Kirchliches Leben : Orthodoxe Mission


An der entferntesten Grenze
Orthodoxie in Alaska

von Martin Ritsi

Im Norden der erste Missionsposten und die entfernteste Grenze: Alaska, ein Land der Extreme, ein Land von ungezähmter Schönheit, majestätischer Landschaft, von urbanen Zentren und abgelegenen Dörfern in der Wildnis.

Alaska, ein Land, in dem das Alte und das Neue zusammentreffen, wo einheimische Amerikaner bis heute in Einklang mit der Natur leben und sich zugleich zum orthodoxen Glauben bekennen.

Wie kam es, dass diese einheimischen Menschen die ersten Amerikaner waren, die die Orthodoxie annahmen? Wie erreichte sie der orthodoxe Glaube? In seinem Buch "Orthodox Alaska" gibt Michael Oleksa einen Einblick in diese faszinierende Geschichte.

Wie in vielen Gegenden der Welt verbreitete sich die Orthodoxie durch Reisende, wenn sie neue Grenzen überschritten. Die ersten Orthodoxen, die Nordamerika erreichten, kamen von Russland. Sie waren Abenteurer. Wenn ihre Geschichten bestens bekannt wären, nähmen sie leicht einen Platz neben legendären Figuren wie Daniel Boone oder Buffalo Bill ein.

Reisen über die Meerenge, die Russland von Amerika trennt, begannen bereits 1648. Von 1741 bis 1779 kamen Hunderte von Grenzbewohnern oder "promyõlenniki", wie sie genannt wurden, nach Alaska, um durch Pelze und Handel ihr Glück zu suchen. Viele waren erfolgreich. Andere starben bei diesem Versuch.

Neben dem Öffnen neuer Märkte und Ressourcen für Russland brachten manche dieser kühnen Entdeckungsreisenden ihren orthodoxen Glauben zu den Menschen, die sie trafen. Sie freundeten sich mit Einheimischen an, tauften sie und lernten sie an, um sie an ihrer Arbeit zu beteiligen.

Metropolit Gavriil von St. Petersburg erhielt 1784 ein Gesuch, einen Priester nach Alaska zu senden. Man berichtete ihm, dass Einheimische getauft wurden, eine Kapelle gebaut wurde, Kinder unterrichtet wurden und zur Ausbildung an einem Seminar in Russland in Betracht kamen, um dann zurückzukehren und den orthodoxen Glauben in ihrer eigenen Sprache auszubreiten. Der Metropolit reagierte begeistert und sandte nicht einen, sondern zehn Mönche, von denen vier Priester waren.

Den meisten dieser ersten Amerikamissionare war es bestimmt, zu sterben und an den Leiden Christi teilzuhaben, als sie das Evangelium in dieses neue und wilde Land brachten. Einige ertranken bei Schiffbruch, ein anderer, der hl. Juvenalij, wurde auf Weisung des Dorfschamanen mit Pfeilen erschossen, während er dem Dorf von seinem kleinen Boot aus predigte. Der hl. German war der Einzige dieser ersten Gruppe, der überlebte. Später würde der gut bekannte hl. Innokentij mit seiner Frau und ihrem jungen Kind kommen.

Trotz der enormen Schwierigkeiten wie dem Reisen mit Kajak und Schiff, mit Hundeschlitten und zu Fuß bei Temperaturen, die 60 Grad unter Null erreichten, verbreiteten diese frühen Missionare den orthodoxen Glauben unter den einheimischen Menschen in der besten orthodoxen Missionstradition. Sie erlernten die einheimischen Sprachen, entwickelten ein Alphabet und übersetzten die Bibel, Gottesdienste und Katechismen. Ein aus Einheimischen bestehender Klerus wurde ausgebildet und ordiniert, sodass die Orthodoxie innerhalb der einheimischen Kultur Wurzel fassen und sich von Dorf zu Dorf und Stamm zu Stamm ausbreiten konnte.

