Kirchliches Leben : Perspektiven


"Bedenkt die gegenwärtige Zeit"
Die orthodoxe Kirche an der Schwelle der Jahrtausendwende

von Anastasios Kallis

"Bedenkt die gegenwärtige Zeit:
Die Stunde ist gekommen,
aufzustehen vom Schlaf,
denn jetzt ist unser Heil näher als damals,
da wir gläubig wurden."
(Röm 13,11)

Am 25. Februar 1900 hielt der große russische Religionsphilosoph Vladimir Solov'ev (gest. 31.7.1900) in St. Petersburg einen Vortrag, in dem er seine Vision vom anbrechenden 20. Jahrhundert entwickelte. Diesen Vortrag publizierte er am nächsten Tag unter dem Titel "Kurze Erzählung vom Antichrist". Darin äußerte er seine Sorgen über die Gefahren der Welt, speziell Europas, und schilderte die Einheit der gespaltenen Christenheit in einem Konzil, das der Antichrist nach Jerusalem einberufen hatte. Die Sorgen und Visionen Solov'evs haben etwas Prophetisches, ohne eine Prophetie im Sinne der genauen Erfüllung des Vorausgesagten zu sein. Doch die Zuhörer und die Presse haben ihn falsch verstanden und seine Überlegungen mit Skepsis aufgenommen. Moskauer Studenten fragten ihn in einem Brief, ob er verrückt geworden sei. Diesen Verrückten, der zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft des russischen Volkes aus den Buchläden der Sowjetunion verbannt war, entdeckt nun Russland als Paten in seiner geistigen Neugeburt.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert erhält die Erzählung Solov'evs eine besondere Aktualität, denn es ist an der Zeit, rückblickend auf das ausgehende über das kommende Jahrhundert nachzudenken, Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen zu formulieren und vor allem Ziele anzupeilen, die die Zukunft der Kirchen bzw. des Lebens der Menschen und der Schöpfung überhaupt betreffen. Die Erfahrung Solov'evs allerdings mahnt mich zur Vorsicht, obschon ein Emeritus standesgemäß eine gewisse Narrenfreiheit genießt.

Es gehört zu den spezifischen Eigenschaften des Menschen, dass er über die Geschichte reflektiert und über die Zukunft nachdenkt, auf die er sich aus der Erfahrung der Vergangenheit heraus in seinem Einsatz in der "gegenwärtigen Zeit" vorbereitet. Um aber auf die Zeitumstände zu reagieren, muss er aus dem Schlaf der Selbstzufriedenheit und Egozentrik aufwachen und sich darauf einstellen, "die Zeichen der Zeit", die er wahrnimmt, zu deuten (Mt 16,1-4; Lk 12,54-56). Dafür ist eine wache Sensibilität erforderlich, die aus dem christlichen Leben wächst wie die Fähigkeit mit der Natur vertrauter Menschen, Naturphänomene zu deuten. An diese Lebenserfahrung anknüpfend richtete Jesus seine Kritik an seine schwerfälligen Zuhörer: "Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten?" (Lk 12 ,56). Ohne auf die immer wieder neu erscheinenden Zeichen zu achten, um sie im Licht der christlichen Hoffnung zu deuten, kann die Kirche ihren Auftrag bzw. ihren prophetischen Dienst in der Welt nicht erfüllen, denn die unreflektierte Weitergabe des Überlieferten kommt einer konservierenden Haltung gleich, die ehrfürchtig einer glorreichen Vergangenheit huldigt, deren Bedeutung für die Gegenwart nur musealen Charakter hat.

