Kirchliches Leben : Liturgia


Europa eine Seele geben
Archimandrit BASILIOS, Igumen des Klosters Iviron, Heiliger Berg Athos

Orthodox zu sein ist ein großer Segen und eine Aufgabe mit universeller Dimension.

            Nicht so sehr durch theologische Lehrbücher erlernen wir die Orthodoxie, sondern durch die göttliche Liturgie und durch unser Leben. Oder genauer gesagt, wir erkennen sie durch die göttliche Liturgie, wenn diese zu unserem Leben wird. Und durch unser Leben, wenn es zur göttliche Liturgie wird. 

            Daher ist unser Thema das Folgende: Wie können wir die Liturgie leben? Unser ganzes Dasein, seine Probleme und Leiden, dem gesegneten Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geiste preisgeben? Wenn sich dies verwirklicht, dann sind all unsere Probleme gelöst.

            Im ‘Paterikon’ steht: ‘Halte dich in deiner Zelle auf und sie wird dich alles
            lehren.’

            Infolgedessen können wir sagen: Lebe die Liturgie, und sie wird dich alles lehren. Du wirst sie als heiligen Schoß erkennen, der dich zum Leben gebiert, und als eine lebendige Theologie, die dir die Heiligkeit der ganzen Schöpfung offenbart.

            Jedoch, um dazu zu gelangen, um die Liturgie zu leben und aus deinem Leben eine Liturgie zu machen, muß der Priester uns helfen. Er ist es, der die Liturgie leben muß, und es ist durch ihn, daß die Gnade und der Segen auf die Gemeinschaft der Gläubigen übertragen werden.

            Damit sich dies verwirklicht, muß der Priester die Liturgie leben. Nichts anderes sollte für ihn in dem Moment bestehen. Er soll nichts sehen noch hören noch an etwas anderes denken als an das, was er laut spricht oder leise liest. Und alles wird vollbracht im Zusammenwirken mit dem Volk, das durch den Chor repräsentiert wird.

            Damit der Priester auf dieser Art und Weise die Liturgie leben kann, muß er den Altar und die ganze Kirche gemäß der theologischen orthodoxen Überlieferung einrichten.

            Die göttliche Liturgie, der liturgische Geist, gibt der Architektur der Kirche, den inneren Räumen und der ikonographischen Konzeption eine Form. Infolgedessen hilft diese Theologie, die aus Demut und Bildern besteht, den Gläubigen, sich zu sammeln, an der göttlichen Mystagogie teilzunehmen und sie zu leben.

            Außerdem sollten diejenigen, die innerhalb des Allerheilisten dienen, wissen, daß es von dem Moment an, in dem der Priester die Worte ‘Gepriesen das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes’ ausspricht, nichts anders mehr gibt.

            Jeder sollte nur das tun, was die göttliche Liturgie vorsieht und verlangt. Der Priester vollzieht die heilige Handlung. Der Diakon dient dem Priester. Die Ministranten kümmern sich um den Weihrauch, um die Ikonenlampen... Und das Volk, zusammen mit dem Chor, nimmt Anteil. Die Anwesenheit des gläubigen Volkes ist übrigens so unentbehrlich, daß man ohne es die göttliche Liturgie nicht feiern kann.

            Der Priester bereitet die kostbaren Gaben und bringt sie, gemeinsam mit der Versammlung des gläubigen Volkes dem göttlichen Willen dar.

            Im heiligsten Augenblick der Epiklese fleht er Gott den Vater an, Seinen 
            Heiligen Geist über uns und die vorgelegten Gaben zu senden.

             Das Brot zum kostbaren Leib. Und den Wein zum kostbaren Blut des 
            Herrn zu machen.

            Die ganze Heilige Dreiheit ist auf aktive Weise anwesend.

            Die Gläubigen und die heiligen Gaben werden dargebracht.

