Kirchliches Leben :
Orth. Kirche und ökumenische Bewegung


Von Canberra nach Harare
Die Entwicklung der Beziehungen zwischen dem ÖRK un den orthodoxen Kirchen

von Anastasios Kallis

Die ökumenische Stimmung am Vorabend der VIII. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare/Simbabwe im Dezember 1998 entspricht weniger dem Fest eines 50jährigen Gründungsjubiläums einer hoffnungsvollen Bewegung als vielmehr einer verlegenen Gesellschaft, die an einen Scheideweg gekommen ist.

Unter dem Stichwort "Krise", das inzwischen zur Mode geworden ist, werden unterschiedliche Ansichten vertreten, die man unter dem gemeinsamen Nenner zusammenfassen könnte: So kann es nicht weitergehen.

Insofern fällt grundsätzlich nicht ganz aus dem Rahmen auch die ungeschickte und inhaltlich wenig hilfreiche Thessaloniki-Erklärung der interorthodoxen Konferenz vom 1. Mai 1998, zu der der Ökumenische Patriarch auf Drängen der Russischen und der Serbischen Orthodoxen Kirche eingeladen hatte.

Meine Enttäuschung bzw. meinen Unmut über diesen die orthodoxe Kirche und Theologie beschämenden Text habe ich in einem Kommentar formuliert (vgl. Orthodoxie aktuell, Jg. II, Heft 6-7, S. 2-5; Text der Erklärung von Thessaloniki: Orthodoxie aktuell, Jg. II, Heft 5, S. 20-22), den ich als bekannt voraussetze und daher nicht wiederholen, sondern vertiefen möchte, indem ich in einer Art Entmythologisierung das Unbehagen der orthodoxen Mitgliedskirchen des ÖRK, das ihre Delegierten in der Thessaloniki-Erklärung in scharfer Form zum Ausdruck gebracht haben, stichwortartig hinterfrage.

1. Unzufriedene Teilnehmer

Zwar gehören orthodoxe Kirchen zu den Initiatoren der ökumenischen Bewegung, und einige von ihnen (Ökumenisches Patriarchat und die Kirchen von Zypern und Griechenland) sind auch Gründungsmitglieder des ÖRK, doch sie haben immer eine gewisse Distanz bewahrt gegenüber einer Bewegung, die ihnen evangelisch dominiert erscheint. Zwar haben sie 1961 in Neu-Delhi bei der III. Vollversammlung, als die orthodoxen Kirchen aus dem ehemaligen Ostblock (Moskau, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Polen) und die Patriarchate von Alexandrien und Jerusalem dem ÖRK beitraten, aufgehört, durch Sondererklärungen sich von der Gemeinschaft des ÖRK zu distanzieren, und sich aktiv an der Entstehung von gemeinsam getragenen Texten beteiligt, doch die grundsätzlich distanzierte Haltung gegenüber dem ÖRK lebte fort. In mehreren Konferenzen und auf der Vollversammlung in Canberra (1991) wie auch auf interorthodoxen Konsultationen (z.B. 1991 und 1996 in Chambésy/Genf und 1998 in Thessaloniki und Damaskus) haben sie ihre Sorgen im Blick auf die Entwicklung des ÖRK in der letzten Zeit verstärkt zum Ausdruck gebracht und ihr Unbehagen als Bewohner eines Hauses angemeldet, das nach evangelischem Geschmack gebaut ist und verwaltet wird. Dieser Eindruck mag weniger bei den orthodoxen Theologen im Genfer Stab und bei altgedienten Delegierten gelten, aber umso mehr unter den Zuschauern des ökumenischen Geschehens.

Orthodoxe Theologen, die im ökumenischen Dialog mit den Kirchen des Westens stehen, gewöhnen sich an die Fragestellung und Denkweise einer Theologie, die zu Hause, in ihren Kirchen fremd ist. Es bedarf einer besonderen Geschicklichkeit, die eigene Tradition zu vermitteln, ohne den Eindruck des Gestrigen, in der Zeit der großen Kirchenväter Stehengebliebenen zu erwecken, der die westeuropäische Aufklärung nicht mitbekommen hätte. Dies gelingt orthodoxen Delegierten oft nicht, doch es berechtigt nicht zu der überheblichen Verabsolutierung der eigenen Theologie, zumal die orthodoxe Theologie, über die man pauschal urteilt, ein Buch mit sieben Siegeln bleibt.

