Kirchliches Leben: Martyria: Perspektiven

Begegnung zwischen dem Moskauer Patriarchat und der Russischen Auslandskirche

von Nikolaj Thon

„Warum soll jetzt, da die Jahre der schweren Versuchungen vorüber gegangen sind, da die Kirche im Vaterland ihren Dienst frei tut, da Russland nach einer Wiedergewinnung seines historischen Platzes strebt, die kirchliche Trennung nicht beendet werden, zumal die Gründe dafür schon lange nicht mehr existieren?“ Als vor einigen Monaten Patriarch Aleksij II. von Moskau und der Ganzen Rus’ diese Worte in einem Schreiben an die Bischöfe Westeuropas, die dort russische bzw. russischstämmige Gläubige betreuen (nämlich der Diözesen des Moskauer Patriarchats, des Exarchats des Ökumenischen Patriarchats für die Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa und der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland) äußerte und eine Vereinigung der drei Jurisdiktionen vorschlug, da löste dieser Brief zwar eine Reihe von positiven wie negativen Reaktionen aus, zumal er im Blick auf die Wahl des neuen Exarchen in Paris geschrieben worden war.
Allerdings schien das Schreiben letztlich keine konkreten Folgen zu zeitigen – eher im Gegenteil: Die Gruppe innerhalb des Exarchats um Vikarbischof Michail (Storoženko) von Klaudiopolis, die eine Vereinigung mit dem Patriarchat in Moskau anstrebt, konnte sich weder mit ihrem Vorschlag, die Wahl eines neuen Erzbischofs zu verschieben und erst Gespräche bezüglich einer Vereinigung mit dem Moskauer Patriarchat (im Folgenden: MP) zu führen, noch bei der eigentlichen Wahl, bei der auch Bischof Michail als Kandidat antrat, durchsetzen; vielmehr dominierten jene, die nicht für eine wieder engere Bindung oder gar eine Eingliederung in die alte Mutterkirche zu gewinnen waren. Dies ist erklärlich, wenn man bedenkt, dass inzwischen im Exarchat Konvertiten und solche Nachkommen der alten russischen Emigranten, die ganz in die Kultur ihrer neuen Heimat integriert sind, bestimmenden Einfluss haben. Dies zeigt auch der Wahlausgang, bei dem (mit 118 gegen 57 Stimmen im ersten Wahlgang und 134 von 173 Stimmen im entscheidenden zweiten Wahlgang) mit Bischof Gabriel (de Vylder) von Komana ein Niederländer zum neuen Erzbischof und Exarchen gewählt wurde, der nicht der russischen Sprache mächtig ist.
Zeigte schon vor einiger Zeit die Änderung des Namens der Diözese von „Erzbistum der russischen orthodoxen Gemeinden in Westeuropa“ zu „Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition“ an, dass zum einen die Bindung an das Ökumenische Patriarchat sich verfestigt hat, zum andern, dass man sich nicht mehr als russische Gemeinden, sondern nur noch als orthodoxe Gemeinden versteht, die aus der russischen Tradition erwachsen, nunmehr aber in Westeuropa „heimisch“ geworden sind, so wurde diese Entwicklung durch die Wahl von Bischof Gabriel zum Erzbischof noch bekräftigt. Somit hat das Pariser Erzbistum eine – zumindest in Europa – bislang einzigartige Entwicklung genommen, nämlich jene der Loslösung von den ethnischen Wurzeln seiner Gründer hin zu einer multinationalen Orthodoxie. Diese Position bekräftigte – in einer Stellungnahme zum eingangs zitierten Brief von Patriarch Aleksij - der Kirchenhistoriker am Hl.-Sergij-Institut, Prof. Dr. Olivier Clément: „Der Brief des Patriarchen treibt den Sinn der Autokephalie ins Extreme, ja Absurde. ... Nach vier Generationen der Inkulturation in Frankreich reicht offenbar ein ‚Tropfen’ russischen Blutes, um als dem Patriarchat Moskau zugehörig deklariert zu werden – eine Konzeption, die aus der Orthodoxie eine ‚Ethno-Religion’ macht. ... Ein anderer Aspekt der Moskauer Logik: das absolute Ignorieren von Orthodoxen mit anderen Wurzeln. ... Das Pariser Erzbistum ist heute de facto multinational und wird vom Patriarchat Konstantinopel respektiert; unsere Freiheit hütet der Ökumenische Patriarch, dessen nicht-ethnischer Primat für mich die Universalität der Orthodoxie ausdrückt“.
