Kirchliches Leben :
Orth. Kirche und ökumenische Bewegung


Orthodoxie und Ökumenismus
von Metropolit Dr. Serafim von Deutschland

Erlauben Sie mir, dass ich zu Beginn den Organisatoren dieser Tagung für das Thema danke, das sie ausgewählt haben: Orthodoxie und Ökumenismus, und für das mir entgegengebrachte Vertrauen, mich einzuladen, über dieses Thema von so großer Wichtigkeit und Aktualität zu sprechen. Ich möchte versuchen, im ersten Teil meiner Ausführungen kurz einige Charakteristiken der orthodoxen Spiritualität ins Gedächtnis zu rufen, wichtige Fundamente aller Einheit. Dann lege ich die Schwierigkeiten der Orthodoxen im aktuellen theologischen Dialog dar, und ich möchte mit einer Antwort auf die Fragen, die von den Organisatoren im Einladungsbrief gestellt worden waren, schließen.

1. Eine Spiritualität der communio und der Einheit

Ich bin nicht als Pädagoge hierher gekommen - denn Christus allein ist unser aller Pä-dagoge -, sondern vielmehr als Zeuge. Ich möchte Zeugnis geben von meinem Leben als orthodoxer Christ, von meinem Leben als Mönch und als Bischof, beauftragt von einer Gemeinschaft, von der ich das Bewusstsein habe, dass der Herr selbst sie mir anvertraut hat, ihn zu repräsentieren, d.h. ihn gegenwärtig zu machen durch die Sakramente seiner Kirche und durch das gemeinsame Gebet und auch durch das Beispiel meines eigenen Lebens, das ich total mit ihm identifizieren müsste, so sehr, dass man sagen kann mit dem hl. Paulus: "Nicht mehr ich lebe, es ist Christus, der in mir lebt" (Gal 1,20). Ich bin mir meiner Verantwortung vor dem Herrn bewusst: nicht nur für die Herde, die er mir anvertraut hat innerhalb der Grenzen meiner kanonischen Jurisdiktion, sondern gleichermaßen für die ganze Kirche.

"Jede Ortskirche ist 'vertikal gesehen' die Kirche Christi und jeder Bischof ist niemals Bischof eines Teils (der Kirche) und noch weniger einer nationalen Kirche; er ist der Bischof der Kirche Christi, wenn auch "horizontal gesehen" der Bereich seiner jurisdiktionellen, administrativen Vollmacht immer ortsbezogen ist", schreibt Paul Evdokimov (in: L'Orthodoxie, Desclée de Brouwer, S. 131).

Als Bischof fühle ich mich verantwortlich für die ganze Kirche Christi, deren sichtbare Grenzen sich ausweiten bis zum Letzten, der auf den Namen der Hl. Dreifaltigkeit getauft ist. Und weil die Kirche geheimnisvollerweise die ganze Menschheit und den ganzen Kosmos umfasst, bin ich verantwortlich für alle und für alles. Nichts ist mir gleichgültig von dem, was in der Kirche vorgeht, vor allem in meiner eigenen Jurisdiktion und auch in der ganzen Orthodoxie, in der Katholischen Kirche oder in den Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind oder auch in der Welt, die selbst wieder berufen ist, Kirche zu werden - Reich Gottes, Leib Christi und Tempel des Heiligen Geistes. Dieselbe Verantwortung liegt auch auf jedem Mönch, der die Welt verlässt, gerade um ihr besser aus ihrem mystischen Zentrum heraus zu dienen, und auf jedem Christen, der gerufen ist, Christus zu folgen in der Liebe, die so weit geht, das Leben hinzugeben für die anderen und für das Heil der Welt. Es ist dieses Geheimnis der communio, die die Existenz in seiner Gesamtheit umfasst, die sich im Zentrum der orthodoxen Spiritualität befindet, und um die sich die Orthodoxen bemühen, sie im liturgischen Gebet und besonders in der Göttlichen Liturgie zu leben, die geheimnisvollerweise die ganze durch Christus vollzogene Heilsgeschichte zusammenfasst: "... Wir bringen dir auch diesen vernünftigen Kult dar für das Universum, für die heilige katholische und apostolische Kirche, für jene, die ein reines und ehrenhaftes Leben führen, ... für die, die Ruhe gefunden haben im Glauben", so beten wir in der Göttlichen Liturgie des hl. Johannes Chrysostomos.