Dies hat zur Folge, daß die Orthodoxen im ÖRK als eine Exotengruppe am Rande einer vorwiegend evangelisch dominierten Gemeinschaft erscheinen, obwohl sie ekklesiologisch eine am verbindlichsten definierte Gruppe darstellen, ohne die der ÖRK eine innerprotestantische Bewegung wäre. Zum einen das "Quotensystem", das die Orthodoxen auf gleicher Ebene mit Bewegungen wie "Frauen" und "Jugendliche" einstuft, und zum anderen das protestantische Kirchenverständnis, das zu einer unverhältnismäßigen Repräsentation orthodoxer und evangelischer Kirchen führt, schaffen eine schiefe Repräsentationslage, mit der sich die Orthodoxen nicht mehr abfinden wollen.

Zwar versteht sich der ÖRK vom ersten Tag seiner Gründung an weder als "Superkirche" noch als "ein Zentrum ekklesiastischer Macht, das die Kontrolle über die Kirchen erringen will" (erste Rede des Generalsekretärs, Willem Visser't Hooft, in Amsterdam 1948), doch unter den Protestanten dominiert die Vorstellung, daß die Summe der Mitgliedskirchen in einer Art Antipode Roms die universale Kirche Christi darstellen, demzufolge auch die Einheit der Kirche den versöhnlichen Zusammenschluß der verschiedenen Kirchen bedeutet, wie sie heute existieren.

2. Ekklesiologische Asymmetrie

Die Dimension der Auswirkung dieser Vorstellungen, die die Vorgehensweise des ÖRK bestimmen, auf die orthodoxen Kirchen wird richtig erfaßt, wenn man bedenkt, daß die orthodoxe Kirche - und darin ähnelt sie grundsätzlich der römisch-katholischen Kirche, die nicht Mitglied des ÖRK ist - von einer differenzierten Ekklesiologie ausgeht, die bei der Anwendung des auf soziologische und geographische Kriterien gestützten Vertretungsprinzips nicht zur Kenntnis genommen wird.

Der ekklesiologische Standpunkt der orthodoxen Kirchen dürfte aber dem ÖRK bekannt sein. Die III. Panorthodoxe Vorkonziliare Konferenz vom November 1986 spiegelt dieses ekklesiologische Bewußtsein wider, wenn sie in ihrer Vorlage für das Panorthodoxe Konzil formuliert: "Wenn die orthodoxe Kirche sich am ÖRK beteiligt, bleibt sie dennoch ihrer Ekklesiologie, der Identität ihrer inneren Struktur und der Lehre der ungeteilten Kirche treu und akzeptiert auf keinen Fall die Idee der 'Gleichheit der Konfessionen'" (Die orthodoxe Kirche und die Ökumenische Bewegung, § 6). In unverkennbarer Anlehnung an den Entwurf der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Lumen Gentium, Art. 8,2) des II. Vatikanums erklärt dieselbe Konferenz in ihrem Vorlagetext über "Die Beziehungen der orthodoxen Kirche zu der übrigen christlichen Welt", wie sie ihre Beteiligung in der Ökumene versteht: "Die orthodoxe Kirche als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist sich ihrer Verantwortung für die Einheit der christlichen Welt voll bewußt." Dieser abschreckende Exklusivitätsanspruch war den Verfassern dieses Textes offensichtlich bewußt, wenn sie unmittelbar darauf auf "die faktische Existenz aller christlichen Kirchen und Konfessionen" hinweisen, die die orthodoxe Kirche anerkennt.

