Kirchliches Leben: Martyria: Aus der Geschichte der Kirche

1054 – 1204 – 1964
Marksteine ost-westlicher Begegnung

von Anastasios Kallis

Unterschiedlich und insgesamt wenig betrachtet jähren sich im laufenden Jahr drei Ereignisse, die im Hinblick auf den stagnierenden Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche eine besondere Aktualität besitzen.

Vor 950 Jahren legte am 16. Juli 1054 der Kardinal Humbert von Silva Candida auf dem Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel demonstrativ eine Bannbulle gegen den „Pseudopatriarchen“ Michael Kerullarios und seine Parteigänger nieder: „Alle fallen unter das Anathem, Maranatha, zusammen mit den Simonianern, den Valesianern, den Arianern, den Donatisten, den Nikolaiten, den Severianern, den Pneumatochen, den Manichaeern, den Naziräern und allen Häretikern, ja mit dem Teufel und seinen Engeln, wenn sie nicht zur Besinnung kommen, Amen, Amen, Amen.“ Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten. Am 24. Juli warf eine Synode von 16 Metropoliten und 5 Erzbischöfen mit Michael Kerullarios an der Spitze den Bannfluch auf die päpstlichen Legaten und ihre Hintermänner zurück.

Die Juli-Ereignisse erfahren eine unterschiedliche Beurteilung. Während im allgemeinen das Jahr 1054 als das Datum des definitiven Schismas zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche angenommen wird, besteht bei Ökumenikern zunehmend die Tendenz, die Vorkommnisse zu bagatellisieren. Das gilt z. B. für die Einschätzung des Präsidenten des vatikanischen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper , der von der Exkommunikation „zwischen zwei alten starrköpfigen Kirchenmännern“ spricht. Dem widerspricht der Ökumenische Patriarch Bartholomaios , der in einem Interview mit der italienischen Zeitschrift „30 Tage“ meint: „Es war das Ergebnis eines langen Prozesses, des Aufplatzens einer lang währenden eitrigen Entzündung. Die Kräfte, von denen dieser Kurs festgelegt wurde, waren tiefgründiger, weiter reichend, spiritueller und effizienter, betrafen ganze Völker und Mentalitäten.“

Bei einer Entmythologisierung der Ereignisse von 1054 ist davon auszugehen, daß weder der Kardinal die orthodoxe Kirche mit dem Bann belegt hat noch die Konstantinopler Synode den Papst oder die römische Kirche. Insofern kann nicht von einem Schisma die Rede sein, erst durch die fortschreitende Entfremdung und Feindseligkeit der Kirchen erhielt das Datum 1054 nachträglich – wie so oft bei der Nachwirkung historischer Fakten – eine symbolträchtige Sinndeutung der im Leben de facto getrennten Kirchen. Nicht in ekklesiologisch-kirchenrechtlicher Sicht lag die negative Dynamik der gegenseitigen Exkommunikationen, sondern in deren psychologischen Auswirkungen im weiteren Verhältnis zwischen den beiden Kirchen.

Daher gehört zu den ersten Schritten systematischer Bemühungen zur Entwicklung brüderlicher Beziehungen zwischen beiden Kirchen der Versöhnungsakt vom 7. Dezember 1965.

Aufgrund einer objektiven historischen Analyse der Ereignisse von 1054 und in der Gewißheit, dem gemeinsamen Wunsch nach Gerechtigkeit und dem einmütigen Gefühl der Liebe ihrer Gläubigen Ausdruck zu verleihen, und eingedenk des Versöhnungsgebots des Herrn (Mt 5,23f.) „erklären Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. mit seiner Synode übereinstimmend:

  1. daß sie die beleidigenden Worte, die grundlosen Beschuldigungen und die verwerflichen Handlungen mißbilligen, die von beiden Seiten die traurigen Ereignisse jener Epoche gekennzeichnet oder begleitet haben;
  2. daß sie ebenso die darauf erfolgten Bannsprüche, deren Erinnerung bis heute bei der Annäherung in der Liebe als Hindernis wirkt, mißbilligen, aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche entfernen und der Vergessenheit überliefern;
  3. daß sie endlich ihr Bedauern äußern über die traurigen Ereignisse, sowohl die vorausgegangenen als auch die nachfolgenden, die unter dem Einfluß verschiedener Faktoren, darunter auch dem wechselseitigen Mangel an Verständnis und Vertrauen, schließlich zum vollständigen Bruch der kirchlichen Gemeinschaft geführt haben“ (Tomos Agapis, Rom – Istanbul 1971, Nr. 127).

