Kirchliches Leben: Martyria: Heilige unseres Jahrhunderts

Ein neuer Heiliger der Serbischen Kirche: Bischof Nikolaj (Velimirovic)

von Bratislav Božovic

Durch Beschluss des Bischofskonzils der Serbischen Orthodoxen Kirche wurde vor kurzem eine Persönlichkeit offiziell in die Schar der Heiligen aufgenommen, die seit langem im serbischen Volk – doch nicht nur in ihm, sondern in der ganzen Orthodoxie! - eine große Verehrung genießt, nämlich Bischof Nikolaj Velimirovic (1880-1956).
Obwohl er einen erheblichen Teil seines Lebens in westlichen Ländern verbracht hat und auch zu seinen Lebzeiten zahlreiche Kontakte dort hatte, sind sein Leben und Wirken, auch sein reiches literarisches Schaffen hierzulande, vor allem in nicht-orthodoxen Kreisen, relativ wenig bekannt. Dabei ist Bischof Nikolaj zweifelsohne einer der meist erwähnten und hoch begabtesten Persönlichkeiten der neueren serbischen Geschichte. Nach seinem Leibe und seiner Seele war er Serbe, nach seinen Gedanken und Geiste ein Allmensch, ein echter Kosmopolit. Er ließ sich bis zum Grund der Volksseele nieder, war aber mit allen Strömungen des europäischen Geisteslebens bekannt. In sich trug er das Elend der ganzen Welt, aber auch die himmlische Freude über den auferstandenen Herrn.
Das Leben des Bischofs war durch viele Schwierigkeiten geprägt, die ihn heute als Bekenner erscheinen lassen. So war er eines der ersten Opfer des faschistischen Regimes in Serbien. Er wurde im Konzentrationslager Dachau interniert, und wegen seiner Liebe zum Vaterland später als Verräter beschuldigt und für vier Jahrzehnte nicht in der Öffentlichkeit erwähnt. Seine Theologie und Philosophie zeichnet sich dennoch in den Kirchenkreisen und in der Emigration durch eine besondere Liebe zu der Orthodoxie aus.
Nikolaj Velimirovic wurde nach altem Stil am Fest des heiligen Wundertäter Naum von Ohrid am 23. Dezember 1880 im serbischen Dorf Lelic bei Valjevo geboren. Er wuchs in einer patriarchalischen und frommen Familie auf. Schon in den frühen Jahren wirkte Nikola (den Namen bekam er schon bei seiner Taufe) im Kirchenleben mit, da seine Mutter Katarina ihn regelmäßig in das naheliegende Kloster Celije zu Gottesdiensten brachte. Nach Beendigung der Grundschule in Lelic schickten ihn seine Eltern nach Valjevo auf das Gymnasium, wo er unter Aufsicht seines Lehrers Mihajlo Stuparevic stand.
Wegen seinen hervorragenden Durchschnittsnoten schrieben ihn seine Eltern auf der Priesterschule in Belgrad ein, wo er schon damals von seinen Mitschülern und Lehrern sehr geachtet und gelobt wurde. Schon in dieser Zeit zeigte sich in dem jungen Nikola die Begabung eines guten Redners, eines „Zlatoust (= Chrysostomos / Goldmundes)“, wie ihn später sein Volk nannte.
Bis 1908 studierte er an der altkatholischen Fakultät an der Universität Bern, wo er die Doktorwürde mit einer Dissertation über den „Glauben an die Auferstehung Christi“ erlangte. 1909 erwarb er den Doktortitel in Philosophie zum Thema „Französisch-slawische Kämpfe in der Bocca di Caltero 1806-1814“.
Im gleichen Jahr studierte er in Oxford und bereitete ein weiteres Doktorat über „Die Philosophie Berkley’s“ vor, das er später in Genf verteidigte. Im Herbst kehrte er nach Belgrad zurück und wurde mit dem Segen des serbischen Metropoliten Dimitrije im Kloster Rakovica zum Mönch eingekleidet. Dabei erhielt er den Namen Nikolaj. Am 19. Dezember wurde er zum Mönchsdiakon und einen Tag später zum Priestermönch geweiht. Bald danach wurde er auch zum Archimandriten ernannt.