Die Dialektik zwischen Exklusivität und Dialog, der die Einheit nicht im Sinne der Rückkehr in die eigene Kirche versteht, läßt sich nicht überwinden, wenn man nicht die Sensibilität besitzt, zwischen Grundsätzlichem in der Lehre und Faktischem im Leben der orthodoxen Kirche zu unterscheiden, zwischen der Strenge der Akribie und der flexiblen, barmherzigen Oikonomie, die das Prinzip der orthodoxen Wirklichkeit und Haltung darstellt. Es ist bedauerlich, daß hier der Mut gefehlt hat, sich dazu zu bekennen, so daß zum einen das Bild einer exklusiven Orthodoxie entsteht, an dem sich zum anderen fundamentalistische Kreise in den orthodoxen Kirchen in ihrer antiökumenischen Agitation orientieren.

Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Ekklesiologien der Mitgliedskirchen des ÖRK ist eine unerläßliche Voraussetzung für eine ökumenische Zusammenarbeit, bei der nicht in einem Quotensystem der arithmetisch Schwächere an den Rand des Geschehens gerät.

Das Modell der "Kirchenfamilien", das zuerst in der Konsultation von Sofia (1981) vornehmlich mit Bezug auf die Entscheidungsfindung vorgeschlagen wurde, könnte in einer ausgewogenen Würdigung der ekklesialen Realitäten und ekklesiologischen Vorstellungen der Kirchen den ÖRK aus einer Krise herausführen, die grundsätzlicher Natur ist.

Eine solche ekklesiologische Selbstbesinnung bzw. Umorientierung, die für die Zusammensetzung des ÖRK, seiner Gremien, seines Stabes und seiner Entscheidungen etwa von einer Drittelparität jeweils für die evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen ausginge, könnte schließlich auch die Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche erleichtern, ohne die es den orthodoxen Kirchen allein kaum gelingen würde, für ihre ekklesiologischen Anliegen das nötige Gehör zu finden. Unabhängig von dieser Vision sollte man die römisch-katholische Kirche bitten, an dieser Strukturdiskussion teilzunehmen.

3. Die Last der Freiheit - Vergangenheitsbewältigung

Diese ekklesiologische Grundhaltung, die einer genuin orthodoxen Denk- und Lebensweise entspricht, setzt allerdings eine selbstkritische Sensibilität voraus, die im Augenblick in der Mehrheit der orthodoxen Kirchen auf heftigen Widerstand stößt.

Die Hoffnung, der Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus, dessen Sklave der größte Teil der orthodoxen Kirche war, würde die Kommunikation erleichtern und dem ökumenischen Dialog mit den orthodoxen Kirchen neuen Auftrieb geben, war naiv, insofern man die unterschiedliche Gewichtung der Bedeutung der ökumenischen Kontakte im Osten und Westen nicht zur Kenntnis genommen hat. So ist man irritiert, daß gerade diejenigen orthodoxen Kirchen, die auf ökumenischen Veranstaltungen aufgeschlossen, konziliant und kompromißbereit waren, eine strenge Orthodoxie vertreten, die auf eine Revision der Modalitäten bei der Beteiligung der orthodoxen Kirche an der ökumenischen Bewegung drängt.

Die Situation hat sich unerwartet und abrupt geändert. Gehörte zur Zeit der Unterdrückung die Beteiligung an der Ökumenischen Bewegung zur Überlebensstrategie dieser Kirchen, so fühlen sie sich im Zuge der gewonnenen Freiheit von den Kirchen angegriffen, die ihnen früher verständnisvoll beigestanden haben. Doch gerade dieses Verständnis wirft seine Schatten auf die Ökumene, bei der man auf eine von den Sowjets propagierte "Friedenspolitik" kritiklos eingegangen ist, wohl wissend, daß die atomare Rüstung auch der Sowjets den Frieden bedrohte, die zudem die Menschenrechte mit den Füßen traten und die Kirchen verfolgten bzw. als Instrument des Machtapparats einsetzten.