Diese Erklärung, die an Stelle eines Symbols der Trennung ein Zeichen der Versöhnung setzte, signalisiert eine Wende in den Beziehungen zwischen Rom und Konstantinopel, die vor vierzig Jahren eingeleitet wurde, als Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI. am Abend des 5. Januar 1964 in Jerusalem den Friedenskuß austauschten.

Die Begegnungen des Papstes mit dem Ökumenischen Patriarchen nach über einem halben Jahrtausend sind zwar nicht, wie es enthusiastisch hieß, Ereignisse, die „die Welt in Atem hielten“, doch der ausgetauschte Friedenskuß setzte einen Meilenstein in der Geschichte der ost-westlichen Kirchenbeziehungen. Das Treffen in Jerusalem, unterstreicht der Papst in einem Brief an Patriarch Athenagoras vom 18. April 1964, „hat den Anfang einer neuen Periode in den Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Verehrungswürdigen Ökumenischen Patriarchat markiert“ (ebd. Nr. 61). Es signalisiert den Beginn eines Dialogs zwischen beiden Kirchen, der die Kircheneinheit zum Ziel hat.

Bei der ersten Begegnung am Abend des 5. Januar 1964 bemerkt der Ökumenische Patriarch: „Die christliche Welt erlebt seit Jahrhunderten die Nacht der Spaltung. Ihre Augen sind müde, in die Finsternis zu schauen.“ So spricht er den Wunsch aus: „Möge diese unsere Begegnung die Morgenröte eines strahlenden und gesegneten Tages sein, an dem die kommenden christlichen Generationen in der Teilnahme am selben Kelch des kostbaren Leibes und Blutes des Herrn den einzigen Herrn und Retter aller in Liebe, Frieden und Einheit loben und preisen“ (ebd. Nr. 48). Auch der Papst spricht bei seinem Gegenbesuch am nächsten Tag von einer großen historischen Stunde, obschon er etwas nüchtern die Bedeutung des Treffens fixiert und auf die bestehenden Schwierigkeiten hinweist (ebd. Nr. 49). Nach dem Abschlußkommuniqué „kann diese Begegnung nicht anders verstanden werden als Ausdruck einer gegenseitigen Brüderlichkeit“ im Dienste der erstrebten Einheit (ebd. Nr. 50). Die Begegnung verfehlte offensichtlich nicht ihren Sinn und Zweck, denn sie leitete den „Dialog der Liebe“ zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche ein, der den Boden für den „Dialog der Wahrheit“ vorbereiten sollte, der im Mai/Juni 1980 auf den Ägäis-Inseln Patmos und Rhodos offiziell aufgenommen werden konnte.

Dieser Dialog, der hoffnungsvoll begann und 1982 mit dem in München verabschiedeten Dokument „Das Geheimnis der Kirche und der Eucharistie im Licht des Geheimnisses der Heiligen Dreifaltigkeit“ einen perspektivischen ekklesiologischen Ansatz schuf, ist inzwischen zum Erliegen gekommen. Es sind erneut nicht primär theologische Gründe, die der angestrebten Gemeinschaft der Kirchen im Wege stehen, sondern konkrete Lebenserfahrungen einer neuen Qualität der Begegnung, die das Erreichte in Frage stellen, indem sie zur Auffrischung negativer Erinnerungen beitragen.

Beredtes Beispiel sind die Assoziationen anläßlich des 800-Jahr-Gedenkens der Erstürmung und Plünderung Konstantinopels durch das Heer des IV. Kreuzzuges im April 1204. In Anbetracht der Tragik der Ereignisse und deren Konsequenzen für das Verhältnis zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche erscheinen die Vorkommnisse von 1054 als eine harmlose Affäre, die allerdings durch das Vorgehen der Kreuzfahrer als ein Akt der Trennung zwischen beiden Kirchen interpretiert wurde.