            Der Priester bringt sich dar als einen lebendigen Menschen mit seinen Problemen,
            seinen Leiden, seinen Hoffnungen und seinen Kämpfen.

            Der Gemeindepriester bringt auch alle Mitglieder seiner Familie dar. Er ist 
            normalerweise verheiratet. (Dies manifestiert ebenfalls die Wahrheit der 
            orthodoxen Kirche.)

            Er bringt auch die Mitglieder seiner erweiterten Familie dar, das heißt: seiner Gemeinde.

            Ebenso wird die göttliche Liturgie für die ganzen Welt dargebracht.

            Die wirklichen Dimensionen der göttlichen Mystagogie werden dadurch manifestiert. Es geht überhaupt nicht um einen partiellen Akt, der in Raum und Zeit begrenzt ist. Um eine menschliche Initiative und Bemühung, die mit einer geschaffenen und geschlossenen Perspektive ausgestattet wären, sondern um eine gottmenschliche Handlung. Der Herr, der Gottmensch, der über Himmel und Erde herrscht, ist der Hohepriester, der das Mysterium als Darbringender und Dargebrachter feiert.

            In der göttlichen Liturgie werden wir durch eine Gemeinschaft des Lebens ins Mysterium der Schöpfung eingeweiht, in das Drama des Sündenfalles, ins Ereignis des Heiles und in die Freiheit der letzten Dinge.

            Wenn wir wirklich die göttliche Liturgie leben und unser ganzes Leben zu Liturgie wird (was den Endzweck unseres Daseins bildet), dann erfüllen wir unsere Pflicht der Liebe unseren nahen und fernen Brüdern gegenüber. Dann legen wir ein Zeugnis im Geiste ab; oder, zutreffender, dann hindern wir das Licht der Auferstehung nicht daran, sich über die ganze Welt auszuweiten, als Kraft des Lebens und des Trostes.

            Alles, was im Folgenden noch gesagt werden wird, sind ein paar Gedanken - nicht ohne Grund verstreut und ungeordnet - die gewissermaßen auf den Kampf hinweisen, den diejenigen, Klerus oder Laien, führen, die im liturgischen Raum der orthodoxen Kirche leben und kämpfen.

            Während des Cherubikonhymnus liest der Priester leise dieses Gebet:

            Keiner, der an fleischliche Begierden und Lüste gebunden ist, ist würdig, zu Dir zu kommen, sich Dir zu nähern und Dir Anbetung zu erweisen, o König der Herrlichkeit: Denn Dir zu dienen, ist groß und ehrfurchtgebietend für die himmlischen Mächte selbst.

            Du bist zerdrückt, Du bist verloren, wie ein Nichtsbedeutender und Nichtbestehender, angesichts einer Höhe, die du nicht ersteigen oder der du dich nicht annähern kannst:

            Wenn diese Höhe groß und ehrfurchtgebietend selbst für die himmlischen Mächte ist, wo und wie können wir bestehen?

            Nicht nur unsere Armseligkeit oder unsere Unreinheit zerfließt und verschwindet, sondern sogar unsere Tugend und unsere Güte.

            Tot, inexistent, nur auf dieser Weise kannst du Seinem heiligen Altar nahekommen.

            Jedoch, in dem Moment, wo du dich vor dem unaushaltbaren Feuer aufzulösen drohst, das deine ganze menschliche Belanglosigkeit zeigt und manifestiert, kommt sofort eine andere Kraft, die dich am Leben erhält.

            Denn es gibt ein aber, ein Hinzutreten der unsagbaren Liebe Gottes: Aber in Deiner unsagbaren und unmeßbaren Liebe für den Menschen bist Du Mensch geworden ohne Veränderung noch Wandel, bist Du zu unserem Hohepriester geworden und, als Meister aller Dinge, hast Du uns die heilige Erfüllung dieses liturgischen unblutigen Opfers anvertraut.