Im Blick auf die Situation, Haltung und Bedeutung der orthodoxen Kirche gehen die Meinungen im Westen weit auseinander. Während z. B. der englische Byzantinist und Mediävist Steve Runciman und der Münchener lutherische Theologe Wolfhard Pannenberg meinen, dass die Stunde der Orthodoxie im Kommen sei, das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Orthodoxie werde, sehen andere - dafür ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein beredtes Beispiel - in der orthodoxen Kirche ein Hindernis in den Bemühungen ost- und südosteuropäischer Länder, den Anschluss an die moderne Zeit zu erreichen. Wenn Russland den wirtschaftlichen Anschluss an Westeuropa erreichen will, raten die Weisen aus dem Abendland, muss es sich von der orthodoxen Kirche trennen. So fragt sich auch der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier in einem Artikel im Rheinischen Merkur vom 5. Januar 1996: "Sind die Mauern zwischen Ost- und Westkirchen heute höher als zwischen Christentum und Islam?" Dabei wiederholt er die alten Vorurteile, die man infolge der Begegnung der Kirchen und des ökumenischen Dialogs eigentlich ausgeräumt zu haben glaubte: "Überhaupt wenig 'Welt': kaum eine Diakonie, keine Soziallehre, kein Natur- und Kirchenrecht". Daher kommt der Nachfolger auf dem Guardini-Lehrstuhl in München und Guardini-Preisträger des Jahres 1999 zu der Frage: "Wäre es also an der Zeit, auch vom Westen her die Trennungslinien deutlicher zu ziehen und die Orthodoxie als 'heiligen Rest' des lebendig in der Geschichte fortschreitenden Christentums zu betrachten - ehrwürdig, aber überlebt wie eine alte Ikone?" Abgesehen davon, dass in orthodoxer Sicht eine Ikone unabhängig von ihrem Alter immer Vergegenwärtigung des Heils bedeutet, tritt in diesem offenkundigen Orthodoxie-Frust eine Haltung zu Tage, die nicht gerade den Dialog fördert. Denn nach Meier sei im Fehlen westlicher Traditionen wie Menschenrechte und personalistische Demokratie die Erklärung zu sehen, "weshalb die Orthodoxie in ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder unter die Räuber‘ fiel: in die Hände von Despoten, Diktaturen, Tyranneien". Die orthodoxe Kirche muss gewiss in ihrer Begegnung mit den Kirchen des Westens und in einer kritischen, vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung mit den so genannten westlichen Errungenschaften Lernbereitschaft an den Tag legen, ohne Angst vor der Gefahr der Selbstentfremdung, doch ich muss mich sehr wundern, dass gerade jemand, der, wenn auch als Kind, die Hitler-Diktatur erlebt hat, die orthodoxe Kirche für ihre Leidensgeschichte verantwortlich macht und de facto die Parole verkündet: "Am westlichen Wesen soll die Welt genesen."

Jedenfalls handelt es sich hier um eine Einschätzung und Zuordnung der orthodoxen Wirklichkeit, die an der Jahrtausendwende an Boden gewinnt. Exemplarisch hierfür können drei westliche Repräsentanten genannt werden, deren Standpunkte die Orthodoxen ernst nehmen müssen.

In einem "Spiegel"-Interview (27/4.7.1994) "über Fehler der Europäischen Union" erklärte der sächsische Ministerpräsident Professor Kurt Biedenkopf auf die Frage "Wo soll der Außenkreis der EU denn einmal liegen?": "Am Bug, an der Ostgrenze Polens. Dort endet Westeuropa, das lateinische Europa, das sich zwar durch große innere Vielfalt auszeichnet, aber doch zu unterscheiden ist vom byzantinischen Europa." Zwar rechnet er das byzantinische Reich, dessen Kultur die Identität einer Vielzahl von Völkern in Ost- und Südosteuropa geprägt hat, nicht zum orientalischen Kulturkreis, aber es gehört für ihn auch nicht zu der kulturellen Vielfalt der Europäischen Union.

