Kirchliches Leben: Martyria: Perspektiven

Ökumenischer Rückschlag oder Impuls?
- Eine Stellungnahme zum Abschlußbericht der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK

von Anastasios Kallis

1. Lästiger Störenfried - die Orthodoxen
Schon die Einberufung einer "Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK" legt die Vermutung nahe, dass die Orthodoxen der Störenfried in der Genfer Ökumene sind. Diesen Eindruck bekräftigt auch die massive Kritik an der Struktur, Arbeitsweise und Thematik des ÖRK, die zuletzt im Vorfeld der VIII. Vollversammlung des ÖRK in Harare/Simbabwe im Dezember 1998 auf den interorthodoxen Tagungen in Thessaloniki und - unter Teilnahme der orientalisch-orthodoxen Delegierten - in Damaskus dezidiert formuliert wurde. Nachdem die in Harare beschlossene paritätisch zusammengesetzte 60-köpfige Sonderkommission aus Vertreterinnen und Vertretern der östlich- und orientalisch-orthodoxen Kirchen sowie anderer Mitgliedskirchen des ÖRK das Ergebnis ihrer dreijährigen Arbeit in konkreten Empfehlungen vorgelegt hat, die der ÖRK-Zentralausschuss am 2. September 2002 angenommen und gebilligt hat, werden nun die Karten in Genf neu gemischt.
Dieser einmalige Vorgang in der Geschichte des ÖRK, der, wie der Generalsekretär des ÖRK, Konrad Raiser, bemerkte, "die orthodoxen Mitgliedskirchen in seiner fünfzigjährigen Geschichte noch nie so ernst genommen hat wie mit diesem Beschluss" (Abschlussbericht § 3), fand bei evangelischen Ökumenikern ein dissonantes Echo. Während die einen, wie der frühere Auslandsbischof der EKD und Moderator des Zentralausschusses des ÖRK, Heinz Joachim Held, von einer "heilsamen Provokation" der orthodoxen Kirchen spricht, die in einem "bemerkenswerten Dokument" zu einer "historischen Chance" gestaltet ist (epd-Dokumentation 50/2002, 31f.), sehen andere, wie der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, den ÖRK einen "zahnlosen Tiger" werden, der sich einem Diktat der orthodoxen Kirchen gebeugt hat, die in seinen Augen einen "theologisch versteinerten Eindruck" machen (epd, 10.01.03).
Diese überhebliche Einstellung, gepaart mit einer misstrauischen ekklesiologischen Unsicherheit, ist der Grund dafür, dass in früheren Zeiten, in denen die orthodoxen Kirchen in ihrer Mehrheit unter der Diktatur antireligiöser Regime lebten, die Anliegen der Orthodoxen nicht ernst genommen wurden. So versuchten das Ökumenische Patriarchat und die Kirchen von Zypern und Griechenland, die auch Gründungsmitglieder des ÖRK sind, als ekklesiologisch-taktisch wichtige, aber in der Arbeit und Strategie des ÖRK störende Minderheit in Sondererklärungen sich Gehör zu verschaffen. Zwar verstärkte sich die Präsenz der Orthodoxen nach der Entschärfung des Kalten Krieges, als 1961 auf der III. Vollversammlung des ÖRK in Neu-Delhi orthodoxe Kirchen aus sozialistisch regierten Ländern - die Patriarchate von Moskau, Rumänien, Bulgarien und die Kirche von Polen - sowie die Patriarchate von Alexandreia und Jerusalem dem ÖRK beitraten und ihnen 1962 die Kirche von Georgien, 1965 das Patriarchat von Serbien, 1966 die Kirche der Tschechoslowakei und 1973 die Kirche von Japan folgten, doch dies konnte das Gewicht der Orthodoxie nicht zur Geltung bringen, da ihr Großteil in seiner Sklaverei dankbar für die Chance der Gewinnung von Bundesgenossen in der freien Welt war, die ihrerseits ihre Stärke gerne einsetzten.

2. Die Zeichen der Zeit
Die politische Wende von 1989/90 in Osteuropa stellte die orthodoxe Kirche vor eine neue Herausforderung, die sowohl innerorthodoxe wie auch ökumenische Implikationen hat. Im Zuge der gewonnenen Freiheit haben viele orthodoxe Kirchen eine lange nicht gekannte Möglichkeit freier Entfaltung und Gestaltung ihres Lebens und Wirkens in der Welt erhalten, andererseits einen inneren Selbstfindungs- und Konsolidierungsprozess angetreten, der bisweilen die Form einer pastoralen Zerreißprobe annimmt. In diesem Kontext lässt sich z. B. die Paradoxie verstehen, dass die Georgische Orthodoxe Kirche, die sich zum ökumenischen Dialog bekennt, den ÖRK und die KEK verlassen musste. Es lag also in der Logik dieser komplexen Entwicklung, dass die orthodoxen Kirchen nicht wie bisher in einem in ihren Augen und vor allem Empfinden protestantisch dominierten Rat mitarbeiten würden.
Die negativen Reaktionen auf den Abschlußbericht der Sonderkommission - meines Wissens am heftigsten in Deutschland - zeigen, dass die Zeichen der neuen Zeit nicht allenthalben wahrgenommen worden sind bzw. dass man die orthodoxen Kirchen als Dialogpartner nach wie vor nicht ernst nehmen will, vielleicht in der irrigen Vorstellung, sie nach evangelischem Muster dialogweich zu klopfen. Sonst lassen sich manche Reaktionen und Stellungnahmen nicht erklären, jedenfalls nicht aufgrund des Studiums des Textes, den die Sonderkommission erarbeitet hat. Welche Ökumene meint z. B. Fritz Erich Anhelm, wenn er fragt: "Sind die orthodoxen Kirchen, die diesen Kompromiss betrieben, in der Genfer Ökumene wirklich angekommen? Haben sie sich ihr gar geöffnet? " (epd-Dokumentation 50/2002, 5).