Die Väter der Kirche, die unsere Lehrmeister im Glauben sind, sahen die Gemeinschaft der Christen, die getauft sind und gesalbt vom Geist als eine in ihrer Gesamtheit konsekrierte Gemeinschaft. Als Gemeinschaft übt sie liturgische Funktion aus und in ihrem Gesamt hat sie eine geistliche Mutterschaft für den Glauben, durch Liebe, Gebet und gemeinsames Zeugnis des Glaubens. Chomjakov hat sehr gut diesen Gedanken der communio, der spezifisch ist für die Orthodoxie, in seinem berühmten Axiom ausgedrückt: "In der Hölle geht jeder für sich allein. Im Paradies kann man nur gehen, wenn einer mit dem anderen verbunden ist". Diesen Sinn von communio und von Einheit aller erwirbt man gerade durch das liturgische Gebet und durch das persönliche Gebet, das von Askese begleitet ist: Fasten bei der Speise, um die Sinne zu disziplinieren und um die Güter mit den Armen zu teilen. Die Mönche lehren uns vor allem das "Namensgebet" oder "Jesusgebet": "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders". Ein kurzes Gebet, das unendlich oft wiederholt wird, eint den Verstand und das Herz und realisiert so die Einheit des inneren Menschen. Jedes Gebet und alle Askese muss zur Einheit des inneren Menschen führen, die sich im Herzen zentriert als dem Zentrum aller aktiven Fähigkeiten des menschlichen Verstandes und Willens, dem Ort par excellence des geistlichen Lebens. Der Mensch mit einem einsgewordenen und befriedeten Herzen lebt wirklich die ontologische Einheit der ganzen Schöpfung. Alles lebt in ihm: die menschlichen Wesen, die Tiere, die Pflanzen - die ganze Schöpfung. Eine solche Person fühlt alle Menschen als ihre eigenen Glieder. Sie ist wirklich Kirche geworden - Leib Christi: "Ihr seid der Leib Christi, Glieder seines Leibes und Glieder einer dem anderen" (1 Kor 13,27; Eph 4,25). Die Sünde hat nicht bloß moralische Bedeutung. Sie hat auch ontologische Folgen. Sie bewirkt die Trennung in der Schöpfung: zwischen Gott und den Menschen, zwischen dem Menschen und seinen Brüdern und Schwestern in der Menschheit, zwischen dem Menschen und der Natur, sowie auch im Menschen selbst. "Diabolos" heißt wörtlich "der Spalter", der, der die Einheit zerstört, oder der, der durch Hass trennt. Alle Sünde, auch wenn sie nur gedanklich ist, wirkt gegen die Einheit der Natur, die im Herzen ihren Mittelpunkt hat. Sie sät Schwierigkeiten und Angst. Sie schwächt die menschliche Natur, verdunkelt sie und macht sie blind für die Gegenwart Gottes. Darum ist das christliche Leben ein Kampf gegen die Sünde und für die Reinigung unserer inneren Natur, damit Gott aufleuchtet in unseren Herzen. Dieser Kampf ist häufig schrecklich und er verlangt den Widerstand gegen die Sünde bis zum Blut. "Ihr habt noch nicht bis zum Blut widerstanden in eurem Kampf gegen die Sünde", sagt der Apostel Paulus (Hebr 12,4). Der asketische Kampf gegen die Sünde engagiert den Leib, die Seele und den Geist, das heißt, den ganzen Menschen durch Gebet und Fasten, sowie auch durch andere Entsagungen, um die Sinne zu zügeln und den Verstand recht auszurichten. Die orthodoxe Theologie, die nach patristischer Lehre Ausdruck der Spiritualität ist: "Theologe ist der, der wirklich betet - und wenn du wirklich betest, bist du Theologe" (Evagrius Ponticus, 4. Jh), sieht die Aufgabe der Inkarnation in der Wiederherstellung des Menschen und des Kosmos in die ursprüngliche Einheit, die das Geheimnis des trinitarischen Gottes widerspiegelt. Christus, der in der Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos "der eine von der Dreieinigkeit" genannt wird, hat in seiner, aus der Jungfrau Maria genommenen, menschlichen Natur die ganze Menschheit zusammengefasst und die ganze Schöpfung, die er gereinigt und erlöst hat durch seinen Tod und seine Auferstehung. Der ganze Mensch ist gerufen, Christus zu werden, der Gnade nach. Nach den selben Vätern der Kirche ist das Bild Gottes der lebende Mensch, der das Leben der ganzen Menschheit lebt mit seinen Leiden und seinen Freuden, denn er fasst in sich, wie Christus, die ganze menschliche Natur, alles Geschaffene zusammen. Das ist das Geheimnis der "Konsubstanzialität" - Wesenseinheit der göttlichen Personen, die sich widerspiegelt im Geheimnis der "Konsubstanzialität" der menschlichen Personen. Die göttlichen Personen haben Anteil am gleichen göttlichen Leben, das die Liebe ist, oder dieselbe Natur, ohne sie zu trennen und ohne ihre personelle Identität zu verlieren. Genauso ist es auch bei den menschlichen Personen. Eine jede lebt und bereichert sich durch das Leben aller anderen, ohne - auf Grund der communio - ihre persönliche Identität zu verlieren. Im Gegenteil, die Person verwirklicht sich nur in der communio mit den anderen. Dieses Geheimnis der Einheit ohne Vermischung oder der Einheit des Lebens in der Verschiedenheit der Personen verwirklicht sich in der Kirche durch die Gnade des Heiligen Geistes, aber nicht ohne den Beitrag des Menschen durch sein persönliches Engagement im Glauben.