Kulturhistorisch unhaltbar, aber für die europäische Perspektive verhängnisvoll ist auch der (Un-)Geist, den die Einschätzung der Orthodoxie durch den Wirtschaftsminister Österreichs, den früheren, langjährigen Vorsitzenden der katholischen Männerbewegung und Präsidenten der internationalen Vereinigung katholischer Männer "Unum Omnes", Johannes Farnleitner, verrät. Auf einem Symposion des Katholischen Akademikerverbandes Österreichs am 12. Mai 1999 in der slowakischen Burg Smolenice, an dem katholische Akademiker aus der Tschechischen Republik, der Slowakei, der Ukraine, Ungarn, Slowenien und Österreich teilnahmen, meinte Farnleitner, die religiösen Traditionen seien sowohl bei den bestehenden Grenzen wie auch im Hinblick auf die Erweiterung der Europäischen Union maßgeblich. Nach seiner Einschätzung dürften Länder mit orthodoxer Tradition nicht zu den EU-Beitrittskandidaten gehören, denn "Europa endet dort, wo die Orthodoxie beginnt" (Kathpress Wien v. 12.5.1999). Auch nach der scharfen Kritik des Ökumenischen Rates der Kirchen Österreichs und des Griechisch-Orthodoxen Metropoliten des Landes Michail Staikos bleibt der Minister, unbeeindruckt auch vom Protest seiner politischen Gegner, bei seiner Behauptung, die er für seine persönliche Überzeugung hält: "Ich darf meine Meinung sagen und lasse mir den Mund nicht einmal von meinem Bischof verbieten... Weder Metropolit Staikos noch der Ökumenische Rat sind mein Vormund" (ebd. v. 20.5.1999).

Es hat hier wenig Sinn, auf das orthodoxe EU-Mitglied Griechenland und die konfessionelle Vielfalt der EU-Mitgliedsländer, das anglikanische Großbritannien oder das protestantische Schweden, hinzuweisen, denn Griechenland fällt kaum in den Blick und verdankt seine Europa-Zugehörigkeit mehr seiner klassischen Antike als seiner kulturellen Identität, zu der auch die byzantinische Tradition gehört, während die anderen EU-Länder der römisch-katholischen Kulturtradition angehören, die als geistiger Einigungsfaktor Europas angesehen wird.

Repräsentativ für solche Beurteilungen der Orthodoxie auf Weltebene ist die perspektivische Analyse von Samuel Huntington, dem Leiter des Instituts für strategische Studien an der Universität Harvard, der in seinem Buch "Der Kampf der Kulturen", in Aufsätzen und Vorträgen ein Szenario des Zusammenpralls verfeindeter Kulturen entwirft. Doch unabhängig von seiner umstrittenen Utopie, dass nicht divergierende Ideologien, nationale Rivalitäten und wirtschaftliche Interessen den Konfliktstoff im kommenden Jahrhundert liefern werden, sondern die Rivalitäten zwischen verfeindeten Kulturen, Konfessionen und Religionen, dürfte für einen Osteuropäer das Europabild Huntingtons schockierend wirken, denn für ihn stellt allein der lateinische, katholisch-protestantische Kulturraum das Europa dar, an dem sich die Europäische Union zu orientieren hätte, demgegenüber die griechische Orthodoxie mit dem Islam stünde. Damit bestätigt er allerdings manche bittere Erfahrung orthodoxer Völker, die in der Tat eher den Islam, das Joch der muslimischen Osmanen ertragen wollten, als die Bevormundung durch das lateinische, christliche Abendland.

Solche Szenarien bedeuten eine große Gefahr für die Gemeinschaft von Völkern, die bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit und der Konfrontation mit neuen Problemen Opfer fundamentalistischer, populistischer Identitätsagitatoren werden.

Denn der Zusammenbruch der Diktatur des Kommunismus und das Ende des Kalten Krieges zwischen Osten und Westen haben nicht die Hoffnung auf den Beginn einer neuen Epoche friedlicher Gemeinschaft der europäischen Völker erfüllt. Der Eiserne Vorhang ist zwar gefallen, doch an seine Stelle ist eine neue Grenze getreten, die nicht mehr mit Gewehren bewacht wird, sondern zunehmend in den Herzen der Menschen ihr Fundament findet. Dem Jubel über den Sieg der Freiheit - die Wiedervereinigung Deutschlands ist ein bezeichnendes Beispiel - folgt die Abgrenzung. An Stelle des gewaltsam alles zusammenhaltenden Kommunismus ist in Osteuropa der Nationalismus getreten, der die bis dahin verachtete nationale Identität der Völker nach dem Motto "Hasse deinen Nachbarn und jede andere Kulturtradition" pflegen will. Nationen, die jahrhundertelang zur Gemeinschaft gezwungen waren, nutzen die gewonnene Freiheit, um aufeinander einzuschlagen. In einer Art Epidemie ultranationalistischen Wahnsinns werden ethnische, rassische und religiöse Zugehörigkeiten fundamentalistisch hochgespielt und ideologisch missbraucht. Vor unserer Tür - im ehemaligen Jugoslawien - tobte bis vor kurzem ein mörderischer Krieg. Allein in der GUS schwelen zweihundert Krisenherde mit teilweise kriegerischen Auseinandersetzungen.