3. Ekklesiologische Inventur
In einer realistischen Analyse der Zusammensetzung des ÖRK hebt die Sonderkommission auf einen gravierenden Unterschied in der Ekklesiologie zwischen der orthodoxen Kirche und den Kirchen der Reformation ab, der auch im Hinblick auf das Verständnis der sichtbaren Einheit der Kirchen, das Ziel des ökumenischen Zusammenwirkens, relevant ist. Die Kritik an dieser Differenzierung übersieht, dass die Sonderkommission nicht ein zweigliedriges ekklesiologisches Prinzip aufstellt, sondern darauf hinweist, "dass es zwei grundlegende Ausdrucksformen ekklesiologischen Selbstverständnisses gibt, nämlich das jener Kirchen (wie der orthodoxen), die sich mit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche identifizieren, und das der anderen Kirchen, die sich als Teil der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche verstehen" (§ 15). Der dogmatische Anspruch der orthodoxen Ekklesiologie, der in den Augen evangelischer Theologen als eine diskriminierende Anmaßung erscheint, war doch zu keiner Zeit weder bei Orthodoxen noch Protestanten ein Hindernisgrund für die Mitgliedschaft der orthodoxen Kirchen im ÖRK. Um jedes Missverständnis auszuräumen, hat der Zentralausschuss des ÖRK in Toronto 1950 in einer grundlegenden ekklesiologischen Erklärung bestätigt, dass der ÖRK-Beitritt weder eine Veränderung der eigenen Ekklesiologie noch eine automatische Anerkennung der anderen Mitgliedskirchen als gleichwertige Verwirklichung der einen Kirche Christi impliziert.
Die Bedenken gegen eine ekklesiologische Klarstellung über ein halbes Jahrhundert nach der Toronto-Erklärung, die eine Grundvoraussetzung für die Mitgliedschaft der orthodoxen Kirchen im ÖRK darstellt, können nicht anders verstanden werden, als dass man gemeinsame Grundpositionen, die Anliegen der orthodoxen Kirche Rechnung tragen, nicht ernst nimmt.
Dieser wiederholt reklamierte Eindruck der Orthodoxen ist offensichtlich nicht aus der Luft gegriffen, wie es z. B. auch das vom "Plädoyer für eine ökumenische Zukunft" initiierte "Memorandum zur ökumenischen Lage - ein Ratschlag aus Deutschland" demonstriert, in dem namhafte evangelische Ökumenikerinnen und Ökumeniker unter Missachtung der erweiterten Basisformel von Neu-Delhi (1961) in offensichtlicher Anlehnung an die Confessio Augustana (Art. 7-8) in ihren ekklesiologischen Einwänden von einer christomonistisch orientierten Ekklesiologie ausgehen (epd-Dokumentation 50/2002, 20f.). Ihnen ist bewusst die ursprüngliche Basis, in der die evangelischen Grundkategorien von "solus Christus" und "sola scriptura" dominieren: "Der ÖRK ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind." Die ekklesiologische Dimension der vor allem auf massiven Druck der Orthodoxen erfolgten doxologisch-trinitarischen Hinzufügung "zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" wird kaum zur Kenntnis genommen. Zwar hat die Veränderung der christologischen Basis weder "die Büchse der Pandora" geöffnet, wie der amerikanische Bischof Sherill im Verlauf der Sitzung des Zentralausschusses in New Haven (1957) befürchtete (Minutes and Reports 1957, 67), noch wurde schon die Debatte darüber zu einem "absolute(n) Desaster", wie der Erzbischof von Canterbury, Fisher, warnte (ebd. 68), doch das doxologisch zur Geltung gebrachte Anliegen der orthodoxen Kirchen, für die, reflektierend auf ihre konfessionelle Bezeichnung, der Begriff doxa (Meinung, Glaube, Ehre, Lobpreisung) einen tiefen theologischen Sinn besitzt, hat offensichtlich nicht allerorts die angestrebte ekklesiologische Umorientierung bewirkt.
Es ist an der Zeit, sich nach der Verwandtschaft zu fragen, d. h. unsere ekklesiologische Identität in Beziehung zum Dialogpartner zu bestimmen. Dazu fordert die in § 16 des Abschlussberichtes gestellte Doppelfrage die Kirchen auf: "An die Orthodoxen: Gibt es in der orthodoxen Ekklesiologie Raum für andere Kirchen? Wie könnten dieser Raum und seine Grenzen beschrieben werden? " An die Kirchen der Reformation: "Wie versteht, bewahrt und bringt Ihre Kirche ihre Zugehörigkeit zu der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zum Ausdruck?"
Abgesehen von privaten, oft einfältigen Qualifikationen der vielfältigen Heterodoxie durch orthodoxe Theologen und Bischöfe, gibt es darüber keine verbindliche Antwort der orthodoxen Kirche, die zwar in ihrem ekklesiologischen Integritätsbewusstsein Rom nicht nachsteht, doch im Unterschied zu ihm ein Bild von der ekklesialen Qualität der nichtorthodoxen Kirchen und Konfessionen aus dem ökumenischen Prozess gewinnen will. Diese Einstellung ist im Vorlagetext der III. Vorkonziliaren Panorthodoxen Konferenz vom November 1986 für das Panorthodoxe Konzil über die "Beziehungen der orthodoxen Kirche zu der übrigen christlichen Welt" klar formuliert: "Die orthodoxe Kirche als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ist sich ihrer Verantwortung für die Einheit der christlichen Welt voll bewusst. Sie erkennt die faktische Existenz aller christlichen Kirchen und Konfessionen an und glaubt zugleich, dass ihre Beziehungen zu diesen auf der Grundlage einer möglichst baldigen und objektiven von diesen Kirchen vorzunehmenden Klärung der gesamten ekklesiologischen Frage beruhen müssen und insbesondere auf ihrer umfassenden Lehre über die Sakramente, die Gnade, das Priestertum und die apostolische Sukzession. Die bilateralen theologischen Dialoge, die heute von der orthodoxen Kirche geführt werden, sind Ausdruck dieses Bewusstseins" (Episkepsis 369/1986, 9). Daher "tut es" Bischöfin Margot Käßmann umsonst "weh, wenn nach 75 Jahren Arbeit der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung ... weiterhin gesagt wird, die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen seien keine Kirchen, ihre Taufe sei nicht anzuerkennen, sie blieben letzten Endes Häretiker ... " (Interview, in: VELK Informationen 103/2002, 13). Sie muss auch nicht "von den Kirchen der Orthodoxie ... erwarten, dass sie sagen, warum sie mit Gemeinschaften zusammenarbeiten wollen, die sie nicht als Kirchen anerkennen" (ebd. 14; vgl. auch epd-Dokumentation 50/2002, 47).