So nimmt es nicht wunder, daß in einem Vergangenheitsbewältigungsprozeß für viele Menschen die Ökumene als ein Relikt von Aktivitäten kompromittierter Prälaten erscheint, die in ihrer Loyalität zu einem atheistischen Staat die Orthodoxie verraten hätten. Diese Agitation, die mehr mit Emotionen als mit sachlichen Argumenten geführt wird, führt zu einer Zerreißprobe, die auch die Entscheidung der orthodoxen Kirchen Georgiens und Bulgariens, ihre Mitgliedschaft im ÖRK zu kündigen, erklärt. Mit Mühe und Not konnte Patriarch Aleksij II. auf dem dritten Bischofskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche nach dem Ende der Sowjetzeit im Februar 1997 mit der Mehrheit der Bischöfe, die für den Austritt aus dem ÖRK plädierten, einen Stillstand erreichen, indem er das Problem zu einer panorthodoxen Angelegenheit erklärte. Daß eine Kirche schließlich, der man wegen ihrer Haltung im Krieg auf dem Gebiet der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien mit dem Ausschluß aus dem ÖRK und der KEK drohte, nun selbst beide Institutionen verlassen will, ist kaum verwunderlich.

Die Möglichkeit der freien Entfaltung und Gestaltung des kirchlichen Lebens hat viele orthodoxe Kirchen vor Probleme gestellt, auf deren Lösung sie nicht vorbereitet waren. Die unbewältigte Vergangenheit, in der der Vorwurf des Verrats begründet wird, und die neue Erfahrung mit anderen Kirchen im eigenen Land haben sie in eine Lage gebracht, die ihre Integrität und Einheit bedroht.

In dieser Situation hilft es z.B. der Russischen Orthodoxen Kirche wenig, auf ihre ökumenischen Aktivitäten vor der Bolschewistischen Oktoberrevolution von 1917 hinzuweisen, wenn nicht zugleich in aller Klarheit und Demut manche über das Nötige hinausgehende Loyalität zu der politischen Macht bedauert wird. Dies gilt auch für den Vorwurf des Proselytismus, dessen Existenz die einen leugnen, indem sie den betroffenen orthodoxen Kirchen Territorialansprüche unterstellen und die Aggressivität mancher Gruppen übersehen, während die anderen der unbequemen Konkurrenz mit administrativen Maßnahmen begegnen wollen.

4. Orthodoxie der Neoorthodoxen

In diesem Prozeß des Umbruchs und der Umorientierung beanspruchen die pastoralen Probleme die Hauptaktivität der Kirchen, in die Menschen eintreten, die eine neue geistige Heimat suchen, ohne oft zu wissen, was christlicher Glaube ist bzw. bedeutet, den sie bisweilen mit der Restauration vorkommunistischer Zeiten verbinden. Zu der Neuentdeckung der national-geistigen Identität gehört nun die orthodoxe Kirche als eine wesentliche Komponente der Geistesgeschichte eines Volkes, das orthodox war.

Das Bild ehemaliger bekennender Marxisten, Leninisten oder Stalinisten, die in ihrer Rolle als politische Mandatsträger in einer neuen Epoche die orthodoxe Kirche als geistigen Machtfaktor entdeckt haben und in der Osternachtsliturgie in vorderster Reihe mit der Kerze in der falschen Hand deplaciert stehen, mögen bis dahin unterdrückte Bischöfe mit Genugtuung als Segen Gottes empfinden, der seinem Volk Barmherzigkeit hat angedeihen lassen, aber es ist charakteristisch für eine Lage, die eine verhängnisvolle Entwicklung annehmen kann, wenn die Kirche sich nun freiwillig mit dem Staat liiert, der vermeintliche Privilegien immer zu einem Preis verkauft, der die Substanz der Kirche tangiert.

Politische Naivität kann die Identität der Orthodoxie gefährden, indem sie dazu beiträgt, daß das Prinzip der Autokephalie, das jede Nation und Kulturtradition achtet und heiligt, ad absurdum geführt wird, wenn es zur Mißachtung und Verfolgung von Menschen anderer Nationalität, Religion und Kultur mißbraucht wird. Hier liegt die ekklesiologische Achillesferse der Orthodoxie, die Gefahr läuft, zumal in Zeiten geistiger Bedrängnis, ihre Identität mehr durch Abgrenzung als durch selbstkritische Reflexion zu pflegen. In einem solchen Klima gedeihen Nationalismus und Fundamentalismus, die, durch Unwissenheit und Unsicherheit genährt, zu einer Verabsolutierung des Eigenen - was immer es sein mag - führen und jeglichen Dialog als Verrat apostrophieren.