In Anbetracht dieser Entwicklung, von der die orthodoxen Kirchen besonders betroffen sind, verdient besondere Aufmerksamkeit sowohl im Hinblick auf ihre Art wie auch auf ihr Ergebnis eine Zusammenkunft der Vorsteher der orthodoxen Kirchen, die zu Beginn einer neuen Phase der Konsolidierung der Gesamtorthodoxie an der Schwelle der Jahrtausendwende "die Zukunft der Menschheit und der ganzen Schöpfung Gottes ins Auge" fassen und in Erfüllung ihrer Pflicht Rechenschaft über ihre Hoffnung ablegen (Botschaft, Nr. 2)...

Unter völlig anderen Bedingungen, wenn auch aus derselben Sorge mit Blick auf die innerorthodoxe Zusammenarbeit und die schmähliche Spaltung der Kirchen, die dem Gebot Christi widerspricht (vgl. Jo 17,21) und der Bewältigung zeitgenössischer Probleme im Wege steht, hatte schon zu Beginn unseres Jahrhunderts das Ökumenische Patriarchat 1902 mit einer Enzyklika an die orthodoxen Ortskirchen versucht, diese aus der Isolation, in die sie durch das politische Schicksal ihrer Länder geraten waren, herauszuführen und den Dialog mit den anderen Kirchen anzubahnen. Dieser wie auch die späteren Bemühungen der Zwanziger- und Dreißigerjahre blieben wegen der politischen Ereignisse ohne Erfolg, bis es dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in den Sechzigerjahren gelang, trotz der babylonischen Gefangenschaft des größten Teils der orthodoxen Kirchen unter der Diktatur des Kommunismus die Panorthodoxen Konferenzen einzuberufen, die den Auftakt der orthodoxen Kirche auf dem Weg zu ihrem Heiligen und Großen Konzil darstellen.

Die Anliegen, die sich auch im Themenkatalog des Konzils widerspiegeln, sind im Prinzip die gleichen geblieben, die Situation jedoch hat sich in den letzten Jahren völlig unerwartet grundsätzlich geändert. Ein Treffen aller Vorsteher der orthodoxen Kirchen wäre noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Isoliert durch die politische Situation konnten sich die meisten orthodoxen Kirchen nicht frei entfalten, auf die Herausforderungen der Zeit nicht angemessen reagieren und auf Weltebene nicht als eine Kirche unbefangen auftreten.

Das 20. Jahrhundert war für die orthodoxe Kirche vor allem nach dem Ersten Weltkrieg eine Epoche schwerer Prüfungen. Die bolschewistische Revolution von 1917 verwandelte die einzige orthodoxe Großmacht, Russland, auf das die orthodoxen Völker ihre Hoffnungen richteten, in einen atheistischen Staat, der auf die Vernichtung der Kirche ausgerichtet war. Der Zweite Weltkrieg, der das Vordringen der Sowjetunion nach Mittel- und Südosteuropa verursachte, dehnte die kommunistische Herrschaft auf vier Fünftel der Orthodoxie aus.

Die politische Entwicklung im Nahen Osten und in Ägypten brachte auch die anderen alten Patriarchate in Bedrängnis. Jahrhundertelang konnten sie zusammen mit dem Ökumenischen Patriarchen selbst als Untertanen des Osmanischen Reiches Synoden abhalten und Gemeinschaft pflegen, während sie nach 1918, als sie in vier verschiedene Staaten fielen, zur Isolation verurteilt wurden. Die politische Neuordnung in Südosteuropa schließlich stellte eine Reihe orthodoxer Kirchen vor neue Probleme, zumal orthodoxe Länder in Kriege verstrickt waren (Balkankriege 1912/13 und 1913). Isoliert voneinander und von den Kirchen des Westens hatten sie unter der Last der neuen inneren Probleme weder einen Sinn für innerorthodoxe Zusammenarbeit noch das Bedürfnis nach ökumenischen Kontakten, die zunächst das Ökumenische Patriarchat 1920, in einer entscheidenden Phase seiner Geschichte, mit der Enzyklika "An alle Kirchen Christi überall" ins Auge fasste.