Das Entsetzen über den Widerspruch zwischen den moralischen Ansprüchen der Kreuzfahrer und deren Taten beschreibt als Augenzeuge der kaiserliche Sekretär Niketas Choniates in seiner Chronik: „Ja, das waren die verständigen, weisen Männer, wofür sie sich hielten, die wahrheitsliebenden, treu die Eide bewahrenden Hasser alles Schlechten, das waren die Männer, die so viel frömmer waren als wir elenden Griechen, so viel gerechter und genauer im Befolgen der Gebote Christi, das waren die Männer, die, was noch schwerer wiegt, das Kreuz auf ihren Schultern trugen, die oft auf dieses Kreuz und die Heilige Schrift den falschen Eid geschworen, sie würden Christenländer ohne Blutvergießen durchziehen…, das waren die Männer, die gelobt hatten, keine Frau zu berühren, solange sie das Kreuz auf ihren Schultern trügen, weil sie als Gott geweihte Schar im Dienste des Allerhöchsten zögen! Ja, als Schwätzer, als Verfertiger leerer Worte erwiesen sie sich in Wahrheit! Sie wollten Rache für das Heilige Grab nehmen und wüteten offen gegen Christus! Im Namen des Kreuzes stürzten sie ruchlos das Kreuz und schauderten nicht davor zurück, wegen einer Handvoll Gold und Silber das gleiche Zeichen, das sie auf der Schulter trugen, mit den Füßen zu zertreten! Sie steckten Perlen in ihre Taschen und verwarfen Christus, die wertvollste Perle; sie, die reinste und heiligste, warfen sie den schmutzigsten Tieren vor!“ (F. Graber [Hrsg.], Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, Graz u. a. 1958, 152).

Mehr als der Verlust, den die barbarische Plünderung Konstantinopels der europäischen Zivilisation zugefügt hat, wie auch die Zerschlagung des großen östlichen Bollwerks des christlichen Europa, hat in den Herzen der Menschen tiefe Wunden der Anblick von Kreuzträgern hinterlassen, die sich als Verteidiger christlicher Ideale ausgaben, doch ihre Orgien in der Hagia Sophia feierten, auf deren Bischofsthron sie eine Dirne setzten, die ein obszönes Lied sang und provozierend tanzte, die die heiligen Gaben, das Blut und den Leib Christi, schändeten, Mütter, Jungfrauen und Nonnen vergewaltigten; selbst Äbte und Prälaten beteiligten sich an den Raubzügen, indem sie Kirchen ausraubten und vor allem Reliquien stahlen.

Die Ansprache des Erzbischofs von Athen Christodoulos an Papst Johannes Paul II. am 4. Mai 2001 in Athen zeigt, daß die Wunden, die das Verhältnis zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche belasten, noch nicht verheilt sind, denn es fehlt eine klare Distanzierung von einer Unionspolitik und Einheitsvorstellung, die für die Kirchen und die Völker Europas verhängnisvoll war. Der Papst hat in Athen das Vorgehen der Kreuzfahrer bedauert und Gott um Vergebung gebeten „für die vergangenen und gegenwärtigen Anlässe, bei denen Söhne und Töchter der katholischen Kirche durch Taten oder Unterlassungen gegen ihre orthodoxen Brüder und Schwestern gesündigt haben“ (zitiert nach A. Kallis, Irrweg einer Unionspolitik. Der vierte Kreuzzug [1202-1204], Münster 2004, 5). Daß der wunde Punkt, der sich auf dem Weg zur Gemeinsamkeit negativ auswirkt, nicht die von den Orthodoxen erlittenen Feindseligkeiten durch „Söhne und Töchter der katholischen Kirche“ sind, sondern die gegen die orthodoxe Kirche gerichtete Politik von Vorgängern Johannes Pauls II., deren Einheitsvorstellung und entsprechendes Vorgehen für die Orthodoxen leidvoll war, habe ich in der o. g. Arbeit dargelegt.

Ebensowenig hilfreich ist auch die neuerliche Bewertung der Ereignisse vom April 1204 anläßlich des Besuchs des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios im Vatikan, der in Begleitung einer großen Delegation an den Feiern zum Peter-und-Paul-Patronatsfest teilnahm. In seiner Ansprache an den Patriarchen am 29. Juni 2004 lobte der Papst die Einheitsbemühungen seines Vorgängers, Pauls VI. , und der Ökumenischen Patriarchen Athenagoras und Dimitrios , um anschließend die historische Last anzusprechen: „Diesen Weg haben sicher die Erinnerungen an schmerzliche Ereignisse der Vergangenheit belastet. Wir dürfen bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, was im April des Jahres 1204 geschehen ist. Ein Kriegsheer, das auf dem Weg ins Heilige Land war, um es zurückzuerobern, kam nach Konstantinopel, eroberte und plünderte es, wobei es das Blut der Brüder im Glauben vergoß. Sollten wir acht Jahrhunderte später nicht die Empörung und den Schmerz teilen, den Papst Innozenz III. bei der Nachricht über das Geschehnis damals bekundete? Nach so langer Zeit können wir die Ereignisse von damals mit größerer Objektivität analysieren, wenn auch in dem Bewußtsein, daß das Erforschen der vollen geschichtlichen Wahrheit schwierig ist“ (Orthodoxie aktuell 7-8/2004, 36).