Genauso überflüssig ist auch ihre Frage: "Dürfen Frauen segnen? " (ebd. 26). Speziell zur Frage "Leitung durch Frauen" erklärt die Sonderkommission: "Bei interkonfessionellen gemeinsamen Andachten ist es durch die Verteilung der Leitungsaufgaben und die gleichberechtigte Beteiligung jedem Teilnehmenden - egal, ob Mann oder Frau, Geistlicher oder Laie - möglich, jede Aufgabe zu übernehmen" (Anhang A, § 30). Einen Grund zu protestieren hätten eigentlich die Orthodoxen, die die Frauenordination ablehnen, denn es wird von ihnen erwartet, die Frauenordination in anderen Kirchen zu respektieren, wenn empfohlen wird, zu "vermeiden, in der Frage der Frauenordination auf Konfrontationskurs zu gehen, indem sie voraussetzen, dass die gegenwärtige Praxis einer bestimmten Kirche die einzig mögliche christliche Position in dieser Frage darstellt" (ebd.). Diese Empfehlung ist an beide Seiten gerichtet. Bischöfin Käßmann hält sich nicht an den Text des Abschlußberichtes, sondern an ihre Genfer Erfahrungen, wenn sie berichtet: "Im Ökumenischen Rat wurde auch gesagt, dass Frauenordination Blasphemie sei" (epd-Dokumentation 50/2002, 46). In der Hinsicht müsste sie eigentlich Kummer gewöhnt und erhaben sein, denn gerade in Deutschland hat sie ähnliche und drastischere Äußerungen gehört, die sich auf die bekannte kanonische Bestimmung der römisch-katholischen Kirche stützen: "Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann" (can. 1024 des CIC/1983). Dieser "Protestantismus" lässt sich weder durch den Abschlußbericht der Sonderkommission, der Gegenstand des Interviews und ihres Redebeitrags auf der 7. Tagung der 9. Synode der EKD am 05.11.2002 war, noch durch verbindliche Erklärungen der orthodoxen Kirche begründen.

4. Ekklesial-ethische Programmatik
In diesem ekklesiologischen Nachholbedarf liegt m. E. auch der Grund der Problematik des Dissenses bei der Beurteilung von sozialen und ethischen Fragen, deren autonome Dominanz eine Gewichtsverlagerung der Arbeit des ÖRK zu Lasten seiner ursprünglichen Zielsetzung bedeutet. Themenwahl und Vorgehensweise erscheinen nicht nur vielen Orthodoxen, sondern auch anderen konservativen Gruppen als Anliegen einer bestimmten theologischen Richtung, die als "links-protestantisch" bezeichnet wird. Die unterschiedliche Gewichtung und Beurteilung der Balance zwischen der vertikalen und der horizontalen Dimension christlichen Engagements für soziale und ethische Anliegen gehen allerdings nicht nur auf unterschiedliche Kirchenverständnisse zurück, sondern auch auf pauschale Vorstellungen über die ekklesiale Identität des ökumenischen Partners: Die Protestanten interessierten sich ausschließlich für die Dinge der Welt, während die Orthodoxen sie in ihrem Aufstieg zu Gott sich selbst überließen. Diese Vorurteile versperren bei den einen den Blick für die Erkenntnis der dem christlichen Glauben entspringenden Motivation des Einsatzes für die Dinge der Welt, während die anderen die "prophetische Rolle" der Kirche nicht als normativ, sondern, orientiert vielleicht an den alttestamentlichen Propheten, nur als eine Ausnahmeerscheinung in ihrem Leben verstehen können. Die Kirchen reden und handeln prophetisch, "wenn sie Situationen in der Welt wahrheitsgemäß beschreiben und, ausgehend vom Evangelium, ehrliche Antworten darauf geben" (§ 29).
Das Missbehagen der Orthodoxen richtet sich nicht gegen das grundsätzliche Aufgreifen wichtiger aktueller sozialer und ethischer Fragen, sondern gegen eine auffällige Parallelität zwischen verschiedenen theologischen Strömungen mit anderen ideologischen Systemen und Bewegungen, so dass die Gefahr besteht, die Heilsgeschichte in ausschließlich historischer Dimension zu sehen. Diese Verengung des theologischen Horizontes in der Historisierung des Ewigen bedeutet die Erschöpfung des Gottesreiches in purer Geschichte. Damit verfehlen aber die Kirchen ihre genuine, prophetische Funktion, indem sie nicht die Gegenwart des Eschaton, des Kommens des Reiches Gottes in der Welt verkünden, Rechenschaft über die Hoffnung geben, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), sondern Programme entwerfen, die eine moralisch-historische Besserung der Welt zum Ziel haben. Die Logik dieser Aktivität entspringt nicht nur einer bestimmten ekklesialen Identität, sondern impliziert auch ökumenische ekklesiologische Konsequenzen, denn sie verlangt doch neue, d. h. ihrer Zielsetzung entsprechende Formen der perspektivischen Kirchenstruktur, die auf dem Fundament einer historisch-ethischen Programmatik aufgebaut ist. Im Kontext dieser Problematik erscheint mir - im Gegensatz zur Meinung der Vereinigung "Plädoyer für eine ökumenische Zukunft" (epd-Dokumentation 50/2002, 21) - die Unterscheidung zwischen einer "echten 'Kirchenfrage'" und der "Lobbyarbeit einer Interessengruppe" (§ 33) berechtigt.