Darum möchte ich sagen, dass man die Orthodoxie von ihrer Natur her als ökumenisch verstehen kann. Mehr noch: die ökumenische Bewegung, deren Endziel die sichtbare Einheit der Kirche ist, ist nur ein, wenn auch sehr wichtiger Aspekt der Einheit, zu der Gott uns ruft und die sich im Zentrum der orthodoxen Spiritualität befindet. Das ist der Grund, warum die orthodoxen Kirchen immer betont haben, dass die Teilnahme an der ökumenischen Bewegung ein Teil der Mission der Kirche ist, ein evangelischer Imperativ.

2. Schwierigkeiten der Orthodoxen im aktuellen ökumenischen Dialog

Die orthodoxe Kirche versteht sich als die historische Fortsetzung der ungeteilten Kirche des ersten Jahrtausends. Sie ist der Tradition der Apostel und der Kirchenväter treu geblieben, die das eigentliche Leben des Leibes Christi im Heiligen Geist durch die Geschichte hindurch ist. In der Orthodoxie bilden Liturgie, Spiritualität und Theologie eine absolute Einheit. Diese sind Ausdruck des Lebens in Christus und im Geist, nach dem schon zitierten Spruch: "Theologe ist der, der wirklich betet - und wenn du wirklich betest, bist du Theologe". Das Festhalten der Orthodoxen an die Tradition heißt nicht Festhalten an Bräuchen, die geändert werden können entsprechend der Epochen, sondern Festhalten an dem Leben in Christus, überliefert durch die Jahrhunderte, durch das Gebet, die Liturgie, die Ikone, die Askese. Tradition bedeutet darum für die Orthodoxen lebendige Weitergabe des Lebens in Christus, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8). Darum ist die Tradition nicht statisch und wiederholbar, denn das Leben, das immer dasselbe ist, ist immer neu und schöpferisch in jeder Person und in jeder menschlichen Gruppe.Der Fehler, vor allem im Westen, besteht darin, dass man das Leben zu sehr konzeptualisiert hat. Die Scholastik hat Begriffe und theologische Systeme geschaffen, die dem Leben selbst wenig dienlich waren. Im Gegenteil: sie haben es auf den Rationalismus reduziert und so der Spaltung der Christen Vorschub geleistet. Und wir sind bis heute "Sklaven" dieses scholastischen Geistes, der sich seit Beginn des 17. Jahrhunderts auch auf die orthodoxe Theologie ausgeweitet hat, in den damals in Russland und dann auch in Griechenland, Rumänien, aufkommenden Schulen. Glücklicherweise hat der scholastische Rationalismus das christliche Leben im Orient - wegen der starken Tradition - nicht beeinflussen können. Trotzdem stellt der Rationalismus immer eine Gefahr für seine Theologie dar. Der Weg der ungeteilten Kirche war in diesem Sinne ein ganz anderer. Er ist durch Paul Evdokimov in einem berühmten Satz zusammengefasst: "Je mehr der Westen die Dogmen vermehren musste, desto mehr hat sich der christliche Osten dagegen gewehrt, den Glauben zu