Kirchliches Leben : Wurzeln des Glaubens


Kirchenväter und Konzilien
Predigt bei der Göttlichen Liturgie am 30. Januar 2000 / Übertragung aus der Kirche des hl. Andreas / Düsseldorf im Zweiten Deutschen Fernsehen

von Anastasios Kallis

"Gedenkt eurer Lehrer, die das Wort Gottes verkündet haben !" (Hebr 13,7)

Diese Mahnung des Hebräerbriefes, liebe Schwestern und Brüder, dem die Epistellesung entnommen ist, hat eine historisch-liturgische Zuordnung, zugleich aber auch eine brisante Aktualität. Mit Bezug auf das Fest der drei Hierarchen, das die orthodoxe Kirche heute feiert, unterstreicht sie die Bedeutung der Autorität großer Zeugen des Glaubens für ihr Leben. Sie gedenkt dreier "ökumenischer Lehrer" im Bischofsamt des 4. Jahrhunderts, die im Osten und Westen, im Norden und Süden über alle konfessionellen Identitäten und Unterschiede hinweg als bedeutende Zeugen des christlichen Glaubens hochgeschätzt und von vielen auch als Heilige verehrt werden. Basilius der Große, sein Studienfreund Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomus haben in einer entscheidenden Phase der Kirchengeschichte den Dialog mit der Welt sowohl intellektuell wie auch sozial aufgenommen und dazu beigetragen, daß das Christentum als eine weltoffene, humane Glaubensgemeinschaft die Welt verändert hat. In Anbetracht dieser Leistung feiern schließlich die griechischen Bildungseinrichtungen diese drei Kirchenmänner als Patrone der Bildung und Kultur.

In seinem Wandern durch die Zeit schaut der Mensch nach vorne, auf das angepeilte Ziel, doch bei der Erkundung neuer Wege stützt er sich auf die Erfahrung früherer Wanderer, das Erbe der Vergangenheit, die in neuen Formen Gegenwart wird. Bei den immer wieder neu auftretenden Problemen hat sich die Kirche, in Treue zu ihrer Identität, als die Kontinuität der Urgemeinde verstanden, wie sie vor allem in markanten Zeugen des christlichen Glaubens gesichert ist. Deswegen wurden auch die Beschlüsse der Ökumenischen Konzilien mit der Treueerklärung zum Glauben der Väter eingeleitet. So bekundet das Konzil von Chalkedon (451): "Indem wir den heiligen Vätern folgen, bekennen wir ..."

Diese Verpflichtung auf das Erbe der Väter, die leider oft als bequemes Verharren im Gewohnten praktiziert wird, hat weder mit einem Ahnenkult noch mit einer introvertierten Vergangenheitsnostalgie zu tun, die das Überlieferte und die Autoritäten der Vergangenheit verabsolutiert, sondern mit einem gesunden historischen Bewußtsein, das die Gegenwart in Beziehung zur Vergangenheit und Zukunft setzt.

Diese Haltung ist allerdings heute schwer vermittelbar, denn wir leben schon längst jenseits des Traditionsabbruchs. Die Tradition und ihre Autoritäten, die keine institutionelle Macht besitzen, interessieren den modernen Menschen nicht mehr; es sei denn, man entdeckt schwarze Seiten in ihrem Leben und Handeln, Skandale, Unregelmäßigkeiten, aufsehenerregende Ereignisse, die das Sensationsinteresse der Menschen wecken. Losgelöst von der Tradition, ohne Orientierung an Zeugen des Glaubens und jeglicher Autorität bastelt sich jeder seine Privatreligion, die er oft als die richtige Glaubensform und institutionelle Gestaltung der eigenen Kirche verteidigt.