            Der unerreichbar ist, kommt zu uns. Aber Er spricht uns nicht nur an. Er nähert sich uns nicht nur, noch spricht er nur ganz einfach mit uns: Er identifiziert Sich mit uns, indem Er ohne Wandel noch Veränderung Mensch wird, und bleibt doch immer in Seinem Wesen ein Gott, der für uns unerreichbar ist.

            Du bleibst zerbrochen, mit einem Schimmer Hoffnung, der das Herz deines Daseins erwärmt.

            Du bleibst fassungslos. Du diskutierst nicht das Undiskutierbare; du erleidest nur die Auswirkung von zwei entgegengesetzten Erfahrungen: unerreichbare Höhe, unergründliche Tiefe. Unsagbare Liebe, Einheit ohne Vermischung.

            Gott ist furchterregend wegen Seiner Liebe. Er liebt dich. Er liebt jedes menschliche Wesen. Er gibt einen unsagbaren Sinn dem Leben eines jeden einzelnen.

            Gib mir die Kraft, durch die Macht Deines Heiligen Geistes, bekleidet mit der Gnade des Priestertums.. die heilige Handlung zu vollziehen..

            Durch die Macht des Heiligen Geistes, bekleidet mit der Gnade des Priestertums, kann der Mensch sich nähern und das Mysterium des unbefleckten Leibes und des kostbaren Blutes des Herrn feiern.

            Ohne die Gnade des Priestertums bleibt der Priester machtlos. Mit dem Priestertum bekleidet, eingehüllt in die heiligen Gewänder, umgeben von den Gläubigen, vom Leib des gläubigen Volkes, der Kirche, die der Leib Christi ist, kann er zur Darbringung des furchterregenden und unblutigen Opfers schreiten.

            Das Volk Gottes, Christus selbst, sein Blut, die Kirche, verleihen dem kraftlosen Menschen die Kraft und die Fähigkeit, diese Mysterien zu feiern, die für die himmlischen Mächte selbst furchterregend sind.

            So lebt der Priester in diesem Moment was weiter im gleichen Gebet ohne Umschweife gesagt wird. Der Gottmensch ist der einzige Herr des Himmels und der Erde, der allein Heilige und der unter den Heiligen weilt, der einzig Gute und Wohlwollende. Er ist es, der alles in allen ist. Er ist derjenige, der darbringt und der, der dargebracht wird, der, der empfängt und der, der gibt.

Würdig ist es und gerecht, Dich zu besingen ... an allen Orten Deiner Herrschaft ...

            Zu allen Zeiten. In allen Situationen. In allen Freuden und allen Kümmernissen. Da, wo Du herrschst; in der Art, wie Du herrschst.

       Wenn wir es zulassen, daß Er selbst der Herr und Meister unseres Lebens wird, dann sind wir würdig, Ihm zu singen. Wenn wir Seinen Willen erfüllen, wenn wir verlangen, daß Er tut, was Er will. Wenn wir Ihn freiwillig wirklich über unser Leben herrschen lassen, dann sind wir würdig, Ihm zu danken. Dann quillt aus unserem Leben selbst, dann erhebt sich ein wirkliches Lobpreisen. Unser ganzes Leben ist dann ein Lobpreisen.

            Denn Du bist es, der uns vom Nichtsein ins Dasein geführt hast. Und da wir gefallen sind, hast Du alles getan, uns zum Himmel zurückzuführen und uns die Gabe des zukünftigen Reiches zu schenken.

            Das Nichtbestehende bekommt ein Fundament. Die geschaffenen Dinge werden zum Himmel emporgehoben. Und von diesem Tag an empfangen die Gläubigen liturgisch das künftige Reich.

            Für all das danken wir Dir, Dir Gott Vater, Deinem einzigen Sohn und Deinem Heiligen Geist.

