Kirchliches Leben : Liturgia


Die Bedeutung des Gotteshauses

von Metropolit Augoustinos von Deutschland

Homilie anlässlich der Weihe der Kirche der Drei hl. Hierarchen in Hannover,
4. Juni 2001

Ohne ein Verständnis des Kirchbaus selbst kann man auch den Gottesdienst der Kirchweihe nicht verstehen.

Der christliche Gottesdienstraum ist kein gewöhnliches Gebäude, kein kunstvolles Arrangement verschiedener kostbarer Materialien zum Zweck der ästhetischen Erbauung der Gläubigen.  Die Architektur, die wir "Kirche" nennen, verwandelt die uns fassbare materielle Welt in uns und außer uns sowie die uns unnahbare geistige Welt jenseits unseres geschaffenen Seins in einen Kosmos, der sich unseren Sinnen erschließt. Was also ist jener Raum unserer gottesdienstlichen Versammlung, den das orthodoxe Bewusstsein so sehr mit der Kirche identifiziert, dass wir ihn auf äquivoke Weise "Kirche" nennen? Denn im Kirchenraum, in seiner Struktur, erblicken wir die Kirche selbst.

Der Kirchbau ist mehr als lediglich ein geheiligter Ort, an dem sich das Volk zur Eucharistie versammelt. Er ist die ganze Kirche. Darum sehen wir die Apostel Petrus und Paulus auf ihrer Festikone eine Architektur tragen.

Diese Architektur ist die Kirche, die sie gegründet und an verschiedenen Orten organisiert haben. Die Kirche, deren Wesen wir nicht leicht bestimmen können, gewinnt vor unseren Augen Gestalt und strukturierte Anschaulichkeit. Dank dieser gelungenen Bildwerdung heiligt und transfiguriert die Göttliche Liturgie die materielle Welt, innerhalb derer sie sich vollzieht. Der Raum des Mysteriums ist mit dem des Letzten Abendmahls identisch. Als Jesus Christus das Mysterium der hl. Eucharistie stiftete und uns überlieferte, da war die ganze Kirche versammelt: Christus und die zwölf Apostel. Die Kirche, d. h. der Ort, die Personen und der Vollzug des Mysteriums. Der hl. Maximus d. Bekenner vergleicht die Beziehung der Kirche zum Kirchbau mit derjenigen der menschlichen Seele zu ihrem Leib. Die Seele können wir nicht sehen, doch den Leib sehen wir und sagen: Das ist der Mensch. Ebenso sehen wir auch den Raum der Kirche und sagen: Das ist die Kirche.

Die Kirche, also eine göttliche und geistliche Wirklichkeit, tritt in Gemeinschaft mit der materiellen Welt und stellt sich dar im heiligen Tempel und in seinen Riten.

Des weiteren ist der orthodoxe Kirchenraum nach Struktur und Ausstattung das Abbild von Himmel und Erde. Der Altarraum ist das Bild des Himmels. Der Altar repräsentiert den überhimmlischen Altar des großen Hohenpriesters Jesus Christus. Die Ikonostase versinnbildlicht mit den Ikonen Christi, der Gottesgebärerin und der Heiligen sowie mit ihren drei Eingängen die immerwährende Gemeinschaft von Erde und Himmel. Von der mittleren, der "schönen" Pforte aus erscheint und segnet der der Liturgie vorstehende Priester und wird so selbst zu einer Gestalt zwischen Himmel und Erde in der Reihe der auf der Ikonostase dargestellten Heiligen.

Die allheilige Gottesgebärerin, die im Gewölbe der Apsis des Altarraums als "Platytera", also als die, deren Leib dank der Empfängnis des unumfaßbaren Sohnes Gottes "umfassender als die Himmel" geworden ist, dargestellt wird, vermittelt stets zwischen uns und ihrem Sohn, indem sie Himmel und Erde, Schöpfer und Geschöpfe miteinander verbindet.

Schließlich hoch in der Kuppel die Gestalt Christi, des Allherrschers, der Sonne der Gerechtigkeit, die auf die Erde hernieder schaut und sie erleuchtet, indem sie der ganzen Schöpfung das geistliche Licht der liturgischen Versammlung spendet.

Der orthodoxe Kirchbau ist eine wahrhafte Theophanie. In der Architektur ist die Kirche. In der Kirche ist die Göttliche Liturgie. In der Göttlichen Liturgie ist Gott.

Die große Bedeutung des Kultraumes für den Menschen zeigt sich bei allen Völkern, christlichen und nichtchristlichen. "Niemand hat jemals eine Stadt gesehen, die eines Heiligtums entbehrte und gottlos wäre - noch wird er je zukünftig eine solche sehen", schreibt der altgriechische Schriftsteller Plutarch. Das alte Kappadokien war mit Kirchen übersät, von denen viele bis auf unsere Zeit überdauert haben. So schreibt Gregorios von Nyssa in einem berühmten Brief: "Wenn jemand von dem, was er sieht, auf die Anwesenheit Gottes schließen könnte, dann müsste er glauben, Gott wohne in Kappadokien". Was es bedeutet, eine Kirche zu bauen, ersehen wir aus einem Brief Basileios des Großen an einen Bischof seiner Kirchenprovinz: " Deine jedem Christen ziemende Sorge, eine Kirche zu bauen, auf dass der Name Christi verherrlicht werde, hat uns überaus erfreut. Ihr habt in der Tat gemäß dem Wort der Schrift die Zierde des Hauses des Herrn liebgewonnen und euch so eine Wohnung im Himmel bereitet, die diejenigen erwartet, die Christi Namen lieben."

Die Kirche zollt denen großen Respekt, die Kirchbauten errichten und für sie Sorge tragen. Darum betet sie in der Göttlichen Liturgie "für die seligen und denkwürdigen Stifter des Gotteshauses". Zu Beginn der Liturgie betet sie durch den Mund des Diakons "für dieses heilige Haus ..." und am Ende der Liturgie durch den Mund des Priesters: "Heilige alle, die die Zierde Deines Hauses lieben."

Diese Kirche der Drei hll. Hierarchen ist nicht nur ein Schmuck für Hannover. Sie ist auch nicht nur ein Werk der Liebe des hochwürdigsten Bischofs Chrysostomos von Pamphilos und der Priester dieser Gemeinde, der ehrwürdigen Väter Gerasimos und Alexandros, sowie auch aller anderen Glieder dieser Gemeinde.

Diese Kirche ist vor allem ein neuer Ort der geistlichen Gemeinschaft von Himmel und Erde, ein neuer heiliger Ort, ein Ort des Kultes und der Verehrung des Dreieinigen Gottes.

Im Gottesdienst der Kirchweihe wird dieser Ort geheiligt und auf die der heiligen Überlieferung gemäße Weise dem liturgischen Gebrauch übergeben. Fortan werden sich an diesem Ort in jeder Göttlichen Liturgie Himmel und Erde festlich begegnen und die Menschen der Teilhabe Gottes gewürdigt.


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