Im Dickicht der Ideologien und Systeme können die Kirchen nicht als "auserwähltes Geschlecht" (1 Petr 2,9) und "Licht der Welt" (Mt 5,14) ihren Auftrag erfüllen, solange sie als eine Variante weltlicher Organisationen erscheinen. Die Kirche bleibt sich selbst treu und wird gehört, wenn sie zu den hilfesuchenden Menschen mit den Worten des Apostels Petrus sprechen kann: "Silber und Gold besitze ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich dir" (Apg 3,6). Denn die Wahrhaftigkeit des Zeugnisses ist nicht durch die innere Logik eines Systems garantiert, sondern durch ihren Bezug auf die kontinuierlich gegenwärtige martyria Christi im "Volk Gottes", das er "aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat" (1 Petr 2,9f.). Indem die Kirchen die Vergegenwärtigung dieser martyria darstellen, können sie auch vor der Welt auftreten und sagen: "Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben" (Jo 3,11).
Im Kontext dieses ekklesiologischen Anliegens der orthodoxen Kirchen, das kein konfessionelles Spezifikum sein dürfte, scheint mir die Kritik an den Ausführungen der Sonderkommission über die Rolle des ÖRK bei sozialen und ethischen Herausforderungen auf einem Missverständnis zu beruhen. Selbstkritisch möchte ich, über den Abschlussbericht hinausgehend, der zu Recht mit offensichtlichem Bezug auf eine falschverstandene Treue zu der "Vätertheologie" bei der Begegnung ständig neu auftauchender Probleme hinweist, "für die es in den Traditionen, Lehren und ethischen Positionen der Kirchen keine direkt anwendbaren Modelle für eine ethische Beurteilung gibt" (§ 31), zweierlei bemerken:
a) die orthodoxe Kirche sollte sich der Behandlung heikler Probleme wie z. B. die Rechte der sogenannten sexuellen Minderheiten nicht verschließen und sie tabuisieren, indem sie sie als nicht existent in den eigenen Reihen bezeichnet;
b) die Solidarität und Barmherzigkeit gebieten es, sich auch mit Fragen vermeintlicher Minderheiten zu befassen, selbst wenn sie in der eigenen Familie nicht bestünden, ohne allerdings die Sonderfälle zur Norm werden zu lassen.

5. Liturgie als Anwendungsfall der Ekklesiologie
Die ekklesiologische Spannung zwischen der orthodoxen Kirche und den Kirchen der Reformation trat jedoch am deutlichsten zutage bei den heftigen evangelischen Reaktionen auf die Differenzierung der Sonderkommission "zwischen 'konfessioneller' und 'interkonfessioneller' gemeinsamer Andacht", zwischen Gottesdiensten mit ekklesialer Qualität und gottesdienstlichen Versammlungen bzw. Andachten, die keinen ekklesialen Status haben (§ 42). Damit wird eigentlich inhaltlich kein neues Faktum geschaffen, sondern unmißverständlich auf ein Erbe "jahrzehntelange[r] Erfahrungen mit gemeinsamer Andacht und geistlichem Miteinanderteilen innerhalb des ÖRK" hingewiesen (§ 39). In diesem Sinne haben schon immer zumindest die orthodoxen Kirchen ihre Teilnahme an sogenannten ökumenischen Gottesdiensten verstanden, dass es sich nämlich nicht um Gottesdienste ekklesialer Qualität bzw. liturgische Versammlungen einer "Über-Kirche" handeln kann.
Die Empfehlung allerdings, auf den in der orthodoxen Terminologie missverständlichen Terminus "ökumenischer Gottesdienst" zu verzichten (s. Anhang A, § 2 u. 42), ist mutig, denn sie erweckt den falschen Eindruck eines Rückschlags in der Ökumene, vor allem bei denjenigen, die Genf als den ekklesialen Antipoden Roms betrachten. Für Bischöfin Margot Käßmann "gab es eine Stimme der Kirchen auf Weltebene neben dem römischen Katholizismus" (epd-Dokumentation 50/2002, 27). Da dies mit den Orthodoxen als Mitstreiter reformatorischer Anliegen und Initiativen nicht geht, stellt sich für sie die Frage: "Wie [die] Kirchen der Reformation dann auf Weltebene eine Stimme haben wollen" (ebd. 47). In dieser Orientierung erblickt auch Bischof Wolfgang Huber eine Perspektive, die der Mühe wert wäre: "Wir brauchen jetzt ein handlungsfähiges und wahrnehmbares Organ für die Gemeinschaft reformatorischer Kirchen auf Weltebene" (ebd. 46). Dies wäre sehr zu begrüßen, wenn es auf einem ekklesiologisch verbindlichen Fundament aufgebaut wäre.
Die Empfehlung bedeutet nicht, wie Kritiker es meinen, einen Rückschlag in der Ökumene, sondern die Befreiung aus einer Illusion, die oft die Tragik der Spaltung überdeckt, indem sie einen falschen Eindruck kirchlicher Gemeinschaft vermittelt. Evangelische Bischöfe und Bischöfinnen, die sich brüskiert fühlen, sollten sich nach der ekklesiologischen Qualität der ökumenischen Gottesdienste fragen, bei denen sie anscheinend par cum pari, in gleicher Augenhöhe mit Bischöfen der katholischen Kirche zusammenwirken, für die ihre aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften "nicht Kirchen im eigentlichen Sinn" sind, da sie "den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben" (Erklärung der Glaubenskongregation "Dominus Iesus" vom 6. August 2000 § 17). Die orthodoxe Kirche ist hier zurückhaltend und bemüht, Missverständnisse zu vermeiden.
