Kirchliches Leben : Liturgia


Die Liturgie - Quelle der Heiligkeit

Der Ausdruck ‘Quelle der Heiligkeit’ kommt mehrmals in den Dankgebeten vor, die wir lesen, nachdem wir an dem Leib und dem Blut des Herrn kommuniziert haben.[1] Wir haben nun vor uns die Gelegenheit, ein wenig über dieses Thema nachzudenken: was ist eigentlich Heiligkeit? Wie soll man aus dieser Quelle schöpfen?

       Laßt uns zuerst die Größe dieses Mysteriums feststellen. Denn die Heiligkeit ist eine göttliche Eigenschaft. Eine Eigenschaft der Gottheit, ein Attribut des Schöpfers. Man kann sie nicht beschreiben oder mit was auch immer vergleichen. Wir singen ja während der Liturgie: ‘Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser’. Die tiefste Quelle der Heiligkeit ist die Heilige Dreiheit. Sie gehört zu Ihr aufgrund Ihrer Natur und Ihres Lebens. Heilig, a-gios, heißt ‘nicht irdisch’, ganz anders. Und unser Titel weist darauf hin, daß wir durch die Liturgie - die heilige Liturgie, die göttliche Liturgie selbst - diese göttliche Eigenschaft erwerben. Ein göttliches Attribut kann unser werden. Wir nehmen das biblische Gebot vielleicht zu leicht: ‘Seid heilig, wie Ich heilig bin’. Wir vergessen, was für eines Privilegs wir uns erfreuen, dies als Plan unserer Erfüllung als menschliche, geschöpfliche, irdische Wesen zu empfangen. Wir vergessen, mit welcher Gabe Gott uns beehrt, wenn wir den Hymnus ‘Dreimalheilig’ der Engel singen, ja wenn wir sogar diese himmlische Wesen abbilden. An der Liturgie teilzunehmen, heißt an einer göttlichen Handlung teilzunehmen, Zeuge des Hinströmens dieser reichlichen Quelle der Heiligkeit, die Gott selber ist, zu sein, der anwesend ist und sich Selbst für uns darbringt. Vor der ersten großen Bittektenie verkündet der Zelebrant: ‘Gepriesen sei (gesegnet ist) das Reich des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes’. Merken wir gut: er sagt nicht ‘war’ oder ‘wird sein’, obwohl er sich danach auf die ‘Ewigkeit der Ewigkeit’ bezieht. Im Griechischen gibt es kein Verb: also, ‘ist’ oder ‘sei’. Wieso ‘sei’? Wir segnen es nicht selber. Nein, wir stellen unseren Glauben an den dreipersonalen Gott fest, der über die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung herrscht, und wir drücken unser Verlangen danach aus, diese dankbare Verehrung auszuweiten. Auf daß alles, was Odem hat, den wahren Herrn lobe und aufhöre, ein Sklave der Idole zu sein.

            Diejenigen, die an der Liturgie teilnehmen, können also die Heiligkeit der Anwesenheit Gottes schmecken. Diejenigen, die ihr nur beiwohnen, ohne sich der göttlichen Dimension zu öffnen, werden aus dieser Möglichkeit keinen Nutzen ziehen können. In der Urkirche durften nur die Katechumenen im ersten Teil der Liturgie eintreten, der Liturgie des Wortes; und nur die Getauften konnten bis zum Opfer, zur Konsekration und der Austeilung der heiligen Gaben bleiben. Die Gläubigen tun viel mehr als nur beizuwohnen: ‘Wir singen, wir preisen, wir danken, wir beten..’ Und wie betet man? ‘Aus ganzer Seele und aus ganzem Geist laßt uns sagen..’ Und sogar aus ganzem Leib: Einerseits ist unser Leib vom Fasten gereinigt, von der Wachsamkeit gespannt, ermüdet vielleicht durch die Anstrengung des Stehens. Andererseits wird unser Leib mit all seinen Sinnen beansprucht: der Geruchsinn durch den Weihrauch, das Gehör durch die gelesenen und gesungenen Worte, das Sehen durch die Betrachtung der Ikonen und der liturgischen Gesten, das Schmecken beim Essen und Trinken, das Tasten während der Verehrung der heiligen Gegenstände und durch unsere eigenen liturgischen Gesten, wie z.B. das Kreuzzeichen. Wir bringen die Gaben dar - merkt, daß sich dies vor allem auf diejenigen bezieht, welche die Prosphoren darbringen, aber auch auf alle, denn bei der Anaphora, das heißt der Darbringung, sagt der Priester nicht ‘ich bringe dar’ sondern ‘wir bringen dar’.