            Wir danken Dir für alles, was wir wissen, und alles, was wir nicht wissen. In vollem Bewußtsein danken wir Dir für das, was wir nicht wissen. Denn durch unser Tun allein  erkennen wir überhaupt nicht die Wahrheit der sichtbaren Dingen. Wir können die sichtbaren Dinge nicht unterscheiden. Noch verstehen wir das Geschaffene. Eine einzige Tatsache wird uns nur bewußt. Die Tatsache, daß Jemand uns vom Nichtsein ins Dasein gebracht hat.

            Wir sind nicht selbst zum Dasein gekommen, sondern wir sind ins Dasein gestolpert und gefallen.

            Er, der Wohltäter, hat uns nicht in unserem Fall gelassen, sondern Er hat uns zum Himmel emporgehoben und hat uns ‘gestraft’ durch das Ausströmen Seiner göttlichen Wohltat. Es ist also gewiß, daß jemand, der die unergründliche und anfanglose Liebe ist, noch vor unserem eigenen Dasein, als wir gefallen sind und zum Himmel emporgehoben worden sind, alles lenkt und auf unsichtbare, unaussprechliche und unfaßbare Weise bewirkt, daß Er alles in allen wird, durch die Fülle Seines Erbarmens.

            Seine unfaßbae Liebe für den Menschen ist es, die in uns ein grenzenloses Vertrauen erzeugt.

            So erkennen wir durch Ihn das Unerkennbare, so sehen wir das Unsichtbare und begreifen, was jedes Begreifen übersteigt.

Sende Deinen Heiligen Geist auf uns und diese dargebrachten Gaben.

            Und mache dieses Brot zum kostbaren Leib Deines Christus. Und was in diesem Kelch ist, zum kostbaren Blut Deines Christus, sie verwandelnd durch Deinen Heiligen Geist.

            Der Priester fleht an und entfernt sich. Er bringt sich in ‘Schwebezustand’. Er verschwindet. Und er läßt den Heiligen Geist die überheiligen Mysterien vollbringen.

            Die göttliche Liturgie leuchtet wie ein Diamant im puren Zustand, durch die Anwesenheit des Aufstrahlens des Geistes. Struktur, Ausdruck, Stimmung und Ethik der göttlichen Liturgie sind die Manifestation dieser Gnade.

            Hier wird das Mysterium des kostbaren Leibes und des kostbaren Blutes auf dem heiligen Tisch vollzogen.  

            Die ganze Schöpfung wird ebenfalls zelebriert: die Farbe und die Form (die Ikonographie); das Wort und der Klang (die Hymnographie); die Konzepte des Lebens (die Theologie); die Bewegungen und die Handlungen (die liturgische Zelebration).

             Hier wird das Verhalten der Kinder Gottes vorgegeben; das ist die Erziehung in Christus.

             Die leise oder laut ausgesprochenen Gebete während der göttlichen Liturgie; die Ikonostase, die etwas zeigt, indem sie es verhüllt; die heiligen Pforten, an einigen Augenblicken geöffnet, geschlossen an anderen –

             all dies spricht über bestimmte geheime Gegebenheiten. Über etwas, das sich darüber hinaus und jenseits dessen, was gezeigt und gehört wird, befindet. Und so wie das Mysterium des Lebens sichtbare und unsichtbare, berührbare und unberührbare Aspekte aufweist, so spricht die göttliche Liturgie nicht auf eine einheitliche Art und Weise und versucht nicht, allen alles auf die gleiche Art und Weise nahezubringen.

            Oft verbirgt sich der Herr, wie unsere theologische Tradition es lehrt, indem Er sich manifestiert, und manifestiert sich, indem Er sich verbirgt.

            Das verlangt, daß wir Gott auf eine Ihm geziemende Art und Weise kennen. Und den Menschen ebenfalls, als Gottes Bild.

            Viele Dinge manifestieren sich manchmal, indem sie gesagt werden. Andere, indem sie verschwiegen werden. Manchmal ist das Wort notwendig zu dem einen, damit er einen Schritt zu den göttlichen Dingen macht. Manchmal braucht ein anderer Schweigen, um zur geistigen Reife fortzuschreiten.