Die direkt oder indirekt geäußerte Befürchtung, die vorgesehene liturgische Regelung gehe auf die Weigerung der Orthodoxen zurück, die evangelischen Kirchen und ihre Ämter als evangeliumsgemäß zu akzeptieren, hat ihre Ursache in einer gewiss begründeten Empfindlichkeit, die aber hier fehl am Platz ist. Die Einwände gegen die Bezeichnung "ökumenischer Gottesdienst" sind die logische Konsequenz der Spaltung und nicht Ausdruck einer ekklesiologischen Exklusivität. Denn selbst innerhalb der orthodoxen Tradition gibt es Kirchen, wie z. B. die Russische Orthodoxe Kirche im Ausland, mit denen die kanonischen orthodoxen Kirchen keine liturgische Gemeinschaft haben. Dieser bedauerliche Zustand, der seine Ursachen in der Verfolgung der Kirche durch die Bolschewiki hat, kann doch nicht heißen, dass die Auslandskirche keine Kirche und ihre Ämter nichtig wären.
Die Sonderkommission verweist treffend auf die normative Bedeutung der Liturgie, indem sie an die altkirchliche Formel lex orandi - lex credendi erinnert, die in der orthodoxen Kirche ihr Gewicht behalten hat: "Was wir im Gottesdienst sagen (lex orandi) ist von Bedeutung, weil es unsere gemeinsamen Glaubensüberzeugungen zum Ausdruck bringt (lex credendi) " (Anhang A, § 33). Der Gottesdienst der Kirche ist die Sprache ihres Glaubens. Daher manifestiert sich die Gemeinschaft der orthodoxen Kirchen in ihrer Konzelebration, namentlich bei der gemeinsamen Feier der Eucharistie.
Gottesdienst im orthodoxen Verständnis ist nicht privates Gebet, sondern die Versammlung der Kirche, die Gottes Erlösungstat in Christus durch den Heiligen Geist vergegenwärtigt. Diese Gabe der göttlichen Barmherzigkeit verwirklicht sich im Leib Christi, d. h. in der Kirche, die eine ist. Gottesdienst bedeutet Teilhabe an diesem Leib als Leben in der Wahrheit. Daher kann man nicht Gottesdienst und Kirchengemeinschaft trennen. Das schließt allerdings nicht das gemeinsame Gebet aus, das Menschen über alle konfessionellen Unterschiede und Differenzen hinweg aufgrund ihrer gemeinsamen christlichen Identität und Übereinstimmung in grundsätzlichen Inhalten des Glaubens verbindet, so dass sie gemeinsam Gott lobpreisen und um Beistand bitten. Diese "gemeinsame Andacht besteht aus Anbetung, Bekenntnis, Bittgebet, Danksagung, Schriftlesung und Fürbitte für andere" (Anhang A, § 6). Inwiefern ein solches Andachtsverständnis, das die Elemente des auch früher unter Beteiligung der Orthodoxen gefeierten Wortgottesdienstes enthält, ein "Signal" sein kann, das Bischof Wolfgang Huber "betroffen macht", "denn jetzt wird ökumenischen Gottesdiensten in aller Form eine Absage erteilt" (epd-Dokumentation 50/2002, 46), lässt sich liturgisch-theologisch nicht ergründen.
Die berechtigte Frage von Dagmar Heller: "Ist es möglich, dass da, wo zwei oder drei zusammen beten ..., nicht auch irgendwie Kirche ist? " (ebd. 8) führt in den Kern der Paradoxie unserer ekklesialen Existenz, "denn wir treten gemeinsam vor Gott, ohne uns vorher voll miteinander versöhnt zu haben" (Anhang A, § 7), obschon das Treten vor den Altar überhaupt die Versöhnung voraussetzt (Mt 5,23). Diese Frage kann aus orthodoxer Sicht konfessionell-dogmatisch nicht beantwortet, sondern pneumatologisch-oikonomisch erklärt werden. Der Heilige Geist, der in jedem orthodoxen Gottesdienst als "Tröster, Geist der Wahrheit, Allgegenwärtiger und Alleserfüllender" angerufen wird und bei der Taufe eine de facto transkonfessionelle Eingliederung in die Kirche bewirkt, das Getrennte zusammenfügt und zur Wahrheit führt (Jo 16,13), begleitet die getrennten Kirchen, die kat'oikonomian zusammenkommen und ihn anrufen, auf ihrem Weg zur Gemeinschaft. Diese Versammlung ist schon "irgendwie Kirche", aber nicht die Kirche in ihrer sichtbaren Gestalt, auf die wir hinarbeiten. Dieser pneumatologische Aspekt bzw. der epikletische Charakter der Andacht, die im Vertrauen auf die Gegenwart des Heiligen Geistes gefeiert wird, ist im Abschlußbericht der Sonderkommission leider nicht herausgestellt worden. Dagegen hat sie zu Recht die ekklesiologische Bedeutung der Taufe hervorgehoben, indem sie zu den "theologischen Kriterien" für den Beitritt zum ÖRK anführt: "Die Kirche tauft im Namen "des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" und erkennt an, dass die Kirchen die gegenseitige Anerkennung ihrer Taufe anstreben müssen" (Anhang C, 3a 3).
Die Gegner jeglichen interkonfessionellen Gebets machen es sich allerdings zu einfach, indem sie auf Kanones hinweisen, die in ihrem formalistischen Verständnis eindeutig sind, denn sie verbieten nicht nur das Gebet mit Häretikern, sondern auch das Betreten ihrer Kirchen wie auch ihnen das Betreten orthodoxer Kirchen. Die Anwendung von solchen Kanones im Hinblick auf das Verhältnis der orthodoxen Kirche zu den Kirchen, mit denen sie im Dialog steht, kommt einer Verfälschung des Sinns dieser Kanones gleich und stellt eine eklatante Mißdeutung der kanonischen Überlieferung überhaupt dar, denn sie hatten den Schutz der Gläubigen vor den Angriffen der Häretiker im Sinn und nicht die Verdammung von Menschen, die sich um die Einheit der Kirchen mühen.