            Wir bringen uns auch selbst vor dem heiligen Gott dar. Heiligkeit heißt für uns Heiligung. Das heißt die Berührung des göttlichen Lebens selbst in unserem Leben so wie es ist. Es geht also um eine Verwandlung, eine Veränderung, des Irdischen zum Himmlisch-Irdischen. Wir halten nichts zurück, wir verstecken nichts von unserem Leben draußen: Wir vertrauen uns an - sogar mehrmals, um sicherzustellen, daß das wirklich passiert! - ‘uns selbst und einander und unser ganzes Leben Christus unserem Gott.’ Wir legen während des Cherubikonhymnus, alle Sorgen dieser Welt in die Hände Gottes, um unsere Seelen und unsere Herzen von der ängstlichen Hyperaktivität Marthas zu befreien, damit wir uns dem ‘einzig Notwendigen’, das ewig verbleibt, dem guten Anteil Marias widmen. Sogar die Sprache ist bedeutsam: wir bringen uns dar (‘befehlen’ uns); wir geben uns preis im Vertrauen auf das Feuer des göttlichen Lebens, ‘und sinnen auf nichts Irdisches’[2].

            Im Mittelpunkt dieses Mysteriums steht ein Austausch von Leben zwischen uns und Gott. Er durchdringt unser Wesen mit seinem eigenen Wesen, so daß Sein Leben zu unserem Leben wird - wir selbst leben es. Er gibt sich hin, wir geben uns hin, und nachdem wir Ihn durch unser ganzes Wesen assimiliert haben, ändert sich schrittweise unser ganzes Leben und wird heilig. Als gott-menschlicher Organismus erneuert die Kirche den Bund des Neuen Testaments im Blut Gottes. ‘Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut’[3]. Und Gott wird zur ‘Nahrung für die Gläubigen’, wie wir am Heiligen und Großen Samstag im Hymnus singen, der das Cherubikon ersetzt. Neuer Bund, denn das ewige Leben wird dem Menschen wieder geöffnet, was vor dem Opfer Christi nicht der Fall war. Die Heiligkeit fügt nichts hinzu zu dem, was für den Menschen natürlich ist; der Mensch, der nicht aus der Quelle der Heiligheit schöpft, ist eigentlich kein natürlicher Mensch. Die Heiligkeit  ist weit davon entfernt, eine Zutat zu sein – wie Zuckerguß auf einem Kuchen –, sie ist die Farbe selbst des wahrlich und vollständig menschlichen Lebens, also des wirklichen Lebens und der wirklichen Person eines jeden.

            ‘Das Brot Gottes ist dasjenige, das vom Himmel herabsteigt und das der Welt das Leben gibt.’ Das Leben – das heißt nicht einfach zeitweise, sondern für immer. Die Leute in der Menge haben zu Ihm gesagt: ‘Herr, gib uns immer dieses Brot.’ Jesus antwortete ihnen: ‘Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nie hungern; wer an mich glaubt, wird nie dürsten.’[4] Und noch direkter sagt Er etwas später: ‘Dieses Brot ist das Brot, das vom Himmel herabsteigt, damit man es ißt und nicht stirbt. [..] Wer dieses Brot ißt, wird für immer leben’ [..] Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.’[5] Wir ‘nehmen Anteil an der Unsterblichkeit, die in Ihm ist’.[6]