Tragischerweise - und den meisten unbekannt - wurden, als Alaska 1867 an die Vereinigten Staaten verkauft wurde, die orthodoxen Einheimischen unterdrückt und die Kirche litt unter der Assimilationspolitik der Regierung. Einheimische Kinder wurden bestraft, wenn sie ihre Muttersprache in der Schule sprachen. Bestimmte lokale orthodoxe Traditionen wie das Vierzig-Tage-Gedächtnis ("potlatch") wurden verboten. Es wurde der allgemeine Versuch unternommen, die einheimischen Amerikaner zu assimilieren, indem man ihre Sprache, Kultur, Traditionen und sogar ihr orthodox-christliches Fundament auslöschte. Durch diesen Druck schämten sich viele ihrer Identität: die Lebensweise und die kulturellen Überzeugungen, die ihr Leben ausmachten, wurden erodiert, und die Stärke der Orthodoxen Kirche wurde verringert. Glücklicherweise hat sich diese gegen die Einheimischen gerichtete und anti-orthodoxe Politik in Alaska gewendet, aber die Wunden dieser Periode der Geschichte waren tief.

Immerhin überlebte die Orthodoxie. Sie stand für die Einheimischen auf, und heute sind von den etwa 85.000 einheimischen Alaska-Amerikanern fast 25.000 orthodox. Die überwiegend einheimische Kirche in Alaska wird heute geleitet vom Bischof Innocent von Anchorage (Diözese von Sitka und Alaska), der am 16. September 1995 inthronisiert wurde. Ihm unterstehen 31 Priester, 8 Diakone und eine Nonne, von denen fast alle einheimische Amerikaner aus den Reihen der Eskimo, Aleuten oder indianischer Herkunft sind.

Wie kommt es, dass diese große und aufregende Mission hier in unserem eigenen Hinterhof liegt - und so wenige Orthodoxe in den Vereinigten Staaten sich der Herausforderungen, der täglichen Arbeit und des Lebens unserer einheimischen amerikanischen Brüder und Schwestern bewusst sind? Im September 1999 haben Vater Martin Ritsi und Andrew J. Lekos vom OCMC (Orthodox Christian Mission Center) dort auf Einladung von Bischof Innocent von Anchorage einen Besuch gemacht. Ziel war es, die Situation besser zu verstehen und herauszufinden, wie das Missionszentrum dieses früheste Missionsunternehmen in den Vereinigten Staaten unterstützen kann.

Hier in unserem eigenen Land gibt es ein tief gehendes, warmherziges und wunderbares einheimisches orthodoxes Volk, das in einem Land lebt, das aus den Seiten der frühen Pioniergeschichten Amerikas herausspringt. Diese heutigen Pioniere leben am Scheitelpunkt zweier aufeinander treffender Welten - der alten und der neuen. Sie leben in der Weise ihrer Vorfahren und dem Leben der alten Zeit gemeinsam mit Computern und dem Internet in Klassenzimmern, mit Schneemobilen, Kleinflugzeugen und Motorbooten; Menschen, die für das Fleisch, das sie essen, von der Bären- und Elchjagd oder dem Fischfang abhängen - und zugleich können Aufträge nach Anchorage gehen, sodass alles, was auf irgendeinem Markt erhältlich ist, hinausgeschickt werden kann. Die Dörfer in der majestätischen Wildnis von Alaska sind klein und isoliert. Es führen keine Straßen von einem Dorf zum anderen. In vielen Regionen verläuft der Verkehr auf dem Fluss - während der wenigen warmen Monate zu Boot und in den Zeiten, in denen die Flüsse zugefroren sind, mit dem Schneemobil oder dem Hundeschlitten. Kleinflugzeuge verbinden die Dörfer mit Kurzflügen, die nach Anchorage hinein- und hinausgehen.

Bei unserer Ankunft in Alaska trafen wir uns mit Bischof Innocent in Anchorage, und am nächsten Tag flogen wir mit einem dieser Kurzflüge hinaus. Innerhalb einer Stunde waren wir über dem gletscherüberzogenen Gebirgszug von Alaska, gerade unterhalb des nördlichen Polarkreises und im Herzen des Landes der Eskimos. In Aniak gelandet begannen wir dann unsere Reise den Fluss Kuskowkwin hinauf von orthodoxem Dorf zu orthodoxem Dorf - nicht in einem Kajak paddelnd wie die hll. Innokentij und Juvenalij es getan hätten, sondern in einem 6 Meter langen Motorboot mit einem 150-PS-Motor. Der Bootsbesitzer, Tommy, ein erfahrener Pilot und Eskimo, war unser Führer bei unserer gemeinsamen Reise mit dem Bischof und Diakon Nicodemus, der von seinem Dorf angeflogen kam, um uns bei unserer Mission zu begleiten.