Ähnlich entwickelt sich übrigens selbst eine Diözese des Moskauer Patriarchats, nämlich jene von Großbritannien und Irland, die den Titel „von Surozh“ führt, in Richtung auf eine einheimische britische Orthodoxie. Auch hier sind jene Personen bestimmend, die eine weitgehende Selbstständigkeit und Unabhängigkeit vom Patriarchat wünschen und zugleich eine Anglisierung des Bistums anstreben. Gallionsfigur dieser zu einem erheblichen Teil ebenfalls von Konvertiten, aber auch von einigen Emigranten der alten Generation, die seit Jahrzehnten in England heimisch geworden sind, bestimmten Richtung ist der derzeitige kommissarische Leiter der Diözese, Bischof Basil (Osborne) von Sergievo, ein geborener Amerikaner. Auch in der Diözese von Surozh hat sich - wie im Pariser Exarchat - bei einigen einflussreichen Persönlichkeiten ein eigenständiges Bewusstsein entwickelt, das zwar die russischen Wurzeln nicht verleugnet, aber wo man sich inzwischen als heimische, verwurzelte orthodoxe Kirche multinationaler Prägung und nicht mehr als Auslandsbistum der russischen Heimatkirche versteht. Dies haben in der Diözese von Surozh im vergangenen Jahr die Auseinandersetzungen um Bischof Ilarion (Alfeev), der eine solche wieder stärkere Bindung an die Heimat vertrat, deutlich gezeigt, und zwar in solchem Maße, dass zur Befriedung des Streites letztlich nur seine Abberufung blieb.
Verständlicherweise konnte der stark auf die Einheit der russischen Tradition verweisende Brief von Patriarch Aleksij auf diesem Hintergrund die bestimmenden Kreise des Exarchats wie auch des britischen Bistums nicht ansprechen, die ihre Zukunft in der immer weiteren Verwurzelung in den jeweiligen Ländern und die Entwicklung einer autochthonen britischen, französischen, niederländischen usw. Orthodoxen Kirche sehen, nicht aber in einer nach dem Fall des Kommunismus ja prinzipiell wieder möglichen engen Bindung an die russische Tradition und das MP. Allerdings muss die Frage offen bleiben muss, wie die Mehrheit der nach Westeuropa neu zugewanderten Russen, die in den Niederlanden, Belgien und besonders Frankreich auch die Gemeinden des Exarchats und in Großbritannien jene der Diözese von Surozh füllt, hier denkt. Sie haben aber – bislang zumindest – in den Entscheidungsgremien nur eine sehr beschränkte Einflussnahme.
Kamen sowohl aus Paris wie aus London eher kühle bis deutlich ablehnende, ja polemische Stellungnahmen auf das Schreiben des Patriarchen, so erfuhren die Bemühungen um die Einheit der verschiedenen Zweige der Russischen Kirche in der Heimat und im Ausland, wenn auch nicht unbedingt direkt das Patriarchal-Schreiben vom April 2003, jetzt eine positive Antwort von einer Seite, von der manche es am wenigstens erwartet hätten, nämlich von der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (im Folgenden: ROKA).
Die ROKA war bekanntlich in der Mitte der 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf Grund ihrer Ablehnung einer Unterordnung unter das zunehmend von den kommunistischen Machthabern in seiner Handlungsfreiheit beschnittene Moskauer Patriarchat als eigenständige Körperschaft entstanden, die – besonders nach der Loyalitätserklärung von Metropolit Sergij (Stragorodskij), dem damaligen Stellvertretenden Patriarchenstellvertreter und späteren Patriarchen, gegenüber dem Sowjetstaat von 1927 für sich in Anspruch nahm, als der in Freiheit lebende Teil der Russischen Kirche ohne Unterordnung unter ein anderes Patriarchat die freie Stimme der gesamten Russischen Kirchen zu sein und deren genuin orthodoxe Traditionen eigenständig fortzusetzen. Anders entschied sich bekanntlich der „Vater“ des heutigen Exarchats der Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, Metropolit Evlogij (Georgievskij) in Paris, der, als auch er selbst eine weitere Unterordnung unter das besonders in seinen kirchenpolitischen Entscheidungen für das Ausland immer mehr fremdbestimmte Patriarchat für unmöglich hielt, sich dem Ökumenischen Patriarchat unterstellte, unter dem das Erzbistum bzw. Exarchat (mit zwei kurzen Unterbrechungen) bis heute verblieben ist.