            Die Wandlung des Brotes und des Weines findet zu einem genau definierbaren Moment statt, dieser Moment ist jedoch ein Eingehen in überzeitliche und überräumliche Ereignisse. ‘Des mystischen Mahls Deines Mysteriums [das seit zweitausend Jahren stattfindet!] mach mich heute teilhaft!’ ‘Er läßt nicht nach, geopfert zu werden, um diejenigen zu heiligen, die an Ihm teilnehmen’[7]. Die Ewigkeit vereinigt sich mit der Zeit, der Geist vereinigt sich mit der Materie und verwandelt sie: Das Brot wird göttlich und Quelle der Gottheit. Es geht nicht um eine Verwandlung in die göttliche Natur, denn ungeschaffener Gott zu sein ist nur dem Schöpfer eigen, sondern Gott-werden ist möglich durch die Teilhabe an den Energien, am Leben des Schöpfers. Wenn man dieses Fleisch ißt und dieses Blut trinkt, bleibt Er in uns, und wir bleiben in Ihm. Wir umfassen Ihn, und Er, der unumfaßbar, der unbegrenzbar in räumlichen Dimensionen ist, umfaßt uns.

            Die Verwandlung menschlicher Wesen passiert auf eine viel graduellere und langsamere Art als die Wandlung der zwei Gestalten [Brot und Wein], denn der Mensch hat einen freien Willen. Die Heiligung der eucharistischen Elemente wird verbürgt von der Tatsache selbst, daß die Liturgie ein Gemeinschaftsakt der orthodoxen Kirche ist, trotz der Sünden der Teilnehmer und sogar des zelebrierenden Priesters. Aber die Heiligung der Teilnehmer an der Liturgie und sogar derjenigen, die an den heiligen Gaben kommunizieren, ist nicht durch die Teilnahme allein garantiert. Wir singen ‘wir haben den Heiligen Geist empfangen’, und Er selbst ist die Quelle der Heiligkeit und der Gaben, und durch die Gaben die Heiligung der Teilnehmer – aber das heißt nicht, daß wir automatisch geheiligt werden. Für die Wirkungskraft des Sakraments brauchen wir nicht nur die Rubriken der Kanones zu erforschen: Wir müssen den Boden dafür bereiten. Die Heiligkeit, die während der Liturgie durch das göttliche Wort und Blut und Leib übertragen wird, hängt von jedem [Gläubigen] in der Gemeinschaft ab. Deswegen ist die Vor-Liturgie wichtig. ‘Wenn jemand heilig ist, soll er kommen! Wenn nicht, soll er Buße tun!’[8] Die Vorbereitungsgebete haben einen Bußcharakter. Sie leisten eine Reinigungsarbeit, sie bereiten uns vor, damit wir danach verlangen, geheiligt zu werden. Christus hat Sein Blut ‘für die Vergebung der Sünden’ ausgegossen; wenn wir kommunizieren, wird dieses Versprechen des Herrn wiederholt. Ich habe gesagt, daß wir uns selber in der Liturgie darbringen. Denn eigentlich ist mein einmaliges Wesen auch eine Gabe: ‘Das Deine vom Deinigen’. Wir bringen nichts Originelles dar, aber wir bringen es aus freiem Willen dar. Sicher, ich bin für meine Sünden verantwortlich, für den Mißbrauch der göttlichen Gaben, aber selbst diese Sünden sind angenommen und gelöscht durch das göttliche Erbarmen. Ich komme mit den gemeinschaftlichen Gaben von Brot und Wein, im Wissen, daß alles ‘vom Deinigen’ ist und wieder Ihm dargebracht wird. Damit mein Wesen bereit ist, das göttliche Leben zu empfangen, damit dieses authentischere Leben in mir gelebt wird, muß ich die Macht und die Gewohnheit der Sünde bekämpfen. Unsere Kirche gibt sogar den Kindern die Kommunion. So werden sie, noch bevor ihr Wille und ihr Geist so weit entwickelt sind, daß sie das Herz  verunreinigen könnten, mit der ‘Arznei der Unsterblichkeit’ genährt, die die Heilige Kommunion ist.