Der Hinweis auf die Reaktion Innozenz' III. betrifft nicht seine wesentliche Haltung bzw. den Kern der Problematik einer Vergangenheitsbewältigung. Der Papst des Kreuzzuges hat in der Tat die Greueltaten der Kreuzfahrer mißbilligt, die, wie er an den päpstlichen Legaten Kardinal Peter von Saint-Marcel schrieb, „unterschiedslos gemordet hatten, ohne Rücksicht auf Religion, Alter oder Geschlecht, daß sie öffentliche Vergewaltigung, Ehebruch und Unzucht getrieben hatten, daß sie Familienmütter, ja gottgeweihte Jungfrauen ihren Soldaten zur Schändung preisgegeben hatten“ (zitiert nach A. Kallis, a. a. O. 12). Doch der Papst war vom Erfolg der Kreuzfahrer, den er als seine eigene Leistung betrachtete, überwältigt. In seiner Begeisterung über die Unterwerfung der widerspenstigen Griechen beeilte er sich, den Kreuzfahrern zu gratulieren und die Venezianer von den Kirchenstrafen wegen der Eroberung und Zerstörung Zaras zu Beginn des Kreuzzuges zu absolvieren. Der irregeleitete Kreuzzug war für ihn kein zufälliges Ereignis, sondern eine Tat der göttlichen Vorsehung, die aus dem Bösen, den Greueltaten der Kreuzfahrer, Gutes hervorgehen ließ: die Einheit der Kirche in einer konkreten Gestalt, die seinen Vorstellungen entsprach (Belege ebd. 13).

Ist vielleicht das Verschweigen dieser Fakten, die einer Bewältigung entgegenharren, in der Sicht des Vatikans darin begründet, „daß das Erforschen der vollen geschichtlichen Wahrheit schwierig ist“? Doch die Briefe und Instruktionen des Papstes Innozenz III. sind unmißverständlich. Mir scheint, daß hier systematisch ein Problem – die Einheitsvorstellung des damaligen und des amtierenden Papstes – unter den Teppich gekehrt wird.

Diese Taktik dient aber weder der Bewältigung der historischen Last noch dem „Dialog der Wahrheit“ zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche, der nicht ohne Grund zum Stillstand gekommen ist und nicht allein durch Einheit beschwörende Erklärungen in Gang gesetzt werden kann. Das laufende Jahr bietet die Möglichkeit, in einem analogen Akt, wie man im Dezember 1965 des Jahres 1054 „gedachte“, sich mit dem Trauma vom April 1204 zu befassen. Doch dafür ist die Zeit vielleicht noch nicht reif. Eine Kölner Initiative um den evangelischen Ökumenepfarrer Dr. Hans-Georg Link ist weitgehend auf taube Ohren gestoßen. Nicht einmal zu einem „Versöhnungszeichen wie z. B. die symbolhafte Rückgabe einzelner Exemplare der geraubten Schätze an das Ökumenische Patriarchat“, was ich im obengenannten Beitrag (S. 23) vorgeschlagen habe, ließ man sich bewegen.

Immerhin werden einzelne kritische Bemerkungen zur Eroberung und Plünderung Konstantinopels gemacht, nicht jedoch die Begleiterscheinungen, die mit dem Amtsverständnis Innozenz' III. zusammenhängen, erwähnt, Kritik an einem Kirchensystem, das nach wir vor die Jurisdiktion über die Gesamtchristenheit beansprucht, wodurch es der Einheit im Wege steht, wird nicht geduldet. Man scheut nicht davor zurück, unter falschem Bezug von Zitatenfetzen den Kritik Wagenden zu diffamieren. So schreibt der Benediktinerpater Gerhard Voss in seinem Beitrag „Wunden der Geschichte heilen. Die Eroberung Konstantinopels 1204 – Sünde gegen die Orthodoxie“ (KNA-ÖKI 13, 30. März 2004, 5-8, abgedruckt in: Der Christliche Osten 59 [2004],197-200): „Der in Münster lebende orthodoxe Theologieprofessor Anastasios Kallis vertritt in seiner 2004 in Münster erschienen Schrift ‚Irrweg einer Unionspolitik. Der vierte Kreuzzug (1202.1204)' die Meinung, in den Unionsvorstellungen der Kirche von Rom habe sich ‚bis heute nichts geändert' (ebd. 15). Sicher wird diese Meinung von dem Großteil der Repräsentanten und der Gläubigen der orthodoxen Kirche Griechenlands geteilt, die in ihrer Heimat kaum Kontakt zu den Kirchen des Westens haben. Die in unserem Land lebenden orthodoxen Christen haben jedoch die Erfahrung machen dürfen, daß die westlichen Kirchen den neu sich hier etablierenden orthodoxen Kirchen positiv und sie unterstützend begegnet sind. Vielleicht darf man die Hoffnung haben, daß sich auch das – auch über unser Land hinaus – in der orthodoxen Erinnerung festsetzt neben der Gräueltaten von 1204“ (Abschluß des Beitrages).