Die ROKA verstand sich zunehmend als Speerspitze des antikommunistischen Kampfes und auch des Kampfes gegen die als „sowjetfreundlich“ attackierte Politik des Moskauer Patriarchats. Trotz gelegentlich heftigster Polemik und verbaler Angriffe von Seiten der ROKA – weniger unter den beiden ersten Ersthierarchen der ROKA, den Metropoliten Antonij (Chrapovickij) und Anastasij (Gribanovskij), als vielmehr unter deren Nachfolgern Filaret (Voskresenskij) und besonders Vitalij (Ustinov) –, sprach diese allerdings dem MP im Allgemeinen nicht ab, in ihren Gläubigen und auch einem Großteil seiner Geistlichen die Tradition der Russischen Kirche fortzusetzen. Lediglich den Hierarchen des MP wurde zunehmend vorgeworfen, im verderblichen Geiste des „Sergianismus“, also einer angeblich von Metropolit bzw. Patriarch Sergij initiierten Auslieferung an die gottlosen bolschewistischen Machthaber, zu handeln und unwürdige Hirten zu sein. Umgekehrt hat auch das MP bei aller Kritik an der ROKA diese niemals in ihrem Kirchesein bezweifelt und beispielsweise die von ihr vollzogenen Mysterien, einschließlich der Gültigkeit der Weihen, anerkannt.
Erst in den letzten Jahren wurde gelegentlich von Kreisen um den damaligen greisen Ersthierarchen der ROKA Vitalij und auch von ihm selbst die These vertreten, das MP sei keine gnadenvermittelnde Kirche mehr. So erklärte 29. März 1998 Metropolit Vitalij - aufgrund "einer gewissen geistlichen Indifferenz in Bezug auf die Wahrheit", wie er es formulierte, - die Auslandskirche sei keine "Jurisdiktion", sondern "Christi wahre Kirche in Rußland, mit allem, was dieser Name impliziert". In spiritueller Hinsicht sei sie "die Jungfrau, die vor dem roten Drachen in die Wüste flieht (Offb 12,3-6). Die Wüste ist der entchristianisierte Westen ...". In diesem Sinne wies der damalige Ersthierarch der ROKA die Sichtweise von der Auslandskirche und dem Moskauer Patriarchat als den zwei Teilen einer russischen Kirche zurück: "Ich betrachte es als meine Pflicht, diesem groben Irrtum, der an Häresie grenzt, eine Antwort zu erteilen: ... Wir zögern nicht zu sagen, dass die letzten vier Patiarchen des Moskauer Patriarchates vom kommunistischen Staat erwählt worden sind, der sich jetzt plötzlich zu einer Demokratie erklärt hat. Die leitende Verwaltung des Moskauer Patriarchates ist einfach eine Regierungseinrichtung, bar der Göttlichen Gnade, und die darin mitwirken, sind nichts anderes als Regierungsbeamte im Talar". Bei solchen polemischen Äußerungen ging es aber wohl weniger um eine wirkliche Kritik am MP, zumal dieses schon in den Endzeiten der Perestrojka, vor allem aber seit dem Fall der Sowjetmacht 1991 nicht nur eine noch wenige Jahre zuvor kaum vorstellbare Renaissance der Russischen Kirche geleitet hat, sondern auch in vielen Fragen mit der ROKA eine gemeinsame Sprache fand. Vielmehr ging – und geht - es hier wohl um eine Auseinandersetzung innerhalb der ROKA selbst zwischen einer Gruppe von Bischöfen, Klerikern und Laien, die auf gar keinen Fall eine Vereinigung mit dem MP zulassen, sondern um jeden Preis eine selbstständige ROKA erhalten wollten und von daher immer neue Hinderungsgründe und Vorwürfe gegenüber dem MP vorbrachten, und jener Richtung, die eine gemäßigte, auf Aussöhnung bedachte Linie und die Meinung vertraten und vertreten, es habe sich doch nun wirklich Einiges seit den Zeiten des Kalten Krieges geändert.