            Der heilige Kyrillos von Jerusalem spricht über die Worte der Liturgie ‘Das Heilige den Heiligen’. ‘Heilig sind die Gaben, nachdem sie vom Heiligen Geist heimgesucht wurden, und heilig seid ihr, nachdem ihr des Empfanges des Heiligen Geistes gewürdigt wurdet. Also stimmen ‘das Heilige’ und ‘die Heiligen’ überein. Weiter sagt ihr: ‘Einer nur ist heilig, einer nur Herr, Jesus Christus’. Denn in Wahrheit ist Einer heilig, heilig gemäß der Natur; wir sind auch heilig, gewiß, nicht gemäß der Natur, sondern gemäß der Teilnahme, der Askese und dem Gebet.’[9] Der Grad der Teilnahme hängt sowohl von uns als auch von Gott ab. Die Heiligkeit kann nicht aufgezwungen werden, denn sie wird von Personen gelebt. (In Klammern bringe ich hier den Gedanken an, daß, wenn wir unsere Kinder zur Kirche bringen, wir sie soweit wie möglich vorbereiten und ihnen helfen können, aber sie anschließend der Gnade [Gottes] befehlen sollen: ‘Herr, inspiriere es! Heilige Mutter Gottes, berühre sein Herz durch Deine heilige Sanftmut! Gott, gib ihm ‘zu kosten, wie gut Du bist’[10] und besser als alles!’ Das ist besser als das Fragen oder die Moralpredigten über seine offensichtliche Vorliebe für die großen Stücke geweihten Brotes am Ende des Gottesdienstes!) Wir beten vor der Kommunion: ‘Mach, daß Deine Heiligung sich nicht von mir entferne - d.h. in mir erlösche’[11].

            Die Askese und das Gebet, die der heilige Kyrillos erwähnt, sind notwendige Elemente während und vor der Liturgie. ‘Man muß die Liturgie mit einem bewußten Verständnis leben. Auf dieser Art und Weise öffnet sich die Liturgie vor uns als etwas, das unser ganzes Leben umfaßt; in der Liturgie sind all unsere inneren Schichten, die zu Gott gerichtet sind, eingeschlossen. Wenn wir sie mit unserem ganzen Wesen leben, erlaubt uns die Liturgie, sie wie einen wirklich göttlichen Akt zu leben, der diese sichtbare Welt in sich trägt, aber auch in einem unendlichen Ausmaß die Grenzen dieser Welt überschreitet.’[12] Man kommt verhungert zum Gastmahl, Gott mit seinem ganzen Wesen suchend, die falsche Heiligkeit ablehnend, die aus einer beliebigen anderen Quelle kommt. Der Hl. Pimen zitiert den Psalmvers ‘Wie der Hirsch nach Wasserquellen lechzt, so lechzt meine Seele nach Dir, o Herr’ und wendet ihn auf den Mönch in der Wüste an. Dieser wird vom Gift der Dämonen verbrannt wie der Hirsch vom Gift der Reptilien, die er verschlingt, also sehnt er sich nach dem ‘Samstag und dem Sonntag, um zu den Wasserquellen zu kommen, d.h., zum Leib und zum Blut Christi, um von der Bitterkeit des Bösen gereinigt zu werden.’ Diese Reinigung ist der Anfang der Heiligung, und sie berührt unser ganzes Wesen. ‘Der Leib und das Blut Christi erhalten unseren Leib und unsere Seele.’ Wenn ich gelegentlich höre, daß die orthodoxe Kirche angeklagt wird, einen ‘primitiven Kult’ zu haben, mit Opferungen und ‘so physischen’ Riten, antworte ich, daß ich einen primitiven Leib habe, und daß unser Gott ihn nicht verachtet. Die Heiligkeit ist ganzheitlich, und sie schafft die Reintegration des Menschen als Ganzes.