            Die göttliche Liturgie enthält also verschiedene und alternierende Momente, Wesensarten und unterschiedliche Manifestationen, die den Menschen respektieren und den Nöten eines jeden entsprechen.

            So bergen das Wort, die Ikone und die Melodie in der göttlichen Liturgie eine unsagbare, unsichtbare und unfaßbare Tiefe.

            Und der unsagbare und formlose Geist erleuchtet und erklärt auf mystischer Art die sichtbaren und erkennbaren Dinge.

            In der göttlichen Liturgie wirst du geführt, geleitet zum Unsichtbaren im Sichtbaren. Zum Unsagbaren im Gesagten. Zum Unfaßbaren in allem, was wir zu wissen und zu erkennen wähnen.

Lasset uns jetzt ablegen alle Sorgen dieser Welt.

             Wir legen ab, wir trennen uns von jeder Sorge, jeder Befürchtung und jedem Schmerz in Christus, unserem Gott. Die Heiterkeit überflutet uns. Wir werden uns dessen bewußt, daß Er derjenige ist, der für uns Sorge trägt.

            Danach, im Leben, in unseren Aktivitäten, unseren Beschäftigungen, keine erschöpfende Sorge. Sie ist verschwunden. Sie wurde liturgisch abgelegt. Dem göttlichen Willen anvertraut.

            Wir befinden uns in der sorglosen Sorge (Heiliger Symeon der Neue Theologe).

            Das ganze Leben mit seinen Leiden kann eine andere Form der Opferung an Gott sein, eine Form des Gebetes und eine Verlängerung der Liturgie.

An Deinem mystischen Mahl, Sohn Gottes, laß mich heute teilnehmen.

Heute: an diesem Tag. In dieser Stunde, in diesem Leben.

            Heute, das heißt: in diesem Augenblick selbst, der unser ganzes Leben ausmacht. Unser ganzes Leben werde wie dieser Augenblick. Eine Darbringung (Wir überantworten Dir unser ganzes Leben und richten unsere ganze Hoffnung auf Dich) und eine göttliche Kommunion.

            Die ganze Geschichte werde für uns wie eine göttliche Liturgie.

            Das ganze Universum, wie eine Kirche. ‘Jeder Ort ist zu einem Altar geworden’ (Heiliger Johannes Chrysostomos).

            Daher ist es, wenn der Priester anfleht: ‘Für dieses heilige Haus und für alle, die mit Glauben, Andacht und Gottesfurcht hier eintreten’, als ob er für alle, die in den Tempel der Schöpfung eintreten, für alle, die zum Licht kommen, betet. Denn Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt.

Wir bringen Dir dieses geistige Opfer dar auch für die ganze Welt.

            Die göttliche Liturgie umfaßt von ihrem Wesen her alles auf universale Weise. Sie betet nicht für ein paar anwesende Gläubige, sondern für alle, für die, die sich an jeder Ort der Herrschaft des Herrn befinden.

            Sie betet nicht für die geringen und vergänglichen Dinge, sondern für die großen, die ewigen Dinge. Auf diese Weise werden die täglichen und vorübergehenden Dinge geheiligt und gesegnet.

            Sie offenbart den Anfang der Schöpfung und die letzten Dinge, die zweite und furchteregende Wiederkunft [des Herrn].

            All dies wird rekapituliert, konzentriert in einer einzigen Person, in Jesus, dem Gottmenschen, Alpha und Omega.  

Mach uns würdig, an den himmlischen und furchterregenden Mysterien dieses geistigen und heiligen Tisches teilzunehmen ...

            Das ganze Leben, die ganze Schöpfung, wurde geheiligt. Sie führt uns zur Heiligung, da sie Kirche ist.

            Gib uns, ohne gerichtet zu werden, zu kommunizieren, an diesem heiligen und furchterregenden Tisch teilzunehmen. Das heißt an der Schöpfung, am Leben, am Mysterium unserer Beziehung mit Dir, mit allen anderen und mit der ganzen Schöpfung.