Die von der Sonderkommission erarbeitete Differenzierung hat den Orthodoxen ermöglicht, von ihrer obengenannten Thessaloniki-Erklärung (§ 13c) Abstand zu nehmen, denn sie hatten erklärt, dass sie "nicht an ökumenischen Gottesdiensten, gemeinsamen Gebeten, Gottesdiensten und anderen religiösen Zeremonien während der Versammlung [in Harare] teilnehmen" wollten.
Das Gewitter von Thessaloniki hat zu einer Bereinigung geführt, die keinesfalls einen ökumenischen Rückschlag bedeutet, sondern einen Fortschritt, insofern sie die ekklesiologische Dimension des gemeinsamen Gebets von Kirchen ins Bewusstsein gerufen hat, die ihre Bemühungen um die Wiederherstellung der Gemeinschaft Gott überantworten. Daher erscheint mir auch der beschwichtigende Hinweis, die Regelungen beträfen nur interkonfessionelle Gottesdienste auf der Ebene des ÖRK; andere ökumenische Zusammenschlüsse wie KEK und ACK blieben davon unberührt, fehl am Platz, denn er suggeriert eine Abwertung der "interkonfessionellen gemeinsamen Andacht", die in der Sache keine die Ökumene zurückwerfende Neuerung bedeutet. Insofern wird sich nach meiner Einschätzung auch in Deutschland nichts ändern, denn unsere Kirchen feiern de facto diese Andachten, auch wenn sie nomine tenus als ökumenische Gottesdienste bekannt sind. Für Deutschland sehe ich aber nicht die Notwendigkeit, uns der Terminologie Genfs anzupassen. Allerdings erliegt Bischöfin Margot Käßmann einer Illusion, wenn sie sich in Genf verabschiedet und sagt: "Ich fahre zurück nach Hannover; dort kann ich ökumenische Gottesdienste mit Orthodoxen und Katholiken feiern" (epd-Dokumentation 50/2002, 47), denn sie feiert Wortgottesdienste, die in der Genfer Terminologie "interkonfessionelle gemeinsame Andachten" genannt werden.

6. Synodalität statt Parlamentarismus
Der ekklesialen Vielfalt und Identität der Mitgliedskirchen trägt auch das Konsensverfahren Rechnung, das die Entscheidungsfindung aus dem polarisierenden Mehrheitssystem in ein dialogisches Prozedere überleitet. Es wird der Versuch unternommen, auf der Grundlage der Paulinischen Leib-Typologie ökumenische Arbeitsformen zu entwickeln, die "so weit wie möglich Spiegelbild des Wesens der Kirche" sind (Anhang B, § 35). Dieses legitime Anliegen verkennen diejenigen, die empört fragen: "Wo bleibt der Mut zur offenen Streitkultur?" Was ist das aber für eine Kultur, die im Namen einer Stimmenmehrheit eine substantielle bzw. zahlenmäßige Mehrheit majorisiert, so dass die Stimme des ÖRK schließlich die Meinung einer bestimmten Minderheit widerspiegelt? Es ist ohnehin etwas paradox, in diesem Zusammenhang von den orthodoxen Kirchen als Minderheit zu reden, obwohl sie in Bezug auf die Zahl der Gläubigen fast genauso stark sind wie alle im ÖRK vertretenen protestantischen Denominationen zusammen. Die zwanzig orthodoxen Kirchen bilden eine merkwürdige "Minderheit", eben ca. 6% unter den rund 340 Mitgliedskirchen des Rates.
Doch unabhängig von der unverhältnismäßigen Repräsentation orthodoxer und evangelischer Kirchen, die sich im Leben des ÖRK widerspiegelt, geht es darum, dass die Wahrheit nicht das Ergebnis einer Abstimmung ist, sondern die in einem dialogischen Prozess unter dem Beistand des Heiligen Geistes gewonnene Erkenntnis, so dass die Versammlung, die um Lösungen von Problemen ringt, wie die Urgemeinde in ihrem "Apostelkonzil" am Ende sagen kann: "Vom Heiligen Geist und uns ist als richtig entschieden ... " (Apg 15,28).
Das Insistieren auf Beschlüssen, die nicht konsensfähig sind, basiert auf einer trügerischen Sicherheit bzw. Denkweise, einer Art notariellen Mentalität, die Goethe meisterhaft in seinem Faust als Gespräch zwischen Mephistopheles und einem Schüler karikiert:
"Mephistopheles. Nachher, vor allen andern Sachen,
Müsst Ihr Euch an die Metaphysik machen!
Da seht, dass Ihr tiefsinnig fasst,
Was in des Menschen Hirn nicht passt;
Für was drein geht und nicht drein geht,
Ein prächtig Wort zu Diensten steht ...
Habt Euch vorher wohl präpariert,
Paragraphos wohl einstudiert,
Damit Ihr nachher besser seht,
Dass er nichts sagt, als was im Buche steht;
Doch Euch des Schreibens ja befleißt,
Als diktiert Euch der Heilig Geist!
Schüler. Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen!
Ich denke mir, wie viel es nützt;
Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen. " (V. 1948-1967)
Wenn der Rezeptionsprozess selbst bei Konsenspapieren auf Schwierigkeiten stößt, was kann man von Beschlüssen erwarten, die schon in den Gremien nicht konsensfähig sind! Frustrierte Teilnehmer würden gewiss nicht in der eigenen Kirche als Anwälte von Ansichten auftreten, die sie nicht gutheißen konnten. Das geduldige Aufeinanderhören schafft Gemeinschaft, die Konfrontation meidet und Verständigungsbereitschaft wachsen lässt.
Wer, wie Kritiker des Abschlussberichts, sich einen starken ÖRK wünscht, müsste eigentlich das Konsensmodell befürworten, denn Erklärungen, Resolutionen und Aktionen bekämen mehr Gewicht, wenn sie von allen Kirchen getragen würden bzw. bekannt wäre, wer sie trägt. Sicherlich werden weniger Beschlüsse gefasst, aber dafür um so mehr verbindlich und rezeptionsfähig.