So wurden auch im Wesentlichen die drei Punkte ausgeräumt, die die ROKA noch in den letzten 10 Jahren dem MP als negative Entwicklungen vorwarf: Im Jahre 2000 fand bei der Millenniumsbischofsversammlung die Kanonisierung der Neumartyrer aus der Zeit der bolschewistischen Verfolgung, darunter auch der Kaiserlichen Familie, statt, so dass man heute kaum eine Kirche des MP findet, in der nicht eine Ikone des hl. Zaren Nikolaj II. verehrt wird; weiterhin distanzierten sich immer wieder maßgebliche Hierarchen des MP von einer Politik der Unterwürfigkeit gegenüber der bolschewistischen Staatsmacht, wenn sie auch – zu Recht – darauf aufmerksam machten, dass man historische Geschehnisse in ihrem geschichtlichen Kontext sehen und werten müsse und in Kenntnis der Fakten auch Metropolit Sergij keineswegs als Quisling der russischen Orthodoxie gesehen werden dürfe; schließlich verfolgt heutzutage das MP im ökumenischen Dialog eine deutlich zurückhaltende Linie, so dass es sich, wenn es auch den von einigen Kreisen der ROKA geforderten „Totalausstieg aus der Ökumene“ so nicht gutheißen kann und will, in der Polemik mancher westlicher nichtorthodoxer, vor allem römisch-katholischer Presseorgane immer als negativer Gegenpol für das „einheitsfreudige Ökumenische Patriarchat“ herhalten muss.
Einen Sieg für die versöhnliche Richtung in der ROKA bedeutete die Wahl des bisherigen Erzbischofs von Syracuse Lavr (Škurla) zum Ersthierarchen auf dem Bischofskonzil vom 2002, der prompt die Abspaltung der extremen Fundamentalisten mit dem aus gesundheitlichen Gründen allerdings kaum noch handlungsfähigen, über 90-jährigen bisherigen Ersthierarchen Metropolit Vitalij und die Neugründung einer sich jetzt „Russische Orthodoxe Kirche im Exil“ nennenden Gruppierung folgte. Unter den Bischöfen der ROKA, die schon seit Jahren die Linie der Begegnung und Annäherung zwischen der Auslandskirche und dem MP vertreten, ragt die Persönlichkeit des Erzbischofs von Berlin und Deutschland Mark (Arndt) heraus. Schon vor einiger Zeit führte er einen regelmäßigen Dialog mit seinem – den gleichen Titel führenden – Amtsbruder vom MP, Erzbischof Feofan (Galinskij), der im Dezember 1997 auch zu der gemeinsamen Erklärung von Naila führte, in der es u.a. heißt: „Wir sind bereit, die Probleme nicht zu verschweigen, und wir sind uns der Tragik der heutigen Situation bewusst, sogar ihrer eigenwilligen Ausweglosigkeit. Aber wenn wir unser gemeinsames Streben nach Einheit fortsetzen, sehen wir die Perspektive für eine solche Einheit nur auf dem Weg der Anerkennung der existierenden Vollwertigkeit des kirchlichen Lebens beider Seiten. Ohne dies wären wir nicht einmal in der Lage, offen über die wirklich aufkommenden Probleme zu sprechen, noch weniger aber, sie zu lösen“.
Leider haben dann allerdings verschiedene Störfaktoren wie der Streit um den Besitz der russischen Kirche in Dresden und auch einiger klösterlicher Liegenschaften im Heiligen Land zu einer Erkaltung des Dialogs geführt. Auch wurde auf Grund seiner Kontakte zum MP – darunter auch persönlicher Begegnungen mit dem Patriarchen bei dessen Deutschlandbesuch in München 1995 und anschließend auch im inoffiziellen Rahmen in Moskau – Erzbischof Mark vor allem in den USA, aber teils auch in Frankreich und von einigen kleineren Gruppen in Deutschland einer regelrechten Verleumdungskampagne ausgesetzt, die ihn zum Verräter an der Auslandskirche stempeln wollte, und vom damaligen Ersthierarchen Vitalij durch eine öffentliche Erklärung gemaßregelt.