            Mach uns würdig, Herr, damit unsere Lebensart, unser Verhalten in dieser Schöpfung und dieser Geschichte, für die Vergebung der Sünden, für die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei, damit wir es wagen, zu Dir zu kommen, ohne gerichtet oder verdammt zu werden.

            Wir ziehen weder Ideen noch Worte dar, die uns gehören. Wir wiederholen genau die Worte der heiligen Väter. Wir sagen, was im liturgischen Buch geschrieben ist, im Augenblick der Wandlung. Auf dieser Weise kleidet das liturgische Wort eine schöpferische Kraft. Es ist dem schöpferischen Wort ähnlich, dem Wort ‘Er sprach, und sie entstanden. Er befahl, und sie wurden geschaffen.’

            Während der Schöpfung schwebte der Geist über dem Gewässer und was ohne Form war, nahm Form an. Jetzt flehen wir für die Wandlung der heiligen Gaben durch den Heiligen Geist.

            In dem Maße jedoch, wie wir willentlich danach verlangen, daß Sein Wille geschehe, und nicht unser, daß der Geist die dargelegten Gaben heilige, in dem Maße, wie wir nicht unsere Worte darbringen, sondern diejenigen der Tradition und der Väter, sind wir wirklich anwesend und handeln zusammen mit allen Heiligen, im Namen der ganzen Kirche.

            Die traditionellen liturgischen Gebete sind immer die gleichen und dennoch immer neu, wie zum ersten Mal gehört. Denn mit ihrem Einfluß wird alles in jedem Augenblick geopfert und ersteht alles auf.

            So befinden wir uns, während wir unaufhörlich die gleichen Dinge sagen und tun, immer wieder in Verwunderung und in einem unerschöpflichen Licht.

            In dem Maße, wie wir traditionell sind, sind wir wirklich zeitgenössisch und fähig, den neuen Bedingungen und Schwierigkeiten wirksam zu begegnen und sie wie ein Segen zu empfangen.  

            In dem Maße, wie wir unserer Tradition und unserem Glauben verhaftet sind, erwerben wir geistige Nachsicht und liebevolles Verständnis, damit wir allen Menschen wie Brüdern begegnen.

            Und in dem Maße, wie wir wirklich ein reines Herz haben, sind alle rein in unseren Augen, und betrachten wir keinen als verunreinigt oder unrein (Abba Isaak der Syrer).

       Der Mensch ernährt sich vom Gottmenschen, der Nahrung der ganzen Welt, der einzigen Nahrung, die der Erwartung und der menschlichen Natur entspricht.

            Der Mensch wird lautlos und auf heilvolle Art in die Tiefe des sprechenden Schweigens hineingetauft. Da, wo alles Harmonie ist.

            Du bewahrst das Schweigen, und in dir hörst du das Wort. Sein Blut, nach der Art deines eigenen Blutes, fließt geräuschlos und wie eine reine Gabe in dein gesamtes Dasein. Das Blut Gottes vergöttlicht mich und ernährt mich. Es vergöttlicht meinen Geist und ernährt meinen Verstand auf fremdartige Weise.

            Der Gläubige ernährt sich vom Altartisch der liturgischen Theologie. Und er atmet voller Freiheit, da er sich in der Freiheit der letzten Dingen bewegt.

            Die letzten Dinge werden nicht auf vergängliche Art und Weise erwartet, sondern sie beleuchten bereits heute, auf liturgische Art, die Geschichte und die Schöpfung.

            Der Gläubige erlebt in der Liturgie den ersten Tag der Schöpfung. Alles erhebt sich vom Nichtsein zum Dasein. Alles wird gegründet und erhalten, geschmückt mit Glanz, unter der Wirkung der lebendigmachenden Gnade des Geistes selbst.