An der Schwelle zum dritten christlichen Jahrtausend wird die orthodoxe Kirche mit neuen, schwer wiegenden und dringenden Problemen konfrontiert, denen sie nach dem Willen ihrer Vorsteher "als ein Leib begegnen will" (Botschaft, Nr. 2). Rückblickend stellt man fest, dass der wissenschaftliche und technische Fortschritt, der im 20. Jahrhundert einen großen Aufschwung erfuhr, nicht nur die Macht, sondern auch die Ohnmacht des Menschen gezeigt hat, der dabei ist, in seinem Frevel sich selbst und die Schöpfung zu zerstören. Das Scheitern der anthropozentrischen Ideologien, die den Menschen in eine Existenzkrise geführt haben, empfinden die orthodoxen Kirchen als eine Herausforderung, in aller Demut, Liebe und Zuversicht zu den anstehenden Problemen Stellung zu nehmen...

Dies gilt umso mehr, als einige orthodoxe Kirchen die enttäuschende Erfahrung machen, dass Kirchen, mit denen sie im guten Glauben im ökumenischen Dialog stehen, nicht nur weder Solidarität noch brüderlichen Beistand, nicht einmal Verständnis für ihre schwierige Lage zeigen, sondern den politischen Umsturz nutzen, um mit ihrer überlegenen Finanzkapazität zu Lasten der orthodoxen Kirche zu missionieren. Es geht gewiss nicht um die Teilung der Welt in Einflusssphären bestimmter Kirchen, die das Evangelisierungsmonopol hätten - orthodoxe Kirchen haben im 20. Jahrhundert aus pastoralen Gründen mehrere Bistümer in Westeuropa errichtet -, sondern um die systematisch-progressive "Evangelisation" unter orthodoxen Christen. Proselytismus und Uniatentum, die früher das Verhältnis der Kirchen vergiftet haben, erfahren anscheinend in einigen Gebieten eine neue Blüte. Dies hat dazu geführt, dass der "Dialog der Wahrheit", den die orthodoxe und die katholische Kirche 1980 aufgenommen haben, trotz beachtlicher Fortschritte zum Erliegen gekommen ist bzw. seine Fortführung von der Klärung der Streitfrage des Uniatentums abhängt. Dennoch lässt die Botschaft indirekt eine Hoffnung für die Ökumene erkennen, wenn die Kirchen, die hier angesprochen werden, nicht allgemein genannt werden, sondern "bestimmte Kreise im Schoße der Römisch-Katholischen Kirche" und "bestimmte Fundamentalisten und Protestanten" (Botschaft, Nr. 4). Der Bezug schließlich auf die Entwicklung des Ökumenischen Rates der Kirchen unterstreicht die "Überlegungen", die "die östlich-orthodoxen und die orientalisch-orthodoxen Delegierten und Teilnehmer" an die Siebte Vollversammlung des ÖRK in Canberra (1991) gerichtet haben...

Besonderes Verständnis und herzliche Anteilnahme bekundet die Botschaft für den berechtigten Kampf der Völker auf anderen Kontinenten für ihre Menschenwürde und Gerechtigkeit sowie die erwünschte Versöhnung und den lang ersehnten Frieden im Mutterland des christlichen Glaubens. Der darauf folgende eindringliche Aufruf zur innerorthodoxen Versöhnung und Solidarität signalisiert die grundsätzliche, von den Kirchen erwartete Reaktion auf die Gefahren, die heute die Welt bedrohen (ebd. Nr. 7f.). Die Versöhnung bzw. Einheit der Kirchen als Grundkategorie ihrer Identität ist eine unerlässliche Voraussetzung ihrer Glaubwürdigkeit als Verkünder des Heils in der Welt. Dies gilt mehr noch für die Einmütigkeit der orthodoxen Kirchen, von der auch der Erfolg ihrer Beschlüsse abhängt, die zugleich eine Bewährungsprobe für ihre ekklesiologische Identität und ökumenische Dialogbereitschaft darstellt.