Doch offensichtlich gelang es Erzbischof Mark durch beharrliche Arbeit in der ROKA die von ihm vertretene Dialogbereitschaft „hoffähig“ zu machen; jedenfalls kam es jetzt zu einem sehr verheißungsvollen Schritt der beiden russischen Kirchen aufeinander zu, als in Ausführung eines im September gefassten Beschlusses der Bischofssynode der ROKA vom 17. bis 22. November eine offizielle Delegation der Auslandskirche - unter Leitung von Erzbischof Mark! - auf Einladung des MP Moskau besuchte. Außer dem Erzbischof von Berlin und Deutschland gehörten zu dieser Delegation der Erzbischof von Sydney, Australien und Neuseeland Ilarion (Kapral), der Bischof von San Franzisko und Westamerika Kirill (Dimitriev) sowie der Sekretär der deutschen Diözese Erzpriester Nikolaj Artemov und der Schatzmeister des Heiligen Synods der ROKA, Erzpriester Peter Holodnyj.
Im Vorfeld hatte Erzbischof Mark gegenüber einer Sitzung der Bischofssynode der ROKA am 24. Oktober 2003 den in seiner Sicht wichtigen weiteren Weg folgendermaßen charakterisiert: „In unserem Verständnis hat es nie einen Zweifel daran gegeben, dass wir ein Teil der einen Russischen Kirche sind. Wir haben auch das Moskauer Patriarchat immer als einen weiteren Teil derselben Russischen Kirche angesehen. Von daher haben wir in der Praxis immer ihre Mysterien anerkannt“. Weiter erklärte der Berliner Erzbischof, dass nach der eigenen Satzung der ROKA diese „einen temporären Charakter trägt. Wenn sich das Regime in Russland ändert und die Kirche mehr Handlungsfreiheit erhält, sind wir gerufen, an dem Prozess der Wiedergeburt des Glaubens teilzuhaben und entsprechend verpflichtet, die Einheit der Russischen Kirche zu suchen.“ Zwar habe man Recht gehabt, das MP sogar noch in den letzten 10-15 Jahren sehr kritisch zu sehen, aber „inzwischen haben fundamentale Änderungen stattgefunden, einschließlich eines Wechsels des Episkopats dort im Hinblick auf Qualität und Quantität“. Man habe daher kein Begründung mehr, sich von dem Prozess der Erneuerung auszuschließen, denn „wenn wir uns selbst nur als einen Teil der Russischen Orthodoxen Kirche sehen, so sollten wir auf der Basis des kanonischen Rechtes der Russischen Kirche selbst das Moskauer Patriarchat als einen der sich selbst verwaltenden Teile derselben Russischen Kirche anerkennen, wobei wir einem künftigen Allrussischen Konzil überlassen, über die mögliche Existenz noch anderer Teile unseres einen Kirchenkörpers zu urteilen“. Ausdrücklich verwirft Erzbischof Mark bei der Suche nach ein Einheit jegliches Gerede von „Unterwerfung“, „Vereinigung“, „Aufsaugen“ als kontraproduktiv und überflüssig: „Es geht nur darum, demütig einander den Status zuzuerkennen, dass man Teil der einen Russischen Orthodoxen Kirche ist. Der Weg der Suche nach Einheit ist als eine konziliare Aufgabe zu verstehen, in der alle Teile der einen Kirche ihre Abstammung aus einem Quell anerkennen und berücksichtigen, dass unser beider je eigener Weg durch den Lauf der schrecklichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts geführt hat“. Andere Teile der Russischen Kirche hätten ebenso ihre je eigenen Wege zu gehen gehabt, wobei man alles Positive an diesen Wegen anerkennen, das Negative und Kirchenferne, das „Fremde, was von außen auferlegt wurde“, aber ablegen solle. Jetzt gelte es, auf ein Ziel zuzugehen: „hin zur Einheit in den Mysterien in Übereinstimmung mit dem Geist, den Lehren und der Tradition unserer Russischen Orthodoxen Kirche, wobei wir die einzigartigen Charakteristika der kirchlichen Erfahrungen unserer Wege bewahren“.
