Kirchliches Leben: Martyria: Perspektiven

Ansprache des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios bei der Eröffnung der 12. Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen

Trondheim, 26. Juni 2003

Es ist für uns eine Freude und ein großes Privileg, hier bei der Eröffnung der 12. Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen das Wort an Sie zu richten. Möge Jesus Christus, unser Heiland, der allein heilen und versöhnen kann, uns in unseren Diskussionen begleiten. Möge er uns Mut geben, Großzügigkeit und schöpferische Visionen verleihen.
Unsere Aufgabe ist nicht leicht. Wie kann es uns gelingen, ein wirkliches Zeugnis abzulegen zu einer Zeit, in der die Europäische Union sich rasch erweitert, da Europa versucht, sich zu verstehen und neu zu definieren, zu einer Zeit, wo viele wünschen, Christus und die christliche Kirche vollkommen auszuschließen aus ihrer Definition dessen, was Europa ausmacht? Wie können wir dem heutigen Europa eine Botschaft vermitteln, die zugleich demütig und prophetisch, kenotisch und gleichzeitig herausfordernd ist ? Wie können wir die Seligpreisung «Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen» (Mt 5,9) in die Praxis umsetzen und gleichzeitig Christi Lehre gegenüber treu sein, Christi, der sagt, dass er «nicht den Frieden, sondern das Schwert» bringt (Mt 10,34)? Wie können wir Gottes Warnung ernst nehmen mit den Worten des Propheten Jeremia «Sie haben den Schaden meines Volkes nur leichthin geheilt, indem sie sagen, Friede, Friede und ist doch kein Friede» (Jer 8,11)?
Von Anfang an müssen wir uns über eines klar sein. Christus sagt zu uns «Ohne mich könnt ihr nichts tun» (Jo 15,5). Es ist frappierend, dass in der Philokalie, der klassischen orthodoxen Sammlung geistlicher Texte, es keinen Vers aus der Heiligen Schrift gibt, der öfter zitiert wird als dieser.
«Ohne mich könnt ihr nichts tun.» Alles ist Gabe, alles ist Gnade. Wenn wir ein Wort der Heilung und Versöhnung an Europa richten wollen, dann muss dieses Wort Gottes Wort sein und nicht unser eigenes. Was wir als christliche Gemeinschaften der Welt anbieten können, ist kein Programm, keine Ideologie, sondern eine Person: den Theanthropos (Gott-Menschen), Jesus Christus. Heilung bedeutet Rettung; und Erlösung bedeutet Christus, der Heiland und Erlöser. «Meine Augen haben deinen Heiland gesehen» (Lk 2,30), sagt Simeon der Ältere zu Gott, als er Christus im Tempel empfängt. Für Simeon bedeutete Erlösung nicht eine Reihe von Ideen, sondern gerade dieses Kind, das er vor sich sah, diesen 40 Tage alten Knaben, den er in seinen Armen hielt. «Ich bin die Wahrheit» (Jo 14,6), hat Christus betont. Die erlösende Wahrheit ist nicht eine Reihe von Vorschlägen, sondern eine lebendige Person.
Das Heil ist Jesus Christus, der Heiland: Aber was bedeutet Christus für uns? Lasst uns uns die Begegnung des auferstandenen Christus mit seinen Jüngern am Osterabend (Joh 20, 19-20) in Erinnerung rufen, um unsere Versammlung mit diesem Leitbild zu inspirieren. Das erste Wort, das er an sie richtete: «Friede sei mit euch» ist ein Wort der Heilung und Versöhnung, das ihnen Freude bringt. Danach zeigt er ihnen seine Wundmale, die Zeichen seines Leidens an seinen Händen und seiner Seite.
Warum hat Jesus das getan? Wir könnten antworten, um erkannt zu werden, um den Jüngern zu zeigen, dass er tatsächlich er selber ist, sie zu überzeugen, dass derjenige, der kurz zuvor noch am Kreuz hing, wieder lebendig ist, gegenwärtig unter ihnen in demselben Leib, in dem er gelitten hat und gestorben ist.
