptes Christus zur Sorge um die „Kleinen“, solidarisiert sich die Kirche mit den Schwachen und Wehrlosen der Gesellschaft und fordert zur sozialen Gerechtigkeit auf – nicht allein durch ihr eigenes karitatives Wirken, sondern auch durch die Schaffung von Lebensbedingungen für eben diese Schwachen und Wehrlosen, die es ihnen ermöglichen, ununterdrückt und gestärkt von der Solidarität der Gesellschaft zu leben. Mit anderen Worten: Wenn die Kirche die Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit betont und den Staat dazu aufruft, so fordert sie implizit, dass er auch zum Sozialstaat werden muss – und dabei auf die Mitwirkung der Kirche vertrauen kann. Denn wenn sich der Staat seiner Berufung bewusst ist, das Leben der Menschen nach den Grundsätzen des Guten und der Gerechtigkeit zu ordnen und für die materielle und geistige Wohlfahrt der Gesellschaft Sorge trägt, kann, muss und wird die Kirche in Fragen, die das Wohl der Menschen wie der Gesellschaft betreffen, mit dem Staat kooperieren, dient dies doch ihrem Heilsauftrag zur allseitigen Sorge für den Menschen.

Konkrete Handlungsfelder sind hier sicher die Ausarbeitung gemeinsamer Sozialprogramme, das Gesundheitswesen, die Tätigkeit zur Bewahrung der Umwelt, die Förderung der Institution der Familie sowie der Mutterschaft und der Kindheit. Diesen Beispielen ließen sich noch zahlreiche anfügen, ist es doch Pflicht der Kirche, für die materiellen Nöte des Volkes, für die materiell Notleidenden ebenso einzutreten wie für die spirituell Notleidenden. Dabei gilt es zu betonen: Nur insofern sich die Kirche bemüht, ihre Botschaft des Friedens und der Gerechtigkeit auch selbst im eigenen Bereich zu verwirklichen, entgeht sie dem sonst nur zu berechtigten Vorwurf des Moralismus. Alle Forderungen der Kirche an Staat und Zivilgesellschaft müssen zuerst an die eigene Adresse gerichtet werden. Je mehr es uns gelingt, in unserer Kirche eine tragfähige Sozialkultur zu entwickeln, desto überzeugender können wir dies auch vom Staat und der Zivilgesellschaft einfordern. Der eigene Beitrag der Kirche hilft aber auch dem Staat und der Zivilgesellschaft, berechtigten kirchlichen Forderungen nachzukommen.

Diese Forderungen zu erheben, ist durchaus Aufgabe der Kirche und jedes einzelnen Christen, auch in politischen Formen. Zitieren wir dazu noch einmal die Sozialkonzeption: „In seiner Teilnahme an der Regierung des Staats sowie den politischen Prozessen ist der orthodoxe Christ aufgerufen, seine Handlungen auf die Normen der biblischen Moral, die Einheit von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit (Ps 84,11), die Sorge um das geistige und materielle Wohl der Menschen, die Liebe zum Vaterland sowie das Streben nach Umwandlung der ihn umgebenden Welt gemäß dem Wort Christi zu gründen (V.3)“.

Unter dieser Umwandlung der Welt gemäß dem Wort Christi ist jene zu verstehen, die auf dem biblischen Gebot der Nächstenliebe gründet, welches der Heiland so ausdrückt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebet einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Jo 13,34). Mit dieser Liebe ist aber nicht nur ein theoretisches Gefühl gemeint, sondern es ist ebenso seine praktische Umsetzung, die garantiert, dass jeder Mensch ausreichende Mittel für eine würdige Existenz hat. So sehr die Kirche vor übermäßiger Neigung zu materiellen Gütern warnt und diejenigen verurteilt, die der Versuchung zum „Reichtum und den Genüssen des Lebens“ (Lk 8,14) erliegen, so sehr tritt sie dafür ein, dass alle Menschen die von ihnen zu einem menschenwürdigen Leben benötigten irdischen Güter erhalten. Die dahinter stehende Überzeugung ist, dass Eigentum letztendlich nicht Sache des einzelnen Menschen ist, sondern dass er nur zum Sachwalter der Güter eingesetzt ist, denn „nach der Lehre der Kirche erhalten die Menschen alle irdischen Güter von Gott, dem auch das ausschließliche Verfügungsrecht über diese zusteht“ (Sozialkonzeption VII.1) – oder, um es in den Worten des hl. Basileios des Großen zu sagen, der den Menschen fragt: „Sag mir, was gehört eigentlich dir? Woher hast du es genommen und ins Leben gebracht?“

Ein eigensüchtiges Verhältnis zum Eigentum, dass dieses nicht zum Nutzen des Gemeinwohls, sondern egoistisch einsetzt, ist in der Sicht der Kirche sündhaft und führt zu gegenseitiger Entfremdung der Menschen und letztlich zur Gefährdung der sozialen Ordnung. Von daher erinnert sie an die Mahnung des Apostels Paulus, der wiederum an die Worte des Herrn erinnert: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35). In diesem Sinne nennt wiederum Basileios denjenigen einen Dieb, der nicht einen Teil seines Eigentums zugunsten seines Nächsten opfert und der hl. Joannes Chrysostomos hebt hervor: „Von seinem Eigentum nichts hingeben ist gleichsam Raub!“

Und hier wiederum stoßen wir auf ein Feld, in dem Kirche und Staat zum Wohle aller zu gemeinsamen, wenn auch nicht gleichartigem Handeln aufgerufen sind – nämlich zur Förderung und Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit. Wohlgemerkt: zu gemeinsamen bzw. auf das gleiche Ziel gerichtetem, aber nicht mit gleichen Mitteln realisiertem Handeln, denn „in Anbetracht ihrer wesensmäßigen Unterschiede greifen die Kirche und der Staat zur Erreichung ihrer Ziele auf verschiedene Mittel zurück. Der Staat stützt sich hauptsächlich auf die materielle Gewalt, einschließlich des Zwanges, sowie auf die entsprechenden weltlichen Ideensysteme. Demgegenüber verfügt die Kirche über religiös-moralische Mittel zur geistigen Leitung ihrer Herde“ (Sozialkonzeption III.5). Die Erwartung der Kirche an den Staat, ja ihre Bedingung für eine solidarische Zusammenarbeit ist, dass dessen Handeln mit den Geboten Gottes vereinbar ist und somit auch zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit. „Wenn die staatliche Macht die orthodoxen Gläubigen zur Abkehr von Christus und Seiner Kirche sowie zu sündhaften, der Seele abträglichen Taten nötigt, so ist die Kirche gehalten, dem Staat den Gehorsam zu verweigern!“ (ebd.).


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