Kirchliches Leben : Perspektiven


Patriarch Aleksij II. zu den Perspektiven des 21. Jahrhunderts

Die Moskauer Wochenzeitung "Moscow News" hat die Frage nach der Welt des 21. Jahrhunderts, den sie regelmäßig verschiedenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vorlegt, auch Patriarch Aleksij II. gestellt und seine Antwort in ihrer Ausgabe Nr. 51 vom 27. Dezember 1998 - 3. Januar 1999 veröffentlicht. Die nachstehend dokumentierten Aussagen des Patriarchen fanden wegen ihrer Stellungnahme zu aktuellen Fragen nicht nur der russischen Gesellschaft starke Beachtung, sondern auch in der westlichen Presse, werden u.W. hier aber erstmals vollständig in deutscher Sprache publiziert.

Der Schrecken des 21. Jahrhunderts

Es gibt viele Anzeichen, die es erlauben, das Auftauchen eines neuen Terrors vorherzusagen; dabei handelt es sich um Schrecken, die nicht nur auf Illusionen beruhen, sondern auch solche, die völlig offensichtlich sind.

So führt beispielsweise die gegenwärtige Entwicklung der Weltwirtschaft in steigendem Maße zu einer Situation, in der die harte Arbeit von Hunderten Millionen von Menschen in den Ländern der "zweiten" und der "dritten" Welt zur Wirkungslosigkeit verdammt ist und das enorme Einkommen, das mit Hilfe von Finanzspekulationen gemacht wird, nur beständig die Bevölkerung der "ersten" Welt bereichert. Eine andere, ebenso reale Gefahr erwächst aus dem unverantwortlichen Umgang der Menschheit mit der Natur an sich. Das Klonen etwa wie die verschiedenen Methoden, den genetischen Code und das Bewusstsein zu manipulieren und die Perspektiven, die sich aus jenen Phänomenen ergeben, bei denen die menschliche Natur rein vom Standpunkt der Technologie aus behandelt wird, können ein gewaltiges Ergebnis nicht allein im Hinblick auf eine Spaltung der Gesellschaft haben, sondern auch dem Erbgut irreparablen Schaden zufügen und zu einer Degeneration des Menschlichkeit des Einzelnen und der menschlichen Rasse als ganzer führen.

Glaube an Gott und Atheismus

Es gibt keinen Widerspruch zwischen Glaube und Wissen. Es wurde jedoch zu allen Zeiten und bei allen Völkern darüber gestritten, ob wissenschaftliche Erkenntnisse eine mystische Erfahrung bestätigen können. Dies ist aber nicht ein Streit zwischen Religion und Wissenschaft, sondern eher mit der Ideologie einer Wissenschaftsgläubigkeit, die behauptet im Namen der Wissenschaft zu sprechen. Ich denke, dies wird auch nie zu Ende gehen: Einige werden wissenschaftliche Entdeckungen als Beweis für Gott interpretieren, andere aber als Rechtfertigung ihres Agnostizismus. Jedoch hat dieser Streit in sich keine besonders starke Wirkung auf die religiöse Wahl des Einzelnen. Glaube erwächst und festigt sich nicht auf Grund von rationalen Schlussfolgerungen; er wird vielmehr dem Einzelnen auf mystische Weise von Gott gegeben. Es ist möglich zu glauben, obwohl man immer wieder die Absurdität der Religion unter dem Gesichtspunkt der Vernunft vorgeführt bekommen hat. Es ist ebenso möglich, sich selbst die Existenz Gottes zu beweisen und Wunder zu sehen - und doch kein gläubiger Mensch zu sein. Nicht von ungefähr sagt man ja, dass die Orthodoxie nicht bewiesen, sondern vor Augen geführt wird.