            Die Liturgie wird von uns auch eine aufmerksame Lebensführung verlangen. Die Gebete nach der Kommunion sind Danksagungen, damit man nicht wie die neun undankbaren Aussätzigen ist.[13] ‘Wurden denn nicht alle zehn geheilt? Hat sich kein anderer zum Dank eingefunden als nur dieser Ausländer?’ Diese Gebete sind also ein integraler Teil der Liturgie, auch wenn sie zu Hause gelesen werden. Sie setzen in uns eine Bitte um die Verlängerung der Gnade fort, und sogar dafür, daß ich ‘nicht mehr mir, sondern Dir lebe’. Denn ohne diese Aufmerksamkeit würden die Versuchungen zu schnell aufkommen, um die Flamme des Heiligen Geistes - nicht vollständig, sicherlich - zu ersticken. Wir können, warnt uns der Apostel, unsere Verurteilung essen und trinken. Die Väter, die zu diesem Thema schreiben, zitieren das Beispiel von Judas, der die Kommunion gegessen (empfangen) hat und sofort hinausgelaufen ist, um Christus zu verraten[14] , und sie sagen uns, daß wir Ihn verraten, wenn wir uns nicht noch mehr anstrengen, Seinen Geboten zu folgen, das heißt, uns nach Christus zu richten, damit Er in uns bleibt ‘wie in Sich selbst’. Der heilige Paulus schreibt Krankheiten und sogar plötzliche Todesfälle der Nachlässigkeit zu, mit der die Christen den Leib Christi behandeln. Andere Väter sagen, daß wir Christus in Seinem sakramentalen Leib wieder kreuzigen ‘Was heißt es ‘den Leib und das Blut Christi verantworten’, wenn nicht für den Mord Christi verantwortlich sein? Denn Er wurde um den Willen derer getötet, die Seine Güte für nichtig erachtet haben.’ [15] Wir nähern uns dem Kelch mit ‘Glaube, Liebe und Gottesfurcht’. Diese Furcht wird uns als ein Schutz verbleiben, der dem täglichen Leben erlauben wird, immer mehr auf eine Art und Weise gelebt zu werden, die der Liturgie entspricht. Nur auf diese Art werden die heiligen Gaben wirklich von uns assimiliert werden. Ohne diese Furcht wird dagegen die Liturgie für uns zu etwas Alltäglichem: Wir werden sie mit jener Unachtsamkeit gegen Gott erleben, die unseren Alltag charakterisiert. Hin und wieder im Laufe der Woche, wenn man überlegt: ‘Vor ein paar Tagen ist der Schöpfer in mich gekommen durch dieses Stück Brot und diese Tropfen Wein’, wird dies eine Wirkung auf alles haben, was man tut, und alles, was uns passiert. Gott ist nicht weit. Wenn meine tägliche Erfahrung verdunkelt erscheint, dann werde ich diesen Sonntag die Möglichkeit haben, ‘Erfahrung gegen Erfahrung zu wechseln’, wie es auf eine so schöne Art und Weise der heilige Teophilus von Alexandrien ausdrückt.[16] Eine dem heiligen Augustinus zugesprochene Predigt gibt uns den Ratschlag: ‘Damit ihr nicht in euren eigenen Augen wertlos erscheint, kommt und trinkt Euer Lösegeld’.[17]

