Kirchliches Leben: Liturgia

Christus - das wahre Licht

- Einige Gedanken zur Geburt des Herrn -

"Komm, wahres Licht,
Komm, ewiges Leben,
Komm, verborgenes Mysterium, …
Komm, abendloses Leuchten!"

Mit diesen Worten beginnt der hl. Symeon, der Neue Theologe (949 - 1022), die erste seiner vierzig Hymnen, in denen er - wie einst Johannes, der "Theologe" unter den Evangelisten, als Verbannter auf Patmos - die Offenbarungen empfing und die Herrlichkeiten des göttlichen Lichtes in seiner Fülle beschreibt.

Bei seiner Mystik des Lichtes geht es ihm um die persönliche Begegnung mit Christus, die sich im Licht ereignet, jene Begegnung, die zur Transfiguration des Menschen führt, zu dem, was die Väter und die orthodoxe Theologie "Theosis" nennen, Vergöttlichung. Erster und gewichtigster Schritt zu dieser Theosis des gefallenen Menschen, ihre grundlegende Vorbedingung ist die Fleischwerdung des Gottessohnes, der durch die Verbindung von menschlicher und göttlicher Natur - "ungetrennt und unvermischt", wie das Ökumenische Konzil von Chalkedon formuliert - erst den Weg zum Heil eröffnet: So wird der Mensch herausgeführt aus dem Reich der Finsternis und - erleuchtet von dem, der selbst das Licht ist - wird er selber Licht, denn dieses göttliche Licht leuchtete ihm in der ganzen Heilsgeschichte, wie der hl. Gregorios der Theologe betont: "Licht war das, was - ausgehend aus dem Feuer - dem Moses erschien, als der Dornbusch brannte, aber sich nicht verzehrte, um so seine Natur zu zeigen und seine Macht zu offenbaren; Licht war das, was den Elias in einer glühenden Kohle berührte, ohne ihn zu verzehren … ; Licht war das, was die Hirten ringsum umstrahlte, da das zeitlose Licht sich mit dem zeitlichen verband; Licht erstrahlte über den Hügeln von Bethlehem, um die Weisen zu leiten, dass sie Geschenke gäben dem Licht, welches um unseretwillen zu uns gekommen" (Über die Taufe, Rede 40,6 / PG 36, 365).

Christus selbst ist dieses "Licht vom Lichte, das Aufstrahlen des Vaters, welches erleuchtet hat die ganze Schöpfung" (3. Sticheron zu Ps 140 in der Großen Vesper der Christgeburt), von dem auch der Festgesang (Apolytikion zum 25. Dezember) spricht:

"Deine Geburt, Christus unser Gott,
ließ erstrahlen der Welt das Licht der Erkenntnis.
Denn in dieser wurden durch einen Stern belehrt
Jene, die den Sternen gedient,
Dich zu verehren als die Sonne der Gerechtigkeit
Und Dich zu erkennen als den Aufgang aus der Höhe,
Herr, Ehre sei Dir!"

Es ist diese Vorstellung von Christus als dem wahren Licht der Erkenntnis eine Vorstellung, die uns schon im Prolog des Johannes-Evangeliums begegnet: "In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen. … Das war das wahrhaftige Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen!" (Jo 1, 4.5.9). Und der Herr selbst, den einst der greise Symeon der Gottesträger das "Licht zur Erleuchtung der Heiden" (Lk 2, 32) nannte, spricht von sich als dem "Licht der Welt": "Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben" (Jo 8, 12 f.). Und er fordert uns auf: "Glaubet an das Licht, solange ihr es habt, auf dass ihr des Lichtes Kinder werdet! … Ich bin gekommen in die Welt - ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe" (Jo 12, 36-46).

Das Lichtmotiv, die Bekräftigung, dass der Herr Jesus Christus das wahre Licht zur Erleuchtung aller ist, das Licht, das in die Welt gekommen ist, wird in immer wieder neuen Varianten in den liturgischen Texten der Orthodoxen Kirche zum Hochfest der Christgeburt aufgenommen:

"Aufgesucht hat uns von oben unser Erlöser,
der Sonnenaufgang aller Sonnenaufgänge,
und hat denen, die in Finsternis und Schatten weilen,
die Wahrheit eröffnet …" (Lichtgesang im Morgengottesdienst).

Schon am Sonntag der heiligen Väter, dem letzten Sonntag vor dem 25. Dezember, heißt es in der Vesper:

"Die ewig strahlende Sonne
strahlt aus jungfräulichem Schoße hervor,
um alle Welt unter der Sonne zu erleuchten …
Allen Enden der Erde
erstrahlt heute das Gedächtnis der Vorväter
wahrhaft lichterfüllt und Gnade verteilend,
denn Christus, die strahlende Sonne,
die von oben aus der Ferne scheint,
führt den Chor der mit Ihm strahlenden Sterne herauf …" (Stichera zu Ps 140 ff.).

Ähnlich klingt es am 20. Dezember, dem Beginn der eigentlichen Vorfeier:

"Empfange, Bethlehem, die Mutterstadt Gottes,
denn sie kommt, in dir zu gebären
das abendlose Licht, …" (Theotokion zu Ps 140 ff der Vesper),

und am vierten Tag der Vorfeier, dem 23. Dezember:

"Um Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, anzukünden,
zieht der Stern den Sternenkundigen nach Bethlehem voraus …"
(Aposticha der Vesper).

Die Beispiele mögen genügen: Sie künden uns die heilsgeschichtliche Dimension der Ankunft des Erlösers, des "Sternes, der im Erscheinen weit überstrahlt alles Licht, weil er der Sterne Schöpfer ist", wie es Romanos der Melode in einer seiner, heute nicht mehr liturgisch verwandten Dichtungen so treffend formuliert hat. Es ist eine Dimension, die sich vielleicht nicht so leicht erschließt wie der romantische Aspekt der malerischen Krippe mit dem kleinen Kind, die aber die eigentliche Bedeutung der Geburt Christi darstellt als eines Geschehens, das die ganze Schöpfung umwandelt:

"Himmel und Erde werden heute verbunden,
da Christus geboren:
Heute kam Gott auf die Erde -
Und der Mensch stieg zum Himmel" (2. Sticheron zum Bittgang).

Diese Theosis des Menschen ist nicht wenigen vorher Auserwählten bestimmt, sondern steht allen offen, wenn sie die Nachfolge Christi antreten. Wenn uns also das Motto der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung, die Anfang September 2007 in Sibiu (Hermannstadt) in Rumänien stattfinden wird, sagt: "Das Licht Christi erleuchte alle", wie man richtigerweise übersetzen sollte, so ist damit nicht nur gemeint, dass dieses Licht, das Christus selber ist, "auf uns scheint", sondern dass es uns durchdringt und umwandelt, wie es der hl. Irenaios von Lyon schon formuliert hat: "Dazu ist nämlich das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohn, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und - an Kindesstatt angenommen - zum Sohn Gottes werde. Denn anders können wir nicht die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit empfangen, als dass wir mit der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit vereint würden" (Adversos haereses 19,1).

Von Ipodiakon Nikolaj Thon


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