Die Erfahrungen der orthodoxen Kirche auf ihrem Weg zu ihrem Heiligen und Großen Konzil bestätigen den Kritikern der Konsensmethode, dass sie wichtige Beschlüsse verhindert und den Entscheidungsprozeß verlängert. Einige meinen sogar, gerade in diesem Verfahren bzw. im Mangel einer verbindlichen Autorität liege der Grund dafür, dass die Einberufung dieses Konzils weiterhin offen ist. Doch unabhängig davon, dass das Konzil weder ein Papstkollektiv, wie es die orthodoxe Schuldogmatik infolge ihrer Auseinandersetzung mit Verbindlichkeitsnormen der Kirchen des Westens darstellt, noch ein Deus ex Machina ist, sind die Panorthodoxen Konferenzen Ausdruck einer gelebten Konziliarität als sichtbare Gestalt der sakramentalen Gemeinschaft der orthodoxen Kirchen. Das zählt und ist Konzilsbeschlüssen vorzuziehen, die nicht den Konsens der Kirche widerspiegeln. Auch hier gilt die Aufforderung des Mephistopheles: "Doch wählt mir eine Fakultät! " (V. 1968). In der Abneigung des Schülers "zur Rechtsgelehrsamkeit" und Zuneigung zur Theologie - "Fast möchte ich nun Theologie studieren" (V. 1982) - lässt sich der Sonderweg theologisch-ekklesialer Prozesse erkennen, die keine Kopie gesellschaftlicher Normen und Regelungen sein können.
Daher bedeutet auch der Hinweis der Sonderkommission auf "das orthodoxe Prinzip der oikonomia" (Anhang B, § 7 u. 20) ein Missverständnis, das auf seine in der orthodoxen Theologie geläufige Zuordnung in den Bereich der Kirchenordnung zurückgeht. Denn abgesehen davon, dass die These nicht stimmt, die oikonomia sei "geschichtlich gesehen, auch primär auf die Sakramente angewendet worden" (ebd. 7), geht es bei ihr um die Nachahmung der göttlichen oikonomia als pastorales Prinzip der Freiheit und Barmherzigkeit. Die oikonomia ist in ihrer Anwendung situativ und lässt sich grundsätzlich nicht in Verbindung zu einem Ordnungssystem bringen. Darüber hinaus halte ich es für wenig hilfreich, Altkatholiken, Anglikaner und Protestanten mit einem Prinzip zu konfrontieren, das die Kirchen lateinischer Tradition nie gekannt haben und das in deren Sicht zu dem führt, was man das "Chaos" in der Orthodoxie nennt.
Wollte man dem Oikonomia-Denken eine geringe Chance einräumen, hätte man die Zusammenarbeit nicht so stark reglementieren dürfen, im Interesse der Konsensfindung nicht den "Ständigen Ausschuss zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK" (§ 50) befürwortet, der institutionell zu einem Übel werden könnte, das die Konsensmethode beseitigen will: die Polarisierung. Von einer stärkeren, qualitativen Mitarbeit der Orthodoxen in den Gremien des ÖRK und im Genfer Stab hielte ich mehr als "vom Prinzip der paritätischen Vertretung" (§ 51), das in sich die Gefahr birgt, die Kirchen in Schützengräben zurückzudrängen.
Man sollte Strukturen vermeiden, die der Bildung konfessioneller Blöcke Vorschub leisten und überlieferte Klischees stärken. Die dem Papier zugrunde liegende Gegenüberstellung Protestanten - Orthodoxe entspricht nicht der ekklesialen Realität. Dass die evangelischen Kirchen weder organisatorisch noch ekklesiologisch noch theologisch ein uniformer Block sind, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dies gilt aber, wenn auch nicht im selben Umfang, auch für die orthodoxen Kirchen. Die konfessionelle Fixierung von Konfliktlinien hemmt den Dialog, den freimütigen Gedankenaustausch und das Wachsen der Gemeinschaft, die konfessionelle Limes abbaut.

7. Kriterien der Mitgliedschaft im ÖRK
Die herausgeforderte ekklesiologische Selbstbesinnung, die sich wie ein roter Faden durch den Abschlußbericht der Sonderkommission zieht, ist auch in dem letzten Themenbereich erkennbar, der Fragen der Mitgliedschaft und Vertretung in der Gemeinschaft des ÖRK gewidmet ist. Die strukturelle Heterogenität der Mitgliedskirchen, die auch zum Teil die arithmetische Asymmetrie bedingt, wird in dem weitgefassten Kirchenbegriff deutlich, der "auch eine Vereinigung, eine Konvention oder eine Föderation autonomer Kirchen" bedeutet (Anhang C, Präambel). Die theologischen Kriterien (ebd. 3a), die auf die Basisformel des ÖRK (Artikel III der Verfassung) rekurrieren, bieten einen soliden Rahmen gemeinsamer ekklesiologischer Identität, mit dem auch die organisatorischen Kriterien (ebd. b) korrespondieren. Die nachdrückliche Aufforderung der Sonderkommission und der Studiengruppe für Fragen der Mitgliedschaft an die Kirchen, "sich zum Zwecke ihrer Mitgliedschaft im ÖRK auf östlicher Ebene oder in konfessionellen Gruppen zusammenzuschließen" (§ 58), betrifft nicht nur die Effektivität der Arbeit des ÖRK, sondern auch die Pflege der Kirchengemeinschaft innerhalb konfessioneller Kirchenfamilien und vor Ort. Die ausufernde Zahl der Mitgliedskirchen dokumentiert zwar den repräsentativen Charakter des ÖRK, stärkt allerdings nicht seine Verbindlichkeit als loser Zusammenschluss einer zersplitterten Christenheit. Ein Blick in die Liste der Mitgliedskirchen der Bundes-ACK genügt, um sich mikrokosmisch die Problematik der Spannung zwischen denominationaler Repräsentation und kirchlicher Verbindlichkeit auf der Ebene des ÖRK vorzustellen.