Dieser Individualismus hat seine Ursachen nicht nur in der Schwäche des Menschen, der dazu neigt, alle Zwänge und lästigen Normen abzuschütteln, sondern auch in den Institutionen bzw. deren Leitern und Amtsträgern, die ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Korrespondierend zu der Epistellesung begann die Evangelienlesung mit dem aufschlussreichen Hinweis: "Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben" (Mt 5,14). Es kann nicht gut gehen, wenn Männer oder Frauen, die wichtige Ämter in der Kirche ausüben, bei ihrer Sorge um die Einhaltung von Normen und Prinzipien des Glaubens und der Kirchenordnung den Menschen mit seinen existentiellen Problemen im Stich lassen, eine inhumane Haltung einnehmen. Der Bürger wird in Versuchung geführt, wenn Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens grob gegen die Gemeinschaft tragende und von ihnen selbst beschlossene und zu verteidigende Normen verstoßen. Sie stehen, ob sie wollen oder nicht, auf einem Berg. Sie können sich nicht verstecken. Sie können den Menschen, für die sie Verantwortung tragen, auf deren Weg leuchten oder dichte Wolken über ihre Köpfe ausbreiten, die ihn verfinstern.

Diese Vorkommnisse rufen die Kritiker auf den Plan, die zu Recht auf die Wiederherstellung der beschädigten Ordnung drängen. Ohne diesen reinigenden Einsatz kann keine menschenwürdige Gemeinschaft funktionieren. So erklärt sich auch das hohe Ansehen der Mönche, die - zumal in der orthodoxen Kirche - ohne institutionelle Macht oft ein höheres Ansehen bzw. eine größere Autorität genießen als Bischöfe, Patriarchen oder Synoden. Diese prophetische Instanz aber, die keine rechtliche Basis hat, relativiert logischerweise schon mit ihrem kritischen Einsatz die Macht des Gesetzes, das in Sonderfällen um dessen Willen, um seinem Sinngehalt und seiner Sinnbestimmung zu entsprechen, nicht eingehalten wird.

Diese Handlungsweise, die man in der orthodoxen Kirche Oikonomia (= Haushaltung, Verwaltung des Hauses) nennt, ist ein Prinzip der barmherzigen Menschenliebe, das sein Vorbild in der Haushaltung Gottes mit seiner Schöpfung hat. Ziel und Gegenstand der Sorge, letztes Kriterium der Handlung und Entscheidung ist nicht die Ordnung, sondern der Mensch, um dessentwillen Gesetze beschlossen werden. Solange die Kirche diesem Prinzip der Freiheit und Humanität treu blieb, hat sie den inneren Frieden bewahrt, den Menschen geholfen und ihre Einheit erhalten. Die Fundamentalisten, die auf einer strengen Einhaltung der Normen des Glaubens und der Konzilisbeschlüsse bestehen, haben weder die Anliegen der Konzilsväter noch den Sinn der Normen verstanden.

Auf die Ebene der Gesellschaft übertragen, bedeutet die Anwendung dieses Prinzips der Achtung der Würde der Person keine Missachtung der Gesetzesordnung, sondern einen zwischenmenschlichen Umgang, der Menschenwürde und Menschlichkeit höher schätzt als eine um ihrer selbst willen verteidigte Ordnung, deren Verfechter bisweilen den Eindruck erwecken, dass ihnen ein durch Gesetzesstrenge hervorgerufener Trümmerhaufen menschlicher Existenz und zwischenmenschlicher Gemeinschaft gleichgültig ist.

Das ist gewiss kein Freibrief für Gesetzesbrüche und Anarchie, sondern eine Schärfung der Verantwortung, die sogar über die formale Einhaltung der Gesetze und Vorschriften hinausgeht, die oft als willkommenes Argument zur Begründung der Untätigkeit und Entschuldigung der Mutlosigkeit und Bequemlichkeit dient.

Die dogmatischen Definitionen der Konzilien nennt die orthodoxe Kirche "horoi" (= Grenzen, Abgrenzungen). Sie stecken den Weg ab und warnen wie die Pfähle in den verschneiten Bergstraßen vor der Gefahr des Irrwegs. Und wenn einer sich doch verirrt, in den Abgrund zu stürzen droht, gibt man ihm nicht als Strafe einen Fußtritt, der zum Absturz führt, sondern die rettende Hand, damit er sich wieder der Wandergruppe anschließen kann. "Wenn ein Mensch", ermahnt Paulus die Galater, "sich zu einer Verfehlung hinreißen läßt, so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanftmut wieder auf den rechten Weg bringen. Doch gib acht, daß du nicht selbst in Versuchung gerätst. Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,1f.). Amen!


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