Diese Auslassungen betreffen allerdings gänzlich nicht meine Ausführungen, sondern, wie es auch der Kontext zeigt, die „Anmaßung“ eines „Begünstigten“, sich seinen Gönnern gegenüber kritisch zu äußern; denn die beanstandete, allerdings entstellte Passage lautet: „Griechische Bischöfe sollten nicht neu geweiht werden; sie dürften ihre Diözese behalten, wenn sie sich dem lateinischen Patriarchen unterordneten bzw. ihren lateinischen Oberen den kanonischen Obedienseid leisteten, d. h. dem Papst Gehorsam schwörten, dessen Namen sie in der Liturgie komemmorieren mußten. In dieser Hinsicht hat sich bis heute nichts geändert. Worauf es ankam und ankommt im Hinblick auf die Kircheneinheit zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche, war und ist der Gehorsam unter dem Papst“ (S. 15).

Mir ist wahrhaftig nicht bekannt, daß sich „in dieser Hinsicht“ etwas geändert hat. Im Gegenteil, die vatikanischen Schreiben und Vorgehensweisen in den letzten Jahren insistieren nachdrücklich auf dem Gehorsam der Bischöfe dem Papst gegenüber. Als Beispiel möchte ich den Apostolischen Brief Motu proprio „Ad tuendam fidem“ (Zur Verteidigung des Glaubens) vom 18. Mai 1998 in Erinnerung rufen, der am 30. Juni zusammen mit einer Nota doctrinaris der Kongregation für die Glaubenslehre vom 29. Juni der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Darin wird im Blick auf ein Glaubensbekenntnis, auf das römisch-katholische Amtsträger in der Art eines Amtseides verpflichtet sind, eine Ergänzung im Kirchenrecht (CIC v. 1983) vorgenommen und dogmatisch erläutert. Der zweite Absatz dieses Glaubensbekenntnisses lautet: „Fest nehme ich an und bewahre auch insgesamt und im einzelnen, was von der Kirche in der Glaubens- und Sittenlehre definitiv vorgelegt wird.“ Was damit gemeint ist, erläutert die obengenannte Nota: „Was die Wahrheiten des zweiten Absatzes betrifft, kann man hinsichtlich der mit der Offenbarung aufgrund logischer Notwendigkeit verbundenen Lehren beispielsweise die Entwicklung des Verständnisses der Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes vor der dogmatischen Definition des I. Vatikanischen Konzils nennen. Der Primat des Nachfolgers Petri wurde stets als zum Offenbarungsgut gehörig gehalten, auch wenn bis zum I. Vatikanum die Diskussion offen geblieben ist, ob die begriffliche Fassung von ‚Jurisdiktion' und ‚Unfehlbarkeit' als innerer Bestandteil der Offenbarung oder lediglich als rationale Folgerung zu betrachten ist. Auch wenn die Lehre von der Unfehlbarkeit und dem Jurisdiktionsprimat des Papstes erst auf dem I. Vatikanischen Konzil als von Gott geoffenbarte Wahrheit definiert worden ist, war sie doch schon in der dem Konzil vorausliegenden Phase als endgültig anerkannt.“ In diesem Duktus steht schließlich auch der dritte Absatz des Glaubensbekenntnisses: „Außerdem hänge ich mit religiösem Gehorsam des Willens und des Ver-standes den Lehren an, die der Papst oder das Kollegium der Bischöfe in Ausübung ihres authentischen Lehramtes darlegen, auch wenn sie diese nicht als definitiv verkünden wollen.“ In all diesen Fällen wird bei einem Verstoß in Canon 1371 CIC eine „gerechte Strafe“ angedroht.