Brüskierte Theologen der Westkirchen mag vielleicht trösten zu hören, daß auf Anordnung eines orthodoxen Bischofs (Nikon von Ekaterinburg) selbst verschiedene Bücher namhafter russischer Exiltheologen, der Erzpriester Alexander Schmemann, John Meyendorff und Nikolaj Afanasiev sowie des auf dem Weg zum Gottesdienst in den Morgenstunden des 9. Septembers 1990 grausam ermordeten Moskauer Erzpriesters Alexandr Men am 5. Mai 1998 aus der Seminarbibliothek seines Bistums konfisziert oder, wie vielfach berichtet, im Seminarhof verbrannt wurden. Theologie ist gewiß nicht alles, aber es ist bezeichnend für eine kritische Lage, daß ein 38jähriger Bischof, der per Fernstudium noch Theologie studiert, Klassiker der orthodoxen Theologie der Gegenwart für Häretiker erklärt.

Viele Neoorthodoxe übertragen die fundamentalistisch-doktrinäre Mentalität einer kommunistischen Ideologie auf die Orthodoxie, die sie mit allen Mitteln "verteidigen". "Es ist doch verrückt", sagte mir neulich ein bulgarischer Kollege, "daß diejenigen, die uns früher das Leben schwer gemacht haben, uns nun als Verräter der Orthodoxie beschimpfen."

5. Ökumenische Prioritäten

Es liegt wohl auf der Hand, daß auf einem solchen Boden, der die Schwarz-Weiß-Malerei begünstigt, der Vorwurf des Verrats günstige Wachstumsbedingungen findet, zumal er durch die Entwicklung der Aktivitäten des ÖRK neue Nahrung erhält, denn in den Augen vieler in der Ökumene engagierter orthodoxer Theologen driftet der ÖRK von seinem eigentlichen Anliegen, der Wiederherstellung der Einheit der Kirchen, ab. Diese Besorgnis haben die östlichen orthodoxen und die orientalisch-orthodoxen Delegierten und Teilnehmer bei der Siebten Vollversammlung in Canberra (7.-20. November 1991) in einer Erklärung, die sie an alle Anwesenden gerichtet hatten, dezidiert formuliert und die Aktivitäten genannt, die aus ihrer Sicht die Existenz einer spezifisch christlichen theologischen Reflexion vermissen lassen.

Unter dem Stichwort "Horizontalismus" läßt sich die Kritik der Orthodoxen zusammenfassen, die sich gegen die Tendenz richtet, soziale, politische und ökologische Probleme von der gemeinsamen Verpflichtung auf das Evangelium Jesu Christi loszulösen. Diese Aktivitäten gehen von einer Autonomie des weltlichen Bereichs aus, den es ohne theologische Reflexion zu verändern gilt. Der Aktivismus und die damit verbundenen Leistungen des Protestantismus sind beachtenswert, doch der dabei entstehende Eindruck ist ebenso bedenkenswert, daß ein in der Welt der Orthodoxie zentrales Bewußtsein in den Hintergrund tritt, die Theozentrik des Geschöpflichen: Die Schöpfung liegt in der Hand des Pantokrators, der alles auf den, der ihn gesandt hat, hinführt, wozu wir zum Mitwirken aufgerufen sind. In ihrer Denk- und Handlungsweise darf die Kirche nicht mit den Beweggründen und den Aktivitäten weltlicher Institutionen konkurrieren; denn während die weltlichen

Einrichtungen vorwiegend unter rationalistisch-ökonomischen Profitüberlegungen die Welt gestalten wollen, sollte die Kirche die Welt in ihrer eschatologischen Dimension sehen und darauf bedacht sein, sie mit dem Geist zu versöhnen.

Wir haben in der Tat hier mit zwei unterschiedlichen Einstellungsweisen zur Heilsökonomie zu tun, die schon in den ungleichartigen Betrachtungsweisen des großen Mysteriums Christi augenfällig auftreten: Wird die Menschwerdung des Logos bei den einen als das die Welt verändernde Wirken Gottes in der Gestalt eines Menschen betrachtet, feiern die anderen die Epiphanie Gottes in seiner Schöpfung, die den Beginn ihrer eschatologischen Vollendung bzw. Verklärung erfährt.