Doch weit und breit stehen die Zeichen auf Sturm. Die bilateralen theologischen Dialoge der orthodoxen Kirche, auch die erfolgreich abgeschlossenen mit der altkatholischen Kirche und den orientalischen orthodoxen Kirchen, liegen auf Eis. Nicht viel besser steht es mit der Mitarbeit der orthodoxen Kirchen im ÖRK.

Der Versuch einiger orthodoxen Kirchen, die Schuld für ihre Schwierigkeiten, mit der neuen Situation zurechtzukommen, bei exogenen Faktoren und "Eindringlingen" zu suchen, ist ein leichter Weg, der aber nicht zur Lösung der anstehenden, dringenden Probleme führt. Andererseits ist eine gewisse Ratlosigkeit verständlich, denn die Mehrheit der orthodoxen Kirchen war Zuschauer des Zusammenbruchs eines atheistischen Systems und der unverhofften Freiheit genauso wie die beiden deutschen Staaten in Anbetracht ihrer unerwarteten Wiedervereinigung. Auch die relativ kleine, freie orthodoxe Welt hat spät reagiert, vor allem um zu versichern, dass sie für die Befreiung der orthodoxen Kirchen von der Diktatur des Kommunismus gebetet hat und nun Gott dafür dankt.

Während in Europa aus unterschiedlichen Gründen eine Gemeinschaft angestrebt wird, gehen die Völker des ehemaligen sozialistischen Lagers auseinander und suchen ihre Identität in Abgrenzung. Ist die orthodoxe Kirche, die in dieser Region eine Neugeburt erfährt, in der Lage "gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs" (Eph 6,12) zu kämpfen? Zwar nimmt die Zahl ihrer Gläubigen zu, werden alte Kirchen instandgesetzt und neue gebaut, doch scheint die Kirche nicht den Hoffnungen zu entsprechen, die man in sie gesetzt hat. Dabei drängt sich das Wort Jesu auf: "Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte" (Joh 4,35). Trotz einer 70 Jahre lang währenden Unterdrückung der Religion, Verfolgung der Kirche, atheistischer Propaganda und Erziehung ist die orthodoxe Empfindungs-, Denk- und Lebensweise nicht erloschen. Das aktuelle Beispiel des letzten Generalsekretärs der KPdSU und Ministerpräsidenten der UdSSR Michail Gorbatschow ist keine seltene Ausnahme. Ein bis vor einigen Jahren an der Spitze eines atheistischen Staates stehender Politiker nimmt Abschied von seiner verstorbenen Frau in einem religiösen Trauergottesdienst mit einem alten orthodoxen Brauch - "dem letzten Kuss", während der Chor singt: "Kommt Brüder, lasst uns dem Verstorbenen den letzten Kuss geben, dankbar gegen Gott...". Solche Beispiele sind ein Zeichen dafür, dass Proselytismus und Missionierung zu Lasten der orthodoxen Kirche auf die Dauer keine Chance haben. Deswegen sind Abkapselung und Fundamentalismus nicht angebracht, sondern die Pflege einer genuin orthodoxen Lebenshaltung, die dem Menschen hilft.

Die innerorthodoxe Einheit weist heute allerdings teilweise stärkere Risse auf als zu der Zeit, in der die orthodoxen Kirchen in zwei konkurrierenden politischen Lagern lebten. Die Auseinandersetzung zwischen Moskau und Konstantinopel z. B. um den kanonischen Status der mikroskopischen Kirche Estlands zeigt, dass die innere Einheit nicht gefestigt ist. Dies ist aber eine Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Zeugnis der orthodoxen Kirche, von dem die oben genannte Botschaft spricht, allerdings ohne den geringsten Ansatz einer selbstkritischen Reflexion. Die orthodoxe Kirche steht plötzlich, völlig unvorbereitet, am Beginn einer neuen Epoche. Sie wird aufgefordert, einen Schritt in eine neue Zukunft zu machen. Ich fürchte aber, dass ihr der Mut dazu fehlt.