Wozu also die Zurechnung eines Münsteraners zu „dem Großteil der Repräsentanten und der Gläubigen der orthodoxen Kirche Griechenlands“ (Voss, ebd. 8 bzw. 200)? Die zitierten Dokumente und die mit meiner Kritik gemeinten sind den Menschen dort – zum Glück – nicht geläufig, man dürfte jedoch annehmen, daß dies nicht für die Theologen der Benediktinerabtei im bayrischen Niederaltaich zutrifft, so daß man in der Lage sein müßte, einen „in Münster lebende[n] orthodoxe[n] Theologieprofessor“ zu verstehen.

Es dürfte vielleicht ein Trost sein, daß zu den hinterwäldlerischen und undankbaren Griechen im Sinne von Pater Voss auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios zu rechnen wäre, der unmittelbar vor dem oben erwähnten Vatikanbesuch während seines Besuchs der Republik Österreich vom schlimmen Erbe der Ereignisse von 1204 sprach und den auf dem I. Vatikanum definierten Primatanspruch des Papstes als unannehmbar für die orthodoxe Kirche bezeichnete. Bei einem Festakt, den die Stiftung Pro Oriente zu seinen Ehren in Wien veranstaltete, ging er auf die Ereignisse von 1204 ein und bemerkte, daß sie bei den Orthodoxen ein tiefes und langandauerndes Mißtrauen gegenüber dem Westen verursacht haben. Anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Theologische Fakultät der Universität Graz erörterte er die Frage des päpstlichen Primats über die ganze Kirche und fixierte den trennenden Unterschied zwischen beiden Kirchen in dem 1870 auf dem I. Vatikanum einseitig proklamierten Unfehlbarkeits- und Jurisdiktionsanspruch des Papstes. Er erinnerte an Patriarch Athenagoras, der Papst Paul VI. als „ersten an Ehre unter uns“ und „Vorsitzenden in der Liebe bezeichnet hatte“ und erklärte, daß er an diesem Standpunkt festhalten wird.

Ein Vergleich dieser exklusiv orthodoxen Position mit entsprechenden Verlautbarungen des Vatikans in den letzten Jahren läßt die Gemeinsame Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche als eine Bergsteigergruppe erscheinen, die am Fuß eines Berges mit leichten Kletterübungen beschäftigt ist. Beide Kirchen haben sich in ihrem ekklesial-administrativen Leben so sehr in entgegengesetzte Richtungen von der Synodalität als Gemeinschaftsprinzip entfernt, daß ohne kritische Selbstbesinnung auf das gemeinsam ekklesiale Erbe bzw. ohne inneren Wandel des jeweils eigenen praktizierten Systems ihr Dialog keine Perspektive hat.

Auf die Theologie eines Buchhalterdenkens – Wohltaten als Abgeltung des Bösen zu verstehen (Voss, ebd.) –, das auf die germanische Wergeld-Praxis zurückgeht, die in der Tarifbuße des Mittelalters ihren Niederschlag gefunden hat, möchte ich hier nicht eingehen. Das ist „ein weites Feld“, das in dialogischer Perspektive eingehend erörtert werden muß, unbeschadet dessen, daß selbst der flüchtige Leser meiner Ausführungen zum IV. Kreuzzug die Behauptung von Pater Voss, daß ich die positiven Erfahrungen der Orthodoxen in Deutschland nicht zur Kenntnis nehme, als deplaziert und unbegründet empfinden müßte. Denn der vorletzte Absatz meines Beitrages lautet: „Daher wäre es lebensfremd, um der Zukunft willen die belastete Vergangenheit unter den Teppich zu kehren, ebensowenig gerecht und hilfreich, dunkle Flecken der Vergangenheit als Gewissenskeule zu schwingen. Vergangenheitsbewältigung, die nötig ist, geschieht in einer Auseinandersetzung mit der Geschichte im Licht neuer Erkenntnisse und positiver aktueller Erfahrungen aus der ungezwungenen, freimütigen Begegnung der Betroffenen.“ Daher ist auch seine abschließende Hoffnung bei mir schon längst Realität, obwohl ich mich immer wieder mit solchen bedauerlichen, unbegründeten und beleidigenden Auftritten auseinandersetzen muß.

Dabei hilft die Mahnung des Apostels Paulus: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Wer sich einbildet, etwas zu sein, obwohl er nichts ist, der betrügt sich. Jeder prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem anderen. Denn jeder wird seine eigene Last tragen“ (Gal 6,2-5).

 


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