Kirchliches Leben: Martyria: Perspektiven

Zur Zukunft der ökumenischen Bewegung - Eine orthodoxe Perspektive

von Erzbischof Longin von Klin

Es ist in den letzten Jahren schon zu einem Allgemeinplatz geworden, von der Krise der ökumenischen Bewegung zu sprechen: Der frühlinghafte Aufbruch in den frühen Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als auch die autokephalen orthodoxen Kirchen Osteuropas, an ihrer Spitze die Russische, dem Ökumenischen Rat der Kirchen bei dessen Vollversammlung in New Delhi 1961 beitraten, als die Römisch-Katholische Kirche ihre Position innerhalb der Vielzahl christlicher Kirchen und Gemeinschaften auf dem II. Vatikanum neu bestimmte, dieser vielversprechende Aufbruch erscheint inzwischen in etlichen Bereichen als erstarrt. Fast möchte man - um im Bild zu bleiben - von einer neuen winterlichen Erkaltung sprechen, ohne dass allerdings zuvor die herbstliche Ernte eingefahren werden konnte. Für diese Entwicklung ist eine Reihe von Faktoren verantwortlich, die - wenn auch in unterschiedlicher Weise, Stärke und Art - in den verschiedenen Kirchenfamilien der Welt wirken. Dabei hat jede von ihnen mit je eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen, ist aber auch in unterschiedlicher Weise für das sensibilisiert, was in den anderen Kirchen und Gemeinschaften vor sich geht. Gemeinsam ist offensichtlich allen, dass sie manche Entwicklungen sowohl bei sich selbst wie bei den "Andern" kritischer sehen und eine Rückbesinnung auf das - vermeintliche oder wirkliche - "Eigengut" eingesetzt hat.
Was die Orthodoxe Kirche angeht, so ist ein Grund hierfür sicher auch die Tatsache, dass der Großteil der Kirchen Ost- und Südosteuropas zur Zeit ihres Eintritts in die ökumenische Bewegung unter staatlichem kommunistisch-atheistischen Druck stand und in ihrem Entscheidungs- und Handlungsspielraum teils erheblich eingeschränkt war. Nun ist es sicher zu einfach (und auch sachlich eindeutig falsch!), das ökumenische Engagement dieser Kirchen lediglich auf eine staatliche Weisung zurückzuführen; dies würde beispielsweise einer so aufrichtig und überzeugt ökumenisch engagierten Persönlichkeit wie dem Leningrader Metropoliten Nikodim (Rotov) in keiner Weise gerecht. Andererseits darf aber auch nicht vergessen werden, dass das Kirchenvolk über Jahrzehnte schon auf Grund der sehr eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten der Kirchen unter den sozialistischen Regimen kaum über die ökumenischen Aktivitäten der jeweiligen Kirchenleitung informiert waren und werden konnten, so dass ihm die theologischen und pastoralen Implikationen dieser Bewegung verschlossen und unverständlich blieben.
Umso mehr aber sahen sich die osteuropäischen orthodoxen Kirchen und auch auf breiter Basis ihre Gläubigen nach dem Ende des kommunistischen Joches einer neuen Art von Begegnung - richtiger wäre wohl zu sagen "Konfrontation"! - mit westlichen Kirchen und Missionaren ausgesetzt, die meinten, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden materiellen und technischen Mitteln raschestens in das vermeintliche geistliche Vakuum der postkommunistischen Welt vorstoßen zu sollen, um dort ihren "Feldzug" zu beginnen, auf der vermeintlich christenfreien Tabula rasa ihre eigenen Strukturen aufzubauen.
Das Ergebnis ist bekannt: Bevor das Kirchenvolk etwa in Russland ein Bewusstsein für die große ökumenische Gemeinschaft aller Christinnen und Christen entwickeln konnte, erlebte es deren Abgesandte vor Ort nicht nur als Konkurrenten, sondern schlicht als geistliche Kolonisatoren, die im allgemeinen wenig Sachkunde und noch weniger Sensibilität für die Welt der Orthodoxie und ihre Spiritualität, ja nicht einmal Achtung vor ihnen zeigten, sondern das praktizierten, was wir - ich denke, zu Recht - als Proselytismus bezeichnet und kritisiert haben.
Lassen Sie mich dies an einem realen und zugleich im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnenden, zeichenhaften Beispiel verdeutlichen: Bereits kurz nach der Wende befuhr ein "Missionsschiff" amerikanischer evangelikaler "Glaubensboten" die untere Wolga und den Don - mit der weithin sichtbaren Losung an Bord "Crusade for Christ": Ein "Kreuzzug", wenn auch diesmal unblutiger Art, ist aber etwas, das im historischen Bewusstsein orthodoxer Christen schon rein begrifflich jene Schwertmission wieder ins Gedächtnis ruft, die im 13. Jahrhundert die Ritter des Deutschen Ordens gegen Russland unternahmen, ist etwas, das an den unseligen IV. Kreuzzug von 1204, den Uniatismus und manches andere erinnert ... Vor allem aber zeigte dieser "Kreuzzug", dass die "Glaubensboten" kaum ein Verständnis dafür hatten, was das orthodoxe Christentum seit einem Millennium für die spirituelle Formung der russischen Menschen bedeutet hat, die auch unter den Bedingungen der seit den Zeiten des antiken Rom wohl schrecklichsten Christenverfolgung aller Epochen, nämlich im bolschewistischen Russland des 20. Jahrhunderts, an ihm festgehalten haben. Entsprechend wurde denn der Missionsdampfer auch in einer der Kosakensiedlungen des Dongebietes von orthodoxen Demonstranten mit einem Spruchband begrüßt: "You are too late - We are Christians for a Thousand years / Ihr seid zu spät - Wir sind schon tausend Jahre Christen!"