Die triumphalistischen Parolen einer selbstzufriedenen und -genügsamen Orthodoxie führen mehr zur Lähmung als zur Mobilisierung ihrer Kräfte. Es ist gefährlich, sich an den schmeichelhaften Prophetien zu ergötzen und den Kairos (die Zeit) im eudämonischen Schlaf zu verpassen. In meiner Sicht ist die Stunde der Orthodoxie nicht gekommen. Oder doch, und wir sind nicht erwacht?

In der Zeit, die auf uns zukommt, ist es uneffektiv, sich auf die unantastbare, heilige Tradition als einen erstarrten Monolithen zu berufen, sich hinter zeitbedingten Kanones und Lebensregeln zu verschanzen, um eine Orthodoxie zu verteidigen, die mehr mit der Vergangenheit als mit der Zukunft zu tun hat. Eine Orthodoxie, die ihrer Geschichte und authentischen Identität treu bleibt, verteidigt nicht Systeme und Doktrinen, Positionen vergangener Epochen, denn sie ist eine Lebensweise, deren Grundsatz die Liebe ist, die Oikonomia, die barmherzige Haltung, die um des Heils des Menschen willen das Gesetz überwindet, freie Handlungsräume schafft, die neue Wege in eine menschenwürdige Gegenwart und hoffnungsvolle Zukunft öffnen.

Orthodoxie, wie sie der Duden definiert als "recht-, strenggläubig" ist ein Missverständnis, das allerdings immer wieder hier und dort seine Bestätigung findet. Doch die neo-orthodoxen Fundamentalisten vertreten ein System, das eine Beleidigung der orthodoxen Kirche bedeutet; denn sie ist barmherzig, freiheitlich, dialogisch, flexibel, liebenswürdig. Deswegen bleibt sie auch dem urchristlichen Gemeinschaftssinn treu: "Wenn einer sich zu einer Verfehlung hinreißen lässt ..., so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanftmut wieder auf den rechten Weg bringen. Doch gib Acht, dass du nicht selbst in Versuchung gerätst. Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,1f.).

Diese Gesinnung ist die Grundvoraussetzung für einen Dienst der Orthodoxie in der Welt und ein glaubwürdiges Zeugnis in der Familie der Kirchen, die sich den Luxus der Spaltung schon lange nicht mehr leisten können. Der organische Zusammenschluss der autokephalen orthodoxen Kirchen und die Einheit der Kirchen ist das Gebot der Stunde. Mehr denn je geht es um ihre Glaubwürdigkeit und ihre Existenz. Die Zukunft des Christentums hängt von dem ab, dem es auch seine Entwicklung zur Weltreligion verdankt: der innigen Gemeinschaft beim "Brechen des Brotes" (Apg 2,42) und der Sensibilität für die geistlich-geistige Not der Zeit.

"Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Kirchen sagt" (Off 2,7). Ich maße mir nicht an, als Sprachrohr des Geistes aufzutreten; mein Anliegen ist, die Kirchen, die in allerlei Betriebsamkeiten verstrickt sind, daran zu erinnern: "Keiner, der in den Krieg zieht, lässt sich in Alltagsgeschäfte verwickeln, damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat. Und wenn jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, wenn er nicht nach den Regeln kämpft" (2 Tim 2,4f.). Diese Regeln stehen unter dem Gebot der Liebe. Die Liebe ist das Kommunikationsprinzip zwischen den Menschen und der Menschen mit der Schöpfung. Einen Menschen, ein Geschöpf Gottes, ja selbst eine Sache, die man nicht liebt, wird man nie verstehen und niemals innere Gemeinschaft herstellen. Liebloser Aktivismus führt nicht zum angestrebten Ziel. "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke" (1 Kor 13,1). Genug des Lärms, die Welt ist müde und schwerhörig geworden. Es ist die Stunde der Einkehr, der Metanoia, damit die Welt glaubt und ihr Heil findet.


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