Die Bedeutung der Heiligen Schrift in
der Orthodoxen Kirche*
von Metropolit Augoustinos von Deutschland
Nur
wenige Tage nach der Tagundnachtgleiche des Frühlings, wenn die nächtliche
Dunkelheit dem Licht des Tages weicht, feiert die Orthodoxe Kirche die Empfängnis
unseres Herrn Jesus Christus und den Herabstieg der Sonne der Gerechtigkeit
in unsere von der Sünde verfinsterte Welt. Dieses Ereignis hat den Lauf
der Geschichte umgekehrt: Aus dem Fall in den Tod und die Absurdität wird
ein Aufstieg zum Frühling der Ewigkeit.
Dieses Fest der Verkündigung, der Ursprung und Anfang aller anderen Herrenfeste,
ist deshalb mit dem Datum des 25. März verbunden, weil Gott nach ältester
Tradition in diesem Monat des März die Welt erschaffen hat und weil an
eben diesem Tag Adam, von der Schlange betrogen und in dem Willen, sich selbst
zu Gott zu machen, das göttliche Gebot übertreten hat und aus dem
Paradies vertrieben wurde. An diesem Tag unseres Falls erfüllt sich auch
die Heilung unserer Natur wie eine zweite Schöpfung. Ebenso wie das Menschengeschlecht
durch Evas Ungehorsam im Frühling der Welt dem Tod erlag, ist es im Frühling
unserer Erlösung durch den Gehorsam der Jungfrau vom Tod befreit worden.
Schon im zweiten Jahrhundert hat der hl. Irenäus von Lyon diese Entsprechung
in der Ökonomie der Erlösung betont: "Wie jene (Eva) durch die
Rede eines Engels verführt wurde, sich Gott zu entziehen und Sein Gebot
zu übertreten, so empfing diese (Maria) durch das Wort des Engels das Evangelium,
die Frohbotschaft, dass sie Gott in ihrem Schoß tragen sollte, weil sie
Seinem Wort gehorsam war. Wurde jene verführt, weil sie Gott ungehorsam
war, so ließ diese sich überzeugen, Gott zu gehorchen, damit die
Jungfrau Maria zum Anwalt der Jungfrau Eva würde. Und wie das Menschengeschlecht
durch eine Jungfrau dem Tod unterworfen worden war, so wurde es durch eine Jungfrau
vom Tode befreit. So wurde der Ungehorsam einer Jungfrau durch den Gehorsam
einer Jungfrau aufgewogen" (Adv. haereses V, 19,1).
Nach unserem Fall hat Gott in Seiner unermesslichen Barmherzigkeit die Menschheit
allmählich auf die Erfüllung des großen Mysteriums vorbereitet,
jenes Mysteriums, das vor allen Zeiten im dreieinigen Ratschluss verborgen war:
die Fleischwerdung des Göttlichen Wortes.
In dieser Perspektive liest die Orthodoxe Kirche, insbesondere in den Tagen
der großen österlichen Fastenzeit, das Alte Testament. Der Heilige
Geist lässt sie im Schatten des Gesetzes das Bild der Gnade erkennen. So
auch in der Perikope aus der Weissagung des Propheten Jesaja: Jenseits der Querelen
in den verworrenen Beziehungen zwischen Juda, Israel, Aram und Assyrien im Jahr
733 vor Christi Geburt erkennt die Kirche im Wort des Propheten die über
den unmittelbaren historischen Anlass weit hinausgehende Ankündigung des
Ereignisses, das wir im Fest der Verkündigung feiern.
Wir sagen bewusst: Die Kirche liest, die Kirche erkennt ...