Mir scheint allerdings, daß sich im ökumenischen Dialog nicht so sehr diese komplementären Sichtweisen negativ auswirken, sondern die aus ihnen hervorgegangenen plumpen Vorurteile, die nach wie vor die theologische Landschaft verunstalten: Soziales Engagement, Einsatz für die Belange der Welt seien Arbeitsfelder der Kirchen des Westens, während die orthodoxe Kirche als die Meisterin der Meditation und der Anachorese sich der Theoria (Schau) des Göttlichen hingebe und die Erde gerade noch mit dem Fuß streife.

Bevor man selbstkritisch und in Demut sich daran macht, das Trümmerfeld der Vorurteile zu räumen, kann weder das Anliegen der Orthodoxen verstanden, noch im ÖRK ein einvernehmlicher, gemeinsamer Einsatz zur Lösung der Probleme und Linderung der Nöte der Welt zustandekommen.

6. Soziokulturelle Vielfalt

Dies setzt allerdings voraus, daß den soziokulturellen Faktoren, die sich auf die Gestaltung von Kirche und Theologie ausgewirkt haben und ihr Leben und Denken auch heute beeinflussen, mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. In diesem Horizont lassen sich Denkweisen und -kategorien, theologische Betrachtungen, Kirchenstrukturen und ethische Verhaltensnormen erschließen, die auf den ersten Blick oft als gegensätzlich erscheinen, auch wenn sie unterschiedliche Akzentuierungen einer gemeinsamen Sache sind. Dies könnte als ein Befreiungsprozeß wirken, der die Kirchen und ihre Theologen in die Lage versetzen würde, gemeinsam zu prüfen, was Inhalt des christlichen Glaubens ist, der in einer bestimmten Zeit und an einem konkreten Ort Gestalt annimmt, die in ihrer spezifischen Art relativ ist. Solange diese nicht-theologischen Faktoren nicht ernst genommen werden, können Fragen wie Homosxualität, Frauenordination, exklusive Sprache oder feministische Theologie überhaupt, die in der Thessaloniki-Erklärung als Kritikpunkte angeführt werden, nicht auf eine Ebene gebracht werden, auf der der gemeinsame Glaube die Oberhand behält, der ein einmütiges gemeinsames Vorgehen ermöglicht.

In einem solchen aufrichtigen Austausch, der Denk- und Lebenserfahrungen vermittelbar macht, wird verständlich, daß es z.B. einer Kirche, in der die Tradition ein großes Gewicht hat, schwerfällt, Strukturen und Haltungen, die zum christlichen Bewußtsein ihrer Gläubigen gehören, zu ändern, denn sie liefe dabei Gefahr, die Einheit der Kirche, die ein komplexes Gebäude ist, zu gefährden. Im Gegenzug müßten die Orthodoxen erkennen, daß sie um der Tradition willen, die zu ihrer unverkennbaren Identität gehört, zwischen Treue zur Tradition und Huldigung eines Traditionalismus unterscheiden müssen, der den Geist tötet und den christlichen Glauben zum Relikt vergangener Epochen degradiert.

Dieses Desiderat gehört zu den Ursachen für den bedauerlichen Zustand, daß Kirchen, die im ÖRK ein halbes Jahrhundert um eine gemeinsame Sache ringen, sich relativ wenig kennen. Dies gilt nicht nur für das Verhältnis zwischen Protestanten und Orthodoxen, sondern auch für andere Gemeinschaften wie z.B. zwischen Alt-Katholiken und Orthodoxen, deren Kirchen in einem langjährigen bilateralen theologischen Dialog eine Glaubensübereinstimmung in sechsundzwanzig gemeinsamen Texten formuliert haben, die in den Archiven der Kirchenleitungen und in den Bibliotheken ruhen.