            Die Liturgie bringt uns dazu, das Leiden und die Auferstehung Christi wieder zu leben. ‘Denn jedes Mal, wenn ihr dieses Bot eßt und diesen Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis Er kommt’[18], und wir ‘gedenken’ sogar Seines zukünftigen Kommens. So folgen wir, besonders in der Liturgie des heiligen Basilius, vor allem Seinem Gebot: ‘Tut dies zu meinem Gedächtnis’.[19] Die Liturgie bringt uns dazu, auch Pfingsten wieder zu erleben. Die Tatsache, daß die Liturgie ein Akt der Kirche ist, ist maßgeblich. Die Priester zelebrieren zusammen mit den Gläubigen, im Namen des Bischofs. Liturgie heißt: gemeinsame Handlung, ‘Werk des Volkes’. Der persönliche Charakter des Empfanges der heiligen Gaben, der durch die Erwähnung unseres Namens vor dem Kelch unterstrichen wird, vermindert nicht im geringsten den gemeinschaftlichen Aspekt der Liturgie. Im Gegenteil: die Personen werden geheiligt in ihrer Eigenschaft als Glieder des Leibes Christi. Sein Leben wird in jedem weitergeführt, weil jeder, zunächst durch seine Taufe, Christus einverleibt ist. Die Kirche wird in unserem Glaubensbekenntnis heilig genannt; diese Heiligkeit ist keine statische, sondern eine dynamische Wirklichkeit; der Heilige Geist ‘wohnt in der orthodoxen Kirche’, wie der Heilige Siluan es ausdrückt. Ich ziehe die Analogie eines elektrischen Stromes (die einmal von einem Kind vorgeschlagen wurde) derjenigen einer Kerze vor, die ein für allemal in der Vergangenheit angezündet wurde. Aber Begriffe wie ‘Energie’ haben im Allgemeinen in unseren Sprachen die Tendenz, das zu entpersonalisieren, was nichts anderes als persönliche Kommunikation, oder eher Kommunion ist.

            Das göttliche Leben, das man als heilig bezeichnet, ist ein Leben, das von Personen geteilt wird, die sich lieben. Bevor man kommuniziert, tut jede Person Buße, ja was noch mehr ist: Sie muß ihren persönlichen orthodoxen Glauben kundtun. (Es kann keine Interkommunion geben.) Das Glaubensbekenntnis wird vielleicht von einer einzigen Stimme gelesen, aber es fängt an mit ‘Ich glaube’: jeder, der geistig dazu fähig ist, beteiligt sich geistig an den Worten. Aber vor dieser Rezitation gibt es eine Voraussetzung: ‘Laßt uns einander lieben, damit wir eines Geistes bekennen..’ Die Heilige Schrift spricht auch von der Notwendigkeit der gegenseitigen Vergebung, bevor wir unsere Gabe Gott darbringen. Diese Einstimmigkeit der Liebe und des Glaubens impliziert, daß es die Synaxis, die Versammlung ist, die geheiligt wird, und nicht nur jeder einzelne individuell. ‘Und laß uns alle, die wir an dem einen Brot und dem einen Kelch teilnehmen, miteinander geeint seien in der Kommunion des einen Heiligen Geistes, und laß keinen von uns teilnehmen am heiligen Leib und Blut Deines Christus zu seinem Gericht oder zu seiner Verdammnis..’[20] Das Leben der eucharistischen Gemeinschaft widerspiegelt das Leben der Dreiheit durch das Teilen und den gegenseitigen Beistand.

            Die Kirche ist der Leib Christi, genauso wie das Brot zum Leib Christi wird. Die Liturgie setzt die leibliche Anwesenheit des heiligen Herrn auf Erden fort. Die Glieder der Kirche setzen die Anwesenheit Christi und Seines erlösenden Werkes in der menschlichen Gesellschaft fort.  Der Apostel sagt ja sogar, daß die Leiden, die Schmerzen, die die Christen für die Bildung der Kirche erleiden, ‘ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt’.[21]