            Der Mensch und sein Leben sind nicht ein für allemal von Gott geschaffen. Sie werden jeden Tag geschaffen. Deswegen ist der Mensch lebendig.

            Das Leben in Christus ist eine unaufhörliche Annäherung an Den, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

Wir bringen Dir dar das Deine vom Deinigen, in allem und für alles.

            Es ist der heiligste Augenblick. Das Herzstück des Mysteriums. Totale Darbringung, Kreuz, Tod, ewiges Leben.

       Der Priester erhebt die heiligen Gaben, die Hände in Kreuzesform. In dem Moment, indem er sagt: Das Deine vom Deinigen, bieten wir Dir dar in allem und für alles, erhebt er die heiligen Gaben und zeichnet er mit ihnen über den Antiminsion das Kreuzzeichen.

            Und das Lamm, das heilige Brot, trägt das Kreuzzeichen mit den Worten: Jesus Christus siegt.

            Das Zentrum des Mysteriums ist das Kreuz, das Opfer, die Darbringung, die, hier, alles durchdringen und heiligen. Die Weite und die Länge des Kreuzes sind nach dem Maß des Himmels, denn durch die göttliche Gnade heiligt es das ganze Universum (Kreuzerhöhung).

            Der Schmerz ist überall verbreitet, an den vier Ecken des Universums, bei den Völkern, in den Familien, bei den Individuen. Ausgebreitet in alle Herzen: der Jungen, der Erwachsenen, der Alten.

            Der gesamte Schmerz, zugelassen im Herzen der göttlichen Liturgie. Die gesamte göttliche Liturgie ist Christus; das gesamte Leben Christi das Kreuz; unser gesamtes Dasein (sein kostbares Herz), Schmerz und Kreuz.

            So können wir uns dem leidenden, kämpfenden und blutüberströmten Christus anschließen. Dem, der gestorben und auferstanden ist; der Segen und das Glaubensbekenntnis gründen im Rhythmus von Kreuz und Auferstehung:

            Denn siehe, durch das Kreuz ist Freude gekommen in die ganze Welt.

            Dann freuen wir uns - jeder Gläubige freut sich - denn die Freude ist gekommen in die ganze Welt.

             Wir freuen uns, denn die Freude ist aus dem Schmerz geboren. Der Tod ist besiegt durch den Tod. Und Christus ist aus dem Grabe herausgetreten, der strahlende Bräutigam, wie aus einem Brautgemach. Aus diesem Grund können wir hoffen.

             Und wenn du in dieser Art lebst, erringst und verdienst du die Gesundheit durch den Schmerz und den Kummer; das Finden und das Heil durch den Verlust deiner Seele.

        Dann bist du sicher, daß in dieser liturgischen Stimmung, wo Gott herrscht, die Endprüfung des Todes, als eine Form totaler Darbringung an Ihn, sich wandelt in einen unerhofften Segen und ‘von höchster Not weg zum höchsten Glück, zum Ausruhen und zur Freude wird’ (Vesper am Pfingstmontag).

             Ein großes Vorbild ist das der blutflüssigen Frau im Evangelium, die viel gelitten hat und viele Ärzte aufgesucht hat und ihr ganzes Gut ohne Nutzen ausgegeben hat, aber deren Zustand sich ständig verschlechterte (Markus 5, 26). Sie sagt folgendes: Ich werde mich dem Herrn anvertrauen. Ich werde Ihn finden, sollte es auch an einem öffentlichen Ort sein. Ich werde Ihn auf dem Weg finden. Ich werde ihm alles sagen. Ich werde alles sagen, ohne zu reden. Ich wünsche es nicht, Ihn zu mir zu holen. Ich will Ihn nicht aufhalten in Seinem Weg, noch von denjenigen entfernen, bei denen Er sich befindet und mit denen Er unterwegs ist. Noch will ich Ihn beschäftigen, und daß Er mir Aufmerksamkeit schenkt. Ich will nur den Saum Seines Gewandes berühren. Sonst nichts. Mein Schmerz ist so groß. Mein Dasein ist so unbeständig. Mein Wesen ist so fließend und brennend, daß alles, durch eine Berührung, sich zu Ihm wenden wird, in einem Augenblick und im Schweigen, durch Ihn, der den Schmerz auf sich nimmt und allein liebt.