Sicherlich bedeutet die Handlung unseres Herrn aber mehr als das. Die Wunden, die der auferstandene Christus seinen Jüngern zeigt, machen ihn für die leidende Menschheit glaubwürdig. Diese Wunden bedeuten Heilung und Hoffnung für uns. Sie erklären, dass, obwohl er siegreich von den Toten auferstanden ist, obwohl er bald in Herrlichkeit zum Himmel fahren wird, in seinem vollkommenen Sein noch immer Raum bleibt für unseren Schmerz und unsere Angst. Die Wunden des auferstandenen Christus betonen die Wahrheit dessen, was im Hebräerbrief gesagt wird (im ganzen Neuen Testament gibt es vielleicht keinen christologischen Text, der wichtiger ist als dieser): «Wir haben keinen Hohenpriester, der mit unseren Schwächen kein Mitleid haben könnte, sondern der wie wir in allem versucht worden ist, doch ohne Sünde» (Hebr 4,15).
Diese Worte lassen uns darüber nachdenken, wie Christus in doppelter Weise als unser Heiland und Retter handelt. Er ist zuerst unser Retter, weil er - in den Worten des Nizänischen Glaubensbekenntnisses - «wahrer Gott von wahrem Gott» ist. Die Erlösung ist ein göttlicher Akt; ein Prophet kann nicht der Retter der Welt sein, denn der Tod eines bloßen Menschen kann nicht den Tod vernichten. Wenn Christus uns daher retten soll, muss er Gott sein. Er kann nicht einfach einer von uns sein.
Zweitens macht der Hebräerbrief klar, dass Erlösung eine Antwort auf menschliche Not ist. Christus, unser Gott, heilt uns nicht aus einer sicheren Entfernung, nicht rein äußerlich, sondern indem er selber zu dem wird, was wir sind, indem er sich selbst vollkommen verletzlich macht, indem er all unseren Schmerz und unsere Trauer in sich aufnimmt: «In allem versucht wie wir», mit und für uns in seiner barmherzigen Liebe leidend, ist er wahrlich der verwundete Heiler. Obwohl er nicht einer von uns ist, ist er eins mit uns.
Wie der hl. Gregorios von Nyssa in seinem katechetischen Gebet betont, müssen die wahre Größe und Herrlichkeit Gottes nicht in irgendeinem Akt überwältigender Macht wie dem der Schöpfung des Alls gesehen werden, nicht in irgendeinem kosmischen Wunder wie das der Stillung des Sturms, sondern eher in der Selbstentäußerung, durch die er an unserer Zerbrechlichkeit und Gebrochenheit teilgenommen hat, indem er gehorsam bis zum Tod war, selbst zum Tod am Kreuz. Seine volle Teilnahme an unserer Demütigung ist der wahre Höhepunkt seiner göttlichen Allmacht. Gott ist nie so stark, als wenn er am schwächsten ist.
Auf diese Art und Weise heilt und versöhnt Jesus Christus. Das ist die Botschaft, die wir Europa bringen müssen.
Wenn wir von Christus als dem Heilenden und Versöhnenden sprechen, müssen wir noch etwas Anderes hinzufügen. Erlösung ist persönlich, aber nicht für die einzelne Person. Keiner wird allein gerettet. Wir werden in der Kirche erlöst als ihre Glieder und durch unsere Gemeinschaft mit allen ihren anderen Gliedern. Heilung und Versöhnung in Christus haben eine ekklesiale Dimension. Wir werden durch unsere Einverleibung in den Leib Christi durch die Sakramente der Taufe und der Eucharistie gerettet.
Genau hier werden wir mit einer der Herausforderungen konfrontiert, die wir an dieser -Vollversammlung nicht vermeiden können. Unsere Einheit ist echt, aber noch unvollständig. Trotz aller Fortschritte, die wir in unserer Suche nach sichtbarer Einheit gemacht haben - und dafür danken wir Gott! - sind wir Orthodoxe weiterhin davon überzeugt, dass die Zeit noch nicht gekommen ist, wo wir gemeinsam am Tisch des Herrn seinen Leib und sein Blut teilen können. Es bestehen noch immer ernsthafte Lehrfragen, über die wir uns als Kirchen noch nicht einig sind. Gemäss unseres orthodoxen Verständnisses der Eucharistie wäre es unrealistisch und sogar unaufrichtig, wenn wir gemeinsam das heilige Abendmahl feiern würden.
Wenn wir diese schmerzliche und umstrittene Frage diskutieren, müssen wir alle ständig die Aufrichtigkeit und geistliche Integrität aller, die anderer Meinung sind, achten. Diejenigen, die glauben, dass die Zeit noch nicht gekommen ist, gemeinsam das Abendmahl zu feiern, sollten nicht der Gegenseite vorwerfen, die Heiligen Mysterien in einer oberflächlichen und leichtfertigen Art zu behandeln.