Dieser Zustand, den m.E. auch die Verdoppelung der Mindestzahl (von 25.000 auf 50.000) der Mitglieder einer Kirche für ihre Aufnahme in den ÖRK (Anhang C, b 3) nicht gravierend ändern wird, ist nicht ermutigend für die katholische Kirche, die einladende Möglichkeit des neu eingeführten Status der assoziierten Mitgliedschaft (§ 55) wahrzunehmen bzw. ihre Zusammenarbeit mit dem ÖRK zu intensivieren. Andererseits haben vor allem die orthodoxen Kirchen trotz ihres antipäpstlichen Affekts dafür gesorgt, dass Genf sich nicht zum ekklesiologischen Antipoden Roms entwickelt hat. Die ekklesiologischen Grundsätze, die zu einer Neugestaltung des ÖRK geführt haben, dürften Rom entgegenkommen, da sie die obenerwähnte Toronto-Erklärung im Leben des ÖRK umsetzen.

8. Ein Sieg der ökumenischen Vernunft
Der in Deutschland verbreitete Eindruck, die Orthodoxen hätten sich auf der Gesamtlinie durchgesetzt, erweist sich bei einem Vergleich des Abschlussberichtes der Sonderkommission mit orthodoxen Deklarationen wie der obenerwähnten Thessaloniki-Erklärung als falsch. Im Unterschied zu den am lautesten angestimmten Klageliedern in Deutschland habe ich keine Siegesfanfaren in traditionell orthodoxen Ländern gehört, in denen es schwierig werden dürfte, die Kritiker der Ökumene mit den Vorschlägen der Sonderkommission umzustimmen. Denn die Kräfte, die sich im Vorfeld von Harare durchgesetzt hatten, werden nun die Hürde, die sie für den Übergang in eine neue ÖRK-Welt aufgestellt hatten, gestützt wiederfinden.
Die Heftigkeit der Reaktion im deutschen Protestantismus könnte man vielleicht mit dem starken ökumenischen Engagement erklären, das sich auch darin dokumentiert, dass die Mitgliedskirchen der EKD 34% des Haushalts des rund 340 Mitgliedskirchen aus über 100 Ländern umfassenden ÖRK finanzieren. Damit ist ein empfindlicher Komplex berührt, der besondere Sensibilität fordert. Orthodoxe Kirchen, die insgesamt ohnehin nicht zu den Zahlmeistern des ÖRK gehören, haben über Jahrzehnte vom Rat finanziell profitiert. Dieser biblische Ausdruck der Koinonia von Mazedonien und Adaia "für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem" (Röm 15,26) gerät ins Wanken, wenn die Gemeinschaft schwindet. Zugespitzt lauten nun die Unmutsstimmen: "Wenn die Orthodoxen mehr Macht haben, müssen sie auch mehr bezahlen! " Dieser dingliche Realismus, der sich nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip "wer bestellt, der bezahlt" richtet und geistige Werte in Beziehung zu materiellen setzt, denkt in der Tat in Machtkategorien, die - wie wir gerade auf der Ebene der Weltpolitik erfahren - nach eigenen Kriterien geistige Werte definieren. Die in der Entstehung und Geschichte des ÖRK begründete ökonomische Asymmetrie der Genfer Organisation darf gewiss nicht hingenommen werden. Allerdings wäre es illusorisch, zu erwarten, dass osteuropäische oder palästinensische orthodoxe Kirchen einen westeuropäischen Standard finanzieren würden.
Menschen, die sich zusammenschließen in geistigen Bewegungen, wie die ökumenische, und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, sollten der Versuchung des Fleisches widerstehen, Machtkonstellationen zu konstruieren. Daher halte ich für verfehlt auch die an die orthodoxen Kirchen gerichtete Empfehlung, "darüber nach[zu]-denken, ob sie im Zentralausschuß 2002 keinen Pyrrhus-Sieg errungen haben" (K. Rüdiger Durth, Die schwere Krise des ÖRK, in KNA-ÖKI 39/2002, 7). Der "Sieg" gehört der ökumenischen Vernunft und Besonnenheit, die den Abschlussbericht der Sonderkommission auszeichnen. Er ist Ausdruck des partnerschaftlichen Bemühens, im Geist des gegenseitigen Respekts Probleme anzugehen und Lösungen zu suchen, die einer kostbaren, gemeinsamen Sache dienen. Die Gefahr eines "Pyrrhus-Sieges" bestünde in der Tat, wenn die Kräfte die Oberhand gewinnen, die nicht bereit wären, im dialogisch-partnerschaftlichen Geist der Sonderkommission einen neuen Anfang zu wagen, sondern wie Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter dazu aufrufen: "Alle Kräfte sollen sich darauf konzentrieren, ... die vorgelegten Beschlüsse zu verändern" (epd-Dokumentation 50/2002, 18).
Fairness und ökumenische Vernunft gebieten es, den Vorschlägen eine Chance zu geben, denn sie eröffnen eine verheißungsvolle Vision, indem sie einen grundlegenden Beitrag zur Verwirklichung einer "der Hauptaufgaben des ÖRK" leisten, "den Kirchen zu ermöglichen, voneinander zu lernen, ihre Gemeinschaft zu vertiefen und besser für ihre Sendung ausgerüstet zu sein" (Anhang B, § 16).
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Der vollständige Text des Abschlussberichtes der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK ist veröffentlicht u.a. in: Orthodoxie Aktuell, 9-10/2002, 20-54.

Zur Problematik Orthodoxie - Heterodoxie, Ökumene und Verbindlichkeit der Tradition und der Kanones in der orthodoxen Kirche s. die entsprechenden Kapitel bei A. Kallis, Das hätte ich gerne gewußt. 100 Fragen an einen orthodoxen Theologen, Münster 2003.


 


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