In diesem Geiste der Liebe und Brüderlichkeit und des Suchens nach Einheit geschah auch die Begegnung in Moskau. Schon am 18. November empfing der Patriarch die Bischöfe der Delegation in seinem Dienstsitz im Cistyj pereulok und diskutierte mit ihnen in ausgeprochen herzlicher Atmosphäre die Probleme der Einheit der Kirche. Am folgenden Tag fand dann das erste offizielle Gespräch in der Residenz des Patriarchen im Hl.-Daniil-Kloster statt, an dem die vollständige Delegation der ROKA und von Seiten des MP die Ständigen Mitglieder des Heiligen Synod Metropolit Filaret (Vachromeev) von Minsk und Sluck, Patriarchalexarch von Belarus’, Metropolit Juvenalij (Pojarkov) von Kruticy und Kolomna und Metropolit Kirill (Gundjaev) von Smolensk und Kaliningrad, der Vorsitzende des Kirchlichen Außenamtes, teilnahmen, ferner der Abt des Moskauer Begegnungs- (Sretenskij)-Klosters Tichon und der Sekretär für Interorthodoxe Beziehungen im Außenamt, Erzpriester Nikolaj Balašev. Den Vorsitz führte auch hier der Patriarch von Moskau selbst.
Beide Seiten brachten dabei ihren Willen zum Ausdruck, die seit bis zu 85 unterbrochene Einheit im Gebet und in der Eucharistie herzustellen. Es wurde beschlossen, baldigst Kommissionen einzurichten, die zur Lösung der Probleme, die sich in den vergangenen Jahren angehäuft haben, beitragen sollen. Die Teilnehmer beider Teile der Russischen Kirche brachten den entschiedenen Wunsch zum Ausdruck, im Geiste echter Buße auf der Basis der gemeinsamen kanonischen Tradition und unter Berücksichtigung der kirchlichen und administrativen Gegebenheiten, die sich im 20 Jahrhundert entwickelt haben, den Weg zu beschreiten, der zur Einheit der Kirche führt. Eine solche Annäherung wäre, darin waren sich alle Teilnehmer einig, der wichtigste Beitrag zur spirituellen Überwindung der tragischen Konsequenzen der bolschewistischen Machtergreifung und des Bürgerkriegs in Russland, die lange Jahrzehnte Konfrontation und Missverständnisse gebracht haben.
Im gleichen Sinne vermittelten dann auch bei einer Pressekonferenz am 21. November Metropolit Filaret und der Leiter der Delegation der ROKA, Erzbischof Mark, im Hotelkomplex „Danilovskij“ die Ergebnisse der Gespräche. So vermerkte Metropolit Filaret: „Als Teilnehmer der Gespräche drücke ich ein Gefühl großer persönlicher Freude über dieses Treffen aus. Es war dies das erste offizielle Treffen mit Vertretern der Auslandskirche. Wir hatten nicht das Ziel, unmittelbar irgendwelche konkreten Ergebnisse zu erzielen. Wir sind froh, dass dieses Treffen selbst stattgefunden hat“. Die eucharistische Gemeinschaft werde sicher wiederhergestellt, wenn man auch die Erreichung der vollen Einheit noch „mit Geduld und Liebe“ erwarten müsse.
Im gleichen Sinne unterstrich Erzbischof Mark, man habe „die Möglichkeit einer aufrichtigen, brüderlichen Gemeinschaft miteinander erreicht. ... Es hat mich tief bewegt, dass unsere Treffen nicht gewöhnlichen offiziellen Gesprächen glichen, sondern von brüderlicher Liebe erfüllt waren. Unsere Treffen wurden von dem Gebet und Fasten unserer Geistlichen im Ausland begleitet, die ihre Verantwortung für diese Bewegung verspüren. Die geistliche Dimension dieses Geschehens, die wir sehen, gibt uns Kräfte, um weiter zu gehen auf dem Weg der Annäherung“. In der Tat hatten sich mehrere Gemeinden der ROKA, so etwa die Theophanie-Gemeinde in Boston, im Vorgeld an Metropolit Lavr gewandt und die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass bald eine Konzelebration möglich wäre: „So können unsere Geistlichen, die sich schon lange nach der liturgischen Gemeinschaft mit der Russischen Orthodoxen Kirche sehnen, in den Kirchen Russlands während der Pilgerfahrten dorthin konzelebrieren, und die uns im Geiste nahen Priester aus Russland, die ins Ausland kommen, können mit den unseren in unseren Auslandskirchen konzelebrieren. ... So wird jene Wunde der Trennung geheilt, die der Russischen Orthodoxen Kirche die kommunistische Revolution von 1917 und die Jahrzehnte der atheistischen Sowjetdiktatur zugefügt haben“.