Gleichzeitig sollten diejenigen, die glauben, dass wir jetzt schon gemeinsam Kommunion feiern können und sollten, nicht behaupten, dass es jedem, der «noch nicht » sagt, an Offenheit und Liebe fehlt. Gott allein weiß, wer von uns den größten Respekt für die Eucharistie hat und die größte Liebe.
Ich möchte mit zwei Vorschlägen abschließen. Lasst uns praktisch sein, und lasst uns still sein.
Lasst uns zuallererst in unseren Überlegungen versuchen, praktisch und realistisch zu sein. Heilen bedeutet Entfernen von bestimmten Wunden; Versöhnung bedeutet das Überwinden von echten Spaltungen. Es reicht nicht, Theorien zu formulieren; wir müssen Lösungen zu konkreten Handlungen finden.
Wie wir aus dem Gleichnis von den Schafen und den Böcken (Mt 25,31-46) lernen, werden Sie und ich beim Jüngsten Gericht nicht gefragt werden, wie streng wir gefastet haben, wie oft wir uns beim Gebet gebeugt haben, wie viele Bücher wir geschrieben haben, wie viele Reden wir bei internationalen Konferenzen gehalten haben.
Wir werden gefragt werden: Habt ihr den Hungrigen zu essen gegeben? Habt ihr den Dürstenden zu trinken gegeben? Habt ihr Fremde in euer Heim aufgenommen? Habt ihr den Nackten Kleidung gegeben? Habt ihr für die Kranken und Gefangenen gesorgt? Das ist alles, was wir gefragt werden. Die Liebe zu Christus zeigt sich in der Liebe für andere Menschen, und es gibt keinen anderen Weg.
Merken Sie sich im Blick auf alle, die in Bedrängnis und Not leben, dass Christus «ich» sagt: «Ich war hungrig, ich war durstig, ich war fremd, krank, nackt und gefangen.»
Christus sieht auf uns mit den Augen aller, die leiden. Ist das nicht beängstigend?
Fast überall in den wohlhabenderen Städten Europas sind die Strassen voll von hungrigen und obdachlosen Menschen, voll von jungen Frauen - viel zu oft kommen sie aus den ärmeren Ländern -, die dem Laster und der Prostitution verfallen sind. Was tun die europäischen Kirchen dagegen?
Eine unserer Aufgaben auf dieser Vollversammlung wird es sein, miteinander über diese Probleme zu sprechen, miteinander über die Projekte sozialer Hilfe und für Wiederaufbau zu reden, in denen unsere kirchlichen Gemeinschaften engagiert sind. Wenn wir genügend Zeit hätten, hätte ich Ihnen heute gerne etwas über die Bemühungen des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel gesagt, sich der ökologischen Krise zu stellen, sich mit dem Dilemma der Bioethik auseinander zu setzen und den Straßenkindern im Phanar-Stadtteil zu helfen.
Wir alle hier in diesem Gottesdienst haben unsere eigenen Geschichten zu erzählen, aber wenn wir einander zuhören und aus der Erfahrung der anderen fernen, sollten wir auch unser Gewissen erforschen und bereuen.
Und wie viel mehr noch hätten wir tun können und sollen!
Lassen Sie uns sodann praktisch sein; und an zweiter Stelle lassen Sie uns auch manchmal still werden. Geben Sie uns ein wenig Raum an dieser Versammlung für die Dimension von "Hesychia" oder kreativer Stille. «Seid still und erkennt, dass ich Gott bin» (Ps 46,11). Wenn wir einander zuhören, lasst uns auch auf den Heiligen Geist hören.
Der hl. Ignatius von Antiochien sprach von Christus als «dem Wort, das aus der Stille kam». Falls unsere Worte auf dieser Konferenz nicht aus der Stille des Herzens kommen, dann werden wir, wie Paulus es ausdrückt, «tönendes Erz und klingende Schellen» sein.
Aber wenn die Worte, die wir auf dieser Versammlung an Europa richten, in der Tat Worte sind, die aus der Stille kommen, dann werden sie durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit Worte des Feuers, der Befreiung und der Schöpfung von Leben sein.



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