Kirchliches Leben : Perspektiven


Eine schismatische "Internationale" im orthodoxen Raum ?

von Großerzpriester Georgios Tsetsis*

Vor einiger Zeit hat der russische Informationsdienst "Pravoslavie v Rossii (Orthodoxie in Russland)" in einer Reportage aus Kiev von Vorhaben berichtet, die dort anlässlich eines Kongresses ukrainischer Journalisten vom Pseudo-"Patriarchen von Kiev", also dem Ex-Metropoliten Filaret Denisenko, enthüllt worden sind, der - wie man weiß - von der Bischofsversammlung der Ukraine 1992 amtsenthoben, dann laisiert und schließlich 1997 exkommuniziert worden ist.

Die Vorhaben von Filaret zielen nach der genannten Pressemeldung auf die noch vor dem Ende des zweiten Jahrtausends geplante Schaffung von parallelen kirchlichen Jurisdiktionen für das gesamte Territorium der kanonischen orthodoxen Kirchen. Nach dieser Reportage versucht Filaret Denisenko, um sein Ziel zu erreichen, "um sich amtsenthobene Priester verschiedener Kirchen, sodann die griechischen Altkalendarier, die Schismatiker in Makedonien und selbstgeweihte Priester in Westeuropa und Nordamerika zu versammeln, indem er ihnen pompöse Titel verleiht".

In einem Kommentar zu diesen Machenschaften charakterisiert die Reportage sie als "hysterische Reaktionen von Filaret auf die Entscheidung der Vorsteher der kanonischen orthodoxen Kirchen, hinfort jeden Dialog und jeden Kontakt mit Schismatikern aller Art zu vermeiden". Diese auf dem ersten Gipfeltreffen der orthodoxen Vorsteher im Phanar 1992 getroffene Entscheidung drückt die einstimmige Position aller orthodoxen Kirchen aus.

Eine zweite Etappe hin zur Realisierung der Vorstellungen von Filaret wurde durch seine Initiative eingeleitet, unter seine Obedienz verschiedene schismatische Gruppierungen der Diaspora aufzunehmen, die von "Hierarchen" unbestimmbarer Herkunft geleitet werden, welche aber extravagante Bischofstitel tragen. Filaret und seine Helfershelfer machen kein Hehl aus ihrem Ehrgeiz, bald autonome "Metropolien" und "Bistümer" in Deutschland, Österreich, der Schweiz und auf der iberischen Halbinsel zu errichten. "Diözesen" dieser Art sind schon in Frankreich und Italien geschaffen worden, wie das Rundschreiben eines gewissen "Erzbischofs von Lyon und ganz Gallien" namens Michael belegt, der behauptet, zur Jurisdiktion eines gewissen Antonio, "Metropoliten von Ravenna und ganz Italien" zu gehören. Erst vor kurzem hat die Zeitung "La Croix" für den 8. Dezember des vergangenen Jahres die Nominierung eines "Monseigneur Michel Laroche zum Metropoliten von Paris, Lyon und ganz Frankreich" angekündigt, und eben dieser hat dann - wiederum in den Spalten der gleichen Zeitung - erklärt, sein "Erzbistum" "bezeugt die Ekklesiologie der Ortskirche und wird im Patriarchat von Kiev als das lokale Erzbistum von Frankreich angesehen".

Die Geschichte kennt aber kein Patriarchat von Kiev - und hat ein solches auch nie gekannt. Drei Körperschaften machen sich heute diesen Titel in der Ukraine zu eigen, und zwar drei Körperschaften, die sich untereinander nicht allzu schlecht verstehen, wobei das Verstehen manchmal bis zur liturgischen Konzelebration reichen kann: die Griechisch-Katholischen in Lviv, denen Rom aber diesen Titel verweigert, und zwei schismatische Gruppen, die mit der Orthodoxen Kirche gebrochen haben, darunter jene von Filaret Denisenko.

Die Manöver des Letzteren, die ganz wesentlich von politischen und nationalistischen Motiven bestimmt werden, wie andererseits auch die - diesmal allerdings zweifelsfrei von Motiven kirchlicher Art bestimmte - Verbrüderung der "russischen Auslandskirche" mit den altkalendarischen Dissidenten in Griechenland, Bulgarien, Rumänien und mit Orthodoxen in Georgien (die - nebenbei bemerkt - den Ehrgeiz haben, ein "synodales Organ" zu schaffen, um so die kanonische orthodoxe Hierarchie wegen "Erneuertum" und der "ökumenischen Häresie" zu verdammen!) geben dem Gedanken Nahrung, dass seit neuestem in der orthodoxen Welt zwei parallele Formen einer Art von schismatischer "Internationale", die ihre jeweiligen Zentren in Kiev bzw. New York haben, in einer gewissermaßen konzertierten Aktion agieren. Wenn auch die beiden Zentren voneinander unabhängig sind, so verfolgen doch beide nichtsdestoweniger das gleiche Ziel: ein panorthodoxes und weltweites Geflecht zu errichten. Es ist nicht von ungefähr, dass einige dieser Schismatiker ihre Verbindungen ganz unverschämt als "interorthodoxe Beziehungen" qualifizieren.

Die heimtückische Aktion dieser abgefallenen Gruppen gegen die Hierarchie der orthodoxen Ortskirchen kann momentan durchaus noch als lächerlich und folkloristisch erscheinen - so, als ob sie deswegen kaum der Beachtung würdig wäre. Auf lange Sicht ist aber keineswegs ausgeschlossen, dass solche Handlungsweisen unselige Konsequenzen für die traditionell orthodoxen Länder haben, wenn das oft uninformierte gläubige Volk einer systematischen Gehirnwäsche mit Hilfe von Zeitungen, Videokassetten, des Fernsehens und anderer Medien ausgesetzt wird, was dann letztendlich die orthodoxe Einheit untergräbt, die Gläubigen spaltet und zu gefährlichen Verirrungen führt.

Die betrüblichen Ereignisse, die sich vor einiger Zeit unter Einmischung und durch Ermutigung von Seiten schismatischer Gruppen aus dem Ausland in Georgien abgespielt haben und die den Patriarchen von Georgien Elija II. dazu geführt haben, seine Kirche aus ökumenischen Organisationen wie dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Konferenz Europäischer Kirchen herauszuführen, sind mehr als beredt.

Von daher ist es dringend geboten, dass diese verschiedenen para-kirchlichen Gruppen unverzüglich und auf der Basis von theologischen, ekklesiologischen und kanonischen Argumenten verdammt werden, wie dies die Vorsteher der orthodoxen Kirchen bei ihrem jüngsten Gipfeltreffen im Oktober 1998 in Sofia getan haben, das jenes Schisma heilte, welches in Bulgarien ausgerufen worden war und das sich seinerseits ebenfalls der Unterstützung von Filaret Denisenko erfreute.

Gleichermaßen ist es angebracht, auf panorthodoxer Ebene eine Informationskampagne bei den Gläubigen zu starten, um die Anti-Kanonizität, die Vorgeschichte, das Ethos, die Verbindungen und besonders die Beweggründe dieser Pseudo-Bischöfe aufzudecken, die unter dem Vorwand, den wahren Glauben und die wahre orthodoxe Tradition zu verteidigen, dabei sind, die orthodoxe Einheit zu unterminieren, das Bild der Orthodoxie in den Augen der anderen christlichen Konfessionen anzuschwärzen und ein Gegenzeugnis in die Gesellschaften zu bringen, wo wir gerufen sind, das Evangelium zu leben und leuchten zu lassen.

(Übersetzung aus dem Französischen)


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