Allerdings mahnte in seinem Statement Erzbischof Mark zur Geduld: Einige hätten vielleicht sofortige Resultate erwartet, aber Aufgabe sei erst einmal eine Kontaktaufnahme gewesen und „zu verstehen, dass zwei Teile der einen Russischen Kirche sich nahe sind, sich zu versichern, dass wir den beiderseitigen Wunsch haben, die Trennung zu überwinden“. Besonders dankbar sei man für die Möglichkeit, die Gebeine einiger Neumartyrer zu verehren (die Delegation der ROKA besuchte u.a. das Don-Kloster und die dortigen Gebeine sowie die Zelle des hl. Patriarchen Tichon und die Gebeine des Martyrers Iakov Polozov und des Protopresbyters Aleksandr Kiselev) und am Gottesdienst teilgenommen zu haben, „bei dem wir die warmen Grußworte des Vorstehers der Russischen Orthodoxen Kirche, des Hochheiligen Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus’ Aleksij II. gehört haben“.
Bei diesem Gottesdienst, den der Patriarch in Konzelebration mit den Bischöfen von Dmitrovo Aleksandr und von Süd-Sachalin und den Kurilen Daniil am gleichen Tag, dem Fest des Erzengels Michael und der Körperlosen, in der Erzengel-Kathedrale des Moskauer Kreml’ feierte, wandte sich der Vorsteher der Russischen Kirche an die Gemeinde und grüßte die Delegation der Auslandskirche. Der Weg zur Einheit sei „nicht leicht, aber wir haben einen Anfang gelegt durch diese Gespräche mit der Delegation der Russischen Auslandskirche, die im Geiste der Offenheit und der Liebe Christi verlaufen sind“. Im Laufe vieler Jahrzehnte hätten die Hierarchen und Geistlichen der Auslandskirche die russischen Landsleute im Ausland, die durch die Tragödie der Revolution dorthin kamen, „geistlich betreut“. Jetzt sei die Zeit zur Einheit gekommen: „Im Laufe von zwei Tagen haben wir mit unseren Mitbrüdern im Bischofsamte – den Mitgliedern des Heiligen Synods und der Delegation der Russischen Auslandskirche in vollem Umfang den Weg zur Einheit hin diskutiert. ... Die Hauptaufgabe, die wir uns stellen, ist es, die Einheit im Gebet und in der Eucharistie zu erreichen“. Bei diesem Gottesdienst konzelebrierten dem Patriarchen auch zwei Kleriker des Pariser Exarchats, die zu den Förderern einer Aussöhnung zwischen diesem und der Moskauer Mutterkirche gehören, nämlich der Rektor des Theologischen Instituts des hl. Sergij, Protopresbyter Boris Bobrinskoj, und der Professor des gleichen Instituts, Erzpriester Nikolaj Ozolin.
Wie geht es nun weiter? Die Ergebnisse des Besuchs sollen den jeweiligen Bischofssynoden vorgestellt und von ihnen beraten werden, so von jener der Auslandskirche im kommenden Dezember. Sodann ist für Anfang 2004 ein Besuch des Ersthierarchen der ROKA Metropolit Lavr in Moskau geplant, der zu einem wichtigen Meilenstein auf dem Wege zur Einheit werden dürfte, besonders wenn es gelingt, wie geplant, dann eine Übereinkunft zu unterzeichnen, durch welche die Grundlagen der kanonischen, seelsorgerischen und kirchlich-praktischen Einheit der Russischen Kirche festgelegt werden.
Trotz aller Freude über die bemerkenswert positiven Ergebnisse des jetzigen Besuches sollte man sich allerdings vor einer vorzeitigen Euphorie hüten. So bleibt erst einmal zu hoffen, dass die Annäherung nicht durch neue Hindernisse behindert wird, denn auch so „ist der Weg zur Einheit nicht leicht und braucht Zeit und Geduld“, wie Patriarch Aleksij vor Lehrern und Hörern der Russländischen Akademie am 20. November feststellte: „Leider gibt es in der Auslandskirche bisher noch keine Einmütigkeit über die Vereinigung mit der Mutterkirche. Dies ist allerdings natürlich, denn mehr als 70 Jahre hat die Russische Auslandskirche versucht, in den Augen ihrer Geistlichen und Gläubigen zu rechtfertigen, dass sie außerhalb der Mutterkirche verblieb“. Als ein Problemfeld nannte der Patriarch weiter die Errichtung von Gemeinden der Auslandskirche auf dem Territorium Russlands und anderen Republiken der ehemaligen UdSSR, „denn dadurch wurde das Schisma auf das kanonische Territorium des Moskauer Patriarchats getragen“. Der Patriarch verwies aber auch darauf, dass von Seiten der Hierarchen der ROKA eine Vergebungsbitte für frühere harte Worte gegenüber dem Moskauer Patriarchat ausgesprochen worden ist und schloss daraus: „Der Weg zur Einheit ist begonnen worden“.