In dieser Episode spiegelt sich eine Konfrontation wider, die nicht nur in Russland, sondern auch in anderen osteuropäischen Ländern, vor allem, aber keineswegs nur den orthodoxen, zu einer weitverbreiteten neuen kritischen Einstellung zu den westlichen Kirchen und der ökumenischen Bewegung - und letztendlich zum Austritt der Georgischen und der Bulgarischen Orthodoxen Kirche aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) - geführt hat. Aber auch in jenen Kirchen, die diesen Schritt nicht mitgegangen sind, ist manche bittere Ernüchterung eingetreten, auch unter jenen, die früher engagiert in der ökumenischen Bewegung mitgewirkt haben, so dass man seine Rolle in den ökumenischen Gremien und Strukturen überdenkt und teils neu definiert - basierend auf einer Analyse dessen, was in den letzten dreißig oder sogar vierzig Jahren, vor allem aber seit dem Fall des Kommunismus geschehen ist.
Als Hierarch der Russischen Orthodoxen Kirche spreche ich natürlich zuerst Gedanken aus, die in unserer Kirche Gültigkeit haben, ohne zu verschweigen, dass es in der gesamten Orthodoxen Kirche auch Hierarchen, Kleriker und Laien gibt, die hier anders denken als wir - bis hin zu einer totalen Ablehnung des Ökumenismus. Meine Kirche hat auf der Bischofssynode des Jubiläumsjahres im August 2000 in Moskau in dem Dokument über die "Grundlegenden Prinzipien der Beziehung zu den Nicht-Orthodoxen" ihre Auffassung formuliert, dabei aber eigentlich nur das formuliert, was schon vorher mehrere gesamtorthodoxe Konsultationen - etwa im Zusammenhang mit der orthodoxen Beteiligung an der letzten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare - festgeschrieben hatten, so zuletzt im vergangenen Jahr in ihrem Beitrag zur gemischten Kommission der orthodoxen und der anderen Mitgliedskirchen des ÖRK. Besonders letzterer hat, vor allem in Deutschland, Aufsehen erregt, wobei man sich allerdings bei manchen Stellungnahmen evangelischer Theologinnen und Theologen, die mit Stolz auf ihre langjährige Mitwirkung in Gremien des ÖRK verwiesen, fragt, ob sie wirklich sich in all den Jahren auch hinreichend mit orthodoxer Theologie beschäftigt oder sich lediglich ein Wunschbild einer in ihrem Sinne "pflegeleichten", "ökumenetauglichen" Orthodoxie gemacht haben. Letzteres möchte man angesichts der emotionalen Heftigkeit mancher Reaktionen durchaus vermuten, die so klingen, als hätten jetzt auf einmal böse Orthodoxe das doch bisher so gemütlich-einträchtige ökumenische Klima böswillig und willkürlich zerstört und gefielen sich auch weiterhin in der Rolle ökumenischer Störenfriede.
Hier muss Eines entschieden betont werden: Was in der genannten Kommission des ÖRK, was in der KEK, was in gesamtorthodoxen Gremien vor und nach Harare, was offiziell von einzelnen autokephalen Kirchen zur Ökumene und der orthodoxen Mitwirkung erklärt worden ist, ist weder eine Kurskorrektur noch überhaupt neu, ist auch zwischen allen orthodoxen Ortskirchen unstrittig, auch wenn vielleicht der eine oder andere die Botschaft konzilianter und der andere direkter verkünden mag. Und es ist in keinem Fall ein Abschied von der ökumenischen Verantwortung, sondern vielmehr die Bekräftigung der Mitwirkung in der ökumenischen Bewegung und ihren Strukturen - allerdings unter Bedingungen, die eine solche orthodoxe Mitwirkung auch sinnvoll machen und sie nicht zu einer Staffage und einer leeren Dekoration verkommen lassen, sozusagen das Bild ökumenischer Treffen durch einige ehrwürdige Bärte und Gewänder exotischer und interessanter werden lassen ... Dafür sollten wir uns zu schade sein, gerade auch um unserer ökumenischen Partnerinnen und Partner willen, die ein Anrecht darauf haben, dass wir Orthodoxen unsere einheitlichen Positionen klar und eindeutig aussprechen - in aller Liebe, aber auch in Treue zu der uns anvertrauten Wahrheit.
So seien hier einige Grundsätze orthodoxen ökumenischen Engagements ins Gedächtnis gerufen:

Es konnte und kann eigentlich keinen Zweifel an diesen gesamtorthodoxen Positionen geben; zumindest ist mir kaum ein orthodoxer Theologe und Kirchenführer bekannt, der eine wirklich andere Position vertreten hätte. Insofern verwundert auch etwa die Aufregung um die Entscheidung des ÖRK zu den konfessionellen und interkonfessionellen Andachten. Lassen wir die terminologische Frage nach einer exakten Abgrenzung von Begriffen wie "Andacht", "Gottesdienst", "Prayer" usw. bei Seite: Wann haben je orthodoxe Vertreter bei einem gemeinsamen Gebet mit Amtsträgern anderer Kirchen und Gemeinschaften in liturgischer Gewandung mitgewirkt? Sie taten dies stets ohne dieselbe und brachten damit deutlich zum Ausdruck, dass es sich hier nicht um das gottesdienstliche Handeln der Orthodoxen Kirche als solcher handelte, sondern um ein - damit allerdings keineswegs unwichtiges, sondern Gott wohlgefälliges und notwendiges! - Gebet von Christen unterschiedlicher Denominationen.
Dies mag durchaus bildhaft verstanden werden: Als Orthodoxe bejahen wir nicht nur das Miteinander aller Menschen, die den Namen unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus tragen, sondern engagieren uns dafür in Befolgung Seiner Gebote von ganzem Herzen. Gerade, weil wir überzeugt sind, dass uns ein großes und heilbringendes Erbe anvertraut ist, dass Christus selbst das Haupt unserer Kirche ist, wissen wir um unsere gesamtchristliche Verantwortung - nämlich eine Tradition zu bezeugen, die uns mit allen Generationen der Kirche seit den Tagen der Apostel verbindet.
So wie uns auf der einen Seite bewusst ist, dass die volle Einheit der Kirche, die es uns ermöglichen würde, gemeinsam die Eucharistie zu feiern, derzeit nicht zwischen allen Christinnen und Christen besteht, so ist uns auf der anderen Seite nicht minder bewusst, dass wir uns niemals selbstgenügsam mit dieser Situation, diesem sündhaften Zustand der Trennung zufrieden geben dürfen, sondern dass auch wir als Orthodoxe alles in unseren Kräften stehende tun müssen, dass eben diese wirkliche Einheit im Glauben wiederhergestellt wird. Dazu verpflichten uns das Gebot des Herrn, dazu verpflichtet uns die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern in den anderen Kirchen, dazu steht die Orthodoxe Kirche und aus dieser Verpflichtung resultiert unser weiterhin ungebrochenes Engagement für die Einheit aller Christinnen und Christen: Wir stehen auch weiterhin ein für einen offenen Dialog auf allen Ebenen, allerdings nicht für eine schnellgemachte und letztlich nicht tragfähige Pseudoeinheit!



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