            Dieser Gedanke veranlaßt uns zu erwägen, daß die Liturgie die Heiligung der ganzen Welt bringt. Christus hat Sein Blut ‘für euch (die Jünger) und für viele’ vergossen, das heißt, für die Gläubigen, die Christus einverleibt sind, und ferner für die unzähligen, ‘vielen’ - also für die Kirche und für die ganze Welt. Die Kirche stellt die Erstlinge der Menschheit dar, und die Heiligung ihrer Glieder ist der Sauerteig des ‘Teiges’ der erneuerten Menschheit. Dies ist das Mysterium der Wesenseinheit der menschlichen Natur, die Christus angenommen hat, die über die Tatsache hinausgeht, daß man während der Liturgie für die Welt betet. Aber zur gleichen Zeit können wir die Liturgie als Gelegenheit nutzen, für die Welt zu beten. Die ‘ganze Welt’ wird in den liturgischen Gebeten mehrmals erwähnt. ‘Für den Frieden der Welt’, beten wir während der Ektenien, und singen dabei ‘Herr, erbarme Dich!’. Nach der Wandlung sagt man ‘wir bringen diese Anbetung dar für die ganze Welt’. ‘Am liturgischen Akt so vollständig wie möglich teilzunehmen, lehrt die Gläubigen nach und nach, am Gebet Christi in Gethsemane [für die Menschheit] teilzunehmen. Folgendes ereignet sich: Wenn wir von Kummer, von Schmerz, von Trauer bedrückt sind, transportieren wir unser eigenes Leiden auf eine universelle Ebene und leiden nicht mehr einzig und allein für uns selbst, sondern für die ganze Menschheit. Im Maß unserer persönlichen Erfahrung können wir das tragische Los eines jeden Menschen leben, seine Angst und seine Verzweiflung.’[22] Die Geschichte spielt sich ab, ohne daß die Mehrheit der Menschen auch nur weiß, daß diese Liturgie stattgefunden hat. Aber das Schicksal der Menschheit hängt viel mehr von unserer Liturgie als von unseren politischen Aktivitäten ab. ‘Wenn ich die Liturgie feiere, bete ich sicherlich für die ganze Welt, und ich bin überzeugt, daß, solange dieses Liebesopfer in dieser Welt weiterhin gefeiert wird, das Weiterbestehen dieser Welt auch gesichert sein wird.’[23] (Wir werden dies nicht ausposaunen, als ob man sich selbst damit loben könnte. In den Schriften der alten Kirche waren die Erwähnungen des liturgischen Kultes im Geheimen gemacht, nur für diejenigen, die für die Taufe vorbereitet wurden; also galt noch deutlicher das Gebet ‘und Dein Mysterium werde ich den Feinden der Wahrheit nicht verraten’.) Ihr erinnert Euch an die Begegnung des auferstandenen Christus mit Lukas und Kleopas, die vom heiligen Lukas berichtet wird. Der Herr wird in unseren Tagen weiterhin ‘am Brotbrechen’ erkannt; aber die Leute, die wegen Unkenntnis oder Ablehnung aus unterschiedlichen Gründen zum Mahle selbst nicht kommen, können Ihm ‘während sie auf dem Weg sind’ begegnen, eben weil es auf einem Weg, manchmal vielleicht ziemlich abgelegen, eine Kirche gibt, in der man das Mysterium feiert, durch das Gott in der Stofflichkeit Fleisch wird und den menschlichen Wesen einwohnt. ‘Was der heilige Petrus über das königliche Priestertum sagt, kann durch unsere Teilnahme an der Liturgie erfüllt werden. Fürchtet Euch ernsthaft davor, aus Gewohnheit zur Liturgie zu gehen. Zwingt Euch jedes mal dazu, tiefer zu leben, was Christus während des heiligen letzten Abendmahles lebte, als er dieses große Mysterium, das eucharistische Opfer, gründete. So wird die Liturgie nicht nur für Euch heilend sein, sondern auch für alle, die daran teilnehmen. Es ziemt nicht nur den Priestern, in ihrem Herzen das Leiden Gottes für die Welt zu leben, die der Sünde und dem Tod ausgesetzt ist.’[24] (Der Mangel an täglichen Liturgien in der Welt während der großen Fastenzeit hat vielleicht eine kosmische Auswirkung, aber die tiefere Buße sollte das Überleben des Planeten unterstützen.. eben weil die Göttliche Liturgie nicht in einer Reihe von magischen Sprüchen besteht, und die Wochentage der Fastenzeit uns helfen werden, den Samstag und den Sonntag tiefer zu leben.)