definieren". Nur wenn der Glaube in Gefahr war, verfälscht zu werden durch die Häresie, nur dann haben sich die Väter der Kirche in Ökumenischen Konzilien versammelt, um die Orthodoxie des Glaubens zu retten. Sie haben nur das definiert, was strikt notwendig war. Denn sie waren sich bewusst, dass jede Definition schließlich eine Einschränkung des Mysteriums ist. Die Orthodoxie hat also einen sehr ausgeprägten Sinn für das Mysterium, sie bemüht sich, es zu schützen und der Kontemplation zu übergeben Andererseits sind die Orthodoxen sehr verbunden mit der Orthodoxie des Glaubens, das heißt, mit der Reinheit des apostolischen Glaubens, so wie ihn die Kirchenväter und die Ökumenischen Konzilien des ersten Jahrtausends definiert und tradiert haben. Denn der Glaube ist das Fundament des authentischen Lebens in Christus und im Heiligen Geist. Jede Abweichung im Glauben hat eine negative Auswirkung auf das Leben. Die "lex credendi" ist absolut gebunden an die "lex orandi". "Unsere Lehre ist konform mit der Liturgie", sagte im 2. Jahrhundert der heilige Irenäus von Lyon.Orthodoxie heißt also zugleich rechter Glaube und richtiges Loben. Wegen dieser Orthodoxie haben die Byzantiner nicht gezögert, auf die Einheit ihres Reiches zu verzichten und schließlich auch auf das Reich selber, um die Orthodoxie zu bewahren. Die Verteidigung der Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) war übrigens der härteste Kampf den die ungeteilte Kirche im ersten Jahrtausend führte. Die Kirche musste fortwährend gegen die Abweichungen im Glauben kämpfen, die das Leben als wahre Einheit des Menschen mit Gott in Christus durch den Heiligen Geist bedrohten. Stellen wir uns vor, was die Kirche geworden wäre, wenn sie die Häresien des Arius und des Macedonius, die noch heute von Aktualität sind, akzeptiert hätte, die die Gottheit Christi bzw. des Heiligen Geistes leugneten? Diese Häresien hätten aus Gott eine ewige Einsamkeit gemacht, weit entfernt in seinem Himmel, und sie hätten so auch jede wirkliche Vereinigung mit ihm unmöglich gemacht. Glücklicherweise bekennen heute die Christen fast in ihrer Gesamtheit die Heilige Dreieinigkeit und Christus als Gott und Mensch. Das ist es, was die ökumenischen Kontakte erleichtert und das gemeinsame Gebet möglich macht, auch wenn beim gegenwärtigen Stand der Trennung die eucharistische Kommunion noch nicht möglich ist. Sie wird die Einheit im Glauben offenbaren. Nach Meinung der Orthodoxen gründet die Einheit der Kirche auf der Einheit im Glauben. Ihre Teilnahme an der ökumenischen Bewegung hat als Ziel, Zeugnis zu geben von der Einheit der Kirche, so wie sie im ersten Jahrtausend gelebt wurde durch das Bekenntnis des gleichen Glaubens, und so, wie sie bis heute in den orthodoxen Ortskirchen in Erscheinung tritt.