Ähnlich äußerte sich auch der Leiter des Außenamtes des MP, Metropolit Kirill, gegenüber dem Korrespondenten der Nachrichtensendung „Vremja (Die Zeit)“, Vladimir Solov’ev: „Es gibt keine rationalen Gründe für die Trennung und die Widersprüche, aber es gibt eine psychologische Trennung, die Gewohnheit langer Lebensjahre. ... Heute müssen wir aber alles tun, um diese Tendenz zu überwinden. Wir haben einen Prozess begonnen, der, so glaube ich, unausweichlich zur Überwindung der Unstimmigkeiten führen wird, denn es gibt zwischen uns keine fundamentalen, weltanschaulichen Unstimmigkeiten und kann sie auch nicht geben. Das haben wir heute sehr wohl verstanden. Ich glaube an die Einheit der Russischen Kirche und zugleich an die Einheit des russischen Volkes!“
Leicht wird der Weg in der Tat nicht werden, denn schon am 21. November, als die ersten offiziellen Berichte der Delegation der ROKA im Internet auf der offiziellen Webseite der Auslandskirche erschienen, die Delegation selbst aber noch in Russland war, sah sich Metropolit Lavr genötigt, Gerüchten entgegenzutreten, „dass die Delegation nicht nur die Position des Moskauer Patriarchats in einige Fragen abgeklärt hat, sondern auch schon konkrete Schritte unternommen und bestimmte Zugeständnisse gemacht hat. Dies ist nicht der Fall“. Die Delegation habe lediglich das getan, was ihr auch von der Bischofssynode aufgetragen worden war; daher solle man keine voreiligen Schlüsse ziehen, zumal die Delegation gar nicht das Recht habe, „bedeutende Entscheidungen bezüglich des Schicksals unserer ganzen Kirche zu treffen“. Beruhigend fügte der Metropolit hinzu: „Primäre Aufgabe unserer Kirche ist es, geistlich die russisch-orthodoxe Herde in der Diaspora zu unterhalten, unbeschadet ihrer Nationalität, und die Reinheit und Unbeflecktheit des Heiligen Orthodoxen Glaubens in den Seelen ihrer Gläubigen zu bewahren und zu stärken!“
Wenn man die letzten Worte des Ersthierarchen richtig interpretiert, sind sie offensichtlich an jene Kreise gerichtet, die die ROKA als einzigen Hort wahrer Orthodoxie verstehen und mit der gesamten übrigen Orthodoxie, erst recht nicht mit dem MP, keinen Dialog wünschen. Es scheint, hier rüsten erneut jene Kräfte zum Widerstand, die schon einmal zu Zeiten von Metropolit Vitalij die ersten Annäherungsbemühungen vor ein paar Jahren torpedierten – darunter offensichtlich nicht wenige, die keine ethnischen Russen sind, sondern Konvertiten, die – gerade unter den amerikanischen Gegebenheiten – bewusst die ROKA als jene Kirche gewählt haben, die in ihren Augen einen besonders fundamentalistischen „anti-modernistischen“ und anti-ökumenischen Kurs der „reinen Orthodoxie“ verkörpert.
Man kann nur hoffen, dass es ihnen diesmal nicht gelingt, einen Prozess zu stoppen, der natürlich und geboten ist, nämlich den Weg der beiden Zweige der Russischen Kirche zur vollkommenen Einheit. Dieser Weg ist beschwerlich, er ist von menschlichen Schwächen und Sünden auf beiden Seiten gefährdet, er bedarf einer nach Jahrzehnten der Trennung sicher schwierigen Vertrauensbildung, bedarf der Buße und Reue, des Bekenntnisses der Sünde und der Umkehr, aber er ist der einzige christliche Weg. Er bedarf der Mitwirkung aller, die guten Willens sind, und der Stärkung jener, die ihn jetzt mutig begonnen haben, und er bedarf vor allem des Gebetes.
Ihn nicht zu gehen aber hieße, die Sünde der Trennung zu zementieren!


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