Brutalität und Toleranz

Ob es weniger Brutalität in der Welt geben wird, hängt davon ab, ob die Menschen lernen werden, miteinander zu leben und Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Glaubensüberzeugungen und nationalen Unterscheidungen zu zeigen. Schließlich entsteht Gewalt gewöhnlich nicht in einem Vakuum; sie entsteht vielmehr als Folge von Ungerechtigkeit und Expansion und aus Interessenskonflikten, wenn jeder versucht, seinen Willen den anderen aufzuzwingen. Die gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Staaten und Nationen sind nicht weniger hart geworden und suchen keineswegs Konflikte zu vermeiden; zwar werden die Konflikte nicht mehr unmittelbar auf dem Schlachtfeld ausgetragen, wohl aber im Bereich eines äußerst brutalen politischen, ökonomischen und informationsbezogenen Wettbewerbs. Im Endergebnis aber sind viele Völker wie zuvor zu Verarmung und Leid und sogar zur Vernichtung verdammt. Wenn hinter der Fassade der Demokratie nur der Versuch verborgen wird, die Dominanz einiger Völker, Gruppen oder Nationen über andere zu etablieren oder zu stärken, dann wird dies letztendlich zu neuen Revolutionen und Kriegen führen, die vielleicht sogar global sein können. In meiner Sicht ist es der einzige Weg, die Beziehungen zwischen den menschlichen Gemeinschaften zu verbessern, entschieden jeden Versuch, den anderen "umzugestalten", zurückzuweisen und den Rassen, Traditionen und Ethnien gleiche Bedingungen zu erschließen, nicht nur im Hinblick auf einige Minimalrechte, sondern auch im Hinblick auf die Möglichkeiten einer wirklichen Teilhabe an der Entscheidungsfindung auf allen Ebenen.

Ohne Achtung oder wenigstens Toleranz für die Gesetze und Bräuche der verschiedenen Völker werden wir neuen Konflikten nicht entkommen.

Versuche, ein Paradies auf Erden zu schaffen

Der Traum, ein Paradies auf Erden zu schaffen, ergreift die Völker periodisch in verschiedener Intensität. Die Idee, den Kommunismus zu bauen, war eine dieser Varianten. Meiner Ansicht nach zeugt dieser Traum vom Paradies auf Erden für sich selbst allerdings erst einmal von dem grenzenlosen Potenzial des Guten, das Gott ursprünglich der Menschheit eingepflanzt hat. Gleichzeitig allerdings bezeugen die Versuche, ihn zu verwirklichen, auch von einer Unkenntnis der göttlichen Offenbarung an die Menschen.

Wer diese nämlich kennt und doch dem Willen Gottes Widerstand leistet, zeigt eine extreme Form des Bösen. Dieser Traum hat verschiedene Denksysteme unterwandert, so den Marxismus und den damit verbundenen sündigen und machthungrigen Bolschewismus. Die unabänderlichen Gesetze der göttlichen Vorsehung führten zu einer Situation, in der die Versuche, den kommunistischen Traum zu realisieren, zuerst in totale Gewalt mündeten und schließlich - als Folge der natürlichen Ermüdung des ideologischen Imperiums - in die Idee von der Errichtung des Kommunismus, also des Paradieses, "in einem einzigen Land". Indem man dies tat wurde es als eine letzte Entschuldigung für die gehaltlose Idee notwendig, alle Gebote Gottes zu benutzen, die man dann umformulierte in den "Moralkodex zur Erbauung des Kommunismus". Der Herr aber hat immer jeden Versuch missbilligt, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen und Herr des Schicksals der Welt, der Menschheit oder auch des einzelnen Individuums zu werden. Er wird auch jeden neuen Versuch dieser Art missbilligen, auch wenn solche Versuche sicher unternommen werden. Aber auf welcher Basis auch immer ein solch neuer Turmbau zu Babel errichtet werden wird, ob er nun politisch, nationalistisch, technokratisch oder ökonomisch sein wird, er wird erneut durch die menschliche Sündhaftigkeit zerstört werden, die wir ohne Gott nie werden besiegen können.

Diktatoren

Zwar sollte man kein Land und keine Persönlichkeit der Regierung als potenziell gefährlich bezeichnen, wie dies heutzutage häufig geschieht. Auch möge Gott geben, dass von Russland aus niemals eine Bedrohung für den Frieden ausgeht. Jedoch ist weder in unserem Land noch irgendwo außerhalb seiner Grenzen die Möglichkeit verschwunden, dass nationale oder vielleicht sogar globale Persönlichkeiten oder Gruppen auftauchen, die nach dem Recht streben, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Solche Personen, die versuchen, die gottgegebene Freiheit anderer zu beschneiden, gibt es heute ebenso wie es sie in der Vergangenheit gegeben hat. Der hauptsächliche Unterschied, der zwischen ihnen und den Diktatoren der Vergangenheit besteht, scheint nur der zu sein, dass die Mittel, mit denen sie ihr Ziel zu erreichen suchen, sich geändert haben. Während man sich früher der Armeen und eines Unterdrückungsapparates bediente, kann man dies jetzt effektiver mit Hilfe einer neuen Wirtschaft- und Informationstechnologie, durch den Missbrauch der Wissenschaft und Ähnliches tun.