Aber die Orthodoxen haben das Gefühl, dass ihr Zeugnis von ihren ökumenischen Partnern nicht ernst genommen wird, wenigstens im Weltrat der Kirchen. Oder sie stellen mit Traurigkeit fest, dass die Fortschritte auf theologischer Ebene, auch wenn sie in sich sehr wichtig sind, zu unbedeutend sind, um einen Einfluss auf das Bewusstsein der Kirchen und ihre Annäherung im Glauben zu haben. Der theologische Vorbehalt zwischen den Orthodoxen und den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen scheint - wegen ihrer Haltung zu den Problemen, die durch die feministische Bewegung (Ordination von Frauen; inklusive Sprache) und die Sexualmoral aufgekommen sind - noch gewachsen zu sein. Die Ordination von Frauen ist ein sehr ernstes Problem für das orthodoxe Bewusstsein. In der Orthodoxie wird das Priestertum nicht verstanden im Sinne von Macht und Rechten. Man spricht in der orthodoxen Kirche, wie in der Urkirche, niemals von Macht oder von Rechten. Man spricht mehr von Dienst und von Pflichten. Deswegen findet jeder in der Kirche seinen Platz und niemand fühlt sich ungerecht behandelt. Andererseits skandalisieren die moralischen Zugeständnisse, die "sexuelle Minderheiten" betreffen, das orthodoxe Gewissen, das in dieser permissiven Haltung ein Absinken des Glaubens selbst sieht. Ohne die Person zu verdammen, die mit einer sexuellen Abart geboren ist, hilft ihr die orthodoxe Kirche, ihre Behinderung zu korrigieren durch Askese und Gebet, mit Beistand eines geistlichen Vaters. Außerdem sind die sexuellen Abweichungen ähnlich zu sehen wie alle anderen angeborenen Behinderungen oder physische Krankheiten. Gegen sie muss etwas getan werden, aber man darf sie nicht kultivieren, wenn der Zustand verbessert oder geheilt werden soll. Sonst besteht das Risiko, ihren Gesundheitszustand zu verschlechtern und die anderen anzustecken.

Aber diese Probleme werden nicht nur durch die Orthodoxen aufgeworfen. Andere Kirchen drücken dieselbe Kritik aus. Darum ist die aktuelle Krise der ökumenischen Bewegung nicht nur ein "orthodoxes Problem", sondern ein "ökumenisches Problem".

3. Antworten auf einige aktuelle Fragen

a) Wie schätzen Sie das aktuelle Verhältnis zwischen den orthodoxen Kirchen und den anderen Kirchen ein, hier vor allem in Bezug auf die protestantischen Kirchen - auf Weltebene (ÖRK), in Deutschland ?

Erlauben Sie mir zuerst einige allgemeine Bemerkungen und einen kurzen historischen Aufriss des Problems. Die ökumenische Bewegung ist ohne Zweifel das größte Geschenk Gottes für die Christen in diesem zu Ende gehenden Jahrhundert. Die orthodoxe Kirche hat sich von Anfang an engagiert. Schon 1920 richtete das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel "an alle ehrwürdigen christlichen Kirchen des Westens und überall in der Welt" einen Appell, eine "Allianz" zu gründen, "um mit der Hilfe Gottes die vollständige und gesegnete Einheit des ganzen Leibes Christi vorzubereiten und zu bewirken". Nach den Jahrhunderten der Isolierung, ja selbst religiöser Kriege, war für die Christen die Zeit gekommen, sich zu begegnen und durch Dialog die theologischen Streitfragen zu lösen, die sie trennen. Der Enthusiasmus der Pioniere des Ökumenismus war groß. Trotzdem wurden die Schwierigkeiten nicht weniger. Selbst die Gründung des Weltrates der Kirchen (1948) hatte als Konsequenz, dass sich verschiedenen Richtungen im ökumenischen Engagement herausbildeten. Sie weiteten sich auf soziale und selbst auf politische Bereiche aus. Dies ging oft zu Lasten des Hauptzieles: die Suche nach der sichtbaren Einheit der Kirche durch theologische Vertiefung.