Unser erster Halt war die jährliche Orthodoxe Konferenz des Oberen Kuskowkwin in Chuathbaluk. Dort hatten sich 100 Menschen von weit oben und unten entlang des Flusses für die dreitägige Konferenz, für Gebete, Diskussionen, Vorträge, Planungen und zum gemeinschaftlichen Leben versammelt. Die Kirche stand an einem herausragenden Platz in der Mitte des Dorfes, ihre Zwiebelkuppel strahlte wie die Spitze eines Kompasses vor dem tiefblauen Himmel. Die Häuser waren offen, Menschen schliefen auf Sofas und dem Fußboden, aßen in Schichten am Familientisch, alle mit dem gemeinsamen Wunsch, näher zu Christus zu kommen und an diesem Wochenende von ihm bewahrt zu werden. Wir beteten und feierten Gottesdienst, predigten und diskutierten, denn wir wurden hineingenommen in diese erweiterten alaskischen Familie und zu einem Teil von ihr gemacht. Der Bischof war hervorragend, wie er seine Herde annahm und Stunde um Stunde ihre hungrigen Seelen lehrte.

Von Chuathbaluk aus besuchten wir drei andere Dörfer 150 Kilometer flussaufwärts. In jedem wurden wir von den Gläubigen begrüßt und gingen direkt zum Gebet zur Kirche. Die meisten dieser Dörfer sehen einen Priester nur 2-3 mal im Jahr wegen Priestermangels und der Schwierigkeiten beim Reisen. Aber Katecheten und Lektoren unterhalten die Herde so gut sie können. Bei jedem der Aufenthalte beteten die Menschen mit ihrem Bischof so natürlich, wie man atmet und so freudig, wie ein Vogel singt. Im letzten Dorf unserer Exkursion verbrachten wir einige Stunden in der Schule von Stony Creek, hatten dort einen regen Austausch und unterrichteten auch. Es waren dort nur 7 Schüler der Oberstufe und etwa 30 Grundschüler, aber die meisten im Dorf waren Orthodoxe. Die gastfreundlichen Lehrer mit Leib und Seele hießen uns in ihrer Mitte willkommen, glücklich darüber, dass die Schüler an diesem Tag eine besondere Zuwendung und Ermutigung durch unseren Besuch erhielten - so wie wir Freude durch sie erhielten.

Bei jedem unserer Haltepunkte war es Teil unserer Agenda herauszufinden, welches der Plan des Bischofs mit den Menschen und dem Klerus war. Wenn wir fragten: "Wie können wir vom OCMC am besten helfen in Alaska?", war die direkte Antwort des Bischofs: "Schickt ein Missionsteam im Sommer!" Als wir diese Idee dem Klerus und den Gemeindegliedern vortrugen, machte sich eine freudige Aufregung breit. Sie würden nun endlich Besuch von Missionaren erhalten, und diese Missionare würden orthodox sein! Die Missionare würden nicht kommen, um ihnen ihren "besseren" Weg zu lehren, im Gegenteil, sie würden mit Verständnis und Anerkennung kommen, um sich mit ihnen auszutauschen über die tiefsten Lebensfragen und darüber, wie Orthodoxie in den 48 Staaten der USA im Süden aussieht, ebenso wie sie sich lebendig in der Kultur der einheimischen amerikanischen Kultur Alaskas ausdrückt.

Durch diese Reise sind nun Pläne für das Alaska-Missions-Team 2000 entstanden. Die Idee ist, dass 10 Personen aus allen Jurisdiktionen der Vereinigten Staaten im nächsten Juli für einen Monat durch diese Dörfer reisen und dabei tagsüber die Kinder unterrichten und erbauen und abends Diskussionen und Seminare für die Erwachsenen durchführen. Sie werden gemeinsam mit den Familien ihrer Gastgeber wohnen, die gleiche Nahrung essen und den gleichen Lebensstil führen, so wie wir alle einen Glauben und einen Herren teilen.

Alaska, Amerikas entfernteste Grenze und erste Mission, befindet sich hier in unserem eigenen Hinterhof. Einige haben gefragt: "Warum haben wir nicht mehr getan, um diese lebendige Mission zu unterstützen?" Durch Gottes Gnade ist diese Zeit nun gekommen und die Türen werden aufgerissen zwischen dem Norden und dem Süden, sodass wir in Gemeinschaft und Einheit zusammen mit unseren einheimischen amerikanischen Brüdern und Schwestern erhoben werden mögen, höher und höher in das himmlische Königreich.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Kerstin Keller


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