Auf Wunsch von Metropoliten Dimitrije hielt sich Archimandrit Nikolaj eine Zeit lang in Russland auf, welches er später immer mit Ehrfurcht und Begeisterung als „Heiliges Russland“ bezeichnete. Er folgte dann 1909 der Einladung vieler serbischer Kolonisten, die im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten emigrierten. 1911 kehrte er nach Belgrad zurück und wurde als Supplent an der Theologischen Priesterseminarschule des Heiligen Sava berufen. Im selben Jahr nahm er auch an einer Konferenz des Studentenweltbundes in Konstantinopel teil.
Während der beiden Balkankriege (1912-13) wirkte er als Seelsorger am Geschehen mit, half den Kranken, Armen und Leidenden. In dieser Zeit hielt er feurige Reden zum Gedenken der Gefallenen. Eine seiner großen Predigten war die „Rede über die ersten Opfer“ vor der Schlacht von Kumanovo gegen die Türken, wo er die Moral der Soldaten und der Hinterbliebenen stärkte. Er rief zum Kampf gegen die Osmanen auf nicht wegen ihres Glauben, sondern weil das serbische Volk deren Untaten verurteilte: „Wir kämpfen gegen die Türken, nicht deswegen, weil wir sie nicht als unsere Brüder anerkennen, sondern weil wir sie als ungerechte Brüder betrachten. Unserem Feind helfen viele weltliche Großmächte - uns wird Gott helfen.“
Aus diplomatischen Gründen schickte ihn dann die serbische Regierung 1915 nach Amerika, um dem Westen das Selbstbewusstsein des kleinen Serbiens gegenüber dem mächtigen Habsburger Reich zu erklären. Bevor er aber nach Amerika gesandt wurde, verbrachte er eine Zeit in London und begann „von Kirche zu Kirche zu ziehen und feurige Predigten über das Golgota Serbiens und der Vereinigung der Südslawen zu halten.“ In den Staaten hielt er sich bis Kriegsende 1919 auf, schrieb Zeitschriftenartikel zur Rettung seines bekämpften und unterdrückten serbischen Volkes. Bevor er zum Bischof erwählt wurde, kehrte Archimandrit Nikolaj als Supplent in die Priesterschule nach Belgrad zurück.
Zum Bischof der Diözese Žica wurde Nikolaj Velimirovic im März 1919 einstimmig von der heiligen Bischofssynode in Belgrad gewählt. Die Bischofsweihe fand im gleichnamigen Kloster und die Amtseinführung am 20. Juni 1919 in Cacak statt, dem damaligen Sitz der Diözese. Ende 1920 versetzte man ihn nach eigenem Wunsch nach Ohrid, um dort „eine neue Geburt und den Anfang eines neuen heiligen Lebens zu beginnen.“ Die sechszehnjährige Amtszeit (1920-1936) in der Diözese Ohrid war für ihn selbst und für die serbische Kirche eine fruchtbare Zeit. Aus dem strengen und imponierenden Redner wurde ein frommer und geistreicher Schriftsteller und Prediger. Nicht zuletzt wegen seinen eindrucksvollen Reden, sprach man von einem neuen „Goldmund“, und als solcher genoss er großes Ansehen im serbischen Volk. 1926 erschien sein großes und viel gelesenes, inzwischen auch ins Englische übersetzte Werk „Ohridski Prolog“, das Leben der Heiligen im Kirchenjahr mit Meditationen und Gebeten.
Ferner schuf er die Bogomiljen-Bewegung, eine geistliche Bewegung von frommen Laien aus dem einfachen Volk, die in serbische Klöstern eintraten und dort halfen. Im Jahre 1931 erfolgte der Zusammenschluss der Diözese von Ohrid mit der Diözese Bitolja zu eine Diözese. Gleichzeitig erneuerte er das Mönchsleben und sorgte für die Restaurierung von Klöstern und Kirchen Serbiens. 1936, drei Jahre nach dem Tod von Bischof Jefrem (Popovic) von Žica, kehrte er nach dem Beschluss der heiligen Bischofssynode in die Diözese Žica zurück, die in kurzer Zeit eine geistliche Wiedergeburt erlebte. Er reiste oft in das Ausland, weilte in England und Amerika, in den umliegenden Balkanländern, besuchte Konstantinopel, aber am meisten zog es ihn nach Griechenland, wo er regelmäßig den heiligen Berg Athos mit seinen Klöstern besuchte und sich für die Erneuerung des Hilandarkloster einsetzte.