Nach der ersten Tauperiode in den kommunistischen Ländern zur Zeit von Chruõæev traten die orthodoxen Kirchen dieser Länder Anfang der Sechzigerjahre in den Weltkirchenrat ein. Sie nahmen voll an seiner Tätigkeit teil, obwohl sie nur einen kleinen Freiheitsspielraum hatten, den ihnen die Kommunisten zustanden. Der Beitritt war für sie ein wahrer Segen, denn das ökumenische Engagement der Orthodoxen festigt ihre Position gegenüber den kommunistischen Machthabern am Ort. Es erleichterte aber auch die Begegnung untereinander auf panorthodoxer Ebene und zugleich erfreute man sich finanzieller Unterstützungen von Seiten der ökumenischen Partnern. Nach dem Fall des Kommunismus ändert sich in den Ländern des Ostens mit orthodoxer Majorität die Situation radikal. Die Wirtschaft verfiel und die Gesellschaft verarmte bis zur Armutsgrenze. Die wiedergewonnene Freiheit wurde schlecht verstanden und gelebt. Die Wunden der vierzig- oder siebzigjährigen kommunistischer Herrschaft sind unzählig. In der allgemeinen Verwirrung fiel man von einem Extrem ins andere. Zum inhumanen Kommunismus fand man keine andere Alternative als den wilden Kapitalismus. Auf moralischer Ebene bekommen alle Übel des Westens Bürgerrecht in diesen Ländern. Wenn sie den Eintritt nach Europa wünschen (sic!) sind die Regierungen genötigt (z.B. durch die Europäische Union), die Homosexualität oder andere Abirrungen zu legalisieren,. Auf religiöser Ebene sind diese Länder Jagdrevier geworden für alle Sekten und auch für bestimmte Kirchen, die in der ökumenischen Bewegung engagiert sind. Die Macht des Geldes ist allmächtig. In einer solchen Situation von Armut und Unsicherheit, ist die Angst, die eigene Identität zu verlieren, sehr groß. Folge davon ist das Stärkerwerden der Nationalismen und das Erscheinen von anti-ökumenischen Gruppierungen, die in bestimmten Ländern sogar mit Schisma drohen. Alle diese Schwierigkeiten verbinden sich mit den Problemen theologischer und moralischer Ordnung, die vorher genannt wurden. Sie bewirken, dass der Großteil der orthodoxen Kirchen ihr ökumenisches Engagement in Frage stellt. So erklärt sich, dass die Kirchen von Georgien und von Bulgarien aus dem Weltkirchenrat ausgetreten sind, während die Kirche Russlands ihre Teilnahme auf ein Minimum reduziert hat. Dagegen bleibt die Kirche Rumäniens sehr aktiv in allen ökumenischen Bereichen. Der Besuch des Papstes in Rumänien im Mai bestätigt noch einmal mehr die ökumenische Berufung der orthodoxen rumänischen Kirche.

Die ökumenische Krise auf Ebene des Weltkirchenrates spürt man weniger im bilateralen und multilateralen theologischen Dialoge als vielmehr im Dialog zwischen den orthodoxen Kirchen und den anderen Kirchen. Das ist das beste Zeichen dafür, dass die Orthodoxen nicht gegen den Ökumenismus sind, in allem, was die christliche Einheit verstärkt, sondern gegen einen Ökumenismus schlechter Art, der zur Verwirrung führt oder zum theologischen und moralischen Absinken. Die aktuelle ökumenische Krise spürt man nicht in den Beziehungen zwischen den verschiedenen orthodoxen Jurisdiktionen in Deutschland oder den anderen westlichen Ländern und den Kirchen dieser Länder. Dort ist die ökumenische Zusammenarbeit positiv, wenn sie auch immer noch vermehrt und verbessert werden kann. Die Orthodoxen der Diaspora spielen sogar eine positive Rolle in der aktuellen ökumenischen Krise. Zum Beispiel haben sie die Empfehlungen der Deklaration von Thessaloniki (Mai 1998), dass man während der Vollversammlung in Harare nicht mit den anderen Christen beten soll, als übertrieben hingestellt. Sie haben auch ihre Mutterkirchen gebeten, das ökumenische Engagement im Weltrat der Kirchen fortzusetzen.

b) Ist die Errichtung der "Gemischten Kommission" und die Schaffung eines "Ökumenischen Forums" seitens des ÖRK ein richtungsweisender Weg für die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den orthodoxen und protestantischen Kirchen im nächsten Jahrtausend ?