             Und so war es. Der Weg hat sich fortgesetzt. Keiner merkte etwas. Nur zwei verstanden, daß etwas geschehen war: der Kranke, der berührte, ohne jeden Anspruch; und Christus, der ihr ohne Zögern antwortete.

             Das Wunder ereignete sich: Und in dem Augenblick selbst stand der Fluß ihres Blutes still (Markus 5,29). Die Quelle ihres Übels ist vertrocknet. Sie spürte in ihrem Leib, daß sie von der Krankheit geheilt war. (Markus 5,29). Die Quelle des Schmerzes und des Blutes ist verdorrt. Sie hörte auf, ihre Kräfte zu verlieren. Zum ersten Mal empfing sie eine unbesiegbare Kraft.

             Jesus spürte eine Kraft von sich ausgehen. (Markus 5,30).
             Und Er fragte: Wer hat mich berührt? Jemand hat mich berührt 
             (Lukas 8, 45-46).

            Jemand hat mich berührt. Jemand hat sich mir genaht. Ist mir nahgekommen. Ich gehe nicht allein voran durch die Menge. Jemand hat mich angesprochen und eine Gnade herausgezogen. Denn ich habe gespürt, wie eine Kraft von mir ausging.

            Und die blutflüssige Frau spürte in ihren Leib, daß der Fluß ihres Blutes stillstand ... Voller Furcht und zitternd, weil sie wußte, was an ihr geschehen war, warf sie sich zu Seinen Füßen nieder und sagte Ihm die ganze Wahrheit. (Markus 5,33).

            Sie sprach mit Zittern. Derjenige, der so zittert, nach einer solchen Erfahrung, kann Gott und den Menschen verstehen; er kann das Zittern des tiefen menschlichen Schmerzens erfassen und verstehen. Er kann zu Christus und zu seiner Kirche sprechen, und seine Stimme kann gehört werden.

            Und der Apostel bezeugt: O Korinther, ich bin ängstlich und zitternd vor Euch erschienen (1 Korinther 2,3).

            Der Gläubige möge die Liturgie leben und von göttlicher Furcht und Dankbarkeit überflutet sein.

            Verlaßt den Tempel erfüllt von der Kraft und von der Gnade des Herrn.

            Seid erschüttert von der Größe der Liebe des Gottmenschen. Sagt nichts, was von euch kommt. Sondern laßt das Ergreifen und das Erstaunen angesichts des Wunders ein Geheimnis bleiben, von alleine sprechen. Wie die Myrophoren, die vom Grabe flohen: Sie wurden von Erstaunen ergriffen und waren außer sich und sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

            Liebt die Unbekannten und die Gleichgültigen wie eure Brüder. Und laßt euer zitterndes Wesen die Schöpfung lieben und die Tiere, die Erde, die Bäume, die Flüsse, die Berge, sowie die ganze Schöpfung, die auf den Segen eurer Liebe wartet.

            Findet euch einen Winkel, um zu weinen wie Petrus, ohne zu wissen warum.

            Laßt die Liebe Christi wie die Kraft, die die blutflüssige Frau geheilt hat, sich im Geheimen ausschütten. Die Welt höre auf, ihre Kräfte zu verlieren, ihr Blut zu verlieren, den Verstand zu verlieren.

            Und die Welt fange an, Kräfte zu erlangen, die Gesundheit zu erlangen und ihre Seele zu finden, indem sie sie für den Herrn und für Sein Evangelium verliert.

            Was euch betrifft, laßt nicht nach in der Liebe. Sonst nichts.


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