Er begab sich zwischen den beiden Weltkriegen auch des öfteren in den Westen, wo er sich vor allem für den Ökumenismus interessierte und sich mit dem Vorsitzenden der Anglikanischen und der Episkopal-Kirche anfreundete. Er zeichnete sich ebenfalls bei humanitären Aktionen aus, gründete Kinderhorte und Tagesheime „von Bitolja bis nach Cacak, Gornji Milanovac, Kraljevo und Kragujevac.“
Während des Konkordatstreits und der blutigen Prozession am 19. Juli 1937 wandte er sich mit einem offenen Brief an das serbische Innenministerium und protestierte wegen der brutalen Polizeimaßnahmen gegen die friedliche Prozession. Durch seine Intervention und Reden trug er wesentlich dazu bei, dass das Konkordat im serbischen Senat nicht verabschiedet wurde. Er war auch eng befreundet mit dem ehemaligen Metropoliten von Kiew und Galic Antonij (Chrapovickij) und mit dem damaligen Priestermönch Johann (Maksimovic) (ab 1934 Bischof von Shanghai), in welchen er seine wahren Freunde sah. Tatsächlich kannte er keine einzige russische Seele, mit welcher er nicht gemeinsam die Tragödie des russischen Volkes teilte. Er verstand sie so gut, dass er einem „nichtorthodoxen Priester“ auf die Frage, wieso Gott das orthodoxe Russland bestrafe, so antwortete, indem er das Leiden des russischen Volkes mit dem Leiden Jesu Christi verglich: „Russland leidet nicht nur wegen seiner Sünden, sondern hat gleichsam die Sünden der anderen Völker auf sich genommen, ähnlich wie Christus, der wegen unser aller Sünden gestorben ist.“
Schon kurz nach Beginn der deutschen Okkupation Serbiens im Zweiten Weltkrieg kam Bischof Nikolaj in Gefangenschaft. Den Rat, seine Heimat zu verlassen, lehnte er ab. Verhaftet wurde er im Kloster in Ovcar-Banja, wo er sich gerade aufhielt, und darauf in das Kloster Ljubostinja gebracht. Gemeinsam mit dem serbischen Patriarchen Gavrilo (Dodic) wurde er 1942 in das Kloster Vojlovica bei Pancevo überführt. Von da aus brachte man beide am Kreuzerhöhungstag 1944 in das Konzentrationslager Dachau, welche sie kurz vor Kriegsende verließen und darauf unter deutscher Bewachung nach Istrien gebracht wurden.
Befreit wurden sie von einer amerikanischen Division am 8. Mai 1945 in Kitzbühl. Nach Kriegsende folgte Bischof Nikolaj nicht dem Patriarchen Gavrilo in das nun kommunistische Jugoslawien, sondern verbrachte die erste Zeit in Westeuropa, bevor er 1946 seinen Wohnsitz endgültig in die Vereinigten Staaten verlegte. Neben seiner seelsorgerischen Arbeit, sammelte er dort Geld für die Notleidenden in seiner Heimat, wie auch viele andere serbische Emigranten. Von 1946 bis 1949 unterrichtete er am Priesterseminar des hl. Sava in Libertyville, im Bundesstaat Illinois.
Dort entstand 1949 sein Katechismus „Der Glaube der Heiligen“ auf englisch. Nebenbei hielt er Vorträge und Vorlesungen an der geistlichen Akademie des hl. Vladimir in New York, an der russischen orthodoxen Hochschule von Jordanville und im Kloster des hl. Tichon in South Canaan. Er entschloss sich 1953 für acht Wochen nach London zu gehen, wo er sich in mehreren Ansprachen gegen den Atheismus wandte und die serbische Kirche mahnte, sich nicht „unter das Dach einer Partei zu stellen, denn die Kirche stehe über den zeitlichen Dingen.“
Am Schluss seines irdischen Lebens zog er sich in das russisch-orthodoxe Kloster des hl. Tichon in Pennsylvania zurück und starb am 18. März 1956, an einem Sonntag, während er die Gebete zur Vorbereitung der Feier der heiligen Liturgie sprach. Sein Leichnam wurde in das serbisch-orthodoxe Kloster des hl. Sava nach Libertyville überführt, bevor dann am 03. Mai 1991 die Übertragung seiner Gebeine aus Amerika in sein Geburtsort Lelic erfolgte. In seinem Vermächtnis hinterließ er den Wunsch, dass seine sterblichen Überreste in seiner Heimat begraben werden sollen.


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