7. "Einer trage des anderen Last"

In Anbetracht dieser Situation verlieren viele die Geduld und geben die Schuld für die Stagnation dem Dialogpartner. Unter dem Eindruck, ihre Grundpositionen, Überlegungen und Mahnungen würden im ÖRK nicht ernstgenommen, sehen die Orthodoxen in der genannten Canberra-Erklärung das Wesen und die Identität des ÖRK inzwischen in Frage gestellt, so daß sie meinen, fragen zu müssen: "Ist für die orthodoxen Kirchen und andere Mitgliedskirchen der Zeitpunkt gekommen, ihre Beziehungen zum ÖRK zu überprüfen?" (§ 8).

Daß dies ernst gemeint ist, unterstreicht die Thessaloniki-Erklärung, in der die Delegierten der orthodoxen Kirchen in scharfer Form Struktur und Arbeit des ÖRK kritisieren und erklären: "Wenn die Strukturen des ÖRK nicht radikal geändert werden, werden möglicherweise auch andere orthodoxe Kirchen nach dem Beispiel der Kirche Georgiens aus dem Rat austreten" (§ 14).

Verärgert durch die ständigen Einwände der Orthodoxen, die bisweilen mit einer westlichen Theologen schwer vermittelbaren Theologie und Wertvorstellung den Eindruck eines irrational agierenden intoleranten Partners hinterlassen, laufen evangelische Theologinnen und Theologen Gefahr, ihrerseits die Geduld zu verlieren und schlagen eine harte Linie vor, deren Anwendung zu einem Scherbenhaufen führen kann. Nicht zum ersten Mal hat z. B. die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Frau Margot Käßmann, die auch dem Zentral- und Exekutivausschuß des ÖRK angehört, auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Hofgeismar die orthodoxen Mitgliedskirchen des ÖRK scharf kritisiert und ihre Forderung nach einer Strukturreform des ÖRK als "Zumutung" zurückgewiesen.

Nach ihrer Auffassung hätten die Protestanten zuviel Nachsicht geübt und zahlreiche Kompromisse geschlossen, die bis an die Grenze ihrer Glaubwürdigkeit gingen. Daher lautet ihr Rat: Die evangelischen Kirchen müßten nun ihre eigenen Grundüberzeugungen im ÖRK offensiv vertreten (Dt. Allg. Sonntagsblatt, Nr. 29, 17. Juli 1998, S. 26).

Mit dieser Mentalität, die in den orthodoxen Kirchen auch die Gegner der Ökumenischen Bewegung an den Tag legen, läßt sich gewiß die gegenwärtige Krise des ÖRK nicht überwinden.

Die Mitwirkung der orthodoxen Kirchen im ÖRK ist eine Frage sowohl seiner Identität wie auch der der orthodoxen Kirchen als einer synodalen Gemeinschaft in einem Liebesbund, der vom Dialog, gegenseitigem Respekt und Hilfsbereitschaft - trotz aller Widrigkeiten - lebt.

Gerade in einer schwierigen Phase des Umbruchs in Osteuropa, wo der Großteil der orthodoxen Kirche beheimatet ist, werden die Kirchen des Westens herausgefordert, mehr Sensibilität aufzubringen, damit Gemeinschaft Lebenswirklichkeit wird, in der auch der Mut zum Wandel im gemeinsamen Wandern bei allen wachsen kann, der für die Verkündigung des Glaubens unerläßlich ist.

Das ist ein mühsamer Weg, ein Anstieg, bei dem die Weggefährten aneinander gekettet sind, weil sie, gegenseitig abgesichert, ein gemeinsames Ziel vor Augen haben. "Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst" (Gal 6,2f.). Das gilt gewiß auch für vermeintliche "Bewahrer" der Orthodoxie vor der "Gefahr" der Ökumene.

Wer im Namen der Orthodoxie sich selbst verabsolutiert und den ökumenischen Dialog als eine moderne Häresie apostrophiert, verleumdet die orthodoxe Wirklichkeit, die nicht ein strenges, fundamentalistisches Lehrsystem ist, sondern eine oikonomisch-ökumenische Lebensweise, die den aufrichtigen Dialog einschließt.

Referat bei der ACK-Mitgliederversammlung in Magdeburg
28. Oktober 1998


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