Die Orthodoxen sind nicht die einzigen, die eine "Veränderung" vorschlagen, und sogar eine "radikale Veränderung" in der Struktur des Weltkirchenrates. Die "Gemischte Kommission" hat als Aufgabe, eine vertiefte Studie zu machen betreffs:

Diese Studie wird dann in seriöser Arbeit die Art und Weise entwickeln, nach der man tatsächlich die Programme entscheidet und die Tagesordnungspunkte innerhalb des Rates erarbeitet.Andererseits fragen sich viele Kirchen, wie man den Beitritt der römisch-katholischen Kirche durch Veränderungen in der Struktur des Weltkirchenrates und in der Konzeption, die er von sich selber hat, ermutigen und erleichtern könnte.

Es gibt den Vorschlag, dass der Weltkirchenrat ein "Forum der Kirchen" organisiert, das wie eine "Zweite Kammer" funktionieren sollte (davon kommt der Name bicamerales Modell) oder dass der Rat selbst ein solches Forum werde. Das würde erlauben, die Spannung abzubauen und die unzähligen Missverständnisse zu bereinigen, die auf den verschiedenen ekklesiologischen Konzeptionen der teilnehmenden Kirchen beruhen. Ich glaube auch, dass die alten und neuen Missverständnisse zwischen den Christen des Westens und Ostens Schritt für Schritt Platz machen einem Klima evangelischer Liebe werden. Das wird durch eine bewusste Anstrengung beider Seiten geschehen. Denn selbst die Einheit im Glauben gilt nichts ohne die Liebe.

c) Welche Chancen der Zusammenarbeit zeigen sich auf ?

Jede Konfession und jede Tradition hat ihre eigenen Werte und Reichtümer. Die orthodoxe Tradition ist sehr mystisch und legt den Akzent auf die Innerlichkeit; die evangelische Tradition ist mehr rational und auf den Dienst am Menschen und an der Welt ausgerichtet: "Den Himmel erwarten durch Vervollkommnung der Erde", hat einer gesagt. Die Vereinigung der beiden scheint mir mehr als notwendig. Darum sind die gegenseitige Kenntnis und der Wille zu geben und zu nehmen. notwendig.

d) Welche Grenzen der Zusammenarbeit sind gesetzt ?

Ich sehe keine Grenzen in der ökumenischen Arbeit: Die Tatsache z. B., dass wir noch nicht miteinander die Eucharistie oder die anderen Sakramente feiern können, sollte nicht als eine Begrenzung gesehen werden, sondern vielmehr als eine Herausforderung für eine bessere Arbeit.

e) Wie können wir uns gegenseitig bereichern und voneinander lernen ?

Zum fünfundzwanzigsten Jahrestag der ACK Bayern forderte ich einen "geistlichen Ökumenismus". Ich sagte: "Geistlicher Ökumenismus bedeutet, dass in allen ökumenischen Foren und Gesprächen und besonders in den theologischen Diskussionen das Gebet, begleitet von Fasten, einen zentralen Platz einnehmen soll. So werden unsere katholischen und evangelischen Mitchristen die fundamentale Dimension des Fastens, des Enthaltens von Speisen, für das christliche Leben wieder entdecken. Gebet und Fasten sind Symbole des Kreuzes, das jeder Christ tragen muss. Andernfalls entleeren wir das Evangelium. Oder, wie Vladimir Zielinsky sagt: "Nehmt das Kreuz aus dem Evangelium, dann habt ihr ein Evangelium für fromme Konsumenten". Wir müssen mehr beten und mehr fasten als reden, damit unser Reden ein existenzielles Reden werde".Ich glaube an die Macht des Gebetes im Verein mit der Askese. Schließlich ist die christliche Einheit das Werk des Heiligen Geistes, der die menschlichen Herzen ändert. Der Heilige Geist kommt und wohnt in uns, wenn wir uns von uns selbst leer machen durch Gebet und Fasten. In diesem Sinne möchte ich in meiner zukünftigen Kathedrale in Nürnberg jeden Freitagabend ein ökumenisches Gebet, begleitet von Fasten, organisieren. Ich stelle es mir so vor: eine biblische Lesung und das Gebet Jesu: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders". Viele Male wiederholt wird es für die Teilnehmer zum Geschenk: es reinigt die Herzen und es vereinigt die Menschen untereinander. Ein solches Beispiel könnte man überall nachahmen.


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