Geistiger Überdruss

Ich denke, hierunter werden die Menschen im kommenden Jahrhundert zu leiden haben. Auch jetzt gibt es schon auf Grund verschiedener sozialer Gegebenheiten einen solchen geistigen Überdruss, besonders in den wohlhabenden Ländern. Es wäre sehr naiv, wollte man meinen, dass zu Beginn eines neuen Jahrhunderts oder auch an seinem Ende die Probleme der Welt um ein Vielfaches kleiner würden. Die Geschichte kennt viele Gesellschaften, die der Meinung waren, sie hätten alles erreicht und alle Schwierigkeiten und Widersprüche überwunden. Doch in Wirklichkeit hatte gerade da ihre schwierigste Periode begonnen. Nicht von ungefähr sagt ja die Bibel: "Wenn sie sagen 'Friede und Sicherheit', dann wird plötzlich Zerstörung über sie kommen ... " (1 Thess 5,3).

Das Unbekannte

Rein rational werden die allerwichtigsten Dinge bis zum Ende unbekannt bleiben: die tiefste Bedeutung der Existenz des Individuums und das Schicksal des Einzelnen angesichts der Ewigkeit und seine Beziehung zu Gott wie auch - bis zu einem gewissen Grade - zu anderen Menschen. Wir können in unserem Verständnis dieser Aspekte des Lebens nur insoweit fortschreiten, als wir Informationen anhäufen, Lebenserfahrung und wissenschaftliche Erkenntnis, aber wir können niemals sagen, dass wir alles gelernt haben. Als Christ und als Hirte aber glaube ich und weiss ich, dass die Antworten auf diese Fragen dem Einzelnen nur von Gott selbst geoffenbart werden können.

Beziehungen zwischen Mann und Frau

Leider hat das vergangene Jahrhundert viele Aufrufe zu göttlich inspirierten moralischen Werten zurückgewiesen, auf denen ehrenhafte Beziehungen zwischen den Geschlechtern und eine starke Familie immer gegründet waren und welche die einzige Basis für eine vollwertige Erziehung der Kinder sind. Die aufdringliche Propaganda für Korruption und Ausschweifung, die erschreckende Zahl an Scheidungen, Abtreibungen und von ihren Eltern verlassener Kinder, die jüngsten Debatten um so genannte alternative Familienformen, all dies zwingt uns dazu, ernsthaft darüber nachzudenken, wie man ein lebenswertes Leben für die kommenden Generationen erhalten kann. Wenn die Menschheit sich von diesen destruktiven Tendenzen nicht befreien kann, wird die Zivilisation unausweichlich zu ihrem Ende kommen, denn jede Sünde zerstört ja nicht nur das Individuum, sondern auch die Familie und die Gesellschaft. Hier sprechen die Lehren der Kirche und die historische Erfahrung verschiedener Nationen eine klare Warnung aus.

Quellen menschlicher Freude

Die monastische Einsamkeit ist das Schicksal einiger Auserwählter, aber der Dienst dieser Menschen, die die Welt verlassen haben um des Gebetes für die Welt und um der Betrachtung der Ewigkeit in der Abgeschiedenheit willen, ist sehr wichtig für die Menschen, die "in der Welt" sind. Ich hoffe, dass es noch mehr Menschen geben wird, für die der Glaube und eine religiöse Motivation ihrer Lebensführung zu den wesentlichen Inhalten ihres Lebens werden. Im Übrigen denke ich, werden die Familie, das Streben nach beruflichem oder anderem kreativen Erfolg, werden interessante Freizeitaktivitäten ebenso im Leben der Menschen eine Rolle spielen, wie sie es bislang getan haben. Das Wichtigste aber ist, dass in allen Bereichen des Lebens die Menschen jenes ewige Moralgesetz erfüllen, auf dem ein würdiges und erfülltes Leben gründet.


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