Das Lesen und das Verstehen der Heiligen Schrift ist nicht nur die Begegnung
eines Lesers mit einem altehrwürdigen Text. "Ein prophetisches Wort
der Schrift ist nicht die Sache eigener Deutung" (2 Petr 1,20). Die Heilige
Schrift ist vor allen Dingen ein liturgisches Buch, das im Gottesdienst gelesen
und empfangen wird. Das Wort des Vaters, das in der ganzen Heiligen Schrift
zu uns spricht, offenbart sich nicht dem Individuum oder dem subjektiven Interesse
eines einzelnen, sondern den Gliedern Seines Leibes, der in Seinem Namen versammelten
Gemeinde. Das Wort des Vaters, das in einem gewissen Sinn in der Schrift wohnt
wie in einem Leib, geht zugleich über jedes Wort der Schrift und über
jedes "wörtliche" Verständnis hinaus. Die Heilige Schrift
ist darum keine "Literatur". In seiner Verbindung mit dem ungeschaffenen
göttlichen Wort, dem Logos des Johannesevangeliums, gewinnt jedes Wort
der Schrift eine unauslotbare Tiefe. Es wird zu einem "Wort-Leib",
der die Wörtlichkeit sprengt, zu einem Brunnen göttlicher Offenbarung,
aus dem das Schöpfgefäß der Samariterin das lebendige Wasser
nicht schöpfen kann. Nicht die Philologen interpretieren die Heilige Schrift,
sondern die liturgischen und sakramentalen Handlungen der Kirche und das in
ihnen grundgelegte geistliche Leben der Umkehr: der Glaube, die Hoffnung und
die Liebe. Das Wort Gottes verharrt nicht selbstgenügsam im Buchstaben.
Die Heilige Schrift bezeugt vielmehr die Fleischwerdung, die Inkarnation des
Wortes: "Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht
mehr dahin zurückkehrt, bis er die Erde tränkt, durchfeuchtet und
fruchtbar macht, dass sie Samen zum Säen und Brot zum Essen gibt, so wird
es auch mit meinem Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht; es wird nicht
leer zu mir zurückkehren, bis es alles vollbracht hat, was ich will, und
Gelingen hat in dem, wozu ich es sende" (Jes 55, 10-11).
Die Heilige Schrift ist die zu Texten geronnene Erfahrung des Menschen, der
an Gott glaubt. Es ist im Kern die Erfahrung, dass Gottes Wort nicht Buchstabe,
nicht Text, sondern Fleisch geworden ist. Darum ist die Aufnahme des göttlichen
Wortes kein literarischer Vorgang. Nur der, der wie Maria im Glauben den Willen
Gottes bejaht, empfängt auch wie sie das Wort vom Heiligen Geist. Erst
diese Gabe des Geistes macht die Heilige Schrift für uns zur Quelle der
Erkenntnis.
Die Schrift verstehen heißt, das Wort zu empfangen, das vom Vater in die
Welt gekommen ist. Dieses Wort empfangen wir nicht nur durch Philologie, Archäologie,
durch Bibellesen, durch neue hermeneutische Konzepte, durch kühne Adaption,
sondern dadurch, dass wir Ihm das Fleisch unseres Lebens geben.
Anders gesagt: Wenn wir die Bibel von der Kirche, von den Sakramenten, von der
Liturgie trennen, wenn wir sagen "sola scriptura", "die Schrift
allein", oder wenn wir sie als eine Offenbarungsquelle sui generis der
Tradition gegenüberstellen, dann ist sie, so erhaben sie auch sein mag,
ein Buch - und nur das. Wir laufen dann Gefahr, das Wort Gottes, den Logos,
mit dem geschriebenen Wort, ja mit dem Buchstaben zu verwechseln.
Das Wort wohnt nicht im Buch und nicht in der Schrift. Es wohnt in der Jungfrau.
Es wohnt in der Kirche. Es wohnt im Fleisch. Es wohnt in Seiner Herrlichkeit.
Die Kirche, der aus vielen Gliedern bestehende ungeteilte Leib des Herrn, ist
der Raum, dessen das geschriebene und gesprochene Wort der Heiligen Schrift
bedarf, um das Fleisch des Wortes, das Fleisch unseres Lebens zu werden.
Lasst uns mit der Gottesgebärerin dem Wort des Vaters das Fleisch unseres
Lebens geben, indem wir in der Stille unseres Herzens das Wort sprechen, das
die Welt und uns alle vom Tod befreit: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn.
Mir geschehe nach Deinem Wort".
*Homilie
beim Ökumenischen Gottesdienst aus Anlass des Jahres der Bibel 2003 am
25. März im Altenberger Dom (zu Jesaja 7, 10-14).
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