            Dies veranlaßt uns, zum Schluß zu überlegen, daß die Heiligung der Liturgie auch die ganze Schöpfung berührt: Die Gaben sind Erstlinge der Schöpfung; die Verklärung der Welt hat im Leib des fleischgewordenen Christus angefangen, aber sie setzt sich fort durch die Verwendung der Materie für die Sakramente. Die ganze Schöpfung wird angenommen, wieder aufgenommen in den Sakramenten: die tierische, pflanzliche und minerale Natur, und sogar der Staub der Sterne, aus dem unsere Erde besteht. Christus, ‘der alles bewahrt und erhält’[25], verbindet sich mit dem Brot und dem Wein und macht diese Gestalten selbst lebensspendend, vergöttlichend.

            Christus ist der Weg und das in dem Maß, daß Er sich zum ‘Reiseproviant’ macht, nach dem Ausdruck der Vorbereitungsgebete [für die Kommunion]. Was für eine Herablassung! ‘Er wollte selbst, daß das Sakrament Seiner Selbstopferung das tägliche Opfer der Kirche ist; die, als der Leib des Hauptes, lernt, sich durch ihn darzubringen[26]. Zum Schluß werde ich die Worte eines Märtyrers zitieren, der über den Kult der Christen befragt wurde: ‘Die Christen machen die Liturgie und die Liturgie macht die Christen; das eine kann nicht ohne das andere bestehen.’[27] Dieses Zusammenwirken macht unsere Liturgie zur Quelle der Heiligung.

[1] ‘Denn Du bist das Brot des Lebens, die Quelle der Heiligung (...)’ (Gebet des heiligen Basilius.)

[2] Hymnus, der das Cherubikon am Hohen und Heiligen Sabbat ersetzt.

[3] Lukas 22:20, s. Math. 26:28.

[4] Joh. 6:34-35.

[5] Joh. 6:50ff

[6] Theophilus von Alexandrien, Predigt über das Abendmahl.

[7] Gebete vor der Kommunion, 9. Ode des Kanons.

[8] Didache; 10.

[9] Mystagogische Katechesen 5;19.

[10] S. Ps. 34:8.

[11] Gebet des Hl. Johannes Chrysosthomos.

[12] Archimandrit Sophrony, Briefe an Russland - in Russisch, Brief vom 11. Dezember 1958.

[13] s. Lukas 17:11 ff.

[14] Man muß aber bemerken, daß der heilige Ephrem denkt, daß Judas vor der eigentlichen Kommunion hinausgegangen ist.

[15] Ambrositer über 1. Korinther, 11:23-30.

[16] Predigt für den Heiligen und Hohen Donnerstag.

[17] ? Hl. Augustinos, Predigt über die Sakramente.

[18] 1. Korrinther 11:26, zitiert in der Basiliusliturgie.

[19] Hl. Lukas 22:19.

[20] Basilusliturgie.

[21] Kollosser 1:24.

[22] Archimandrit Sophronius, Sein Leben ist meins, S. 107.

[23] Archimandrit Sophronius, Briefe an Russland (in Russisch), Brief vom 27. mai 1971.

[24] Archimandrit Sophronius, Das Leben im Geist, S. 14.

[25] Hl. Kyrillos von Alexandrien, Kommentar über den Hl. Johannes; IV.

[26] Hl Augustinos; Stadt Gottes, 10.

[27] Der hl. Felix während der Folterungen als Antwort zum Peiniger.


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